Neofeudalismus zum Wochenende und ein Glücksschwein mit Ingwer und Orange

Schwein mit Ingwer und OrangeZurück aus dem Tritt. Die viele Unterwegsseierei bringt mich ins Stolpern. Dasselbe passiert mir aber auch, wenn ich auf menschliche Wesen treffe, die sich soweit abseits meines eignen Wertesystems und Verständnisses bewegen, dass ich hart kämpfen muss, verständnisvoll zu bleiben. In diesem speziellen Falle bin ich tatsächlich einfach mal der festen Überzeugung mich in einem gesünderen Rahmen zu bewegen, mit dem was mich antreibt, wie ich anderen Menschen begegne und was mich beeinflusst bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Der Einblick in den Abgrund war selbst gewählt. Im Rahmen eines Projektes, in dem wir uns engagieren, hatten wir das zweifelsohne zweifelhafte Vergnügen an der Netzwerkveranstaltung einer größeren Stiftung teilzunehmen. All das in der bayerischen Hauptstadt.

Diese elegant spießige Schickeria-Perle unter den Landeshauptstädten, die ich immer nur im Rahmen der Arbeit besucht habe und dabei Eindrucksfetzen eingesammelt habe, die mich privat nicht wiederkommen ließen. Sicher zu unrecht, aber manchmal geht es so – man wird nicht warm und trifft sich immer im falschen Moment, auf dem falschen Fuß, das setzt sich fest.

Also ab gen Süden, emotional weit entfernt liegt dieser mittlerweile deutlich näher als die Hauptstadt, ein Fakt, über den ich noch immer stolpere. Die geographische Wahrnehmung hatte sich emotional verzerrt während der langen Jahre im gefühlten Dreh- und Angelpunkt Berlin.

Während meiner Zeit in der Hauptstadt und im nervenzehrenden Prozess, nach der Uni einen Fuß auf den unebenen Boden der Berufstätigkeit zu bekommen, gab es eine Zeit, in der ich dachte, es wäre erstrebenswert dazu zu gehören. Zu den besagten Netzwerken. Denn auch im Dunstkreis von Politik und Wirtschaft merkt man schnell, dass die richtigen Kontakte und Seilschaften ein Karriere-Antrieb sein können, der in der Wirkung recht konkurrenzlos ist.  Hat man sie nicht, strampelt man sich dann jahrelang im gutbezahlten Mittelbau ab, betraut mit vermeintlicher Verantwortung und wichtigen Aufgaben, aber über eine bestimmte Linie wird man ihn nur schwer heben können, den Kopf. Mit der Erkenntnis, dass das erfolgreich beendete Studium und die richtige Auswahl an Nebentätigkeiten eben nicht alles ist, setzte erst einmal ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit ein. Wie unfair! So wird das nichts… Die anderen… Und schon haben sie einen da, wo man uns haben will. In der 50-60 Stundenwoche. In der jede Gehaltsverhandlung unseren Wert bemisst und das berufliche Vorankommen sich vor allem daran bemisst, dass die Gegenstände um einen herum immer kostspieliger werden. Wir haben uns das jetzt verdient, arbeiten hart und konsumieren mit ruhigem Gewissen. Und mit jedem Paar Schuhe, das preislich eine neue Kategorie aufmacht (nur eine Ausnahme, Belohnung,…) und jeder neuen Tasche fürs Büro und jedem Gadget, das zeigen soll, wer wir sind und wo wir stehen, werden wir unbeweglicher und unflexibler… Denn wer möchte das aufgeben? Das definiert doch ganz stark, wie weit wir gekommen sind, was sollen die anderen denken, unsere finanzielle Sicherheit ist tatsächlich ein Verwobensein in Abhängigkeiten. Und so wird weiter gebuckelt und nur all zu viele werden zu bereitwilligen Stiefelleckern, für ein paar Krumen Status, die man vor sich hertragen kann. Wir können gar nicht anders. Wir gehören dazu. Vor allem in den Städten, in denen Politik und Wirtschaft, die Elite unseres neofeudalistischen Systems, ihre Bühnen haben.

