Starke Frauen, körperliche Krisengebiete und ein einfacher Seelenschmaus: Steckrüben-Rindfleisch-Eintopf

Steckrübeneintopf mit RindfleischDa dachte man gerade, man wäre auf der Zielgeraden und trainierte sich Oberarme wie Michelle Obama an, aber bitte nicht zu sehnig, und freut sich, dass angeblich fit und gesund die neue Kleidergröße „unterentwickelter Teenager“ ist, da lassen die Medien den Blick wieder weiter nach unten wandern am weiblichen Körper. Und angsterfüllt, können wir nicht wegschauen, sondern lassen ebenfalls die Augen wandern. Nur um dann schamhaft die Oberschenkel übereinander zu schlagen, denn da ist sie verortet, die neueste Problemstelle: Die Thigh Gab, oder leichter auszusprechen aber weniger exotisch: Die Oberschenkel-Lücke.
Wenn Frau sich also gerade hinstellt und die Füße zusammenstellt, dann sollte eine Lücke bleiben zwischen den Oberschenkeln. Sollte. Vielleicht sollte man Frau dazu aber auch den ehrlichen Tipp geben, dass dieses Ideal schwer zu erfüllen ist und bei den meisten Frauen nur dann entsteht, wenn sie so geboren sind oder sich deutlich zu sehr runter gehungert haben. Dass viele Modells Lücken aufweisen, mag auch daran liegen, dass diese gerade im großen, exklusiven Modezirkus noch in pubertären Körpern stecken. Mal abgesehen davon, dass der Körpertyp Frau, der auf all den Bildern und in der Werbung die Blicke auf sich zieht, nur etwa einem Anteil von 5 % der Frauen entspricht.  Diese Frauen sind einfach so geboren, mit einem großen, schlanken bis sehr dünnen Körper. Aber irgendwie will es uns wohl nicht in die Köpfe, dass wir mit bestimmten festgelegten  körperlichen Parametern geboren sind, die nicht zu ändern sind. Und egal wie wir durch die Welt laufen, ist jeder Körper dann am schönsten, wenn er gesund ist, innen und außen. Das mit der inneren Schönheit, ne? Ja. Das ist etwas verdreht worden im Laufe der Jahre, es ist wohl eher die innere Balance, die mit dieser inneren Schönheit gemeint ist. Und es wird einiges dafür getan, uns immer wieder aus dieser zerbrechlichen Balance zu bringen. Denn Schönheitsideale wechseln,  ganz subversiv schleichen sich für eine bestimmte Zeit immer bestimmte (Stereo-)Typen in die Bilder ein, die uns vorgesetzt werden.  Das alles auch immer mit einer großen Portion „Man muss nur wollen“. Sind wir in einen anderen Körper geboren, als in den, den uns die Medien als temporär idealtypisch servieren, sind wir also selber schuld, wenn wir nicht alles dafür tun uns genau dahin zu verbiegen. Es ist aber einfach nicht möglich. Da helfen uns keine x Diäten, Fitness-Programme und teuren Mittelchen und Eingriffe.  Also leben wir in einem andauernden Krisengebiet, und das geht uns im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut.

Und wann immer sich nun die Oberschenkel berühren, wird man darauf aufmerksam gemacht, dass etwas noch anders, noch besser sein könnte. Dabei ist dieses Stöckchenbein-Ideal kein neues.

Aber mit dem immer wiederkehrenden Hype um ständig wechselnde Mediengrößen tritt immer wieder auch ein neuer Hype in Sachen Schönheit ins Rampenlicht. Eben wie die Oberarme von Michelle Obama, der Po einer Jennifer Lopez oder eben die Lücke zwischen den Oberschenkeln eines britischen Models, das gerade die erste Pubertätsphase hinter sich gelassen hat. Und dann schwappt es in die Magazine und auf die Blogs und es dringt zu einem vor, ob man es will oder nicht. Und dann ist diese blöde Lücke irgendwo im Bewusstsein und es scheint, sie bringt auch eine temporäre Lücke des gesunden Verstandes mit sich, denn ohne es zu wollen, wandert der Blick im Spiegel zu den Oberschenkeln und prüft, wo man da wohl steht… Das Problem ist, dass dieser Trend etwas harmlos daher kommt, denn er ist eine Ausgeburt der Werbeästhetik, die uns umgibt. Frauen in Dessous oder Bikinis oder in engen Hosen, sie alle zeigen sich mit Lücke und entsprechen unserer synchronisierten Vorstellung von schön, und makellos. Und obwohl wir wissen, was Photoshop alles kann, halten wir kurz inne und rümpfen die Nase und sagen uns wie fies es ist, dass die nicht eine einzige Delle am Schenkel haben, da können die Medien noch so viele Bilder von ungeschminkten Stars zeigen, die sind schnell vergessen, haften bleibt die Makellosigkeit. Ach ja, es gab ja auch andere Versuche. Erinnert sich noch jemand an die Zeit, in der das Brigitte Magazin ohne Modells gearbeitet hat?
Es hat nicht funktioniert. Zum einem stand (zu Recht) der Vorwurf im Raum, dass die Frauen, die für die Fotostrecken ausgesucht wurden eben doch eher Modell-Idealen entsprachen, zum anderen hielt der Abwärts-Trend der Auflage weiter an, es hat wohl nicht interessiert.

