Idyllen, rote Beeren, bunte Seiten und schöner scheinen

Lektüre und Genuss Für ein paar Tage haben wir die dörfliche Idylle im Taunus mit der noch abgeschiedeneren Idylle eines kleinen Dorfes in den Vogesen getauscht. Eine Handvoll Häuser auf einem Hoch-Plateau, Vogel-Gezwitscher-Stille, Sonnenschein über Heugeruch und ein Garten voller Johannisbeeren.

Tage zwischen Faulenzen am See, Wanderungen durch die Berge und Abende am Grill mit Blick über die Felder. Es gibt so Orte und Stimmungen, die möchte festhalten und hineinschlüpfen wie in einen kuscheligen Lieblings-Pulli, damit das Wohlbehagen weiter anhält.  Und gleichzeitig ist da die innere Stimme, die einem sagt, dass das so einfach nicht ist.

Diese ganz idyllischen Momente und Orte werden ja so besonders dadurch, nicht Teil des Alltags zu sein, sondern Abstand von eben diesen. Deshalb sollte man diese Momente für das genießen, was sie sind und sich nicht zu sehr darauf versteifen, sie festhalten zu wollen. Ich glaube dieses Ausblenden der Alltags-Realität lässt auch so manchen modernen Easy-Jet-Auswanderer scheitern, der plötzlich feststellt, dass das Leben im Lieblings-Urlaubs-Domizil im Alltag ein anderes ist.

Aber egal. Auswandern will ich nicht. Nicht im Moment und obwohl Frankreich einfach mein erklärtes Lieblingsland ist. Ich stehe einfach noch unter eine watteweichen Idylle-Schock weil alles so wunderschön war, dass es einem fast unangenehm ist.

Und in dieser Idylle habe ich die Chance genutzt ein wenig zu blättern – in ein paar der einschlägigen Einrichtungs-Magazinen, die dort lagen und da war er wieder der leichte Wut-Knoten angesichts der Dreistigkeit, mit der uns Marketing-Abteilungen und Redaktionen zu fortwährendem Konsum anhalten wollen.  Aber das sind doch so schöne Inspirationen…Ja, das bestreite ich auch gar nicht und ertappe mich selbst dabei, wie die Überlegungen kreiseln ob man das ein oder andere Regal vielleicht nachbauen kann. Aber da ist nicht nur der Faktor Inspiration, da ist einfach auch das Bild, das einem sagt, wie ein schönes Zuhause auszusehen hat und was es dafür braucht und ich denke nur zu oft, hängt dann das Glück an der Anschaffung des nächsten Teppichs, Beistelltischchens, Sessels….und ja, so eine Einrichtung wird dann schnell ein Konsum-Kreislauf, passt doch der alte Tisch dann nicht mehr so recht zu den Stühlen, braucht es hier noch weitere Anschaffungen oder dort.

Ich verstehe das. Auch ich mag es schön. Heißt: Ich will mich in meinem Zuhause wohlfühlen, nicht erschlagen werden von Möblierung sondern mit der Einrichtung unterstützen, was ich in den Räumen tue. Ich lebe in diesen Räumen.  Aber ich finde es gibt Grenzen. Ich finde es immer am schönsten, wenn Dinge nach und nach ihren Weg und ihren Platz finden und was ich dabei vermeide, ist in die Preis-Falle zu tappen. Denn seien wir ehrlich, so manch einer kauft sich mit dem Designer-Sofa die offizielle Bestätigung seines guten Geschmacks.  Denn, wer weiß, was ich da Namhaftes im Wohnzimmer stehen habe, ordnet mich dann automatisch/unbewusst ein in die Kategorie der Connaisseure und Design-Liebhaber. Und ja, Design-Handwerk wird mit einem Preis beziffert und ist eine kreative Leistung, aber ich finde es mitunter überzogen und ich glaube nicht, dass man dann noch so ganz ungezwungen diese Möbel bewohnt.

Nur mal als Gedankenspiel: Wenn ich auf die hypothetische einsame Insel gehe und nur drei Gegenstände mitnehmen darf, dann wird wohl kaum  ein Möbelstück dabei sein oder besser: Es sollte nicht. Denn was gibt es mir langfristig?

