Wärme, Strickjacken, die letzten Nomaden und Petersilienwurzeln

Petersilienwurzel mit LammSo, nun ist es endgültig kalt. So kalt, dass die Katze meist nur kurz die Schnauze aus der Tür hält und sich dann doch für einen Tag im Warmen entscheidet. Ich kann es ihr nicht verübeln. Und während draußen die ersten weißen Flocken rieseln, sucht der Schweinehund nach kuscheligen Argumenten um den Spaziergang ausfallen zu lassen. Es ist ja auch so kalt…

Dann dreh doch die Heizung auf, Mmh, ja. Und dann explodiert der Gaszähler. Wir versuchen so viel es geht mit der Holzheizung zu heizen und haben uns nun auch für das Arbeitszimmer einen Ofen organisiert, damit einem bei einem langen Tag vor dem Rechner nicht die Hände abfallen. Sitzen lässt einen auskühlen. Ich finde es ist überhaupt nicht nötig im Winter alles so aufzuheizen, dass man in dünnem Hemd und barfuß durch die Wohnung laufen kann, das finde ich angesichts unserer beschränkten Ressourcen eher erschreckend realitätsfern. Aber man muss sich ja nun auch nicht aus Prinzip total verfrieren lassen und irgendwann hat man dann so viele Schichten an, dass man in Unbeweglichkeit verharrt. In Berlin habe ich über sieben Jahre in einer charmanten Wohnung mit Ofenheizung gewohnt. Schichten perfektionieren ist mir nicht fremd, aber ich genieße es auch morgens erst einmal die Heizung anzustellen, wenn der Ofen über Nacht ausgekühlt ist. Schon seit Längerem versuche ich jedoch beim Heizen meinen Verstand mit einzuschalten. Einen Raum konstant auf über 20 Grad zu halten, den ich nicht nutze? Stickige Heizungsluft über Nacht? Angefangen hat das Umdenken, wie bei den meisten auch, leider erst mit den steigenden Preisen für Strom und Gas, der Schock einer saftigen Nachzahlung, wenn der kalte Winter gerade vergessen ist… das möchte ich mir ersparen. Und ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Auch für unsere kuschelig-warmen Winterwohnungen zahlt jemand anders einen Preis. Einen Preis, der letztlich höher ausfällt als eine Gasrechnung und uns alle betrifft. Wenn wir hier im Westen also die Heizungen aufdrehen und der Gaszähler zu rotieren beginnt, sollten wir nicht vergessen, dass zeitgleich etwa in der Tundra am Nordpolarmeer der Lebensraum eines der letzten Nomadenvölker zerstört wird.

Unaufhörlich wächst die Zahl der Gasbohrtürme, die der russische Konzern Gazprom in der Tundra aufstellen lässt um den Gasverbrauch Westeuropas zu bedienen. Und es stört ja erst einmal keinen, denn das Volk der Nenzen, die traditionell in diesem Bereich leben, ist zu weit weg, als dass sich irgendjemand aufregen würde. Macht irgendwie nicht so viel her, ein Rentier-Nomadenvolk vom Rande des Polarmeeres.

