Selbst und ständig und ein apfeliges Herbstschwein

Schweineschulter mit Cidre und IngwerJa, wenn man zuhause arbeitet, dann geht das ja auch mit dem Kochen. So oft wie wir uns das anhören müssen, ist es mal Zeit für ein dezentes leises Kragen platzen lassen.
Nein, liebe Leute. Damit macht Ihr es Euch verdammt einfach, oder seid ein wenig naiv in der Vorstellung davon, wie wir unser Leben gestalten. Manch einer denkt vielleicht, wir hätten nix zu tun. Arbeitszeit ist Arbeitszeit. Und die erste Lektion, die man sich im Falle eines Daheim-Büros  hinter die Ohren schreiben sollte, ist die, dass hier nichts vermischt werden darf. Mal eben 20 Minuten kochen, dann eine Wäsche anmachen, eine Pressemitteilung schreiben, Fenster putzen und im Zweifel abends noch mal an den Schreibtisch… Wer so anfängt, geht unter, sobald der Stress einsetzt.

Man sollte denken, als ob man sein eigener Arbeitgeber wäre und deshalb macht man mit sich einen Arbeitsbeginn aus und der wird eingehalten. Verspätungen, weil Stau im Badezimmer war, werden nur soweit toleriert, wie auch in anderen Arbeitsstellen und sollte der Abend auf dem Dorf mal zu spät werden, heißt es morgens Zähne zusammen beißen und Haltung zeigen. Ja und warum dann die Selbständigkeit?
Ha, das ist das Schmankerl fürs Fleißigsein: Wenn ich dann konzentriert meine anstehenden Punkte abgearbeitet habe, meine Akquiseliste weiter abgegrast habe (hier zählt Qualität statt Quantität), die Verwaltungsaufgaben auf den neuesten Stand gebracht habe, einen Überblick habe, was in den nächsten Tagen und Wochen ansteht, meine Finanzen überblicke und dann um 15 Uhr feststelle, dass ich heute richtig gut durch gekommen bin, dann kann ich zu meinem Privatleben übergehen und all die anderen Dinge tun. Noch ein, zweimal die Emails gecheckt und dann sollte das Büro auch zu sein. Denn es gibt die Abende, wo die Deadline einem ihren kalten Atem ins Ohr bläst und man weitermachen muss, aber wenn das gerade nicht der Fall ist, sollte man seine Zeit tunlichst gut nutzen. Sprich, sie bewusst genießen und gestalten. Dann ist sie das Gegengewicht zum Stress.
Das ist die Freiheit, die ich in den letzten Jahren vermisst habe: Die Arbeit an den wirklich anstehenden Aufgaben auszurichten und nicht stumpf jeden Tag neun Stunden und mehr am Schreibtisch sitzen zu müssen.

Ganz ehrlich, bei diesen Kopfarbeiten sind die Ergebnisse nach sechs bis sieben konzentrierten Stunden eh nicht mehr so unverbraucht wie am Morgen. Das Konzept ist nicht auf die Arbeitsleistenden zugeschnitten. Ich wette, dass die meisten Arbeitnehmer in diesen seltsamen Kopf-Schreibtisch-Jobs viel produktiver wären, wenn sie wüssten, dass sie frei werdende Zeit anders nutzen können. Sie wären sicherlich auch zufriedener. Und so schleicht sich aber weiter der ein oder andere Kaffee mit Kollegen ein, man liest doch noch einen Online-Artikel, der irgendwie zum Thema passt, checkt das Smartphone, schaut in den Email-Eingang, trinkt noch einen Kaffee und und und.. Diese Fremdbestimmung meiner Tage, wollte ich durchbrechen. Und selber verantwortlich sein.  Das heißt, ich muss selber schauen, dass Arbeit reinkommt, kann aber auch selber den Prozess gestalten. Ich muss meinem eigenem Qualitätsanspruch gerecht werden und sollte der Kunde mal murren, bin da nur ich (und der besondere Mensch, der der zweite Kopf des Büros ist) und ich kann nicht (nicht einmal unbewusst) die Verantwortung abwälzen.

Das ist sicherlich weniger Sicherheit im Finanziellen. Auch dafür ist man selber verantwortlich und muss immer auch für Zeiten mitplanen, in denen die Auftragslage vielleicht nicht so brummt. Das lässt einen anders und tatsächlich deutlich bewusster planen, wenn es um Anschaffungen oder längerfristige Dinge geht. Auf der anderen Seite, in starken Zeiten, kann man eben auch die Welle nutzen und sich einen Puffer aufbauen bzw.  kommt  heimlichen Wunschprojekten einen Schritt näher.

Ich hätte es früher nicht gedacht, aber ich mag diese vermeintliche Unsicherheit. Sie zwingt mich hinzusehen, genau zu sein. Nicht pedantisch, sondern verantwortlich. Ich fühle mich unabhängiger und empfinde das Mehr an Verantwortung auch als mehr Raum für Kreativität. Und ich kann diesen Raum auch nutzen, um anders mit den Menschen umzugehen, mit denen ich arbeite, denen ich begegne. Denn man sitzt nicht in einem Hierarchie-Kästchen fest und  muss, bewusst oder unbewusst, Reviere verteidigen oder Expertise unter Beweis stellen. Ich bin mir sicher, dass jeder in seiner beruflichen Laufbahn auf Kolleginnen oder Kollegen gestoßen ist, die die Arbeit durch diese energieziehenden Spielchen erschweren. Leider ist so etwas oft schwer zu greifen. Aber das wäre ein anderes Thema.
Ich weiß um mein Können und die Qualität meiner Arbeit und deshalb möchte ich, dass man mir mit dem Respekt begegnet, den ich anderen auch entgegenbringe. Und als mein eigener Chef kann ich eben auch entscheiden, wen ich mir nicht als Energiefresser ans Bein binden möchte.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass es Blödsinn ist zu denken, unsere Ernährungsweise wäre nur dem geschuldet, dass wir so viel Zeit haben, vermeintlich. Wir haben die Umstellung begonnen, als wir noch in festen Jobs mit zum Teil unregelmäßigen und langen Arbeitsphasen sowie vielen Reisen waren. Und… Tatataaa – es hat geklappt. Denn jeder macht sich doch etwas zu Essen im Lauf eines Tages… Oder kenne ich sonst nur Menschen, die sich dem Convinience-Glück verschrieben haben? Glaub ich nicht. Eher vielleicht müssen Berührungsängste mit einem Umdenken abgebaut und eine tief sitzende Bequemlichkeit überwunden werden, denn ein Umdenken oder eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Nahrung hätte für jeden vernünftig denkenden Menschen Konsequenzen. Und würde wohl auch den ein oder anderen kulinarischen Abschied bedeuten. Ich verstehe, dass das zögern lässt und weiß aus bester Erfahrung, dass eine solch radikal Umstellung, ein solcher Ausbruch aus tradierten Ernährungslehren nicht einfach ist. Aber welchen schöneren Grund kann es geben, als ein gesundes Leben. Und zwar bevor einen vielleicht eine Krankheit zum Umdenken zwingt. Jeder muss das für sich wissen. Aber bitte, hört auf mich voll zu nölen, dass das so kompliziert und umständlich ist und wir nur, weil und bei mir ist ja alles ganz anders und überhaupt…Wer nicht will, will nicht. Punkt. Das ist das Gute an den freien Entscheidungen. Sie müssen nicht zwangsweise weise sein, aber jeder kann, wie er will. Nur habt dann auch Verständnis, dass ich irgendwann keinen Bock mehr hab, die Fixierung auf das Thema Ernährung zu bedienen und hört auf, Leute, die anders essen und sich damit gut fühlen, gesund sind und, oje, sogar abnehmen, als Projektionsfläche zu nutzen für die eigenen Unsicherheiten oder Probleme beim Thema Essen.
So. Vielen Dank. Jetzt geht es mir besser.

