Was die sich einbilden und der Kopf im Birnen-Chutney-Glas

Binren ChutneyEs wird Zeit, dass einen nicht mehr von jeder Laterne und jeder Kreuzung feiste Politikergesichter dumm angrinsen. Die personifizierte Saturiertheit des Hinterbänklertums steht den meisten Vertretern der großen Volksparteien ins Gesicht geschrieben.

Und an allen Ecken wird man ermahnt morgen auch bloß ja zur Wahl zu gehen. Ich bin es aber leid, wenn mir irgendwelche hochbezahlten Fußballer über das Radio erklären, dass die Wahl morgen wichtig ist und man wählen soll. Aha, ja toll, vielen Dank für die tief schöpfende Erklärung. Twitter nervt mich mit der Aufforderung zur Wahl zu gehen, Avaaz möchte sogar, dass ich meine Freunde besuche und sie persönlich zur Wahl schicke.  Und als Krönung des Ganzen kriege ich ungefragt eine Bild-Zeitung-Sonderausgabe zum Thema schöner Wählen in den Kasten gesteckt. An dieser Stelle ein Kompliment an unsere  super freundliche Postbotin, die nicht nur viel zu schwere Fleisch-Pakete bei uns abliefert, sondern auch persönlich unangenehm betroffen war, wann immer sie einem in den letzten Wochen Politiker-Werbung in die Hände drücken musste.

Die Bildzeitung lässt die Herausforderer noch schnell Menscheln und hohle Fragen von noch hohleren Prominenten beantworten. Das ist dann immer lustig zu sehen, wer noch versucht mit einer quasi Fach-Frage zu glänzen. Klassen-Streberin Veronica Ferres etwa erkundigt sich nach möglichen Koalitions-Partnern, aber die Frau mit der ätzenden Stimme habe ich gefressen, nachdem sie in einer Talkshow nach einer ihrer seicht-bewegten, zeitgeschichtlichen Schmonzetten als persönlich berührte Geschichts-Expertin auftrat. Verdammt, da hätte ich mir mein Geschichtsstudium auch sparen können, im Angesicht von so viel Gefühl und Einsicht. Und für die unentschlossenen Jung- und Erstwähler gibt es in der Bild noch eine Doppelseite mit erstwählenden Abziebildern, die ihre politische Präferenz kund tun – da kann man sich dann schnell noch da einordnen, wo man sich wohlfühlt und entsprechend das Kreuzchen setzen.

Somit habe ich heute zum ersten Mal nach ich weiß nicht wie vielen Jahren in einer Bildzeitung geblättert… Im Ergebnis wurde sie wutschnaubend zerknüllt und ins Altpapier gesteckt, der Dreck. Und hätte ich den Spiegel im Haus, was nicht der Fall ist, er fiel mir nur gestern beim Zeitungshändler ins Auge, wäre es ihm ebenso ergangen. Dort prangert der Titel an, Nichtwähler würden die Demokratie verspielen.

Nein, nein, nein – das stimmt so nicht. Es sind Medien, die eine Wahl zum Happening mit Spannungscharakter aufblasen und so tun als würde sich etwas bewegen, die die Demokratie gefährden. Es sind Unternehmer, die sich genötigt sehen, Wahlempfehlungen auszusprechen, es ist das Bombardement an Aufforderungen bloß ja morgen Kreuzchen zu machen, die gefährlich sind. Denn, welchen inhaltlichen Wert haben Stimmen von Wählern, die auf äußeren Druck hin Wählen gehen, aber im Grunde gar keine inhaltliche Wahl treffen, sondern eine mediengeformte, Umfeld-konforme, letzten Endes unüberlegte Wahl? Haribo wünscht mir eine schöne Wahl und hofft insgeheim wahrscheinlich, dass der Zucker der eigenen Produkte längst so viele Bürgersynapsen geschädigt hat, dass eine Wahl getroffen wird, die dann einfach bloß legitimiert, was sich im Grunde ja nicht wirklich ändert. Glaubt wirklich noch jemand, dass ein politischer Führungswechsel einen Ruck in eine neue Richtung bedeuten würde?  Denn auch wenn sich Mehrheiten verschieben und es tatsächlich Änderungsansätze gäbe, würden da immer noch Hunderte aufgeblähter Politiker-Egos sitzen, die sich in Abstimmungsprozessen aus niedersten Motiven gegenseitig blockieren, damit sich eben nicht viel ändert und vier Jahre später die Wahlkampfmaschine wieder angestoßen wird. Ich sage nicht, dass es nicht auch Menschen mit lauteren Motiven und vernünftigen Ansätzen gibt, die versuchen sich innerhalb der Parteienlandschaft zu engagieren und hoffen, etwas ändern zu können. Aber wieder einmal gewinnt der Stärkere und das ist nicht immer der Bessere und so findet man sie selten in den Elfenbeinturm-Ebenen der Bundespolitik, die wahren Gewissens-Politiker.  Eher sind es dann Vertreter einer besonders widerlichen Spezies, die das Weltverbesserertum vor sich her tragen und in moralischen Gewässern auf Stimmenfang gehen.

