Von muskelbepackten Skandinaviern auf der Buchmesse und vernachlässigten Steckrüben

steckrübeWer mag sie nicht, die Skandinavier. Sie befeuern Kinderfantasien bis ins Erwachsenenalter mit ihrer Holzhütten-Idylle und so einem Birkenwäldchen-am-Fluss-im-kühlen-Sonnenschein-Charme. Sie sorgen dafür, dass der chinesische Besuch einem erzählen kann, dass er daheim in Peking dieselbe Lampe eines skandinavischen Möbelkonzerns stehen hat.  Der urbane Jungskandinavier hat den hippsten Bart und die schönsten Tatoos, die Mädels den frischesten Teint und die längsten Beine und sind eine gemeine Messlatte, wenn man sich die Entwürfe so manches schwedischen Modehauses anschaut.  Wer hat nicht schon einmal den Urlaub gebannt hinter den Seiten eines skandinavischen Krimis verbracht? Und es gab eine Zeit, da kam coole Musik konsequent von nordwärts. Die arbeitenden Mütter in Skandinavien sind die entspanntesten in ganz Europa, die Kinder sind am besten verwahrt und irgendwie ist alles so Mittsommernachts-Blumenkranz-mäßig  schön und dank nordischer Frische nicht Kitsch, sondern clean und Design, statt einfach Form und Muster.

Man hätte viele Gründe den Staaten im Norden Europas nicht die Butter auf dem Brot zu gönnen, wenn man sich so anschaut, wie sehr die skandinavische Marke perfektioniert worden ist. Da hat ein beschaulicher und in sich ganz vielschichtiger Teil der Welt es geschafft, heimlich, still und leise eine wasserfeste Markenidentität aufzubauen, die alle regionalen Unterschiede überwindet, bzw. als einzelne Stärken einbaut und mit Frische-Luft-rote-Wangen-Charme und gefälligen Design viele Bereiche unseres Lebens beeinflusst und gutes Geld macht. Den Skandinaviern haftete etwas sympathisches an. Auch ich freue mich schon auf ein paar Tage auf einer stürmischen dänischen Insel, wo der Supermarkt nach Aufbackgebäck riecht (das ich nicht esse, auch im Urlaub) und einen zurück katapultiert in die Urlaube aus Kindertagen. Wo man mit einem „Hej!“ gegrüßt wird, das sich nicht nachahmen lässt.  Und das cleverste: Sie haben eine intelligente, aufgeklärte, kritische, Design-und Nachhaltigkeits-affine Konsumentengruppe am Wickel.

Nicht auszudenken, wenn die großen Marken aus dem hohen Norden aus dem städtischen Umfeld und den Schöner-Schein-Magazinen verschwinden würden.

Da würden gesicherte Quellen des guten Geschmacks plötzlich versiegen. Ich meine, hat sich mal jemand den aktuellen Ikea-Katalog angeschaut ohne innerlich bereits eine Einkaufs-Wunschliste zu erstellen? Das Magazinformat, die Betonung des individuellen Stils, das ist wirklich eine Glanzleistung! Ehrlich. Man erkennt sich selber, oder findet persönliche Highlights und kann vergessen, welch weltumspannende Logistik hinter dem tonangebenden skandinavischen Geschmack steht.

Bei der Buchmesse haben sie mich auch wieder beeindruckt. Allerdings nicht mit Kriminalliteratur und Design-Schnickschnack-Literatur, sondern mit zwei Paleo Kochbüchern, die ein dänischer Verlag dort vorstellte. Alleine der Name für die Steinzeiternährung kullert einem  lustig im Kopf herum: „Stenalderkost“. Genau. Das klingt irgendwie lecker für den Nicht-Muttersprachler. In das eine Paleo-Buch habe ich hinein geblättert und auch wenn meine Dänischkenntnisse nur in meinem Kopf existieren, liess sich das ein oder andere erahnen und durch ähnliche regionale Produkte, kann man die meisten der solide köstlich aussehenden Gerichte hier nachkochen.

Und ansonsten kommt der Hauptakteur des Buches, der Autor und Koch Thomas Rode, muskelbepackt, wahlweise im echt coolen Vintage-Auto, mit dem Reh über der Schulter oder beim Feuermachen am See, zum Zuge. Das ist eine Bildsprache für manchen Mann und auch für Frauen, die von männlichen Muskeln und veralteten Ganzer-Kerl-See-Romantik-Szenen träumen.

Was mich dabei beeindruckt hat, ist die neue Richtung, die hier in der Gestaltung eingeschlagen wird. Kein trocken anmutendes Kochbuch mit viel Theorie, kein reiner Foodporn-Bilderreigen, den man nicht nachbilden kann und will und auch keine Angst-machende amerikanische Super-Mami. Sondern eine zielgruppengerechte Aufmachung (Männer, meist  aus dem Crossfit Bereich, die auf ihre Ernährung achten), die auch Frauen anspricht und deshalb gekauft wird. Da wirkt das Paleo-Konzept nicht abseitig, kompliziert, oder irgendwie unangenehm anders (denn anders sein wollen wir ja nicht, nur unglaublich individuell) sondern kommt herzerfrischen mainstreamig daher.

Das dumme an diesem Fundstück – es ist noch nicht erschienen in Deutschland. Aber es lohnt sich die Augen offen zu halten und zu hoffen, dass zeitnah eine Übersetzung den Weg in den deutschen Buchhandel findet.

Und um den Bogen zurück zum regionalen Essen zu schlagen: Ich habe die Steckrübe entdeckt. Ich kannte sie bisher vor allem als Steckrübeneintopf mit schlechtem Image aus Erzählungen, oder aus der Literatur. In Frankreich fiel sie mir unter dem Namen Navette in die Hände und das klang so nett, dass ich sie mitgenommen habe für ein herbstlichen Schmortopf.

Steckrüben-Schmortopf

700 Gramm Fleisch nach Wahl (Rinder oder Schweineschulter)
500 Gramm Steckrüben, in Stücken
4 mittlere Zwiebeln, geviertelt
0,5 Liter trockener, kräftiger Rotwein (hier war es Corbière)
5 Lorbeerblätter
5 Nelken
3 Esslöffel Senfkörner
ein Stück Zimtstange nach Geschmack
Salz
Pfeffer
1 kleine, scharfe, getrocknete Chilischote, gehackt
Fett/Öl zum Anbraten

  • Das Fleisch (kann am Stück verwandt werden, oder bereits  vorab in Stücke geschnitten werden) großzügig scharf in Öl anbraten, nur so kurz, dass sich die Poren schließen und ein schönes Brataroma entsteht.
  • Salzen und Pfeffern.
  • Die Zwiebeln und die Steckrübe dazugeben, kurz mit anbraten, die Gewürze dazu und alles mit dem Rotwein angießen.
  • Deckel drauf und ca. 1,5 Stunden schmoren, danach noch einmal mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Das war es schon. Wer mag, serviert schlichten Feldsalat mit Walnüssen dazu.

Guten Appetit!

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Von muskelbepackten Skandinaviern auf der Buchmesse und vernachlässigten Steckrüben

  1. Mhmm.. Das Rezept probiere ich mal aus!! Ich hab Steckrüben auch für mich wieder entdeckt- bis jetzt nur als Gemüsebeilage oder Cremesüppchen 🙂 Total lecker!! Mir hat nur eine ältere Dame erzählt, dass die Steckrübe vor allem nach dem 1. Weltkrieg, aber ah nach dem zweiten als Ersatz für Kartoffeln gegessen wurde und daher ein „Arme-Leute-Essen“ war. Unverständlich..:)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s