Dazu beigetragen hat sicher auch das Herbstschwein.

Herbstlich geschmorte Schweineschulter mit Cidre, Apfel und Ingwer

Es gibt so wunderbar warm machende Gewürze, dass ich versuche so viele wie möglich davon einzubauen, sobald es kälter wird. Außerdem liebe ich den Duft von Ingwer , Zimt und warmen Äpfeln, das ist für mich so ein Inbegriff von Wohligkeit, dass mir ganz kitschig zumute wird.

1 kg Schweineschulter (hier  vom Hällischen Landschwein)
1 kleine Steckrübe
3 kleine Zwiebeln
2 kleine (Boskoop) Äpfel, oder andere säuerliche Exemplare
1 kleine Petersilienwurzel
1 Stück Ingwer (ca. 5 cm)
0,4 l herben Cidre
Die Samen aus drei Kardamom-Kapseln (oder gemahlenen Kardamom)
Eine halbe Zimtstange
Eine kleine scharfe Chilischote, gehackt
4 Lorbeerblätter
Pfeffer
Salz
Öl

  • Das Schulterstück abspülen, trockentupfen, salzen und pfeffern und von allen Seiten kurz scharf im Öl anbraten. So dass es ein schönes Brataroma gibt.
  • Die Zwiebeln vierteln, den Ingwer schälen und fein hacken und zusammen mit der Zwiebel, den Kardamomsamen und der Chilischote zum Fleisch geben.
  • Die Petersilienwurzel schälen und in feine Würfel schneiden. Die Steckrübe schälen und grob würfeln. Den Apfel waschen, entkernen und grob würfeln. Alles zu dem Fleisch hinzugeben.
  • Mit dem Cidre aufgießen, die Lorbeerblätter und die Zimtstange dazu und noch etwas salzen und würfeln. Deckel drauf und für 1,5- 2 Stunden schmoren.

Es riecht fantastisch und wärmt schön, ohne zu übersättigen.

Guten Appetit!

Formloser Suppenkasper-Wochenstart – Steck(rüben)-Brief und die passende Curry-Apfel-Kokos-Suppe

Steckrüben Low CarbFussballgröße. Dem entspricht das Steckrübenmonster, das neben kleineren Vertretern gerade unsere Vorratskammer bewohnt und sich bei jedem Türöffnen in den Mittelpunkt schiebt. Ich gebe zu, dass ich beim letzten Marktbesuch einem kleinen Steckrüben-Kaufrausch erlegen bin. Und nun wälze ich bereits  eifrig Ideen, was so alles möglich ist mit dieser Neuentdeckung.

Nun ist mir ja auch ein Steckrübenwinter erspart geblieben, aber unsere Großelterngeneration muss, steckrübengepeinigt, unsere Eltern dahingehend beeinflusst haben, dass Steckrüben in den meisten Haushalten  vom Teller verschwunden sind (so wird man auch kulinarisch von der Geschichte beeinflusst).
Stattdessen erfreute sich der feinwürzige, süßlich scharfe  Schwedenimport  die letzten Jahrzehnte großer Beliebtheit im Schweinetrog. Nun sei den leckeren Tierchen nur feinste und  gesündeste Nahrung gegönnt, aber es ist auch mehr als verdient, dass die Steckrübe den Weg zurück in den Einkaufskorb findet. Das sich da noch was tun muss, wurde mir klar, als ich auf dem Markt nur zwei Stände mit Steckrüben fand. Und die hatten jeweils nur wenige Exemplare. Da musste ich also notgedrungen zuschlagen.  Und jetzt werden die Zubereitungsmöglichkeiten variiert, denn dieses unscheinbare Gemüse begleitet uns durch den ganzen Winter, erntefrisch bis etwa Dezember und danach als Lagerware. Wunderbar.

Vielleicht ist sie nun nicht das schönste Element in den Gemüseinstallationen, die manche Leute gerne in ihren sorgsam arrangierten Küchen zaubern. So, als käme gleich Schöner Wohnen vorbei, aber da der Trend allerorten ins Nachhaltige, Regionale geht, wird das unscheinbar gelb-violette Knollen-Getüm sicher auch auf der ein oder anderen sorgsam behandelt-unbehandelten Holzarbeitsplatte oder dem entsprechenden Tisch dekorativ inszeniert.  Gemüse sieht oftmals ganz wunderschön aus, ich tue mich nur immer schwer, wenn man Lebensräumen die Inszenierung zu sehr ansieht. So, wie die ausgewählten Kunstmagazine unter dem Couch-Tisch (darf man den überhaupt noch Couch sagen?), die inszenierte Nachlässigkeit oder Zufälligkeit, die doch eben immer das bleibt: inszeniert.
Schön finde ich tatsächliche Zufälligkeiten, wenn Dinge einfach einen Platz finden, dadurch dass sie genutzt werden, aber eben keine Obstkörbe, die nach ästhetischen Gesichtspunkten zusammengestellt wurden. Die unterschwellige Botschaft, die da immer mitschwingt: Schau mich an und lobe mich!  Nicht immer aber eben auch. Und oftmals ist dass eben auch ein vor sich hertragen, quasi die gelebte, belebte Verlängerung des Outfits aus der Öffentlichkeit ins Private. Und dank diverser, von uns allen bespielter Kanäle, ist dieses Private eben nicht mehr richtig privat, sondern wird für mehr Augen als nur die eigenen hergerichtet. Das heißt nicht, dass ich generell gegen schöne Dinge im Wohnumfeld bin. Nein. Ich mag auch, dass es bei uns schön ist. Aber ich denke, dass in unserer Gesellschaft, das es schön haben zu eng verbunden ist mit dem, es fehlt noch was zum ganzen Glück und somit der Konsum den Stil beherrscht.  Nein, nein, mag mancher sagen, das ist halt alles ein Prozess, im Fluss und verändert sich. Ja, aber kann es denn nicht auch schön sein so, wie es ist? Und man wertschätzt mehr, was einen umgibt, statt weiter zu suchen, zu kaufen und nie richtig glücklich zu sein. Das treffen wir doch überall an: im Job, im Kleiderschrank, im Wohnzimmer, bei der Küchenausrüstung – immer ist da noch das eine Stück, das es perfekt machen würde. Aber dann geht es von vorne los. OK, ich seh es ein, dann sich lieber mit Gemüse-Arrangements austoben.
Wie kam ich eigentlich darauf? Ach ja, weil ich unglaublich viele amerikanische Paleo-Koch-Blogs durchstöbere und da sind die Fotos natürlich ansprechend in Szene gesetzt, aber viele der gezeigten Küchen strahlen eine solche unbelebte Stimmung aus. Unbeseelt. Egal. Das ist es der Steckrübe auch, was zählt ist, sie wird wieder gegessen.

