Nachtrag Istanbul: Rausgehen – Nachdenken

FotoNachdem ich gestern den Brief von Ece Temelkuran hier gebloggt habe, haben mich ihre Worte noch lange beschäftigt.

Jedem, der es noch nicht getan hat, kann ich nur ihren Artikel zu den Ereignissen in Istanbul empfehlen, der auf newstatesman.com veröffentlicht wurde und die Geschehnisse in eine menschliche Perspektive rückt, die über die starken, ja massiven Bilder der Medien-Berichterstattung hinaus geht.

Tatsächlich war es die persönliche Betroffenheit der Autorin, das spürbare Unverständnis und auch der Ärger, die zwischen den Zeilen mitschwangen, die mich so nachhaltig berührten.
Mit Erschrecken musste ich wieder feststellen, wie sehr einen die Nachrichtenflut mit ihren Bildern doch abstumpfen lässt – wenn es nicht richtig spektakulär und blutig ist, dann verhaftet es nicht, dann ist es ein singuläres Ereignis mehr in einer Kette ähnlicher Geschehnisse überall auf der Welt. Auch die Zahlen, die uns die Medien liefern, sind zwar oft drastisch und  deutlich in  ihrer Veranschaulichung, aber zu abstrakt, als dass sie wirklich greifen zu können.

Ich kann mir keine 200 Toten und Verletzen vorstellen, ich kann mir nicht einen auf der Straße liegenden Toten vorstellen. Weil ich es nie musste. Ich kenne das Gefühl nicht, Angst haben zu müssen wenn ich sage, was ich denke, wenn ich lebe, wie ich es will. Ich habe das Glück in meinem Leben keine spürbare staatliche Willkür erfahren zu haben. Vielleicht sollte ich sagen bisher?
Vielleicht habe ich mich auch einfach ruhig stellen lassen, in der verlockenden Bequemlichkeit, die sich mir bisher bot. Die Probleme, die mein Leben betrafen, waren eher privater Natur, ich habe nie wirklich Not gelitten oder war bedroht. Und das kann ich wohl auch für die Menschen um mich herum sagen.  Wir sind eine gut ausgebildete, interessierte und informierte Generation. Sensibel und weltoffen, in der Lage über Politik zu sprechen, zu reflektieren und Schwachstellen zu erkennen.

Aber irgendwie sind wir auch gefangen. Das merke ich selber ganz stark. Zu oft stagnieren die Diskussionen, werden wir emotional angesichts von Missständen, die wir erkennen und werden gelähmt von der Unfähigkeit, etwas bewegen zu können.
Wir führen Leben, die auch wenig Raum dafür lassen. In den meisten Fällen diktiert der Arbeits-Rhythmus die wenigen „Frei“-Räume, die dann reichen müssen, um soziale Kontakte und persönliche Interessen zu pflegen.

Es ist kein blinder oder übertriebener Aktionismus, den ich vermisse oder anstrebe. Es ist die Hoffnung, dass wir alle noch ein wenig öfter ehrlich berührt werden von dem, was um uns herum passiert. Damit wir beginnen nachzudenken und damit wir immer wieder einen Impuls bekommen, über unser Handeln nachzudenken. Wo können wir weniger auf den eigenen Vorteil bedacht sein? Wo können wir unserem Handeln weniger narzisstische Motive zugrunde legen?  Uns öfter fragen, warum wir etwas wie tun – und diese Frage ehrlich beantworten?
Denn dort, im Kleinen, können wir anfangen etwas zu ändern. Im Umgang mit uns und mit den Menschen um uns herum.
Das mag weichgespült und überholt klingen, aber das doch scheinbar so Naheliegende und Einfache ist oft so schwer und unbequem.
Wir können die Augen aufmachen und über Ereignisse wie in Istanbul sprechen und über  die Themen, die wir damit verknüpft sehen.

Wir können über die bescheidenen und persönlichen Worte nachdenken, die Ece Temelkuran geschrieben hat, und sie nicht nur auf Facebook teilen (was ich auch getan habe), sondern ihnen einen Moment unserer Zeit widmen und sie wirken lassen, bevor wir uns wieder unserer eigenen Welt zuwenden.

Statt auf der Suche nach der Lösung zu scheitern und sich frustrieren zu lassen von dem Gefühl, dass man den Geschehnissen in der Welt nichts entgegenzusetzen hat, ist der erste Schritt vielleicht tatsächlich der scheinbar unbedeutende Moment der Aufmerksamkeit und des Zuhörens, den man sich bewusst macht und beobachtet, wohin einen das führen kann.

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