Ich mach kein Kreuzchen – ich ess Kuchen –Castagnaccio

KastanienkuchenIm Wald kann ich nicht unglücklich sein. Geht einfach nicht. Egal zu welcher Jahreszeit, früher oder später befällt mich die Schwärmeritis angesichts der Schönheit um mich herum und es setzt ein sehr angenehmer Zufriedenheits-Kick ein.
Und tatsächlich kann Wald so schön sein, dass ich manchmal einfach innehalten und schauen, riechen und hören muss.
Bevor es soweit kommt, muss ich im Vorfeld aber oftmals einen harten Kampf antreten, das faule Schweinehund-Tier macht sich breit und breiter und legt sich direkt vor die Tür und zählt auf, was man alles machen könnte. Mittlerweile kann ich die Tritte aber gezielter setzen und das Vieh verkriecht sich und leckt die Wunden bis zur nächsten Schlacht.
Im Wald kann man zudem die wunderbarsten Gespräche führen, wobei auch in den Feldern, oder am Strand…im Gehen. Während man langsam in seinen Gehrhythmus verfällt, fallen auch langsam die Gedanken in einen eigenen Fluss und ordnen sich neu. Dabei tauchen Themen auf, die man wieder  vergessen hatte, aber besprechen wollte und Gedanken lassen sich viel besser in Worte fassen. Und auch die Gleichzeitigkeit funktioniert – während des Gesprächs im  Hinterkopf die vielen anderen Gedanken rollen zu lassen und einfach hinzuschauen, was an die Oberfläche steigt.

Bei der heutigen Waldbegehung hat es im Hinterkopf angefangen zu nagen. Zu viele Themen der verstörenden großen, miesen Politik haben irgendwie einen Schatten geworfen auf den Gedankenfluss.  Aber da muss ich wohl noch genauer hinschauen.

Ich weiß manchmal nicht so schnell, was ich zu Dingen sagen soll, dann nehme ich mir lieber Zeit, bevor ich Plattitüden bemühe.

Aber über ein Thema war ich mir unvermittelt im Klaren, als am Ende des Gedankenstroms ein Wahlplakat am Ortseingang in mein Blickfeld rückte: Ich werde dieses Jahr nicht wählen.

Das habe ich noch nie nicht getan. Und auch wenn ich aufgrund ausufernder Freizeitgestaltung in der großen Stadt mitunter erst auf den letzten Drücker ins Wahllokal kam, habe ich doch immer brav meine Stimme abgegeben.

Aber ich will nicht mehr. Ich will meine Stimme nicht hergeben, für wen oder was auch? Ich fühle mich nicht vertreten, sondern verzweifele zunehmend an dem scheinheiligen Spiel der Politik, das doch nur die Interessen intensiver Lobby-Arbeit vertritt und nicht die ach so kostbaren Bürger.

Ich habe das zweifelhafte Vergnügen gehabt, nach meinem Studium in einem Unternehmen zu arbeiten, das sich auf politische Analysen und strategische Kommunikation spezialisiert hat.  Ähm, ja, kurz gesagt: Lobbyismus. Konservativ und bestens vernetzt in der Politik und dieser aufgeblasenen Welt drum herum, die in Berlin ihr ganz eigenes Treibhaus gefunden hat. In der Hauptstadt kann man sich ja immer noch einen kreativen Sprenkel geben und so viel Geschichte, die bemüht werden kann…Wie wir da zusammen gekommen sind, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Teilweise lag es daran, dass ich selber noch so sehr auf der Suche war und erstmal geschaut habe…Irgendwann war aber klar, dass ich etwas anderes machen muss und das tat ich dann auch. Aber darum geht es nicht.

Die Zeit, die ich in diese Arbeit gesteckt habe, war eine wertvolle Erfahrung. Eine Erfahrung darin, was für Mechanismen hinter der Politik stecken und was für Menschen unsere politische Elite bilden.  Auch eine Szene, in der sich alle viel zu ernst nehmen, das ist klar, anders kommt nicht weiter. Bedenkt man, was ein erfolgreicher Lebenslauf so alles vorweisen sollte, wird auch schnell klar, dass vor allem der Beratungszirkus rund ums politische Geschäft in vielerlei Hinsicht ein elitärer Sch…Laden ist, indem man schnell merkt, ob man den richtigen Stallgeruch hat, an den richtigen Unis war, wenn möglich länger und international renommiert  im Ausland – Washington wäre eine gute Wahl oder Paris.  Unbezahlte Praktika im Bundestag oder bei internationalen Organisationen….Ja ja, ich weiß es gibt Ausnahmen. Natürlich, die muss es auch geben, sonst wäre der Zirkus ja zu offensichtlich und solange man noch jemand nach vorne schieben kann, der mit einem individuellen Lebenslauf aufwartet, kann es ja nicht so schlimm sein. Das ist das Feigenblatt und wer mag, soll diese Rolle spielen. Für mich verdeckt es nicht, dass da Ideenpapiere aus einer Geisteshaltung entstehen, die weiter weg vom Bürger nichts ein kann.