Und da wir uns ja wieder darauf besinnen, was so in heimischen Gefilden wächst, übers Jahr,  wird sie uns nun wieder schmackhaft gemacht. Immer auch gerne mit dem Verweis, dass junge Sterneköche sie auch nutzen. Aha, das sind dann so die Informationen, die Leute brauchen, die sich rückversichern müssen, dass das cool ist was sie tun und so etwas wird dann gerne im Nebensatz angebracht, vor den Gästen, damit die nur ja richtig loben. Und dabei noch wie nebenbei an der geschnitzten Rübenvase gezupft oder das Herbstlaub auf dem Tisch zurecht gepflückt – ein Traum.

Aber mit Dekofragen halte ich mich hier nicht auf. Wer Steckrüben findet, sollte sie unbedingt einmal kaufen und probieren, was ihm schmeckt. Der wunderbare Nebeneffekt ist, dass Steckrüben kaum Kohlenhydrate haben, dafür Vitamin C und Kalium und und und…

Steckrüben-Kokos-Curry-Suppe, mit Apfel und Forellen mit Speck
Das klingt viel? Nein. Es geht schnell und schmeckt fantastisch.

Ca. 1,3 kg Steckrübe (je nach Menge mit den Flüssigkeiten variieren)
3 mittlere Zwiebeln
1 mittlerer Apfel (Boskoop  passt gut)
500 ml Rinderbrühe
500 ml Kokosmilch
50 Gramm Speckwürfel oder Streifen
50 Gramm geräucherte Forelle
4 Esslöffel Curry
3 Esslöffel Senfkörner
1 kleine , scharfe getrocknete Chilischote
Salz
Pfeffer
Kokosöl

  • Die Zwiebeln, schälen, schneiden und in Kokosöl glasig andünsten.
  • Die Steckrübe schälen und in gleichmäßige Würfel schneiden, dann zu den Zwiebeln geben.
  • Das Curry, die Senfkörner, und die gehackte Chilischote dazu geben und alles schön andünsten. Ruhig großzügig mit dem Curry. Es schmeckt! Ich nehme eine milde Curry-Mischung und habe deshalb eine sehr scharfe Chilischote ergänzt. Wer es milder mag, lässt diese weg oder nimmt ein schärferes Curry-Pulver.
  • Den Apfel entkernen und dazu geben. (Ruhig mit Schale, wird alle püriert)
  • Nun die Brühe und die Kokosmilch dazu geben und alles ca. 30 Minuten kochen, bis die Steckrüben weich genug um püriert zu werden.
  • Alles schön glatt pürieren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die Konsistenz muss jeder für sich abwägen, ich mag es tatsächlich gerne  fester und kompakter, wer es flüssiger haben will, gießt Brühe oder Wasser nach.
  • Denn Speck knusprig anbraten und mit der geräucherten Forelle vermischen. Vor dem Servieren als Einlage auf die Suppenteller verteilen.

Sehr Herbst und macht schön warm.

Guten Appetit!

Boulevard-Fitness, neue alte Körper und Curry-Speck-Bomben

Paleo, Essen und trainieren mit MadonnaMein Trizeps schmerzt. Aber wunderbarerweise weiß ich nun, dass auch ich einen Trizeps besitze. Und der wurde gestern mal wieder gequält, so wie der Rest meines Körpers. Ein großes Vergnügen, wenn ich denn erst einmal den wöchentlichen Schritt ins Sportstudio geschafft habe (das klappt seit über einem halben Jahr konsequent, aber immer dieser Kampf, obwohl ich weiß wie gut ich mich danach fühle). Nun war er also getan, der Schritt und meine Nase wollte gerne wieder raus in den Herbstregen. Irgendwie hängt auch Fitnessstudios oft eine Note an wie früher zu engen Turnhallen-Umkleidekabinen. Bleibt wohl nicht aus, wenn man die Leute so kämpfen sieht. Aber die Leute blende ich meistens aus. Ebenso wie die Musik, was mir schwer fällt, denn mit einer Penetranz wird man mit dem Schlechtesten beschallt, was das deutsche Radio zu bieten hat. Da ich solches nicht höre, bleibt der unbestätigte Verdacht, dass es ganz furchtbar viele dieser Sender da draußen gibt, die als Einstellungskriterium für Moderatoren die penetrante gute Laune und die hoch gepitchte Stimme noch vor die Fähigkeit des unablässigen Sinnlos-Gelabers stellen. Ich bin nicht die Zielgruppe und will auch gar nicht behaupten, dass früher alles besser war, aber das, was Sender wie big FM  ihrer jungen Zuhörerschaft den Tag über um die Ohren hauen, ist erschreckend. Und wenn mich jemand fragt, ob ich finde, dass Musik dumm machen kann, würde ich nach einer Stunde im Sportstudio sofort sagen: ja! Das ist Musik, die absolut widerspiegelt, was wir auch auf allen anderen Ebenen erleben: seicht, schnell austauschbar, schnell konsumiert, betäubend und mit falschen Bildern überfrachtet.
Ich mag Sport in der Stille. Aber das ist irgendwie nicht mehr so drin. Auch Jogger sieht man nicht mehr ohne Knöpfe im Ohr. Am besten mit Smartphone, dann kann man noch ein Sport-Selfie mitnehmen. Warum? Und dann noch sagen, man bekäme beim Laufen den Kopf so gut frei? Nö. Nicht wenn er dabei permanent beschallt wird und auch noch überlegen muss, was ein guter Foto-Spot wäre. Was wäre dann mal mit Laufen ohne alles? Nur Laufen und Kopf frei. Ich erinnere mich, dass mein Vater einen alten Fotoband von Fred Rohe aus den 70ern im Regal stehen hatte: The Zen of Running.  Da beseelte noch ein anderer Geist die Schritte. Keine unterstützende App, keine Suche nach den neuesten Nike Running Modellen… Aber ich schweife ab. Die Musik im Sportstudio ist ein Sch… Und ich empfinde sie als eine ähnliche Betäubung der Massen, wie das nachmittägliche Fernsehprogramm und diverse Webformate. Und es geht mir nicht darum zu beweisen, dass ich einen total anspruchsvollen, avantgardistischen, geschmackssicheren Musikgeschmack habe. Nö. Am allerliebsten sind mir tatsächlich Ruhe, Katzenschnurren und leisere Klänge. Und die aktuellen Klänge des Industrie-Mainstreams ängstigen mich. Auch und vor allem wegen der Maschinerie, die dahintersteht.