Ich habe damals ein paar Mal interessiert geblättert und ich fand es eher furchtbar, was einem da an gut gelauntem, attraktiv-erfolgreichen „Normal“-Standard serviert wurde.  Eine perfide Gehirnwäsche, sind das doch Frauen wie wir. Hmm, ja klar.  Ein bisschen in dieselbe Kerbe haut dann auch der Versuch diverser Magazine den persönlichen Kleidungsstil erfolgreicher Modeblogger in das eigene Format einzubauen. So authentisch und echt und so. Ja. Gekauft und Werbung und die Übergrößen tauchen nur im Zusammenhang mit einem neuen Hype um Übergrößenmodells auf oder werden sprachlich so feinsinnig demontiert, dass es zum Heulen ist. Sieht sie nicht schön aus in dem hautengen Kleid, das fast zwei Kleidergrößen wegschummelt und so frisch dank fülliger Apfelbäckchen?  Noch nicht schlimm genug, wenn man bedenkt, dass dieser Mist zu einem großen Teil von weiblichen Redakteurinnen geschrieben wird. Die brav konform laufen mit den Vorgaben des Mediums und der Industrie. Sprache ist ein starkes Werkzeug, ein Knopf, der noch mehr verfängt als Bilder. Denn wo Bilder wechseln, schleichen sich Begrifflichkeiten in unseren Sprachgebrauch ein und bleiben haften. Und die Bewertung, die dahinter steht, die haben nicht wir gemacht. Die haben wir übernommen. Ein eklatantes Beispiel dafür ist der Missbrauch des  Attributs stark. Starke Frauen, das sind entweder nervige Feministinnen oder Frauen mit Übergröße, will man uns weismachen. Stark ist kein schönes weibliches Attribut. Nein, nein. Wir sind tatsächlich immer noch tief verhaftet in weiblichen Idealvorstellungen, die uns als schutzbedürftige, zarte Wesen generieren. Schönheit heißt hier gefällig sein, einer Norm entsprechen und nicht aus der Reihe tanzen. Nur ab und zu mal, medienwirksam, für die Diversity. Und wer setzt uns diesen Bildern des Idealtyps Frau immer wieder aus? Wir bedienen diese Bilder, indem wir nicht lauter aufbegehren. Wir finden uns da vielleicht nicht immer drin wieder, wenn uns jemand fragen würde. Dafür sind wir zu aufgeklärt und abgeklärt und doch zupft das unsichere kleine Mädchen in unserem Inneren an unserem Ärmel und fragt sich besorgt, ob es wohl reinpasst, so wie es ist. Wir werden also in einem Zustand der andauernden kritischen Auseinandersetzung mit uns selbst gehalten. Und der Weg daraus ist schwer. Er scheint fast schwerer als weiter mitzumachen. Aber jeder Schritt auf dem Weg und jeder kritische Blick auf das, was uns da serviert wird, macht einen ein wenig mutiger und einsichtiger und stärker.

Und ich  möchte gerne stark sein.
In der Zwischenzeit gibt es Suppe fürs Seelchen:

Steckrüben-Rindfleisch-Eintopf
1 Liter gute Brühe aus Rinderknochen (ich kann nur empfehlen sich davon immer einen kleinen Vorrat einzufrieren oder einzukochen. Da die selbstgekochte Brühe so perfekt gehaltvoll ist, ist sie die perfekte Grundlage  für deftige Wintersuppen)
700 Gramm Suppenfleisch
1 Steckrübe (600 Gramm)
3-4 Lorbeerblätter
6-8 Wachholderbeeren
1-2 Teelöffel Kumin, nicht gemahlen
3-4 Nelken
1-2 Teelöffel Koriander, nicht gemahlen
Schwarzer Pfeffer
Salz
Wasser

  • Das Suppenfleisch am Stück in der Brühe mit den Gewürzen aufkochen und bei mittlerer Hitze weiterkochen bis es mürbe ist und sich leicht zerteilen lässt.
  • Das Suppenfleisch aus der Brühe nehmen und die Steckrübe schälen in löffelgroße Stücke schneiden und in die Brühe geben.
  • Das Fleisch klein schneiden und von eventuellen Sehnen befreien. Wenn das Fleisch sehr fettig ist, wird die Brühe schön gehaltvoll, dann kann man das Wabbel-Fett am Fleisch auch entfernen. Nicht jeder mag das.
  • Das Fleisch zu den Steckrüben in die Brühe geben, nun kann noch etwas Wasser nachgegossen werden, damit alles bedeckt ist. Ca. 45 Minuten weiter köcheln lassen, bis die Steckrüben gar sind. Nun noch einmal abschmecken und gegebenenfalls nachwürzen.

Guten Appetit!

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4 Gedanken zu “Starke Frauen, körperliche Krisengebiete und ein einfacher Seelenschmaus: Steckrüben-Rindfleisch-Eintopf

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