Wenn Abschied nehmen nicht ein Wiedersehen bedeutet

Abschied nehmenEs gibt wohl wenige Momente, die einen so hilflos und sprachlich entmachtet zurücklassen, wie die Nachricht vom Tod eines Menschen. Zumal, wenn einen die Nachricht aus heiterem Himmel erreicht und da einfach nur das tiefe Empfinden ist, dem Gegenüber sein Mitgefühl ausdrücken zu wollen, ohne dass es abgedroschen klingt. Aber was rede ich, es zieht einem in jedem Fall kurz den Boden ein Stückweit unter den Füßen weg. Wir haben ja für alle Lebenslagen bestimmte Wortkombinationen, die helfen, wenn man auf der sicheren Seite bleiben will. Aber manchmal reicht das nicht und man wringt sich die Worte aus Herz und Verstand und bemüht sich all die unterstützenden Emotionen hineinzulegen, die in einem durcheinanderwirbeln.

Und wenn man dann selber die Nachricht weitergibt, dann wird es noch surrealer. Plötzlich hat man das Gefühl Teil eines total platten, zu oft wiederholten Drehbuches zu sein, wenn man jemanden über den Tod eines lieben Menschen in Kenntnis setzen muss. Von Wollen kann man da nicht sprechen. Das fühlt sich einfach mal richtig Scheiße an, man möchte den Schlag nicht austeilen, der unweigerlich folgt, möchte so gerne etwas von dem Schmerz abfedern und weiß doch, dass alles erst einmal egal ist, sobald der Inhalt der Nachricht einmal zum Adressaten durchgedrungen ist. Und stark möchte man sein für das Gegenüber und wird trotzdem innen ganz weich und alles zerfließt weil man den Schmerz spürt, der plötzlich auch auf der anderen Seite an die Oberfläche tritt und sich mit dem wenig greifbaren Inhalt der Nachricht vermischt. Dabei ist es eigentlich eine der konkretesten Aussagen, die man über einen Menschen treffen kann. Er ist tot. Da gibt es kein wie sehr, sondern nur diesen einen Zustand.

Wie komplex wir im Leben sind, so einfach sind wir auf einmal: tot. Aber die anderen, die zurückbleiben, die werden in einen Prozess geschleudert, der, so schwierig er sein mag, am Ende auch heilsam sein kann. Oh ja und das klingt auch nach einer dieser vermeintlichen Plattitüden, die man weder hören noch sagen will, aber sicher ist es so. Wir sind ja unglaublich widerstandsfähig im emotionalen Überleben. Das geht nur manchmal unter im Moment.

Mit einer Nachricht vom Tod setzt sich ein Gedankenstrom des Rückblicks in Bewegung, gerade auch, wenn der verstorbene Menschen nicht die massive Lücke eines persönlich Nahestehenden reißt, sondern eher Teil der Peripherie der eigenen Lebenswelt war: Wo stand der Mensch in unserem Leben, was hat uns verbunden, wie nah war man sich? Vielleicht auch der leichte Stich eines schlechten Gewissens, man wollte sich doch längst wieder einmal gemeldet haben, hatte sich aus den Augen verloren, es gab ungeklärte Themen und Fragen… Dafür ist es dann zu spät. Es geht nicht mehr. Und was man immer gewollt hat, ist nun nicht mehr möglich. Die guten Vorsätze sind plötzlich wertlos, denn: Man hat es nicht getan.

Und so wird so eine Nachricht plötzlich zu einem Bewertungsrahmen, den man als abstraktes Gedankenspiel vielleicht kennt, was wäre wenn… nein, plötzlich ist das alles ziemlich greifbar und sorgt für Relationen, in denen man vorher eben nicht konkret gedacht hat. Positiv betrachtet, kann dies ein Geschenk sein. Und ein Auftrag an sich selber. Ein Auftrag zu schauen, was man nicht länger vor sich herschieben sollte, welche Verhältnisse im eigenen Leben der Klärung und Neuausrichtung bedürfen. Denn wir sind alle endlich. Unsere Eltern werden uns nicht immer begleiten, unsere Geschwister verlassen uns oder wir sie, Freunde, nahe und ferne… Wäre es da nicht schön, nicht zu viele Fragen zurückzulassen? Nutzen, was man hat, vor allem die Zeit. Nicht morgen oder wenn ich, dann mache ich… Nein, jetzt. Hier. Und heute. So vieles lässt sich in Angriff nehmen ohne lange Vorlaufzeit, die wir uns als Schutz vor den Gedanken geschoben haben. Manches tut weh, verlangt Mut, rüttelt auf. Aber Bewegtsein macht stark und klärt den Blick für die schöne, warme Verbundenheit und die Dinge, Situationen, kleinen Bezugspunkte, die uns an unsere lieben Menschen binden.

Die emotionale Achterbahnfahrt der Woche soll nicht vergebens gewesen sein. Vieles schmerzt mich, gerade beim Gedanken an die Menschen, deren Leben diesen plötzlichen Verlust erfahren hat. Ich kann nur da sein. Und ich kann dieses Maß, das einem die Sterblichkeit da mal ganz konkret an den eigenen Lebensweg angelegt hat, ernst nehmen und daraus etwas lernen. Mit Konsequenzen.

Und ich kann mich erinnern. Kann schmunzeln, weil längst vergessen geglaubte Momentaufnahmen meinen Kopf fluten. Kann Danke sagen, dass ich einen kleinen Blick auf einen Teil des Lebens eines anderen Menschen werfen durfte.

Und ich kann mich verabschieden.

Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg, wohin er Dich auch führen mag, ich wünsche Dir, dass Du mit leichtem Gepäck reist. Ohne den Ballast, der Dich vielleicht mitunter durch den Alltag begleitete. Vielleicht sehen wir uns wieder. Vielleicht bleibt irgendwo eine Ahnung davon haften, dass wir uns einmal gekannt haben. Auf jeden Fall wünsche ich Dir, dass Du in der Erinnerung der Menschen bleibst, die Dich liebten. Mit warmen Gefühlen und Zärtlichkeit. Ohne Gram, ohne schlechtes Gewissen.

Pass gut auf Dich auf.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s