An Musik musste ich beim Sport auch denken, weil ich irgendwo auf ein ganz entsetzliches Bild von Madonna gestoßen bin. Heldin meiner frühen Jugend und das erste selbstgekaufte Album. Das Like a Prayer Album.
Heute mag man der Frau, die so gefangen scheint in einer Sportsucht und an einem recht bizarren Erscheinungsbild arbeitet, kaum mehr ins das maskengleiche Gesicht schauen. Im Text zum Bild stand, dass Madonna ein Fitnessstudio in Berlin eröffnet hat. Und dass man dort beim Trainieren überall Madonna-Bildnisse im Blick hat, ordentlich bildbearbeitet natürlich. Hätte ich keinen Bock drauf. Ich will mit 50 nicht aussehen wie Madonna. Ich will in Würde älter werden. Mit Respekt mir selbst gegenüber und nicht getrieben von  Werbeversprechen und Schönheitswahn. Das kann nur schief gehen, raubt kostbare Energien und lässt einen unbefriedigt zurück.
Und auch die Fotos von photogeshoppten Hintern, die bei uns im Fitnessstudio gerade als Werbeplakate hängen, nerven, ärgern mich. Zum einen hätte so einen Hintern nur ein geschätzt elfjähriges Mädchen und dann wäre die Pose mehr als fragwürdig und er ist so unglaublich bearbeitet, dass ich mich einmal mehr frage, für wie dumm wir uns eigentlich noch verkaufen lassen wollen. Frauen wird hier ein unerreichbares Ziel vor die Nase gehängt und die herrschende Unsicherheit dem eignen Körper gegenüber wird weiter befeuert, damit dann los rennt und sich wieder etwas kauft um ins Gleichgewicht und der Wunschfigur ein Stück näher zu kommen. Bei den Jungs und Männern wird der Porno-Ästhetik-Knopf gedrückt.

Übrigens habe ich das Gefühl, dass sich viele in der wild pubertierenden Schüler-Generation nicht nur gleich kleiden. Nein, sie trainieren sich auch ähnliche Körper an. Arme Jungs, die bloß nicht auffallen wollen. Und dasselbe bei den Mädels. Und nicht erst sei heute. Vor zwei Jahren saß ich im Sommer mit Freunden zusammen und wir sprachen über das Badeschiff in Berlin. Schon eine Besonderheit, aber an langen heißen Tagen zu klein, zu eng, zu voll und zu sehr Schaulaufen.
Ein Bekannter meinte in dem Gespräch, dass er auch das Gefühl habe auf zunehmend genormte Körper zu schauen, wenn er an solchen Orten ist. Viele Menschen würden sich wahrscheinlich gerne alles Natürliche, sprich Unangepasste, Individuelle, zu Gunsten einer gesellschaftlich akzeptierten Künstlichkeit abtrainieren und umgestalten.  Ich habe mit Erstaunen gelernt, dass man sich die Wimpern auf Zeit verlängern lassen kann. Für die perfekten Nägel gibt es künstliche Nägel, BHs, Kissen oder Implantate für den Busen oder Po. Shape Wear für das heiße neue Kleid, wenn man beim Sport faul war.  Extensions, wenn die Haare zu langsam wachsen, falsche Bräune eh… und und und…Ich komme mir ja fast schon schlecht vor, dass mein Maximum zur Zeit Mascara heißt. Da darf man sich ja kaum unter Leute trauen.
Ne, quatsch. Darf man und muss man. Ich hätte mich nur nie auf dieser Seite gewähnt und war lange, zu lange, anfällig für allerlei Versprechen. Und wenn man gerade dabei ist mit dem Großwerden klarzukommen, ist es nochmal schwerer, klar.
Aber es müsste nicht so sein. Damit kommen wir nicht auf die Welt, mit diesen Bildern. Aber wir kriegen es vom ersten Moment an rein gedrückt.
Wahr bleibt aber auch, dass man Ausstrahlung nicht kaufen und nicht erzwingen kann. Diese Kleinigkeiten, die gerade auch im Individuellen liegen, die den Charme eines Menschen ausmachen. Sein Aussehen viel mehr bestimmen, als jedes Paar Schuhe und jede neue Tasche oder oder oder…Wenn man sich das nun aber mühsam abtrainiert und es begräbt…  Dann bleibt nicht viel. Nicht viel was Interesse weckt. Aber vielleicht bekommt die Gesellschaft dann im Endeffekt endlich die austauschbaren, leicht konsumierbaren Konsumenten, die sie sich wünscht.

Und wenn man aufmerksam bleibt und das Sportstudio nicht zu einem weiteren Kampfplatz im Krieg mit dem Selbst macht, ist das durchaus ein Ort wo viele dieser Themen sichtbar werden. Wenn man hinschauen will.

Und abgesehen davon, dass immer mehr meiner Muskeln sich angenehm schmerzhaft an den gestrigen Tag erinnern, gab es auch was zu essen. Mit ganz viel Curry. Denn bei den Gewürzen finde ich, sollte man mitunter durchaus maßlos sein. Und schnell ging es auch. Für müde, zufriedene Menschen, die alles mögen, was ohne viel Aufwand in eine Form oder einen Topf passt.

Curry-Hackfleisch-Speck-Bällchen mit Süßkartoffeln aus dem Offen

250 Gramm Hackfleisch (ich mag am liebsten reines Rinderhack, hier war es gemischt)
1 Zwiebel
11 Streifen Speck (entsprechend der Anzahl der Bällchen)
2 mittel-kleine Süßkartoffeln
Olivenöl
Curry
1 scharfe Chilischote
Salz
Pfeffer
gemahlenen Ingwer

  • Die Zwiebel schälen und fein würfeln.
  • Das Hackfleisch mit großzügig (hier waren es drei große Löffel) Curry, den Zwiebeln, etwas Salz und Pfeffer verkneten.
  • 11 kleine feste Bällchen formen und diese in jeweils in einen Streifen Speck rollen.
  • Die Süßkartoffel schälen und in gleichmäßige Scheiben schneiden. IN einer Schüssel mit 1 Teelöffel Curry, der gehackten Chilischote, einem halben Teelöffel gemahlenen Inwger und etwas Salz sowie dem Öl vermischen.
  • Nun die Hackbällchen und die Süßkartoffeln in eine Form geben.
  • Bei 200 Grad um die 25 Minuten in den Ofen, bis der Speck kross und die Süßkartoffeln weich sind.

Dazu passt einmal mehr Chutney, ein Klacks Butter oder ein Löffel Jogurt, wer Joghurt verträgt.

Guten Appetit!

Mode macht mich oftmals sauer und Quitten-Chutney wohlig

Paleo Quitten-ChutneySo. Es ist also wieder ein aktueller Übeltäter der Stunde gefunden. Das ZDF hat in einer dramatisch investigativ vertonten Reportage mit dem Titel „Mode zum Wegwerfen“ das Kleidungsmonster Primark unter die Lupe genommen. Und zack regen sich alle auf und haben sich vorher nie gefragt, wie man T-Shirts für drei Euro verkaufen kann? Das wäre allerdings traurig.  Wer den Billiganbieter von Mainstreet Trends noch nicht kennt, wird langfristig nicht verschont bleiben: Eine wachsende Zahl an Immobilien in städtischer Bestlage sorgt dafür, dass Horden von nicht nur Teenager-Mädchen mit abstrus vollen und vielen braunen Papiertüten durch die Innenstädte ziehen. Den beseelten Glanz eines Einkaufsmarathons in den Augen.

Das ist das Geheimnis von Primark: Noch ein bisschen weiter runter in der Qualität und dann auch noch ein bisschen weiter runter im Preis. Gleichzeitig Neuerungen im Sortiment im Wochentakt. Da werden Trends noch schneller umgesetzt als bei den bisherigen bekannten Ketten, die  quasi vom Laufsteg der vermeintlich Kreativen, Großen weg fotografieren und in Produktion gehen.