Die Akteure, die diese Bühnen bevölkern, konnten wir nun ausgiebigst und ganz unverblümt am Wochenende erleben. Führungspersönlichkeiten sind sie und sie dürfen sich auch noch mit dem Attribut der vorbildhaften Verantwortlichkeit schmücken. Wenn das unsere gesellschaftlichen Leitfiguren sein sollen, ach ja, sie sind es bereits. Dann gibt es mehr als genug Grund zum Gruseln. Auch Gäste waren anwesend, Fach und Führungskräfte und alle unter der inhaltlichen Klammer, jungen Projekten mit gesellschaftlichem Mehrwert auf die Beine zu helfen. Damit auch klar ist, dass starke Ideen gleich in der richtigen Ecke stehen. So viele erfolgreiche Menschen, von wem möchte ich lernen? Dem Berater, der freudestrahlend erzählt, wie er den Privatisierungsgeier durch deutsche Landschaften jagte?  Ach ja, nach 60.000 innerdeutschen Flugmeilen weiß man ja erst so richtig, was man geleistet hat… Oder vielleicht lässt man sich vom blaublütigen Schmierblattpersonal noch mal etwas mehr über Demokratieverständnis, Volksparteien und Verantwortung erzählen, der deutsche Adel ist ja bekannt für seine historische Bedeutung als Rückgrat der Demokratie (verdammt, was hätte man ohne eine positive Stauffenberg-Rezeption bloß getan). Oder hänge ich mich an den Wirtschaftspsychologen, der  mit kalten Augen lachend erzählt, sein Spezialgebiet wären Verhandlungen und Manipulation. Oder doch die Marketingverantworliche des Saatgutherstellers, der ein Gewissen fremd sein dürfte und wenn doch etwas piekst, wandert eben die nächste namhafte Tasche ins Regal und menschliche Regungen werden in Marketing-Floskeln aufgelöst. Und überhaupt, man ist ja jetzt hier und bringt sich ein… Herzlichen Dank auch, ich gehe beruhigt schlafen, wenn ich solch sympathisch narzisstische Persönlichkeiten an gesellschaftlichen Schaltstellen weiß. Und wenn dazwischen noch grünlich schillernde Politikhoffnungen den Stiefellecker geben und Jungunternehmer ihre Arbeitnehmer in Ressourcen denken, während sie sich gelangweilt die Rolex ums Handgelenk drehen und so mancher Teilnehmer leise die Hoffnung äußert, die Teilnahme wäre der erste Schritt zur Aufnahme ins erlauchte Netzwerk. Nein, da möchte ich nicht dazugehören. Nicht, dass man von Interesse wäre, die Leute haben gelernt über Körpersprache in Gesprächsrunden schnell deutlich zu machen wer interessant ist, hofiert wird, und wer nicht von Belang isr. Das kratzt mich nicht. Aber das unhöfliche Benehmen stößt mir auf, ebenso wie die dezent versteckten Witze, die nur die machen können, die wissen, dass sie nicht fallen werden und denen es auch weiterhin gut gehen wird, weil sie dafür sorgen.

Und wenn es einen innerlich dann fast explodieren lässt, denn so viel Scheinheiligkeit, Kaltschnäuzigkeit und Menschenverachtung in einem Raum sind schwer auszuhalten, wenn man es zulässt darüber nachzudenken, dann bleibt die Flucht vor die Tür und ein kleiner Zigarettenmoment.

Dann bliebe dieser Moment, stünde man nicht gerade vor einem der traditionsreichen Hotels der Stadt, dessen Nachtclub die Schickeria anzieht. Und statt durchzuatmen und dem Kopf einen Moment der Flucht zu erlauben, bleibt der Blick ungläubig an schmierlappigen, aufgedunsenen Männern Ende 40 hängen, denen es quasi aus der Nase staubt und deren austauschbaren kleinen Freundinnen, die auf höchsten Hacken ihr Revier verteidigen und sich gegenseitig  schonungslos vermessen. Zu welchen Zugeständnissen bringt einen die Aussicht auf eine gewisse Sorglosigkeit? Und sehen die nicht die Austauschbarkeit ihrer Rolle? Aber in  traditionsreichen Hallen findet dann eben zusammen, was zusammengehört, Männer, an denen nichts attraktiv scheint (Charme, Intelligenz und eine positive Ausstrahlung sind hier nur sehr versteckt anzutreffen) außer einem gewissen Spielraum und dem Ausblick auf die nächste Designerhandtasche und die Perspektive Ski-Urlaub in angemessenem Rahmen und als Gegenstück die zurecht gemachten Weibchen, die sich an das Vergänglichste klammern, was sie haben, das Äußere, und deren teures Parfüm nicht ankommt gegen die Aura des inhaltsleeren Abziehbilds mit eisernem Willen.

