Seid zufrieden – Heute ist doch jetzt und Morgen auch

IMG_3937So, nun doch mal etwas persönlicher. Tatsächlich stehe ich noch sehr unter dem Einfluss der Lektüre von „The War of Art“ von Steven Pressfield. Aber schon länger trage ich es mit mir rum, das innere Zweifeln an den Mechanismen der modernen Sinn-Suche und manchmal macht es mich wütend. Oft traurig.

Dank gepflegter sozialer Netzwerke sind wir ja vermeintlich nah dran am Leben der Anderen. Und so bekomme ich dann am Rande oder näher dran mit, dass immer öfter Menschen um mich herum im Yoga-Camp verschwinden, sich teuren Detox-Kuren unterziehen, auswandern oder anderweitig abtauchen. Dann tauchen sie mit strahlenden Augen wieder auf und ich frage mich dann immer, was tatsächlich anders ist. Oder sie stürzen sich in immer neue Hobbies: Stricken, Tanzen, Collagen, Chor, Holzarbeiten…

Ich will nicht sagen, dass das grundsätzlich verkehrt ist, im Gegenteil, innehalten und sich selbst etwas Gutes tun, ist grundlegend notwendig und kommt in unserem Alltag viel zu kurz.

Jeder kennt doch wahrscheinlich das energie-sprudelige Gefühl, ein paar Tage aus dem Alltag entflohen zu sein und dann voll neuer Eindrücke und Impulse zurück zu kehren und sich vorzunehmen: „Ich mache das jetzt anders.“, „Ich werde mehr auf mich achten.“ „Ich werde endlich anfangen zu nähen.“, „Ich werde schreiben…fotografieren…kochen, eine Sprache lernen.“ Es gibt so vieles was wir uns dann vornehmen, mit dem guten Vorsatz, etwas Grundlegendes zu ändern. Wie heißt es doch: Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen. Drastisch, ja, aber doch so wahr.

Denn wir sind uns selbst oft so sehr entfremdet, dass wir nicht einmal mehr unser Bedürfnis nach Schlaf und Ruhe richtig einschätzen können. Zuviel muss gemacht werden. Auf zu vielen Ebenen wollen und müssen wir funktionieren, laufen wir dem Bild nach, wie es sein soll, unser Leben.

Und zu verlockend ist die Beschäftigung mit einer neuen Beschäftigung. Neues regt unser Gehirn an. Und es streichelt dem Ego, wenn wir Anderen von unseren vielfältigen Beschäftigungen erzählen und diese große Augen machen und fragen, wie wir das alles schaffen.  Das fühlt sich gut an gebe ich sofort zu. Jeder von uns kennt diese Seite, die man ja eigentlich gar nicht haben will. Wir sind so geprägt und erzogen worden. Wir erbringen Leistungen und wir wollen bitte sehr auch dafür gelobt werden. Wir wollen das Fleiß-Sternchen und den Blumen-Stempel für das seelische Aufgaben-Heft.

Und dann wollen wir mehr davon und je mehr wir von uns fordern, desto schneller überfordern wir uns auch. . .Wenn die Euphorie der Anfangs-Verliebtheit in das neue Instrument der Selbstverwirklichung verflogen ist, kann schnell ein fieser kleiner Ego-Kater einsetzen. Vielleicht bringt der neue Sport nicht sofort die gewünschten Effekte und Leistungen, vielleicht interessiert sich keiner außer mir für meine neue Leidenschaft und ich fühle mich allein, vielleicht macht jemand etwas anderes besser und erfolgreicher und es hört sich interessanter an.

Wer ist so reflektiert in den Anforderungen des Alltags, dass er die feine Linie erkennt und einhält, die Freude am Tun von falscher Motivation und selbst erzeugtem Stress trennt? Das ist verdammt schwer und voller Fallstricke.

Wir sind es nicht gewöhnt zu sagen: „Das ist mir zuviel, ich mache da nicht mit.“  Wir wollen sicher aufgehoben sein in der Menschengruppe, aber wir haben auch gelernt, dass wir besonders sein sollen/sind. Und deshalb sind wir nicht einfach so zufrieden, sondern suchen noch nach dem fehlenden Quentchen, das entweder unser Besonders-Sein unterstreicht oder es überhaupt erst sichtbar macht. Denn oft sind wir auch unsicher und trauen uns nicht so recht aus dem Schneckenhaus und sind in gewisser Weise bedürftig, denn wir glauben, wenn wir uns durch etwas Besonderes besonders machen, dann wird alles anders.

Ähm. Oder besser Ätsch – wird es nicht. Wir finden vielleicht mittelfristig eine gewisse Befriedigung, aber im großen Bestreben etwas Grundsätzliches zu ändern haben wir uns nur weiter verstrickt in unseren grundsätzlichen Problem-Themen.