Machen wir uns doch aber nichts vor, die Produktionsstätten sind dieselben wie auch bei den anderen Textilriesen und wenn nun Abkommen unterzeichnet werden , die bessere Arbeitsbedingungen schaffen sollen, entsprechen diese immer noch nicht dem Standard, den wir kennen und so lange, ganz ehrlich, bleibt es meiner Meinung nach Ausbeutung. Erkaufen wir uns etwas auf Kosten anderer. Und man ist ja auch nicht dumm in der Textilbranche, da sitzen ja keine  designverliebten Schöngeister in den Managementetagen, sondern knallharte Geschäftsleute, für die der Stoff ihrer Träume aus schwarzen steigenden Zahlen besteht. Schlimmer ist noch, dass die Marken so mit ihrem jeweiligen Image überfrachtet werden, dass sie eher wie individuelle Charaktere wahrgenommen werden, was ihnen quasi menschliche Empfindungen und Attribute  zugeschreibt, so dass die harten Fakten dabei nur zu gerne wieder in Vergessenheit geraten.

Bis wieder etwas passiert und wieder ein Konzern in die Kritik gerät. Und wird ein Produktionsstandort zu teuer und die Auflagen zu restriktiv (nach Auffassung der Konzerne), zieht man eben weiter. Der Westen hält dank demokratischer Interventionen immer genügend strukturschwache Staaten an der kurzen Subventionierungsleine, dass dort weiter gemacht werden kann. Und ja, das hängt eben alles zusammen. Und wir tragen dazu bei mit unserem Konsumverhalten.

Und das macht mich wütend, denn die vermeintlichen Glückskäufe, die wir so früh lernen und verinnerlichen, kriegt man schwer wieder raus.

Ich gebe es mit schlechtem Gewissen zu, dass auch ich bei Primark an der Kasse stand, das war 2009 in London und so abgestoßen ich von der Größe und dem herrschenden Einkaufswahnsinn in dem Laden war, so sehr entsprachen die Preise meinem armen London-gebeuteltem Volontärinnen-Geldbeutel. Nun ertrage ich solche Geschäfte nicht mehr und lasse es einfach. Zumal der niedrige Preis zu einem völlig unbewussten Konsum verführt. Ebenso bedenkenlos wird schnell wieder aussortiert und weggeschmissen. Und wohin mit den Tonnen chemiegetränkten Textilmülls? Das ist auch was ich denke, wenn im Wandel der Jahreszeiten die Mode-Blogs überquellen mit Bildern von den kommenden Kollektionen. Finger weg von diesen besonderen Stücken, das mag die Neon-Jeans, oder die Schößchen-Bluse, oder das total untypische Muster sein – wenn es keine guten Freunde findet, die schon lange in Deinem Schrank leben, ist es ein Fehlkauf, etwas was Dir eingeflüstert wurde, dass Du es brauchst, aber es ist nicht Dein Stil. Und ein fair produzierter Pulli wiegt nicht alle Einkäufe bei großen Ketten auf. Es ist ein guter Ansatz, aber auch hier sollte man sich immer fragen, was man sich da gerade kauft und warum. Es ist verdammt schwer. Ich persönlich bin, wie schon einmal erwähnt ,momentan in einer seltsamen Konsum-Unlust-Phase. Bzw. ich will Kaufentscheidungen tätigen, ohne dabei irgendwelchen Einflüssen ausgesetzt zu sein, denn dass bin ich auch, wenn ich teure, faire Seidenhemdchen aus dem Öko-Fair-Wohlfühl-Loha-Katalog bestelle, die geben mir nur ein besseres Gefühl.

Und auch wenn bestimmte Medien einen Weg des kritischeren Konsumverhaltens propagieren, Leute sich monatelang ein Kaufverbot auferlegen (so gelesen auf diversen Blogs) und dann stolz darüber berichten (und dann weiter zu viel konsumieren) und es von Ratgebern für ein simples Leben nur so wimmelt, dann mag ich die Menschen manchmal nicht mehr ernstnehmen. Nicht, weil ich mich für besser oder weiser halte. Oh nein, ich merke ja auch, wo so ein Fallstrick verfängt. Aber, weil mir die Scheinheiligkeit manches Mal zum Halse raushängt. Klingt das zu hart? Ich nehme es oftmals so war und bin auch selbstkritisch genug, entsprechende Fehler bei mir selbst zu sehen und mit mir ins Gericht zu gehen. Aber die Reflexionsebene scheint zu verkümmern in unserer Gesellschaft, bzw. wird durch eine antrainierte oberflächliche ersetzt, die nicht dahin schaut wo es weh tut, sondern milde kritisiert und uns bequeme andere Wege aufzeigt.

So wird sich nichts ändern. Und manch fehl geleiteter Mensch denkt nach einer Reportage wie der oben genannten vielleicht, es wäre damit legitimer wieder bei anderen Ketten zu kaufen. Die  gezeigte Investigativ-Reporterin war zum großen Teil auch perfekt auf der Höhe diverser Trends gekleidet, ich hoffe die Bilder haben auch bei ihr bewirkt umzudenken.

Und ja, das ist ein Thema, das mich wütend macht, weil es jeden von uns persönlich betrifft und es erschreckend ist zu merken, an wie vielen Stellen wir unbewusst konsumieren um uns etwas glücklicher zu machen oder vermeintlich etwas brauchen (wir haben ja nichts). Das wird deutlich, wenn man sich mal etwas zurückzieht und diese Mechanismen überdenkt. Und das ist nicht nur schön und man findet schnell Ausreden, warum dann doch, denn man möchte ja nicht vor sich selber schlecht da stehen. Aber wenn man in diese Richtung geht, befreit es auch ungemein. Und es macht einen ein ganze Stück unabhängiger von Meinungen und Bildern anderer, die man aufgedrückt bekommt und bringt einen im besten Falle dahin zu sehen, was man wirklich möchte. Und das ist vielleicht gar kein Teil für den Kleiderschrank oder die Wohnung.

So. Und noch was Saures, wenn auch scharf und süß  – Chutney.

Quitten-Chutney

Ca. 4 Kilo Quitten
1 knappes Kilo Boskoop Äpfel
600 Gramm rote Zwiebeln
300 Gramm Xucker
350 ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 8 cm)
4 Lorbeerblätter
6-8 Lorbeeren
6 Nelken
5-6 Esslöffel Senfkörner
3 kleine, richtig scharfe Chilischoten
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilis.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln, Chilis und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Quitten, die Äpfel und den Essig, erst einmal 300 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel auskochen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Und das passt zu Fleisch,Wurst, Käse,  Speck, Schokoladenkuchen, Omelette oder ein Löffel in der Brühe!

Guten Appetit!

