Unerwartete Wendungen, schwierige Heldinnen und ein Rezept für kurze Nächte: Gillian Flynn

Gillian FlynnBuchempfehlungen können total daneben gehen, aber mitunter liest man etwas, das möchte man einfach jedem um sich herum in die Hände drücken, mit der nachdrücklichen Aufforderung: „Lies das.“ Damit man danach die Eindrücke teilen kann.  Das klappt nicht immer. Und bei Büchern, die einen persönlich stark berührt oder beeindruckt haben, kann so etwas sich fast schon wie eine persönliche Zurückweisung anfühlen. Wie, das hat Dir nicht gefallen? Verstehe ich gar nicht. So sollte es nicht sein. Jeder sitzt ja in seinem ganz eigenen inneren Lese-Kämmerchen und was da für untergründige Themen mitschwingen, darauf haben wir keinen Einfluss. Trotzdem sollte man niemals aufhören Bücher zu empfehlen. Geschichten am Leben erhalten, indem möglichst viele Menschen sie lesen.

Angesichts angestrengt gekrauster Stirnen in vorweihnachtlich überfüllten Buchhandlungen muss ich auch sagen, dass ich es gar nicht schlimm finde ein bereits gelesenes Buch geschenkt zu bekommen oder selber weiterzugeben. Es ist eine sehr persönliche Geste. Und wenn man weiß, dass man ein Buch nicht noch ein zweites Mal liest, sondern es still im Regal verwahrt, ist es auch ein Geste des Respekts vor dem Werk, wenn es weiter gelesen wird.  Viele Leute sehen ein gebrauchtes Buch vielleicht nicht als Geschenk von Wert an, oder aber sie horten die gelesenen und ungelesenen Bände einfach auch aus ästhetischen Gründen oder um die Bandbreite des eigenen Wissen und der intellektuellen Fähigkeiten zu demonstrieren. In dem Falle ist ein gebrauchtes Buch vielleicht vergebene Liebesmüh. Ich besitze Bücher, von denen mag ich mich auch nicht trennen, einfach weil ich immer wieder reinschaue, diese verleihe ich aber gerne. Und andere verschenke ich, weil sie mir bereits den Kopf mit Geschichten gefüllt haben und nun andere daran ihre Freude haben sollen. Zu diesen Büchern gehören die der amerikanischen Autorin Gillian Flynn. Neben der Freude dominiert hier aber eher Abgründiges…

Ich habe mit ihrem aktuellen Titel Gone Girl angefangen,  und habe direkt danach noch Finstere Orte  und Cry Baby gelesen. Das erste Buch fiel mir auf zufällig in die Hände und ich war so begeistert von der Sprache, so gnadenlos, bitterböse und durchaus auch zum Schmunzeln und die Geschichte so verdreht und spannungsgeladen mit Wendungen und Abgründen, dass ich es kaum aus der Hand legen wollte.
Wer „gute“ Literatur gleichsetzt mit gedrechselten Sätzen wird hier vielleicht nicht auf seine Kosten kommen. Und wer Krimis durchweg als zu billige Unterhaltung abtut, sollte sich hier eines besseren belehren lassen.

Ich habe mich immer wieder voller Staunen gefragt, was für ein Kopf wohl solche unglaublichen Geschichten konstruieren kann. Und ein Blick auf das sympathisch-attraktive Foto der Autorin führt dazu, dass ich gerne mal bei einem Abendessen neben ihr sitzen würde. Ich habe so eine innere Liste von Autoren, mit denen ich gerne mal in der Küche sitzen würde, bei einem langen Essen, etwas Rotwein und noch mehr Tee. Aber vielleicht projiziert man da auch zu viel rein und die sind gar nicht so interessant wie ihre Bücher … Ich glaube aber irgendwie schon.

Neben der so echt wirkenden, schnörkellosen Sprache ihrer Protagonisten sind es diese selbst, die mich in den Bann der Bücher gezogen haben. Wer eine heile Welt sucht, wird bei Gillian Flynn nur die Splitter und ausgeblichenen Anziehbilder ebendieser finden. Amerikas Mainstream Popkultur in seiner  perfidesten Form.

Es gibt Menschen, die sind böse. Die suchen nur den eigenen Vorteil, sind skrupellos, kennen keine Empathie und gehen unbeirrt ihren Weg, notfalls eben auch durch Blut und Gewalt und über Leichen. Ja, ja, kennen wir schon.
Nein, so nicht ganz…  Denn im Personenkarussell findet man hier eine beeindruckende Dichte an bösen Frauen. Brutalen Frauen. Kaputten Frauen. Allerdings auf eine Weise kaputt, die kein Mitgefühl erzeugt, sondern einen das Fürchten lehrt. Und durch ihre ungnädige Haltung, ihre Zerbrochenheit und die Unfähigkeit sich anzupassen an das vermeintlich normale Umfeld in amerikanischen Kleinstädten, entlarven die Charaktere die ein oder andere scheinheilige Moral. Und das in einer zufälligen Unabsichtlichkeit, die manchmal weh tut. Immer wieder legt man das Buch aus der Hand und muss den Kopf schütteln über den Lauf den die Geschichte nimmt. Man wird gefühlt zum Komplizen der vielen abgründigen Handlungen. Dank verschiedener Erzählstränge, wechselnder Perspektiven oder einfacher Rückblenden aus unterschiedlichen Perspektiven bekommt man immer neue Puzzleteile an die Hand und entwickelt einen nagenden kleinen Wissensvorsprung gegenüber der Protagonistin, nur um dann wieder auf eine völlig unvermittelte Wendung zu stoßen.

Ein düsteres Vergnügen, das die Nächte kurz machen kann. Ich habe gelesen bis mir vor Müdigkeit sprichwörtlich das Buch aus der Hand fiel.

Da hilft morgens dann nur ein starker Bulletproof… Im Winter gerne mit einer extra Portion Zimt oder zwei deren Kardamom-Kapseln im Kaffeepulver!!

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