Wir sind tendenziell zu verhaftet im Materiellen. Wir schreiben uns zwar oftmals eine Bescheidenheit auf die Fahnen und kaufen regional und ökologisch und teilen Autos und engagieren uns, aber ich finde gerade in den Bereichen Einrichtung und Mode, schlägt es dann manchmal durch: Diese falsche kleine Stimme, die uns sagt, wie gut es uns ansteht ein Paar Schuhe für 500 Euro oder einen Tisch für 3000 Euro zu besitzen. Dass wir das wert sind.  Und da sind wir wieder bei den von mir so geschätzten Outfit-Posts, ich glaube Einrichtungen rangieren kurz danach.  Wir sollten es einfach nicht nötig haben. Unser guter Geschmack ist nicht mehr wert, wenn wir ihn in teuren Zahlen materialisieren, wir machen ihn nur scheinbar unangreifbar und merken nicht wie wir uns in einer Konsum-Schleife verstricken. Denn es werden immer neue Moden und Impulse kommen und uns wieder am Geldbeutel kitzeln. Und ich denke dann an die vielen Wohnzimmer in denen die oft belächelte Vitrine oder Pressholz-Schrankwand steht… Das ist das Gegenstück zum Convinience-Essen für mich. Wir müssen das nicht schön finden oder gut heißen, aber wir dürfen uns nicht anmaßen den Geschmack anderer Leute abzuwerten. Denn andersrum verstehen diese es vielleicht auch nicht, was sich manch einer da mühsam auf dem Flohmarkt erjagt hat.  Und auch hier klafft die Gesellschaft auseinander zwischen denen, die sich etwas leisten können und wollen und denen die es oftmals nicht können. Und so wird das Bild der Einrichtung eines Menschen blitzschnell in die Verortung des Person mit einbezogen, die wir immer wieder und ständig betreiben. Und dann sind wir manchmal positiv überrascht und registrieren das volle Bücherregal oder machen innerlich Abstriche weil wir den Teppich eine unverständliche Wahl finden.

Und um zurück an den Aufgangspunkt zu kommen: Mich stören die Bilder, die diese Deko- und Wohn-Magazine vermitteln. Sie generalisieren und schaffen eine Art gemeinhin anerkannten guten Geschmack und dieses Verständnis sickert uns Konsumenten durch und durch und ehe wir uns versehen, machen wir uns wieder einmal abhängig.  Abhängig von durch-inszenierten Räumen und Vorstellungen. Denn neben den reinen Produktvorstellungen sind da ja oft noch die Blicke hinter private Gardinen und da sieht man dann die stolzen Designer des Privaten, die den Magazinen ihre zwanglos kreativ-chaotisch inszenierte Wohnung/Haus/… zeigen und wir kriegen dann gleich noch die nächste unterschwellige Botschaft mit dem Samtkissen reingehämmert, denn huch, die haben ja alle auch so schöne Berufe und Kinder und einen Mann und lieben es Gäste zu bewirten und das Haus zu gestalten und und und…Tja, eigentlich sollte uns das also auch alles möglich sein also schnell her mit dem Einrichtungs-Hobby auch wenn wir vier linke Daumen und Zehen haben.  Und wenn wir keine Kinder haben, dann müssen wir zumindest sehr sehr erfolgreich sein oder in verantwortungsvoller Position arbeiten, gerne mit kreativer Komponente.  Mit den bekannten Einrichtungsmagazinen großer Verlage aber auch mit den kleinen, unabhängigeren, kriegen sie die intelligente,  stilbewusste Frau, die ihnen als Zielgruppe bei den Frauenmagazinen durch die Lappen gegangen ist.  Und ja, man selber sagt sich, man suche nur eine Inspiration.

Nein, ich denke es ist wichtig, wenn man auch in seinen Kaufentscheidungen unabhängig bleiben will, öfter einen Schritt zurückzutreten.  Sich einmal kritisch zu fragen warum und für wen solche Zeitschriften geschrieben werden. Nein, tatsächlich sitzen da nicht nur farbverliebte Menschenfreunde in den Verlagen und sind total unabhängig von der Marketing-Abteilung. Leider sind die Botschaften oft so subtil, dass sie selbst gut gemeinte Vorsätze aushöhlen. Also lieber  eine  nüchterne Bescheidenheit als Grundlage meiner Kaufentscheidungen – das schließt die Schönheit des Zuhauses nicht aus. Und bei größeren Anschaffungen vielleicht auch einmal die schwierige selbstkritische Frage, was ich mir da eigentlich gerade kaufe: Design, Qualität oder um die einschlägigen Argumente  mal zu provozieren, vielleicht doch ein Stück Status oder Sicherheit? Dann, ist das keine gute Kaufentscheidung und jeder Kauf wird nur die Brücke zum nächsten sein.

Nun, wir brauchen zwar tatsächlich dringend Stühle in der Küche aber diese vermeintlich leichte Lektüre bunter Magazine hat mich so aufgewühlt, dass das eine sehr nüchterne Entscheidung werden wird.

Aber statt in Konsum-Kritik möchte ich lieber noch in Erinnerungen an Garten-Stunden und rote Beeren schwelgen.

Deshalb hier ein schnelles Rezept für Zauberwasser

1 große Handvoll Johannisbeeren
1 gestrichener Esslöffel Xucker
1 Liter kaltes Wasser (je nach Karaffe)
2 Stängel Minzblätter

  • Die Johannisbeeren kalt abwaschen und durch ein ganz feines Sieb in eine Karaffe pressen. Nun durch das Sieb mit dem Beerenmus, den Liter Wasser in Karaffe gießen, so dass auch der letzte Saft ausgespült wird und nur die festen Teile zurückbleiben.
  • Denn Xucker in das Beerenwasser rühren, die Minzblätter zugeben, etwa 5-10 Minuten kaltstellen und durchziehen lassen.
  • Vor dem Trinken noch einmal aufrühren und kalt genießen.

Das Sauer macht auf jeden Fall fröhlich!

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