Alternde Fräuleinwunder und (m)ein Rezept für Zufriedenheit

AltwerdenSo schnell geht ein Wochenende um, wenn es mit liebenswertem Besuch und guten Gesprächen gefüllt ist. Und ganz plötzlich wird einem wieder bewusst, was sich alles verändert hat innerhalb eines Jahres und wie gut es ist, wenn Beziehungen, das Netz an Kontakten, mitwächst und Bewegungen aushält. Das ist ja nicht selbstverständlich. Oft steht man Menschen nahe, fühlt sich eng und verbunden und stellt dann fest, dass diese Nähe vielleicht sogar lähmt oder eben zu keiner Seite hin eine Entwicklung zulässt. Das gehört dazu. Ein Abnabeln nicht nur von den Eltern, sondern mitunter auch von anderen Menschen im Leben.
Schöner ist es, wenn es anders ist. Oder wenn man die Chance einer Wiederentdeckung bekommt. Wenn da vielleicht ein Moment, ein Abschnitt der Zurückgezogenheit war, die Wege in unterschiedliche Richtungen liefen und man sich dann wieder begegnet und feststellt, dass man in eine ähnliche Richtung blickt.

Dank intensiver Medienberichterstattung über deutsche Fräuleinwunder-Exportschlager hat mein Hinterkopf während des Besuches angestrengt über das Alter nachgedacht. Ob es wirklich so ein Schreckgespenst ist, wie einem eine Halloween-Verkleidung vielleicht sagen will.
Und dabei fragte sich der Kopf vor allem, wie es sich wohl anfühlen wird, das Älterwerden? Und wann werde ich anfangen es zu fühlen? Wo stehe ich selber eigentlich gerade auf dieser Zeitschiene, die immerzu bemüht wird, um uns zu verorten.

Und  plötzlich dämmerte mir etwas: Erwachsen fühlte sich das an dieses Wochenende. Echt, ungekünstelt und da sich niemand produzieren musste, sondern echtes Interesse die Gespräche prägte, war es sehr inspirierend. Und so konnte Neues entstehen, das nicht in die langen Berliner Nächte gepasst hat, aber sich gut einfügt zwischen Waldwegen und Esstisch.

Und dann fühlt sich Erwachsensein anscheinend richtig gut an. Nun könnte man meinen, dass man mit über Mitte Dreißig ja mal bitte das Erwachsenwerden längst hingekriegt haben sollte, aber so ist das eben nicht. Es wäre furchtbar, wenn ich jetzt schon fertig wäre… Wo bliebe dann die Neugier auf die kommenden Jahre? Ich weiß nicht, was da alles kommt, wo ich in ein, zwei, drei,…zehn Jahren bin… Und das gefällt mir. Intensive Gespräche, wie die des Wochenendes, führen mir dann auch noch einmal vor Augen, dass ich und viele andere meiner Generation den Begriff Reife allzu leichtfertig negativ besetzt haben. Schön ist er, der Punkt, an dem man nicht mehr beweisen muss, dass man die ganze Nacht durchhält, an dem es ok ist, die Runde aufzulösen, wenn alle in zufriedenes, müdes Schweigen verfallen. Der Punkt, an dem man ganz selbstbewusst sagen kann, ich brauche bestimmte Dinge nicht mehr, will sie für mich so nicht mehr. Das macht die Erfahrungen der Vergangenheit nicht klein, es ordnet sie nur eben genau dort ein, wo sie hingehören, in der Vergangenheit. Ich muss und will mit Mitte Dreißig nicht mehr leben wie mit Mitte Zwanzig und ich muss auch nicht mehr reden, mich benehmen und mich kleiden wie das frühere Ich, das ich nicht mehr bin.

Und wenn man einmal innehält und so einen Moment der Veränderungen feststellt und ihn ohne Verlustangst hinnehmen kann und sieht, wie gut und wichtig es ist, dass sich die Dinge ebenso ändern wie die Menschen, dann macht auch der Blick in die ferne Zukunft neugierig und großen Spaß.

Er bereitet mir Vergnügen, aber ich frage mich dann auch, ob mein positiver Blick in die eigene, private Zukunft verknüpft werden kann mit einem eher skeptischen Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, die unseren zukünftigen Lebensraum mit prägen werden.

Wie kann denn eine Gesellschaft reifen und älter werden und im Alter wachsen und dadurch einen positiv besetzten Raum für die begründen, die nachkommen, wenn die erwachsenen, mündigen Geister der Stunde gesteuert sind von falschen Bildern? Das Heil im Konsum suchen, einer in allen Bereichen des Lebens angesiedelten Industriekrake Einflussnahme und Zuständigkeit einräumen und in ein Problem verkehren, was der natürlichste aller Prozesse ist: das Altern.