Wir schauen auf andere Orte, die laut Medien unsere Hilfe und Unterstützung brauchen und übersehen, was unser so selbstverständlicher Komfort für Auswirkungen hat. Nicht nur, dass der Lebensraum der Rentiere immer weiter eingeschränkt wird, die Ansiedlung der Gasindustrie in der Region hat noch viel verheerendere Folgen für ein Volk, das es bis ins 21. Jahrhundert hinein geschafft hat seine Traditionen zu bewahren und einem nomadischen Lebensstil zu folgen. Jetzt sind sie da, die Arbeitersiedlungen, das schnelle Geld und der moderne Lebensstandard. Natürlich, niemanden möchte man vorenthalten einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Nur kommen wir einmal mehr mit den falschen Versprechungen einer materialistischen Welt daher, die Komfort und Modernität versprüht und eine Distanz schafft zu dem Lebensrhythmus, den sich diese Menschen so lange erhalten haben. Was dort gerade passiert, kann über das Ende einer weiteren Gesellschaftsform entscheiden. So dramatisch das klingen mag. Ist das Land in Konzernhand, ist irgendwann kein Platz mehr für die Rentiere und sind alle Kinder im staatlichen Ausbildungssystem untergebracht und schlagen konventionelle Berufswege ein, fehlt eine Generation, die Traditionen am Leben zu halten. Es braucht nicht viel um Traditionen sterben zu lassen und überliefertes Wissen ins Vergessen zu schicken – eine Generation, die sich nicht mehr für das interessiert, was so lange selbstverständlich war, und wer holt dieses Wissen dann zurück, wenn ein Bewusstsein dafür zurückkehrt? Wurde dieser Fehler nicht schon viel zu oft gemacht um ihn immer wieder zu wiederholen? Es scheint auch, dass ein nomadischer Lebensstil in seiner Unabhängigkeit schlecht passt zu einer Welt, in der alles immer weiter vernetzt wird und man von den Kontobewegungen über den Flugverkehr bis zu den Routen der Zugvögel einfach alles immer irgendwie im Blick haben kann. Aber wer hat das denn im Blick? Der einzelne, der so vor sich hinlebt und dabei vergisst, dass sich sein gesamtes Leben in wunderbaren Datenströmen wiedergeben lässt?  Es werden immer weniger Menschen, die ein Leben- und Gesellschaftsmodell abseits der sich ansonsten furchtbar schnell synchronisierenden Gesellschaft aufrecht erhalten können. Gibt es keine Möglichkeit diesen Menschen eine Wahl zu lassen, statt sie in Abhängigkeiten zu schicken, die sich als neue Freiheiten tarnen? Wo ist denn ein Land unter den vielen Ländern, in denen der Westen in den letzten Jahren sein kapitalistisch-demokratisches Heilsversprechen durchgedrückt hat, dem es wirklich und eindeutig besser geht? Komischerweise geschieht die Annäherung an den Westen nicht so schnell wie man meinen mag. Das sind Geburtsschmerzen, nicht wahr?  Die Medien bedienen ohne vor Scham rot zu werden Feindbilder und Klischees (das machthungrige Russland und der böse Muslim, der unsere Freiheit hasst sind zwei davon) und wir schlucken sie und nicken gutheißend mit dem Kopf, wenn wieder eine demokratische Bewegung medienwirksam inszeniert wird oder die Modernität Einzug hält und uns neue Ressourcen erschließt.  Wer profitiert? Das ist wohl letztlich überall die alles entscheidende Frage. In vielen Bereichen wir, mit unserem Lebensstil. Wir haben zu viel von dem, was wir nicht brauchen, und was wir noch nicht haben, das werden wir bald wollen. Und wir haben viel zu oft zu wenig von dem, was uns dringend gut täte: Empathie, Weitblick, den Mut hinzuschauen und zu sehen, was passiert und zumindest für sich persönlich daraus Konsequenzen zu ziehen und so zu handeln, dass wir unseren Spielraum nutzen. Es geht uns gar nicht so schlecht, da können wir uns ein bisschen Unbequem-sein eigentlich leisten. Und nicht nur zur Weihnachtszeit 10 Euro spenden für Brot für die Welt oder den Frieden am anderen Ende der Welt, sondern auch das restliche Jahr schauen, wo unser Lebensstandard sich überall wie auswirkt und wie wir langfristig etwas ändern können. Wir müssen das nur wollen.

Und das heißt nicht, dass wir nun alle frieren müssen. Davon hat keiner was, aber der schüchterne Griff um die Heizung aufzudrehen kann eine Entscheidung für eine Veränderung ein.

Manchmal wünschte ich, ich wäre meine Katze, die hat ein dickeres Fell.

Gutes Essen macht zum Glück auch warm.

Schnelles Petersilienwurzelgemüse mit Lammsteaks

Petersilienwurzel (ca. 350 Gramm)
1 große Zwiebel
2 Lammsteaks
Kokosöl
Salz
Pfeffer

  • Die Petersilienwurzel und die Zwiebel schälen und in einheitliche, kleinere Stücke schneiden.
  • Das Gemüse nun in großzügig Kokosöl andünsten und salzen und pfeffern. Auf mittlere Hitze weiterdünsten, die Petersilienwurzel darf gerne ein bisschen Röstraroma bekommen.
  • Die Lammsteaks pfeffern und von beiden Seiten kurz scharf in Kokosöl anbraten, damit sich die Poren schließen. Etwas 1-2 Minuten pro Seite. Dann jede Seite noch etwa 5 Minuten bei mittlerer Hitze weiter braten. Zum Ende hin salzen und das war es auch schon!

Guten Appetit!

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2 Gedanken zu “Wärme, Strickjacken, die letzten Nomaden und Petersilienwurzeln

  1. Hallo!
    Wie recht du doch hast und wie viel Wahrheit immer in deinen Gedanken steckt, lese ich sehr gerne. Gerade die Maßnahmen und Dinge die unserem Planeten und auch uns Menschen helfen würden sind meist die, die vielen zu unbequem sind um sie anzugehen. Und wenn unsere Erde daran zugrunde geht, werden sich 95% plötzlich fragen: „Uii, wie konnte denn das passieren?“ Und natürlich nimmt sich selber keiner in die Verantwortung und die anderen sind wieder schuld. Man wird vl auch noch blöd angesehen wenn man sich um solche Themen und Probleme die wir verursachen Gedanken macht. Weil es muss ja nur uns selbst gut gehen, ist ja ganz klar.

    LG

    • Hallo Christoph,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! Manchmal ist es etwas bedrückend hinter so vielen alltäglichen Dingen eine andere Seite zu sehen/ zu entdecken als die, die wir so als gegeben hinnehmen. Aber wenn wir so tun als wäre alles in Ordnung, ändert sich ja nun einmal nichts…Es hilft also nichts: Die eigene Unbequemlichkeit immer wieder hinterfragen, sehen dass man Gleichgesinnte findet und nicht verbittern, sondern sich freuen, dass man es anders machen kann.
      Ein schönes Wochenende!

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