Von muskelbepackten Skandinaviern auf der Buchmesse und vernachlässigten Steckrüben

steckrübeWer mag sie nicht, die Skandinavier. Sie befeuern Kinderfantasien bis ins Erwachsenenalter mit ihrer Holzhütten-Idylle und so einem Birkenwäldchen-am-Fluss-im-kühlen-Sonnenschein-Charme. Sie sorgen dafür, dass der chinesische Besuch einem erzählen kann, dass er daheim in Peking dieselbe Lampe eines skandinavischen Möbelkonzerns stehen hat.  Der urbane Jungskandinavier hat den hippsten Bart und die schönsten Tatoos, die Mädels den frischesten Teint und die längsten Beine und sind eine gemeine Messlatte, wenn man sich die Entwürfe so manches schwedischen Modehauses anschaut.  Wer hat nicht schon einmal den Urlaub gebannt hinter den Seiten eines skandinavischen Krimis verbracht? Und es gab eine Zeit, da kam coole Musik konsequent von nordwärts. Die arbeitenden Mütter in Skandinavien sind die entspanntesten in ganz Europa, die Kinder sind am besten verwahrt und irgendwie ist alles so Mittsommernachts-Blumenkranz-mäßig  schön und dank nordischer Frische nicht Kitsch, sondern clean und Design, statt einfach Form und Muster.

Man hätte viele Gründe den Staaten im Norden Europas nicht die Butter auf dem Brot zu gönnen, wenn man sich so anschaut, wie sehr die skandinavische Marke perfektioniert worden ist. Da hat ein beschaulicher und in sich ganz vielschichtiger Teil der Welt es geschafft, heimlich, still und leise eine wasserfeste Markenidentität aufzubauen, die alle regionalen Unterschiede überwindet, bzw. als einzelne Stärken einbaut und mit Frische-Luft-rote-Wangen-Charme und gefälligen Design viele Bereiche unseres Lebens beeinflusst und gutes Geld macht. Den Skandinaviern haftete etwas sympathisches an. Auch ich freue mich schon auf ein paar Tage auf einer stürmischen dänischen Insel, wo der Supermarkt nach Aufbackgebäck riecht (das ich nicht esse, auch im Urlaub) und einen zurück katapultiert in die Urlaube aus Kindertagen. Wo man mit einem „Hej!“ gegrüßt wird, das sich nicht nachahmen lässt.  Und das cleverste: Sie haben eine intelligente, aufgeklärte, kritische, Design-und Nachhaltigkeits-affine Konsumentengruppe am Wickel.

Nicht auszudenken, wenn die großen Marken aus dem hohen Norden aus dem städtischen Umfeld und den Schöner-Schein-Magazinen verschwinden würden.

Da würden gesicherte Quellen des guten Geschmacks plötzlich versiegen. Ich meine, hat sich mal jemand den aktuellen Ikea-Katalog angeschaut ohne innerlich bereits eine Einkaufs-Wunschliste zu erstellen? Das Magazinformat, die Betonung des individuellen Stils, das ist wirklich eine Glanzleistung! Ehrlich. Man erkennt sich selber, oder findet persönliche Highlights und kann vergessen, welch weltumspannende Logistik hinter dem tonangebenden skandinavischen Geschmack steht.

Bei der Buchmesse haben sie mich auch wieder beeindruckt. Allerdings nicht mit Kriminalliteratur und Design-Schnickschnack-Literatur, sondern mit zwei Paleo Kochbüchern, die ein dänischer Verlag dort vorstellte. Alleine der Name für die Steinzeiternährung kullert einem  lustig im Kopf herum: „Stenalderkost“. Genau. Das klingt irgendwie lecker für den Nicht-Muttersprachler. In das eine Paleo-Buch habe ich hinein geblättert und auch wenn meine Dänischkenntnisse nur in meinem Kopf existieren, liess sich das ein oder andere erahnen und durch ähnliche regionale Produkte, kann man die meisten der solide köstlich aussehenden Gerichte hier nachkochen.

Und ansonsten kommt der Hauptakteur des Buches, der Autor und Koch Thomas Rode, muskelbepackt, wahlweise im echt coolen Vintage-Auto, mit dem Reh über der Schulter oder beim Feuermachen am See, zum Zuge. Das ist eine Bildsprache für manchen Mann und auch für Frauen, die von männlichen Muskeln und veralteten Ganzer-Kerl-See-Romantik-Szenen träumen.

Was mich dabei beeindruckt hat, ist die neue Richtung, die hier in der Gestaltung eingeschlagen wird. Kein trocken anmutendes Kochbuch mit viel Theorie, kein reiner Foodporn-Bilderreigen, den man nicht nachbilden kann und will und auch keine Angst-machende amerikanische Super-Mami. Sondern eine zielgruppengerechte Aufmachung (Männer, meist  aus dem Crossfit Bereich, die auf ihre Ernährung achten), die auch Frauen anspricht und deshalb gekauft wird. Da wirkt das Paleo-Konzept nicht abseitig, kompliziert, oder irgendwie unangenehm anders (denn anders sein wollen wir ja nicht, nur unglaublich individuell) sondern kommt herzerfrischen mainstreamig daher.

Das dumme an diesem Fundstück – es ist noch nicht erschienen in Deutschland. Aber es lohnt sich die Augen offen zu halten und zu hoffen, dass zeitnah eine Übersetzung den Weg in den deutschen Buchhandel findet.

Und um den Bogen zurück zum regionalen Essen zu schlagen: Ich habe die Steckrübe entdeckt. Ich kannte sie bisher vor allem als Steckrübeneintopf mit schlechtem Image aus Erzählungen, oder aus der Literatur. In Frankreich fiel sie mir unter dem Namen Navette in die Hände und das klang so nett, dass ich sie mitgenommen habe für ein herbstlichen Schmortopf.

Steckrüben-Schmortopf

700 Gramm Fleisch nach Wahl (Rinder oder Schweineschulter)
500 Gramm Steckrüben, in Stücken
4 mittlere Zwiebeln, geviertelt
0,5 Liter trockener, kräftiger Rotwein (hier war es Corbière)
5 Lorbeerblätter
5 Nelken
3 Esslöffel Senfkörner
ein Stück Zimtstange nach Geschmack
Salz
Pfeffer
1 kleine, scharfe, getrocknete Chilischote, gehackt
Fett/Öl zum Anbraten

  • Das Fleisch (kann am Stück verwandt werden, oder bereits  vorab in Stücke geschnitten werden) großzügig scharf in Öl anbraten, nur so kurz, dass sich die Poren schließen und ein schönes Brataroma entsteht.
  • Salzen und Pfeffern.
  • Die Zwiebeln und die Steckrübe dazugeben, kurz mit anbraten, die Gewürze dazu und alles mit dem Rotwein angießen.
  • Deckel drauf und ca. 1,5 Stunden schmoren, danach noch einmal mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Das war es schon. Wer mag, serviert schlichten Feldsalat mit Walnüssen dazu.

Guten Appetit!

 

Zum Geburtstag ein Reisetipp mit viel Wald…und köstliche Tarte au Chocolat

VogesenGeburtstage sind mir irgendwie egal. Also meine eigenen. Ich mache nicht viel fest an der Zahl, die sich da jährlich ändert. Ich bin niemanden sauer, der ihn vergisst und ich werde verlegen, wenn man mir Geschenke macht, obwohl ich mich natürlich freue, es bereitet soviel Freude etwas auszupacken, von dem man nicht weiß, was es ist. Aber ich werde dann immer furchtbar verlegen und kriege einen roten Kopf. In der großen Stadt Berlin habe ich den Geburtstag nur immer als Vorwand genutz,t um einmal all die unterschiedlichen Leute zusammen zu kriegen, die einen so verstreut durch das Jahr begleiten. Denn dann kommen alle.