Und als der Kopf dann nicht mehr wollte und die Höflichkeit es erlaubte, wurde der Rückzug angetreten und der bedeutete eine große Prise willkommener Realitätscheck. Dank umfassender Ortsunkenntnis befand sich die Ferienwohnung für das Wochenende im Münchener Osten und dort in dem, was wohl Münchner Sozialbau entspricht. Gepflegt, aber eben 35 Einzimmerapartments auf einem Flur. Kleine Kaninchenställe, Heimat von Menschen und nicht immer nur einem. Bonjour Tristesse, das heißt es für die Bewohner bei jedem Gang vor die Tür und jeder Heimkehr nach einem Arbeitstag. Da bleibt kein Platz sich in den eigenen vier Wänden auszuleben. Da herrscht ein Mangel an Raum und es bleibt der Blick aus dem einen Fenster, das zu jeder dieser Wohnungen gehört.  Mir fällt es schwer in solchen Moment ein Argument dafür zu finden, warum ich mehr Raum verdient haben sollte als all diese Menschen. (Habe ich nicht.) Und ich weiß, dass nur allzu viele Menschen sich solche Fragen gar nicht erst stellen. Mehr, mehr, mehr … zuallererst für sich und dann irgendwann der Blick über den Tellerrand (natürlich im Rahmen), denn der gehört ja dazu. Architektonisch bewandert, würde  dieser fragwürdige Bau, der Wohnstatt erschreckend vieler Menschen ist, dann noch einer bestimmten architektonischen Schule zugeordnet werden. Ein interessierter Blick von der unberührten Metaebene und zurück in die eigene Behaglichkeit.

Das fällt mir schwer nach solchen Eindrücken. Umso wichtiger finde ich es solche Dinge immer wieder einmal zu erleben. Wach zu bleiben. Und es mir nicht zu bequem zu machen hinter den Scheuklappen der Behaglichkeit.

Wenn der Kopf dann wieder aufnehmen kann, und sich der Knoten etwas gelöst hat, heißt es nicht stagnieren und sich nicht lähmen lassen, sondern es weiter und anders machen und neue Wege finden.

Und manchmal reicht so eine herzerfrischende Kleinigkeit wie ein Essen mit lieben Menschen, um aus dem Stolpern zu kommen.

Glückliches Ingwer-Orangen-Schwein mit Weißwein
Ich habe lange Zeit kein Schwein gegessen. Zu oft war da dieser unangenehme Beigeschmack und Geruch. Das war Haltung und Schlachtung geschuldet. Glückliche Schweine hingegen waren eine echte Wiederentdeckung. Stressfrei geschlachtet, mit sozialen Kontakten und Bewegungsmöglichkeiten. Und vor allem einer entspannten Aufzucht ohne Kraftfutter und Wachstumshormone, die einfach nur für schnelle Fleischberge sorgen. Aber für den Geschmack und für die Verantwortung den Tieren  gegenüber und auch aus Respekt vor den Bauern, lohnt es sich zu suchen (auf Märkten und im Internet) und sich eine vertrauenswürdige Quelle zu suchen.

1 Kilo Schweineschulter
Ein großes Stück Ingwer (7 Zentimeter)
3-4 Zwiebeln
2 Zehen Knoblauch, gehackt
4-5 große Lorbeerblätter
2 Teelöffel Senfkörner
2 Teelöffel Koriandersamen
Saft von zwei Orangen
0,5 Liter trockenen Riesling 
Salz
Pfeffer
Eine halbe getrocknete Chilischote
Kokosöl

  • Das Fleisch salzen und Pfeffern und im heißen Kokosöl im Bräter von allen Seiten scharf anbraten.
  • Die Zwiebeln vierteln und den Ingwer und den Knoblauch fein hacken und mit den Zwiebeln ins heiße Öl zum Fleisch geben und anbraten, bis die Zwiebeln leicht glasig sind.
  • Nun mit dem Weißwein ablöschen, den Orangensaft dazugeben, sowie die Lorbeerblätter, den Koriander und die Senfkörner. Noch etwas pfeffern und salzen und eine halbe Chilischote dazu.
  • Denn Deckel auf den Bräter und gute zwei Stunden schmoren passen.

Dazu passen Petersilienwurzeln und Möhren mit Thymian aus dem Ofen und ein schlichter Feldsalat.

Guten Appetit!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s