Urbanism with a View: Von der Idee als Weg und neuen alten Begegnungen am Wegesrand: Löwenzahnsalat mit Spitzwegerich und Günzel

Urbanism wit a view

Paleo Löwenzahnsalat und der Traum vom Leben anderswo

Sie rumoren, die Gedanken. Wie aufgeregt zupfen sie mich am Ärmel und heischen um Aufmerksamkeit. Sie haben neue Energie gewonnen während der kurzen österlichen Auszeit in den Vogesen. Es scheint das ist ein guter Ort für mich um etwas in Bewegung zu setzen. Nicht nur für mich. Denn eigentlich ist es ein Kindheitsort des besonderen Menschen und neben den vielen Geschichten der Erinnerung, die sich für ihn darum ranken, ist es auch ein Ort für uns geworden. Ein bisschen Seelenheimat steckt da zwischen Sonnenschein, Nebelhängen Ginsterduft und schnell laufenden Bächlein.

Auf einem Strohballen im Spätsommer wurde aus der spinnerten, weil flüchtig scheinenden Idee, Berlin zu verlassen, ein handfester Plan, der uns innerhalb von nicht einmal sechs Monaten aus der Großstadt und der Festanstellung aufs Dorf im Taunus trieb. Da sitzen wir nun, das Büro läuft, die Zufriedenheit schnurrt und der Blick hat sich verändert. Massiv. Ich bin eine Grüblerin. Ich kann nicht anders. Gedanken stellen sich mir in den Weg und ich habe die Tendenz sie von allen Seiten zu betrachten und drum herum zu marschieren und sie hin und her zu wälzen um zu schauen, wohin sie fallen.

Und auf diesem innerlichen Weg des Abwägens liegt nun schon seit Längerem ein großer Brocken, der den einschüchternden Namen Lebensmodell trägt. Ich sollte sagen trug. Mit dem Wegzug aus der Stadt bin ich ihm ein erstes Mal mit dem Hämmerchen zu Leibe gerückt und auch jetzt meißel ich daran herum und bin neugierig, was für Facetten sich noch entpuppen. Denn klar ist, wir sind noch nicht am Ende angelangt, das werden wir wohl nie. Sollten wir auch nicht. Nicht das Denken: wenn irgendetwas Großes erreicht ist, dann hat man es geschafft. Nein, es soll immer weitergehen, in seinem ganz eigenen Tempo mit Umwegen und vermeintlichen Abkürzungen. Und das Wunderbare daran ist, die Gedanken und Pläne spinne ich nicht allein, wir tun das gemeinsam und dadurch scheinen sie die Tendenz zu haben, sich schneller als man denkt in die Realität zu wagen. Bei allem, was in so kurzer Zeit passiert ist, wird mir manchmal schwindelig und ich frage mich. Woher ich die Courage genommen hab. Aber ich merke auch, dass ich gar nicht so ängstlich bin, da tief drinnen sitzt anscheinend ein Abenteuergeist und nachdem ich ihn lange betäubt und ihm das Maul verboten habe, ist er nun umtriebig und zeigt mir, wie das geht, das einfach mal machen im Angesicht großer Entscheidungsbrocken. Gerade zerrt er mächtig an den Gedanken um die Zukunft. Wir wollen irgendwann weiterziehen. Noch mehr Land als im dicht besiedelten Deutschland, bzw. Rhein-Main-Gebiet. Ein Leben noch näher an der Natur. Das beschäftigt mich schon lange. Und ohne es zu wollen, bin ich wie so viele natürlich auch in die Marie Claire Maison-Falle der Vision vom perfekten alten Bauernhof gestolpert.