Dieses Jahr habe ich mir aber etwas anderes gewünscht und wir sind für ein paar herbstlich stürmische Tage in das kleine Haus in den Vogesen gefahren, das uns auch schon ein Sommer Highlight war.

Und ich kann gar nicht müde werden mich für diesen ganz wunderschönen Landstrich im Norden Frankreich zu begeistern. Gar nicht weit weg (aus dem Rhein-Main-Gebiet waren es knappe fünf Stunden Fahrzeit) liegt es deutlich näher als etwa Berlin, aber entführt einen in eine völlig andere Landschaft. Wer bei Strasbourg über den Rhein fährt schlängelt sich erst einmal durch den Elsass. Bis die Hügelkette am Horizont immer näher rückt.   

Eine seltsame Landschaft, die deutsch anmutenden Ortsnamen, die im Französischen recht putzig klingen, verweisen auf die turbulente Rolle, die dieser schmale Landstrich in der deutsch-französischen Vergangenheit oft innehatte. Neben unbestreitbar schönen Fleckchen, die die Region aufweist, geizen die Ortschaften entlang der Schnellstraßen mit ihren Reizen und strahlen selbst im Sommerlicht eine gewisse Tristesse aus. Also schnell durch gefahren und dann beginnt der Urlaub, sobald man bei St. Marie aux Mines  die Wahl zwischen Tunnel und Pass trifft. Wenn man sich bei guten Wetterbedingungen den Berg hinaufschraubt, wird man mit sattem Grün und wunderschönen Perspektiven belohnt.

Vogesen WälderDas ist es, womit dieser Landstrich mein Herz erobert hat, mit den ständig neuen Ausblicken, die sich dem Auge bieten. Sich scheinbar stapelnde Hügel und Berge, nicht einschüchternd hoch, aber doch Garant für ein paar schöne Steigungen, sommerliche Bergsonne sowie unprätentiöse kleine Skigebiete im Winter. Die Vogesen sind ein versteckter Schatz, die meisten Frankreichurlauber zieht es in den sonnigen Süden, an die markante Küste der Bretagne oder in die so beeindruckenden Städte Paris und Bordeaux, während die bescheidenen Berge der Vogesen zu unrecht mit einem trüben Bild assoziiert werden.

Nebelig kann es durchaus sein, selten habe ich einen Landstrich mit soviel Wasser gesehen, bei jedem Spaziergang sprudelt und gurgelt es früher oder später neben dem Weg entlang und im Herbst verwandelt sich mancher Weg in einen eiligen kleinen Bachlauf, mit dem man sich eine Strecke teilt.

Aber wenn die Wolken aufreißen und die Sonne scheint, kann man staunen und beobachten, wie sich der Nebel in Wolken von den Wäldern hebt und wenn sich manchmal ein leichter Schleier vor den eigenen Blick legt, weiß man, dass man gerade mit dem Kopf in einer zarten Wolke wandert. Und damit man nicht verloren geht im Reiz der verwunschenen Wälder, hat der Club Vosgien für eine Beschilderung der Wanderwege gesorgt, die entsprechenden Karten gibt es vor Ort in den Supermärkten und in den meisten Tabakläden.

Vos_3_collageUnd dann liegt es nur noch an einem, sich feste Schuhe anzuziehen und los zu streifen durch sommerlich zirpende, herbstlich farbenfrohe oder frühlingsfrische Mischwälder.

Und wenn man die Wege abseits der Touristenmagnete wählt, kann man in ziemlicher Einsamkeit die Landschaft genießen und sich bei den vielen plötzlich auftauchenden kleinen Siedlungen in Tälern und auf Lichtungen fragen, wie es wohl wäre, das Leben auf so einem typischen kleinen Vogesen-Hof. So ganz und gar, durch alle Jahreszeiten?

Das war es, was ich für meinen Geburtstag wollte. Das und eine Paleo-Version einer Tarte au Chocolat, weil so dekadent-köstlicher Kuchen einen Anlass braucht. Dann habe ich auch kein Problem meinen eigenen Geburtstagskuchen zu backen. Wie auch anders. Es war ein Experiment und ich werde es wiederholen.

Tarte au Chocolat

Boden
150 Gramm fein gemahlenes Mandelmehl
75 Gramm gemahlene Mandeln
gute 75 Gramm Butter
4 Esslöffel Xucker
2 Teelöffel Vanille
1 großes Ei, gequirlt
1 Prise Salz

Belag
200 Gramm dunkle Schokolade (ab 85% Kakaoanteil)
140 ml Kokosmilch (schön gerührt, dass man sowohl die festen Teile und das Wasser hat)
Prise Vanille

  • Ofen auf 200 Grad vorheizen.
  • Aus den Zutaten für den Teig ganz unkompliziert einem festen Teig Kneten. Ich mache es zumeist mit der Hand, um so die Butter besser einzuarbeiten.
  • Eine Tarte-Form buttern und den Teig darin gleichmäßig verstreichen, an den Rändern etwas hochziehen, mit einer Gabel ein paar Löcher in den Boden stechen und dann für ca. 20-25 Minuten durchbacken, bis er schön goldbraun ist. Zum Ende hin shcauen, dass er nicht zu dunkel wird.
  • Den Boden aus dem Ofen nehmen und etwas abkühlen lassen.
  • Im Wasserbad die Schokolade in der Kokosmilch  schmelzen, die Vanille hinzugeben und alles schön glatt rühren.
  • Die Schokoladenmasse auf den Boden geben und die Tarte für ein/zwei Stunden in den Kühlschrank geben, damit der Belag sich setzt und hart wird.

Danach ist Selbstdisziplin gefragt. Schokoladiger geht es kaum!

Guten Appetit!

