Die Sau der Stunde – die Unabhängigkeit und die Modeblogs

SommerschuheIch habe ja ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Blogs – etwas schwierig, wenn man selber schreibt, ich weiß. Muss man als Blogger solidarisch sein mit allen anderen, die das Netz mit ihren Blogs fluten? Einerseits bin ich ja dankbar, dass ich all meine Informationen von zuhause und auch unterwegs über das Internet  bekomme und es ist die einzige Quelle, die noch bleibt, wenn man Informationen jenseits der Mainstream-Medien mit den letztlich immer gleichen Meinungen sucht, aber andererseits ist es auch zu einem Tummelplatz fragwürdiger Selbstdarstellungs-Modelle geworden.

Arbeitsbedingt habe ich in den letzten Jahren einige Zeit auf Mode-Blogs verbracht. Und ja, darunter gibt es auch anspruchsvollere, die ich durchaus interessant finde, aber dann ist da diese Kategorie Bloggerinnen, bei der ich mir nur an den Kopf fassen kann: Outfit-Posts. Was bringt einen dazu jeden Tag sein Outfit zu fotografieren und online zu stellen? Denn ja, das ist etwas anderes als jede Mahlzeit zu fotografieren. Irgendwie scheint es mir, dass der Austausch über Rezepte und Paleo-Themen einen Mehrwert bietet. Wohingegen der tägliche Abgleich von Outfit-Posts mir ein Unbehagen verpasst. Ich finde es beängstigend, wie markenfixiert große Teile dieser Blog-Puppen sind. Es ist beeindruckend, wie viele Handtaschen und Sonnenbrillen so manche 20-Jährige auffahren kann. Ich finde es muss nicht sein und den Eltern darf herzlich gratuliert werden, dass sie ihren Sprössling mit vollem Erfolg  auf Konsum getrimmt haben. Mitunter frage ich mich auch wie so ein Lebensstil sich weiterentwickelt – einen ernsthaften Job, wo es weniger um Äußerlichkeiten als um Kompetenzen und Persönlichkeit geht, sehe ich da nicht.  Tut mir leid, das mag man überzogen finden, aber die erfolgreichen intelligenten Frauen, die ich kenne, sind auf eine substantiellere Art attraktiv. Und ja, Attraktivität liegt im Auge des Betrachters. Aber ich finde es traurig und irgendwie befremdlich wenn sich da ein  Frauen/Mädchen-Typ beharrlich reproduziert, der irgendwie nicht viel vorzuweisen hat außer oberflächlicher Attraktivität. So mancher nennt sie Pferdeschwanz-Mädchen oder Perl-Hühner, sie selber sehen sich als trendbewusst und eingebettet in ein internationales Mode-Blog-Konglomerat von selbsternannten Fashionistas und „Wasauchimmer“-Girls. Von stilbewusst mag ich nicht reden – Stil ist etwas Eigenes, Gewachsenes und nichts was sich einfach so durch den Erwerb aktueller Kollektionen erzielen lässt. Und dennoch scharen diese Blogs zahlreiche Fans um sich. Leser, die sich überschlagen mit Komplimenten und als „Lovelies“ die Rückversicherung bilden für den Narzissmus oder auch die im wahrsten Sinne des Wortes verkleidete Unsicherheit der Bloggerin.

Was den Leserinnen geboten wird, ist wenig Inhalt, nur Schein. Oftmals sind es die Freunde der Bloggerinnen, die dann mittelfristig zu Fotografen avancieren und ihre Freundinnen in den immer wieder gleichen, austauschbaren Posen und Gesichtern für die Leserschaft festhalten. Welche Männer diesen Typus Frau an ihrer Seite wünschen – ich will es mir gar nicht vorstellen.

Ich bin keine geifernde Feministin, aber bei dem Blick auf diese Blogs (ja, es ist eine Unverständnis-Faszination, die einen immer mal wieder schauen lässt und dann reicht die Dosis wieder für Wochen) frage ich mich schon, wie man das Konzept des Selbstverständnisses und der Emanzipierung so ignorieren kann.

Pose und Outfit bedienen zumeist älteste Frauchen-Klischees, hilflos in High Heels und Flatterkleid oder gewollt sexy angehaucht, dass einen das Fremdschämen befällt.

