Menschen-Experimente, Lämmer, Bohnen und Speck

Lammfromm mit BohnenEin wenig angeschlagen, nach einer intensiven Arbeitsphase, hat sich die Muße wieder eingefunden und mich lange in den Tiefen des Internets stöbern lassen.  Und nachdem ich dem Projekt schon wiederholt begegnet war, aber mich nicht angesprochen fühlte, habe ich mich dieses Mal durch Forty Days of Dating gelesen.

Nun bin ich fertig, die Schultern schmerzen von der konzentrierten Lektüre und der Angespanntheit angesichts der Vertrautheit des Themas und ich frage mich, was ich mir da gerade angeschaut habe: Kunst, Selbsterfahrung, Exhibitionismus, Narzissmus, Ehrlichkeit, einen gesellschaftlichen Spiegel? Vielleicht ein wenig von allem und dadurch für jeden ein bisschen? Oder sagen wir, für jeden etwas dabei, der sich schon einmal über die Beziehungsanbahnungsprobleme von Großstädtern irgendwo zwischen Mitte 20 und … gewundert hat.

Denn es könnte auch Berlin sein statt New York und die beiden urban-attraktiven Designer, die hinter dem Projekt stecken, ließen sich austauschen.

Zwei Freunde, die immer wieder dieselben Verhaltensweisen und Muster leben, wenn sie Beziehungen anfangen oder jemanden daten, wie es so scheußlich heißt. 40 Tage haben sich die beiden täglich gesehen, sich gedatet, 40 Tage, die es angeblich dauert, eine schlechte Gewohnheit abzulegen. Haben täglich einen Fragebogen zum Treffen ausgefüllt, haben regelmäßig einen Paartherapeuten besucht und wollten sehen was passiert: Ob die alten Dynamiken greifen, ob ihre Freundschaft überdauert, ob sie sich verlieben…Das Ende soll sich jeder selbst erlesen, denn amüsant ist diese voyeuristische Lektüre allemal.

Aber irgendwie macht sie auch traurig. Ich kann nichts verallgemeinern, aber der Eindruck, der nach fast 15 Jahren in der großen Stadt Berlin blieb, war der, dass es unsagbar schwer ist dort verbindliche Beziehungen einzugehen. Man kann unheimlich viel Spaß haben in Berlin und bis weit in ein, sagen wir, mittleres Alter hinein einen unverbindlichen Lebensstil pflegen, zu dem auch ein gewisses Vage-Bleiben gehört, wenn es um Gefühlsbekenntnisse geht. Mal schauen, was noch so geht und kommt… und so wird zugesehen, dass man sich keine emotionale Blöße gibt und wundert sich dann, dass es nicht funktioniert hat.

Auch wenn man bei dem, sagen wir, Projekt Forty Days of Dating nicht von dem Anfang einer Beziehung sprechen kann, findet man in und zwischen den Zeilen der Fragebögen doch einiges an Wahrheit. Die Angst, dass ein emotionales Bekenntnis zu Verpflichtungen führt, die man nicht erfüllen kann.  Die Angst verletzt zu werden. Die Angst allein zu bleiben.

Mitte Zwanzig ist die Protagonistin und doch schon eine Veteranin in Spiel intensiver, unglücklicher Beziehungen und man merkt, wie groß der Druck sein muss, neben dem beruflichen Erfolg auch noch privat entsprechend zu funktionieren.

Der kreative Hintergrund und die schon vorher mediale Präsenz der beiden war dem Projekt sicher nicht abträglich und so ist es auf jeden Fall eine exhibitionistisch angehauchte Eigenwerbung, die dank des Designer-Backgrounds und der Fotogenität der beiden ästhetisch ansprechend daher kommt.