Wir sind endlich. Wir gehen und machen den Weg frei. In anderen Zeiten und anderen Kulturen gingen wir mit unseren Überresten in einen Kreislauf über, der neues Leben aus der Vergänglichkeit schuf. Heute muss man im Alter Best Ager sein.  Bekommt ein auf das Alter zugeschnittenes Angebot an Dienstleistungen und Produkten um die Ohren gehauen, das noch einmal die  ganze Klaviatur der Marketingmaschine abspielt, um abzugreifen, was geht, bevor die Finger vielleicht zu schwach werden zum Geld ausgeben.

Sicher, bis dahin ist es noch ein Stückchen Weg, aber man sieht am Rande schon welche Bilder uns in der  Zukunft aufgedrängt werden. Haben wir clever gespart? Können wir unsere Immobilie, unsere Enkelkinder, unser erfülltes Leben vorweisen? Eigentlich funktioniert das alles immer ganz einfach und ganz gleich mit dem Marketing: Identifiziere Deine Zielgruppe und dann locke sie mit dem, was intellektuell und im Bereich des Konsums genau einen Schritt außerhalb ihres Lebensrahmens liegt. Der Antrieb mehr sein zu wollen, aufzusteigen, treibt uns an. Denn es gibt ein Oben und ein Unten. Und egal wie intelligent und reflektiert wir auf die Welt um uns blicken, einen Trigger hat jeder von uns und der wird auch gedrückt, die Frage ist nur, ob man sich nicht lieber vorher bewusst machen will, dass es ihn gibt, oder man sich einfangen lassen will von Bildern und Versprechungen.

Und so wird der bekanntlich wachsende, älter werdende Teil der Bevölkerung, als Zielgruppe vermessen und mit Angeboten überhäuft, während in der nachfolgenden Generation das Alter noch in die Ferne gerückt und an der Jugend festgehalten wird. Man hat fast keine Entschuldigung mehr heutzutage mit 40 nicht auszusehen wie mit 30. Alles möglich. Und während man noch abwehrt und mit Dreißig nach außen hin verlacht, was einem die Kosmetikindustrie an Makeln aufzeigt (denn wofür bräuchte man all die Lösungen, wenn da nicht Fehler wären…), wird der Blick im Lauf der Jahre kritischer, hört das halbe Ohr vielleicht doch auf die Versprechungen und wünscht sich den Blick strahlender und den Teint frischer… Und zack, hat sie einen, die Mühle. Und statt anzunehmen, was unweigerlich passiert, wird das Ich wieder vor einen Zerrspiegel gestellt.

Sicher, wenn der eigene Körper dann nicht mehr alles mit der Kraft bewerkstelligt, die man jahrelang gewöhnt war, dann ist das ein Einschnitt. Aber sollte man sich nicht erst mal dafür in den Arm nehmen, dass man es bis dorthin geschafft hat, die Schritte als Siege und nicht als Niederlagen und die vergangenen Jahre als Gewinn an Erfahrung und nicht als Verlust an Jugend zu sehen?

Das ist meine, vielleicht naive Sicht, mein Wunsch an mich, meine , wie ich mir ein gesundes Älterwerden in Balance vorstelle.
Dazu gehört auch, mir heute schon darüber bewusst zu sein, dass ich älter werde, ohne mich ängstigen zu lassen.
Ich habe tatsächlich Alters-Kitsch-Fantasien, in denen ich irgendwo im ländlichen Raum gemeinsam mit dem besonderen Menschen mit dem Rollator zu einer Bank in der Herbstsonne schlurfe, ganz langsam, die Eile braucht man nicht mehr und mit einer erfüllenden Zufriedenheit. Einer Zufriedenheit, für die ich jetzt den Grundstein lege.
Dieses Bild lässt mich innerlich grinsen und was ich für seine Verwirklichung tun kann, werde ich tun. Und dazu gehört eben auch, das Jetzt zu genießen, nicht das „Wenn ich…-Dann“. Denn das rückt immer weiter in die Ferne, je länger ich warte, mein reiferes Ich ans Licht zu holen.

Dieses neue Ich, das fühlt sich nicht spießig an, sondern wunderbar befreiend.

Ich habe lange Jahre nie so ganz verstanden, ab wann man sich denn nun richtig erwachsen fühlen soll und wie das überhaupt aussieht. Dieses Wochenende bin ich dem quasi im Spaziergang ein ganzes Stück näher gekommen. Es sieht noch genauso aus wie früher, aber es fühlt sich ganz schön gut an.

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