Sommertage und das dicke Kind

Paleo DiätDer Himmel trägt sommerliches Grau, was die Frage ob Schwimmbad oder Schreibtisch hinreichend beantwortet. Eine gute Gelegenheit sich vielleicht einmal im Geschriebenen nackig zu machen.  Immerhin keine Sonnenbrand-Gefahr aber ein wenig Selbstüberwindung gehört dazu, dass innere dicke Kind nach außen zu tragen. Denn, Schwächen zeigt man nicht so gern. Aber gemäß der täglichen Schweinehund-Konfrontation drehe ich ihm eine lange Nase und lasse die Hosen runter. Oder so.

Wer sich im Internet über die Paleo-Ernährung informiert wird früher oder später auch auf die Vorher-Nachher-Bilder stoßen.

Es ist beeindrucken zu sehen, welche Veränderungen Menschen über die Umstellung der Ernährung erzielen können. Diese Menschen haben ihr Leben verändert.

Und ich werde dann immer leicht wütend wenn ich an die einschlägigen Frauen- und Lifestyle-Magazine denke, die einem jedes Jahr wieder den Bikini-Notfalls-Plan und die neusten Diät-Trends präsentieren. Man muss ihnen ja zu Gute halten, dass mittlerweile auch die Paleo-Ernährung auftaucht. Wenn auch nicht immer gut recherchiert und mitunter etwas tendenziös in der Darstellung. Es ist halt nicht so konform mit dem was uns der Mainstream bisher eingetrichtert hat.  Aber mal ganz ehrlich, die herkömmlichen Diäten haben doch eines bewiesen – sie wirken nicht oder nicht langfristig und kehren noch immer grundsätzliche Fakten unter Teppich: Es gibt nichts geschenkt in der Arbeit an der äußeren Hülle und mit dieser ist es auch nicht getan. Wer Änderungen erfahren will, muss sie konsequent umsetzen und darf nicht auf schnelle Belohnungen hoffen. Aber gekonnt wird da in den Redaktionen und bei den Urhebern der Konzepte mit den Sehnsüchten und Wünschen von uns Leserinnen gespielt. Und das Thema rührt so tief, dass wir es sogar schaffen unsere Rationalität auszuschalten und unsere Intelligenz zu beleidigen.

Aber zurück zum Wesentlichen: Ich mag nicht von Diäten sprechen, nicht von Diäten wie wir es heute zumeist verstehen. Für mich ist das Paleo-Konzept tatsächlich ein ziemlich weitgreifender Lebens Entwurf, der über  den bewussten Umgang mit Nahrung hinaus führt in andere Bereiche. Das ist der eine Grund. Der andere ist, dass bei mir ein innerliches Sich-Winden einsetzt wenn ich von Diäten spreche. Ich habe meine Erfahrungen hinter mir. Nie so wirklich schlimm, dass ich stark übergewichtig war, aber immer war ich am Kämpfen und es gab Schwankungen, die ich mit viel Anstrengungen versucht habe aufzufangen. Indem ich Punkte zählte, für teures Geld Diät-Fraß vertilgte, kurzzeitig Sportsüchtig war und und und….dauerhaft unzufrieden. Das vor allem.  Und das viel zu lange. Angefangen hat es mit 16 Jahren und einer Abhängigkeit von der täglichen Waagen-Tortur und hat mich dann begleitet.  Erschreckenderweise mein halbes Leben lang.

Wie oft war meine Stimmung und Tagesform abhängig  davon, was die Waage sagte und nachdem ich diese verbannt hatte (so viel Intelligenz besaß ich noch) hing es an den Klamotten. Ein ständiger Wechsel zwischen sich verhüllen um von den selbstempfundenen Makeln abzulenken und dem, meist leider sehr temporären, Gefühl der Akzeptanz.

Und das Schlimmste für mich war – ich wusste gar nicht wo ich hin wollte. Ich war nicht stark übergewichtig und hatte kein klares Ziel vor Augen, ich war nur nie zufrieden und habe eigentlich nur gesehen was  mir alles nicht gefiel an mir. In meiner Unzufriedenheit wurde das Ganze dann nur verstärkt und es gab eine Zeit, in der mich dem Gefühl zu sehr hingegeben habe – meine Erfahrung war ja: Ist egal was ich mache, ich werde eh nie so aussehen wie….ja, wie was oder wer? Auch wenn ich mich runterhungere werde ich nie 1,80 sein und Körper sind ja, wunderbarerweise, nicht genormt. Ich wusste nicht wo ich hin will mit meinem Äußeren, ich wusste nur dass mir nicht gefällt, was ich da im Spiegel sah, in den ich nicht so gerne schaute. Und dieser wenige Respekt mir selbst gegenüber rächte sich. Auf einmal zeigt die Waage, die ich zufällig kreuzte, 80 Kilo bei 1,65m an. Das ist nicht ok. Das ist zu viel und es sieht auch nicht gut aus. Ich hatte Kopfschmerzen, Knie-Probleme und Magen-Probleme.