Und oftmals ist die Motivation, die allem zugrunde liegt, doch dieselbe. Ich möchte glücklich, ich möchte zufrieden sein. Statt unsere kostbare Energie, die neben den Anforderungen des Alltags noch zu Verfügung steht, in immer neue nach außen gerichtete Projekte zu stecken, sollten wir sie nutzen und so mutig sein, die nächste Reise nach innen anzutreten.

Das mag jetzt wie wiedergekäuter, weichgespülter Esoterik-Müll klingen, aber es ist wahr.  Wissen wir denn wirklich, was uns glücklich und zufrieden macht? Jagen wir einem äußeren Bild nach, das uns sagt, wie das Ganze aussehen soll oder schaffen wir den Schritt und machen uns frei von dem, was andere von uns denken und gehen auf die Suche nach unserer Wunsch-Zufriedenheit?

Es geht nicht darum, sich mit verschränkten Armen außerhalb der Gesellschaft zu stellen und die Arroganz des Besserwissenden auszuspielen. Damit verkehren wir wieder nur gute Absichten in falsche Bilder.

Es geht um etwas anderes –  um ein wenig Nachsicht mit sich selbst. Es ist ok und es ist auch gesünder, wenn man nicht immer in der ersten Reihe stehen möchte. Man ist kein besserer Mensch, nur weil man sich gerne im Mittelpunkt wähnt. Und man ist kein schlechterer Mensch, wenn man solch ein Verhalten hinterfragt.  Vielleicht heißt Zufriedenheit ja erst einmal ganz konkret: „Ich gehe die nächsten zwei Wochen abends nicht aus sondern lege mich um 9 Uhr ins Bett und lese.“ Glückwunsch. Dann ist man sicherlich wacher und ebnet den Weg für andere, schöne Impulse.

Wenn man etwas ändern möchte, dann muss das gar nichts Großes und Besonderes ein, das jeder mitbekommt. Es kann etwas ganz Winziges, Unbedeutendes sein, solange es für einen persönlich wichtig ist.  Vielleicht ist es die Topfpflanze, die jetzt wöchentlich statt kurz vorm Vertrocknungs-Tod gegossen wird und einen Monat später ist es dann der Fernseher, der immer öfter ausbleibt.

Vielleicht ist es ein bewussterer Umgang mit Kommunikation: Anzufangen, nicht auf dem eigenem Standpunkt zu beharren sondern einfach mal andere ausreden zu lassen und sehen, was das einem persönlich für Impulse geben kann. Vielleicht, statt gleich völlig offline zu gehen und sich dadurch zu stressen, schafft man eine Systematik und legt Zeiten fest für die Kommunikation online und für die Zeit offline. Wenn man sich kleine Aufgaben sucht und diese für sich gewissenhaft und gegen jeden Schweinehund durchsetzt, auch gegen den, der einen zu großen Taten anstiften will, dann kommt da ein ganz sachtes kleines Gefühl zum Vorschein. Zufriedenheit mit sich selbst. Und dieses kleine Pflänzchen sollte man pflegen. Je stärker es wird, desto reicher beschenkt es einen.

Je mehr ich beginne, im Kleinen umzusetzen, desto mehr sortiert sich auch der größere Rahmen neu und Prioritäten können sich verschieben.  Kein leichter Weg, aber die Zufriedenheits-Pflanze belohnt für die Anstrengungen, sie weiß aber auch: der Wind wird stärker, je höher sie wächst.

Denn, möchte ich wirklich etwas ändern, möchte ich ausgeglichener und wacher durch mein Leben gehen, dann muss ich diesen Rahmen im Kopf behalten – es geht um ein ganzes Leben, deshalb wird sich dauerhafte Zufriedenheit nie als sofortige Belohnung für temporäre Heldentaten einstellen.

Das, was eine neue Beschäftigung mir als Belohnung oder eventuell vermeintliche Selbstverwirklichung verspricht, darf kritisch hinterfragt werden.

Denn: Es geht immer weiter, der innere Schweinehund liegt immer auf der Lauer aber statt sich in blinden Aktivismus zu stürzen und davon abzulenken, dass so vieles von dem, was wir uns wünschen, in uns selber liegt, sollten wir dem ungeliebten Verdrängungs-Tier mit Namen „Ich werde“ immer wieder gezielt einen Tritt geben und ihm zeigen, dass wir wachsam sind. Dann kommt der Punkt, an dem wir uns nicht mehr selbst sabotieren sondern wirklich zurückschalten können und den Kopf freibekommen für das, was uns innerlich wirklich antreibt und nur so können wir dann auch die Energie aufbringen, um das ernsthaft zu betreiben, wo unser Potenzial liegt. Und das dürfen dann gerne, Yoga, Stricken, Chor, Malen, etc. sein.

Es bleibt spannend!

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