Ein Beispiel, ein persönliches, aber ich werde es mir immer wieder vor Augen halten, damit ich kritisch bleibe. Ich habe mich die letzten Jahre meines Studiums selbst finanziert und dafür viel gearbeitet. Mit dem obligatorischen Praktikum nach Studienende war an ein Jobben nicht mehr zu denken, ich war ja de facto am Arbeiten. Ich hatte einen sehr guten Abschluss hingelegt, innerhalb von zwei Wochen nach Exmatrikulation einen Vertrag unterschrieben und hatte kein Geld. Von einem Praktikum kann man nicht leben. Die Lösung: das Horror-Amt. Abgesehen von den Kämpfen und kafkaesken Situationen, die es gekostet hat, habe ich meinem Berater bei der Agentur für Arbeit zugesetzt und durchgesetzt Hartz IV weiter zu bekommen und das Praktikum bei dem besagten Unternehmen absolvieren zu dürfen. Mit eingeschränktem Verdienst, das musste ich dann mit meinen Chefs besprechen und einen Praktikumsnachweis beim Amt abliefern.

Ein tolles Gefühl, wenn man eigentlich gerade bemüht ist den Studentenstempel abzulegen und sich das Selbstbewusstsein des ersten potentiellen Jobs erarbeiten will und dann zum Objekt der Neugier der Führungsetage und dort zum ersten Kontakt der politischen Denker mit Hartz IV wird. Man kann sich vorstellen, dass andere Bewerber über andere Netzwerke kamen und anders gesponsert worden.  Ich fand es nur erschreckend, wie weit weg der Elfenbeinturm der politischen Kommunikation doch ist von den Menschen, für die Politik doch angeblich gemacht wird.

Aber dieser gedankliche Exkurs ist nicht der Grund für mich nicht zu wählen. Aber er sit mit ei Faktor für meine Desillusionierung. Tausend andere Kleinigkeiten und Skandale sind es, die mir das Gefühl geben, nicht teilhaben zu wollen. Wenn ich im September zur Wahl gehen würde, würde ich dadurch signalisieren, dass ich diese Farce unterstütze – tue ich aber nicht. Und wenn mir das von anders Denkenden angekreidet wird: Dann ist es so. Wer weiterhin glauben möchte, Wechsel an der politischen Spitze würden etwas grundlegend ändern, der soll sich diese Naivität erhalten. Und ich gehen noch einen Schritt weiter: Ich würde mir wünschen, es gäbe eine katastrophal niedrige Wahlbeteiligung, damit der Deckmantel „Im Interesse des Wählers“ riesige Mottenlöcher bekommt.  Ja ja, und dann immer die Frage, was denn die Lösung ist, das sei ja eine so destruktive Haltung – hmmm, immerhin ist es eine Haltung. Und die Lösung? Vielleicht den Maßstab erste einmal kleiner setzen: Ich werde nicht plötzlich auf das Parkett der Politik schlittern und alles umschmeißen können, aber ich kann mein Leben an Werten orientieren und anderen so begegnen, wie ich es mir selber wünsche.

Wäre das nicht vielleicht ein kleiner Anfang? Und wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Änderungen vornehmen würden…Die kleinen Änderungen im Persönlichen – das ist der Spielraum, der uns nämlich oft verschwiegen wird. Die Messlatte wird hochgehängt. Und wir ducken uns drunter weg.

An diesem speziellen Sonntag werde ich daheim bleiben, vielleicht durch den Wald laufen, einen herbstlichen Kastanienkuchen essen…

Castagnaccio-Rezept

300 Gramm Kastanienmehl
1-2 Tassen Wasser
4 und 2 Esslöffel Olivenöl
1 großzügige Handvoll gehackter Walnüsse
1 großzügige Handvoll getrockneter Aprikosen, erst in Wasser eingeweicht und dann klein gehackt
1 Handvoll Pinienkerne
1 Zweig Rosmarin
2-3 Esslöffel Xucker nach Geschmack

  • Das Mehl und den Xucker in eine Schüssel geben und nach und nach das Wasser nachgießen bis der Teig  flüssig aber nicht wässrig ist. Er lässt sich gut gießen. Den Teig schön glatt rühren, bis alle Klümpchen raus sind.
  • Dann  4 Esslöffel Olivenöl, die Walnüsse und die meisten Aprikosen unterrühren und den Teig in eine geölte Form gießen.
  • Die Rosmarin Blätter, die restlichen Aprikosen und die Pinienkerne über den Teig verteilen und mit dem übrigen Olivenöl besprenkeln.
  • Bei 180 Grad ca. 30 Minuten in den Ofen, zum Ende hin prüfen: Wenn die Kruste aufbricht und trocken ist, ist der Kuchen fertig.

Der Geschmack mutet beim ersten Bissen fremd an aber danach…zu Tee, zu Wein…..

Guten Appetit!

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