Man könnte sagen, ich habe förmlich schon den Wildblumenstrauß auf dem Tisch und das perfekt bezogene Bauernbett vor mir gesehen. Total daneben und eigentlich auch nicht meines, die totale Idylle, wie sie uns suggeriert wird. Aber die Bilder davon, wie es aussieht, das Glück auf dem Lande, werden medial ja in allen Spielarten beschworen vom Spießertraum bis hin zur gewollten Improvisation für den Großstädter mit Geschmack und Intellekt, der die temporären Auszeiten sucht. Der Natur will, aber bitte nicht mit zu viel Natur. Und einmal mehr die Erkenntnis, dass die Lebensentwürfe Anderer mir nicht mein Leben abnehmen und auch nur begrenzt als Handlungsempfehlung dienen. Wenn ich sehe, was manche Menschen sich verwirklichen können, einfach weil sie die finanziellen Mittel haben, dann komme ich nicht weiter. Ja, man kann Glück haben und die perfekte kleine Farm finden, die sich mit Liebe und Herzblut in den Glücksort verwandelt. Aber ich muss zuallererst realistisch und selbstkritisch sein. Was kann ich, was können wir selber leisten? Wie viel können wir mit unseren eigenen Händen leisten? Das eigene Zuhause mit zu errichten ist wunderbar, aber wenn man wetterfest leben möchte vielleicht der falsche Ort für Experimente. Mit welchem finanziellen Rahmen können wir planen. Gerade stehen wir völlig am Anfang, das eigene Geschäft bekommt langsam kräftige Beine und das eröffnet Perspektiven, aber wir wollen einen Ort, der nur uns gehört und kein Stück der Bank. Das heißt also geduldig sein. Es ist nicht schlimm, wenn einer solcher Träume über Jahre wächst und sich entwickelt. Aber man darf sich eben nicht an falschen Bildern festbeißen, dann sieht man die spannenden Nebenwege nicht und plötzlich sind sie verpasst, die ungeahnten Chancen. Also Geduld, Planung und Offenheit. Flexibilität auch. Soll es ein Leben ganz und gar woanders sein? Welche Modelle gibt es noch? Gemeinschaftlich mit andren, temporär, im Wechsel zwischen Deutschland und Frankreich. Vielleicht kein altes Bauernhaus, sondern etwas anderes? So manches scheinbare Idyll hat sich für ambitionierte Hausbesitzer ja in ein Fass ohne Boden verwandelt. Es gibt andere Lösungen, die man vielleicht bisher ausgeschlossen hat. Bescheidenheit und Verzicht gehören auch in die Gedankenkette. Wenn ich das wirklich will, dann muss ich schauen, auf was ich vielleicht verzichten kann. Nicht sich völlig beschneiden, das Leben will gelebt werden und soll nicht quälen. Aber vielleicht sollte man nicht bereits anfangen Dinge für einen hypothetischen Ort zu erwerben, wenn es diesen noch nicht gibt und man nicht darin stand und ihn gefühlt hat. Und nicht nur diese Verlockung des neuen Kaufanreizes muss vermieden werden, auch die ein oder andere Anschaffung für den Moment kommt auf die Waage. Das ist ok. Es fühlt sich tatsächlich an wie Schmetterlinge, seit wir die Idee vom Leben in den Vogesen (oder anderswo) in kleinere Portionen aufgeteilt haben. Und diese Schmetterlinge kenne ich, die zeigen mir an, dass ich irgendwann mutig sein muss, eine Entscheidung fällen und etwas verändern werde. Ein genussvolles Gefühl der Unsicherheit und des nicht Wissens, was in zwei, drei Jahren sein wird. Und auch, wenn alles ganz anders sein wird, dann hat der Prozess an sich mich schon reicher gemacht. Aber damit das so ist, heißt es offen und wach bleiben und auch genau zu fragen, was einen antreibt. Warum möchte ich noch mehr auf Land? Möchte ich mich verstecken, zurückziehen? Möchte ich etwas beweisen oder fühlt es sich rund an? Denn der komplette Rückzug darf es nicht sein. Wir leben in dieser Welt und haben einen Teil zu leisten, auch wenn die meisten wohl nie dazu kommen nach diesem Teil zu suchen im Dauerrauschen der Welt, wie wir sie gestaltet haben. Und es wäre fatal sich der Idealvorstellung des totalen Landlebens hinzugeben. Nein, wir kommen aus dem Städtischen. Wir haben keine landwirtschaftliche Tradition. Wir können Leidenschaft für Lebensentwürfe und Techniken entwerfen aber wir können nicht abschneiden, was uns auch prägt. Wir wollen auch ein anderes Leben testen, weil unser Beruf der Textarbeit uns eine große Ortsunabhängigkeit ermöglicht. Aber er bindet uns an Infrastrukturen und man muss ein Auge auf die Welt haben. Das andere darf und muss den Horizont erweitern. Und so schält sich da ein mögliches Modell heraus, das des „Urbanism with a View“ – der Realitäten nicht verkennt, sondern sie vereint mit all den Möglichkeiten, die sich dem Mut bieten. Da will ich hin. Auf den Weg. Meine innere Unruhe sagt mir, ich habe schon ein paar Schritte gemacht.

Und die Schritte in der gegenständlichen Welt haben mich über fette Wiesen geführt, die in den Vogesen mit einer Vielfalt glänzen, die deutsche Landwirte schon lange erfolgreich weggedüngt haben.

Löwenzahnsalat mit Spitzwegerich und Günzel

Diese drei herrlich unaufgeregten Wildkräuter haben den Vorteil, dass man sie nur zu oft in unmittelbarer Nähe zu einander findet. Wo Löwenzahn und Spitzwegerich begannt sein dürften, ist der Günzel ein aromatisch duftender, violett-lila blühender kleiner Zeitgenosse, der intensiv duftet und schmeckt.

Der Löwenzahn sollte den Löwenanteil des Salates ausmachen. Dazu die gesammelten Blätter säubern und in Stücke schneiden und gut 1-2 Stunden in etwas Salzwasser einweichen. Abspülen und eine halbe Stunde vor Servieren anrichten. Die Blätter vom Spitzwegerich und Künzel werden gesäubert und fein gehackt den Salat gemengt. Für das erste Mal empfiehlt sich etwas vorsichtiges Dosieren um zu schauen, ob man den Geschmack mag.

Alles mit Olivenöl einem feinen Essig und etwas Kürbiskernöl anmachen und ziehen lassen. Dazu passen auch ein knackiger Apfel in feinen Stücken und ein paar geröstete Walnüsse.

Guten Appetit!

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2 Gedanken zu “Urbanism with a View: Von der Idee als Weg und neuen alten Begegnungen am Wegesrand: Löwenzahnsalat mit Spitzwegerich und Günzel

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