Ich habe damals die Notbremse gezogen, wahnsinnig viel Sport gemacht und mein Leben umgekrempelt. Es zeigten sich Erfolge, ich war zufriedener aber noch nicht richtig. Auf einmal war es nicht nur mein Körper sondern auch das Sport-Pensum, die mich bestimmten. War ich zwei Tag nicht Laufen, sank meine Stimmung und ich hatte das Gefühl mit jeder Minute neue Kilos anzusetzen. Mir taten die Knie weh beim Laufen aber ich machte weiter, dazu noch Schwimmen und Yoga. Es war aber mehr ein Kampf als Vergnügen. Mein Körperbewusstsein und ich hatten dann nach ungefähr 2 Jahren einen Status Quo ausgefochten. Es war ok so wie es war. Nicht mehr und nicht weniger. Ich wollte mich davon nicht mehr bestimmen lassen.

Das ging aus ganz gut, war aber unterschwellig da, als ob eine Aussprache mit einem nahen Menschen im Raum steht, der man aus dem Weg geht.

Dann, vor etwas über einem Jahr, hielt dann die Paleo-Küche Einzug.  Und plötzlich änderte sich noch einmal alles. Kleine Wehwehchen verschwanden und ich merkte, dass eine Grund-Angespanntheit eben kein Normal-Zustand ist. Und, mein Bauch stand nicht mehr im Zentrum des Körpergefühls. Ein total komisches Gefühl nach langen Jahren einer angespannten Beziehung. Er gab auf einmal Ruhe. Keine Schmerzen, Unruhen oder Ballon-Zustände. Das war eine solche Erleichterung. Und dann nahm ich auch noch ab. Das hatte ja nicht im Vordergrund gestanden und bei mir dauerte es tatsächlich, während mein Mann in rasanter Zeit dahin schmolz , ließ mein Körper sich Zeit. Aber irgendwann merkte ich, dass aus einer Kleidergröße 40-38, erst eine 38 wurde und dann eine konstante 36. Und da stehen wir jetzt. Und ich habe keinen Grund mich zu beklagen. Das neu gewonnene Energie-Level hat den Sport zu einem regelmäßigen Begleiter gemacht. Allerdings in einem Maße, das mir gut tut und an dem sich meine Stimmung nicht mehr aufhängt. Und auf einmal sind da Muskeln, von denen ich nie dachte, dass ich sie einmal sehen würde.

Also alles gut, oder? Hmm, jein. So sehr mich der Blick in den Spiegel jetzt erfreut (ich muss zugeben manchmal ganz erstaunt zu sein), so sehr merke ich auch wie tief das gestörte Gefühl zu mir selber sitzt. Irgendwie war da immer ein gefühltes dickes inneres Kind, das alles Äußere weggewischt hat und für  Unzufriedenheit sorgte. Ich habe das Gefühl nach gut 20 Jahren konstanten Kampf um ein (mir nicht bekanntes) Wunschbild, ist erst jetzt der Zeitpunkt da, dem dicken Kind die Hand zu reichen und es in den Ruhestand zu schicken. Wenn ich die Länge der Zeit dieser inneren Auseinandersetzung und Unzufriedenheit betrachte, macht mich das traurig, bestärkt mich aber auch darin es nun besser zu machen. Und ich frage mich wie vielen es geht wie mir. Ob es in meiner Generation überhaupt so etwas gibt wie ein entspanntes, gesundes Körper-Bewusstsein. Ich fürchte fast nein, oder es ist nur ein kleiner Teil der Frauen (und auch Männer), die sich wirklich akzeptieren und angenommen haben. Und damit meine ich nicht, sich mit Übergewicht abzufinden, denn damit tut man seinem Körper einfach nichts Gutes und die gesundheitlichen Vorteile einer gesunden Ernährung und eines entsprechenden Gewichts sollten einem die Mühe wert sein – ist die langfristige Belohnung doch mehr als entschädigend. Ich meine die innere Einstellung, dass das Wohlbefinden eben nicht an den zwei Kilo hängt, die vermeintlich noch runter können – denn die bleiben als eingebildeter Störfaktor, bis man sich selbst die Hand reicht und einen Schluss-Strich zieht unter den Selbstbetrug und die Schinderei.

Ach ja und wenn ich ins Freibad gehe, denn die Sonne ist wieder da, dann leiste ich mir ein Akt der inneren Rebellion – ich ziehe meinen Bauch nicht ein!

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2 Gedanken zu “Sommertage und das dicke Kind

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