Herrlich unspektakulär und die vielen Rezepte der Buchmesse

Paleo lebenWandern, Lesen, Zeit haben. Herbstsonne genießen, Essen planen und durchatmen. An Menschen denken und ein Päckchen packen. Neue Träume auf ihre Realitätskompatibilität überprüfen. Versuchen, nicht so viel fotografieren zu wollen und mehr bewusst für die Erinnerung zu sehen… Eine kleine Rauszeit.
Denn am liebsten bin ich zwar daheim, aber die sonnigen Herbsttage ziehen einen noch weiter fort vom Schreibtisch mit dem Arbeitstelefon. Und das, was muss an Arbeit, kann bei dem veränderten Arbeitsmodell ja zum Glück einfach mal eingepackt und mitgenommen werden. Es geht tatsächlich und mein Kopf ist entspannt wie seit Jahren nicht. In den letzten Jahren hatte ich oft Probleme, schnell vom Alltags- in den Urlaubsmodus umzuschalten. Ein blödes Konzept, das einem da aufgedrängt wird. Rechtzeitig, also frühzeitig den Urlaub planen müssen und dann hoffen, dass alles gut wird. Zum ersten Mal ist es umgekehrt, sich Zeitfenster spontan nehmen, durchschlüpfen und sich überraschen lassen, da man gar nicht die Zeit hatte, sie mit Erwartungen zu überfrachten. Die Tendenz hatte ich durchaus. Mein Vorfreude-Konzept war oftmals ein stark ausgeprägter Wunsch nach Flucht aus dem Alltag. Ernüchternd war dann meist die Feststellung, dass die Rauszeit begrenzt und der wiedereinsetzende Alltag effektiv in der Zersetzung von Erholung war. Auch in arbeitsintensiven Zeiten versuche ich jetzt mir meine Momente zum Durchatmen zu nehmen und mir immer wieder bewusst zu machen, was ich möchte und was mir gut tut. Und manchmal heißt das nur, abends mal alle Telefone unbeachtet zu lassen, in der Mittagszeit einen kleinen Spaziergang zu machen oder eben schnell zu entschlüpfen, wenn es gerade geht. Sei es nur in den nächsten Wald oder für ein paar Tage in ein kleines Haus in einen ferner gelegenen Wald, mit anderem Licht und anderen Gerüchen und Raum für neue Gedankenimpulse.
Vor gut einem Jahr habe ich meinen Job in der großen Stadt Berlin in den Endspurt geschickt. Haben wir unsere Wohnung gekündigt, ohne genau zu wissen, ob es alles gut geht. Zwei Festanstellungen, die wir aufgegeben haben, eine grobe Vorstellung, wo wir hinwollen und eine intensive Gedankenwälzphase, wie man die eigenen Fähigkeiten in ein anderes Arbeitsmodell übertragen kann. Zugebenermaßen hatte ich oftmals unruhige Gedanken im Kopf rumpeln, ob das alles gut geht, ob ich mich nicht zu sehr an das Leben in der Stadt gewöhnt habe, ob wir genauso gut gemeinsam arbeiten wie leben können. Ob wir realistisch planen.
Ich habe Sicherheiten immer gemocht, aber das Leben beweist einem auch immer wieder, dass es wirkliche Sicherheiten nicht in der Form gibt, dass sie in Stein gemeißelt im Regal stehen und einfach bleiben, egal ob finanziell oder emotional, man muss immer auch selbst etwas dazu beitragen, dass es weiter geht, dass es gutgeht, dass sich immer ganz viel ändert und dass das gar nicht so verkehrt sein muss. Ich glaube diese Unsicherheiten auszuhalten und sich nicht an bestimmten Vorstellungen festzubeißen, ist die größte Sicherheit, die man sich selbst geben kann. Und wenn man sie sich nicht selbst gibt, sondern an bestimmten Zielen, seien sie materieller oder zwischenmenschlicher Natur, festmacht, dann wird man unweigerlich wieder in Unsicherheiten getrieben.
Das Umdenken ist anstrengend und ein andauernder Prozess, aber er befreit ungemein und macht viele Dinge plötzlich einfacher, denn man ist weniger getrieben und entwickelt eine neue Art der Bescheidenheit. Insofern bescheiden, dass man annimmt, was man erreicht hat und wertschätzt, was einem umgibt und nicht immer noch mehr oder anderes möchte, weil es einen vermeintlich eine neue Sicherheit bietet oder einen Schritt weiter in einem Plan bedeutet, der vielleicht gar nicht der eigene ist.
Das soll nicht abgehoben klingen, es ist nur eine Erkenntnis, die sich durchsetzt in meinen Kopf und in dem, wie ich mein Leben gestalte. Fixe Ideen, können zu Träumen werden, können Gestalt annehmen. Wenn man bereit ist, etwas dafür zu tun. So abgedroschen es klingen mag: Von nichts kommt nicht.
Zwei Stunden Yoga bedeuten keine wahre spirituelle Erfahrung und ein teures, schönes Kleid machen mich nicht zu einem schöneren Menschen.
Aber wir werden darauf trainiert, allen Bereichen in unserem Leben mit einem Konsumentenverhalten gegenüber zu treten. Bei dem man nimmt und einfordert und konsumiert aber nicht selber investiert und gibt.
Der besondere Mensch fragte mich an unserem ersten Tag in dem kleinen Haus, was ich dem Tag bringen möchte. Nachdem ich den Satzbau erst einmal in Gedanken hin und her gewendet habe, das klang so seltsam, machte es Klick und machte Sinn und ich fand es richtig. Was der Tag uns bringen soll… Immer sollen die Dinge und Menschen und Momente uns etwas bringen – wir sind einfach eine Spezies mit der Tendenz zu ausgeprägtem Egoismus. Und wir schaffen es ja sogar noch das Geben in eine narzisstische Handlung zu verdrehen. Da macht das Umdrehen Sinn. Was bringe ich dem Tag, der Zeit, die ich habe? Das heißt nicht, dass ich nun die Pläne für eine Revolution entwerfe, aber es kann in der persönlichen Konsequenz ganz einfach und einschneidend in der Frage enden: Habe ich meine Zeit sinnvoll genutzt? Habe ich etwas zurückgegeben? Man vergräbt solche Gedanken oftmals tief und in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft wie der unseren werden viele für sich die Frage positiv beantworten, aber werden im Endeffekt nur ihren Egoismus befriedigt haben. Denn das lernen wir ja, konsumieren und erfüllte Konsumwünsche mit etwas Erreichtem gleichsetzen. Dabei kann es etwas kleines sein, wie sich zu überlegen, wem man vielleicht einmal besser zuhören sollte, oder wo man nicht so genervt oder fordernd sein sollte.
Würden wir in Zeiten und in einer Gesellschaft leben, die uns aus Prinzip im Nachdenken fördern und uns mehr Raum und Zeit zum reinen Denken lassen würde, wäre diese Gesellschaft sicher eine andere.
Und was dann auch überflüssig wäre, wären diese Regalmeter an Ratgebern, die einem auf der Buchmesse an allen Ecken ansprangen. Egal welches der dort ausstellenden Länder, die Tendenz war deutlich: Die Menschen wollen Antworten und Rückversicherung, weil sie tief drinnen eben doch spüren, dass etwas nicht in der Balance ist.
Aber sie wollen es schnell, sie wollen die schnelle vegetarische Küche, die 15 Minuten Yoga täglich, sie wollen in drei Dates zum finanzstarken Versorger-Traummann, mit zwanzig Tricks zum Manipulationsgenie im Meeting, in zwei Wochen zur Traumfigur, in drei Schritten zur perfekten Gastgeberin, mit simplen Kniffen schöner Wohnen, auf hundert Seiten zu perfekten Eltern und einen funktionierend Paar und in drei Bänden glücklich und zufrieden werden.
Statt all dieser Bücher, die Ausgeburt der Marketingmaschinerie einer Industrie sind, sollte man vielleicht kleine mentale Kneifzangen verteilen, die einem laut ins Hirn brüllen, bis ein Aufwachen einsetzt. Denn der leise Stupser wird nichts bringen. Aber man kann sich auch ganz gut immer mal wieder selber kneifen und Entscheidungen und Motive prüfen und sich vor allem frei machen von all dem, was und wie wir sein sollen. Und dann braucht es nicht die große Bühne oder den vor sich her getragenen Erfolg. Nein, dann lässt es sich ganz zufrieden, herrlich unspektakulär, leben.
Das ist einen Versuch wert.