Und da ist für mich auch der Punkt wo ich innehalte: Reicht es, ein sicherlich bestehendes Problem, nämlich eine zunehmende emotionale Unsicherheit einer sich ansonsten recht selbstbewusst inszenierenden Großstadt-Spezies, einfach attraktiv, dem Zeitgeist entsprechend zu verpacken? Ist das nicht eigentlich eine totale Trivialisierung einer Sorge, die viele beschäftigt? Vielleicht lässt sich eben doch nicht alles im Leben in ein künstlerisches Projekt übersetzen? Denn trotz vermeintlich intimer Einsichten, die der Leser über die Fragebögen erhält, wird in diesen auch immer wieder eine gewisse Selbstinszenierung der Experimentatoren deutlich. So richtig entblößen tut man sich dann doch nicht, dafür sitzen die Unsicherheiten unter der unabhängigen Fassade dann doch zu tief.

Es ist eine amüsante Lektüre, die aber ein kleines Unbehagen zurück lässt. Was macht der einsame Mensch da draußen, der seine Sehnsüchte nicht so schön verpacken kann?

Aber es passt, abstrahieren wir einfach, wo es uns möglich ist und wer mag, befriedigt mit der persönlichen Selbstdarstellung einfach auch die Neugier anderer, dann wird das direkte persönliche Gespräch, ohne Kommentatoren und Zuschauer weiter in die Ferne rücken als Handlungsansatz.

Und bevor jetzt der beste Freund zum Date-Ersatz wird: Es wird nicht funktionieren. Nicht, solange man nicht ernsthaft bereit ist auch einmal ganz selbstkritisch zu sein und die eigenen Schwachstellen nicht nur zu sehen, sondern auch an diesen zu arbeiten. Und ganz ehrlich, manchmal ist es besser auch mal eine Zeit allein zu sein statt emotionale Kompromisse einzugehen. Und wenn man das kann, mit sich selbst allein und glücklich und im Reinen sein, dann hat man auch den Kopf, andere Menschen so anzunehmen wie sie sind, ohne Gefahr zu laufen, neue Projektionsflächen zu schaffen und Enttäuschungen zu beschwören.

Und ganz persönlich: Die Arbeit an sich selbst und die Ehrlichkeit dem anderen gegenüber ist es wert. Wir sind so voller Bilder, wie eine Beziehung auszusehen hat: Dramatisch-romantisch, abgeklärt-attraktiv, leidenschaftlich-zerstörerisch – es wird uns nicht leicht gemacht, den eigenen Weg zu finden. Wie eigentlich bei allem. Und so lange wir auch emotional nicht klar Schiff gemacht haben, erliegen wir den vielen Ersatzbefriedigungen, die uns dort draußen serviert werden: Stellen die Arbeit über das Private und lassen uns aussaugen ohne es gedankt zu bekommen, füllen Leere durch Konsum… da lässt es sich noch weiter denken, aber nicht jetzt.

Und wenn da so viele Unabwägbarkeiten und komischen Themen durch die Welt wabern, brauche ich manchmal beim Essen etwas, das nicht schief gehen kann.

Kein Experiment: Lamm-Koteletts mit Speck-Knoblauch-Bohnen

2 Lamm- Koteletts (jeweils ca. 200 Gramm)
300-400 Gramm grüne Bohnen
100 Gramm Speckwürfel
1 mittlere rote Zwiebel, gehackt
2 Knoblauchzehen, gehackt
Salz
Pfeffer
Olivenöl
Rotweinessig
Kokosöl

  • Die Bohnen waschen.
  • Das Olivenöl erhitzen. Speckwürfel, Zwiebeln und Knoblauch glasig andünsten und die Bohnen dazugeben.
  • Die Bohnen etwa 15 Minuten anschmoren, bis sie noch schön bissfest sind. Zum Abschluss noch einen Esslöffel Rotweinessig unter die Bohnen rühren und großzügig salzen und pfeffern.
  • Parallel die Lammkoteletts pfeffern und in heißem Kokosöl von beiden Seiten 1-2 Minuten scharf anbraten und dann weitere 3-4 Minuten bei niedrigerer Temperatur braten und zum Schluss salzen.

Guten Appetit!

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