Ganz besonders schmerzt es mich, wenn diese Bloggerinnen noch so jung sind, dass sie sich nicht mal ein Bier kaufen dürften und dann aber betont abgebrüht in Heerscharen das Zelt der Mercedes Benz Fashion Week bevölkern.  So junge Gesichter sollten nicht so geübt sein in einem dermaßen zur Schau gestellten Ausdruck der Langeweile.  Kleine Mädchen mit zu viel Kajal auf zu hohen Schuhen und in zu kurzen Kleidern – das geht über das Experimentieren dieses Alters hinaus. Das ist die Kommerzialisierung einer Phase der Unsicherheit, in der ein wenig Naivität erlaubt sein sollte. Aber die Unternehmen haben es längst erkannt – Bloggerinnen werden gezielt durch Produkt-Seeding als Marketing-Instrument eingesetzt. Für die Mädchen ist es eine kostenlose Aufstockung der Requisite, für die Leserinnen eine Kaufempfehlung. Und nicht nur Produkte, auch Events werden genutzt um diesen Kanal der scheinbar unkommerzielleren Produkt-Kommunikation zu bespielen. Und dann sieht man auf vielen Blog die immer gleichen Bilder der immer gleichen giggelnden Mädchen mit ihrem Foto-Flunsch, in Pose geworfen, neben wahlweise zuckerbunten Cupcakes oder Smoothie-Flaschen. Langweilig!!! Und doch geht es immer noch weiter. Obwohl die sich wiederholenden Inhalte doch längst zeigen, dass hier massiv gepusht wird von Unternehmensseite.

Ein Beispiel: Birkenstock (trage ich selber gern, Modell Madrid wer es wissen möchte). Seit ein paar Jahren schleicht sich der Schuh den Weg zurück auf die Straßen und dann plötzlich schreiben die coolen Säue unter den Blogs darüber. Die sind nochmal etwas anderes als die Blogger-Puppen, hier will man nicht gefällig sein und hier findet sich mitunter sogar Inhalt mit Substanz, auch wenn es traurig macht wie die Autorinnen zerrissen sind zwischen Konsum und Konsum-Kritik, aber das führt zu weit.

Birkenstock: So ganz von alleine tritt sich so ein Trend nicht los und wenn zeitnah so viele Blogs die Schuhe hochjubeln (und sie sind auch wirklich toll!), dann hat die Birkenstock PR-Abteilung Gas gegeben und es sind mindestens Schuhe geflossen.

Und so verliert sich die Demokratisierung der Mode, die den Blogs vor nicht allzu langer Zeit noch jubelnd auf die Fahnen geschrieben wurde.  Hier löst sich die vermeintliche Durchlässigkeit auf, die dem Internet in Bezug auf die exklusive Mode-Industrie anfangs attestiert wurde. Der Markt ist gesättigt, die alten Hasen der ersten Blogstunden sind  zum Teil gut im Geschäft und den meisten, die nachkommen, fällt es schwer einen eigenen unabhängigen Weg zu gehen. Die Fußfallen und –fesseln, welche die Industrie auslegt, sind zu perfide.

Für mich ist die Zahl der Blogs im Bereich Mode, die vielleicht wirklich noch eine Bereicherung darstellen indem sie mit Kreativität und Meinung punkten, extrem zusammengeschrumpft. Stattdessen wächst ein narzisstisches, zerrissenes Panoptikum heran, das mich ängstigt.  Die totale Kommerzialisierung. Dann bleibt wachsam zu beobachten, welche Bereiche den nächsten Hype erleben. Auch bei den Koch-Blogs gibt es Produktplatzierungen und nicht nur sinnvolle.

Wie viel zu oft verkehrt sich der Genuss, die unschuldige Freude an etwas, plötzlich in eine kritische Haltung. Aufmerksam sein, hinschauen und hinterfragen, was einem so serviert wird. Denn die Augen wieder zu schließen, wenn sie einmal geöffnet wurden, wäre ein Akt der Selbstverleumdung.

Kritisch sein!

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2 Gedanken zu “Die Sau der Stunde – die Unabhängigkeit und die Modeblogs

  1. Pingback: Idyllen, rote Beeren, bunte Seiten und schöner scheinen | Teilstücke

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