Ich bin desillusioniert. Ich habe immer gewählt, seit ich das erste Kreuzchen machen durfte. Und als Kind war ich gepackt von der ernsten Spannung, die sich ausbreitete, wenn die Eltern am Wahlabend mit Gleichgesinnten zusammen saßen und den Ausgang der Wahl verfolgten und diskutierten.

Das hat mich geprägt und jeder politischen Diskussion in späteren Jahren haftete immer auch so eine Aufbruchsstimmung an, der emotional aufgeladene Wahlabend in seiner perfekt orchestrierten Inszenierung funktionierte, wir saßen gefesselt vor den Bildschirmen, diskutierten für und wider und glaubten an eine Änderung. Hatten politische Vorbilder und das war auch ein bisschen cool. Naja, der urbane intellektuell-politische Mainstream Anfang/ Mitte Zwanzig halt.

Ich will da nicht mehr mitmachen. Und wer mich dafür angeht, den lade ich herzlichst zu einem kleinen Austausch ein, denn allzu oft kaschiert das Unverständnis für Nichtwähler nämlich auch eine Uninformiertheit, ein Nichtverstehen und Nichtverstehenwollen des politischen Zirkusses, weil es einfacher so ist. Und einfacher ist es dann auch einfach zuzuschnappen, wenn da einer aus der Reihe tanzt. Eines bitte nicht falsch verstehen, so desillusioniert und politikzweifelnd ich auch bin, halte ich die Bundestagswahl durchaus für wichtig. Ich denke halt, dass es hier um eine Bewusstseinsentscheidung geht. Wer einfach sein Kreuzchen macht, weil man das so macht und mir aber nicht erklären kann, warum er so gewählt hat, den kann ich nicht verstehen. Denn es geht um eine Wahl, eine Entscheidung, die einen Prozess des Nachdenkens erfordert. Wer diese Chance vertut, rettet nicht die Demokratie, im Gegenteil, er arbeitet weiter daran mit, die Wählerstimmen ins ferne Land des Nichtrelevanten zu treiben. Wer also mit Überzeugung und Wissen wählt, dem wünsche ich, dass seine Erwartungen nicht enttäuscht werden (ich sage nur Rot/Grün Agenda 2010 und Afghanistan…). Und wer sich sagt, er will nicht wählen gehen, den bitte ich diese Entscheidung nicht aus reiner Faulheit zu treffen, sondern diesen Anlass zu nutzen und sich noch einmal bewusst zu machen, warum Nichtwählen auch sinnvoll sein kann und was ihn stört.
Ich störe mich an vorgekauten, gefälligen Argumenten, die uns dank umtriebiger Medien im Wahlkamps allzu schnell serviert werden, aber wenn ich dies kritisiere, bin ich auch in der Schuld, meine Wahl der Nichtwahl bewusst zu treffen.
Ich habe mich entschieden, ich bin morgen nicht dabei. Das ist meine Wahl.

Und damit ich den vielversprechenden morgigen Herbsttag sinnvoll und produktiv nutze, habe ich mich entschlossen weitere Chutney-Experimente zu starten und eine zweite Ladung Wegesrand-Birnen zu verarbeiten. Ich habe den Kopf lieber voller Wohlgerüche als hohler Phrasen.

Birnen Chutney

Ca. 3 Kilo Birnen
500 Gramm rote Zwiebeln
120 Gramm Xucker
150-200ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 7 cm)
4 Lorbeerblätter
6 Lorbeeren
4-5 Esslöffel Senfkörner
3 scharfe Chilischoten
3 Zimtstangen
100 ml Cidre
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilies.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln. Chilies und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Birnen, den Cidre und den Essig, erst einmal 150 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel mit kochendem Wasser spülen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Sie knacken dann beim ersten Öffnen und halten sich monatelang – aber bis dahin ist es hier leer…

Passt hervorragend zu irgendwie allem was ich mag…

Guten Appetit!

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Ein Gedanke zu “Was die sich einbilden und der Kopf im Birnen-Chutney-Glas

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