Vom Nein-Sagen und Apfelberge aus der Normandie: Holunder-Vanille-Apfelmus und Orange-Ingwer-Apfelmus

Nein sagen und Apfelmus

Vom Nein-Sagen und normanischen Apfelbergen

Man will ja niemanden enttäuschen und in der Konsequenz mache ich mir allzu oft all zu sehr einen Kopf, was wohl für mein Gegenüber gut sein könnte – mit dem Ergebnis, dass das Resultat vor lauter gedanklicher Umrundungen nicht unbedingt das beste für mich selber ist. Ein zu viel an Egoismus ist nicht gut, aber leider weit verbreitet, oft verpackt in charmantes Liebäugeln mit dem dann doch gerne gepflegten Narzissmus. Sind wir doch gesellschaftlich an einem Punkt angekommen, an dem es einen tolerierten Narzissmus gibt, der verniedlicht und gehegt und akzeptiert ist.
Nur niedlich ist der nicht. Im Gegenteil, das Zuviel an ich und mich und mir hat die Kehrseite, dass da ein Zuwenig an Reflexion und wirklich mal etwas ändern steht. Ist ja bequem so und solange keiner was sagt. Ich merke bei mir, nicht erst jetzt, eigentlich schon immer aber in den letzten paar Jahren sehr klar und deutlich, dass ich wenig Anlagen eines ausgeprägten Narzissten in mir trage. Aber vielleicht vom Typ ein wenig zu sehr in das Gegenteil schlage: Ich denke um meine Handlungen herum und herum und von vorne nach hinten und wieder zurück und kann wahnsinnig schwer nein sagen. Ich wollte nie enttäuschen. Was skurrile Auswirkungen haben kann:

Zu Ostern waren wir in den Vogesen und haben uns dort anständig die Beine vertreten. Nach ein paar besonders intensiven Stunden, in denen es entweder bergab oder bergauf, aber nicht einen Meter einfach auf ebenem Grund ging, schmerzten die Füße, waren die Beine schwer und Kopf und Magen kreisten um die nächste, wohl verdiente Mahlzeit. In diesen Moment der appetitbedingten mangelnden Zurechnungsfähigkeit platzte die Klinge an der Tür des kleinen schiefen Häuschens. Der charmante französische Mensch vor der Tür war mit einem Laster unterwegs und verkaufte Obst und Gemüse von der Lieferfläche. „Wie schön!“, dachte der Kopf, so ne richtige lokale Initiative und toll für die alten Menschen in den verstreuten Dörfern, die nicht mehr so mobil sind. Das gehört unterstützt, also direkt ran ans Portemonnaie und raus zum Lieferwagen. So ein paar wenige Äpfel und ein bisschen Gemüse für die verbleibenden zwei Tage – das wäre doch schön. Die kleine Epicerie im Dorf hat ja nicht immer alles und es ist alle Mal besser als der Supermarkt. Nur mit ein bisschen hiervon und drei Stück davon und ein Pfund von dem war es dann nix.
Was es gab, gab es in Stiegen. Mit dem Ergebnis, dass wir plötzlich mit 16 Kilo Granny Smith (man stelle sich dazu kurz die französische Betonung vor, das klingt gleich viel leckerer) am Straßenrand zurückgelassen wurden…. 16 Kilo… das ist ganz schön viel auf einmal…. Granny Smith… der Apfel, den ich mit am künstlichsten finde und seit Jahren boykottiert habe… kiloweise Äpfel für zwei Menschen, die innerhalb einer Low Carb-Ernährung auch auf den Fruchtzucker schauen… Zumal ich erst wenige Wochen zuvor festgestellt habe, dass mir mein gelegentlicher Apfel, denn eigentlich liebe ich Äpfel, ziemlich auf den Magen schlägt und wenn ich bedenke, wie ich die runden Kerle früher in Massen verspeist habe, weil so gesund und ohne Fett…, plötzlich deutlich wird, woher so einige meiner Probleme rührten…
Da standen wir und fragten uns, wie das geschehen konnte und nach einem kurzen Schockmoment, da hatte nämlich auch durchaus etwas Geld den Besitzer gewechselt, haben wir herzlich gelacht und sind dann ernst geworden. Es kann nicht sein, dass man nicht Nein sagen kann. Wenn ich schon dem Apfelhändler keine Absage erteilen kann, wie ist es dann in anderen Bereichen? Und vor allem, wie ist es gegenüber anderen Menschen? Zu glauben, dass alle Menschen in unserem Leben nur unser Bestes wollen, ist ein trauriger Trugschluss, aber wir verbieten uns diese Gedanken. Und geben all zu oft nach, stimmen zu, sagen Ja, wo das Gefühl im Bauch eigentlich kräftig das Köpfchen reckt und sagt: „Das fühlt sich nicht stimmig an!“ oder „Das will ich eigentlich gar nicht oder nicht so.“ Menschen wie ich fühlen sich dann wie gemeine Egoisten und sagen nicht Nein. Aber man hat auch und vor allem eine Verpflichtung sich selbst gegenüber. Es muss für mich stimmen, sonst kann daraus nichts Vernünftiges entstehen. Und Nein sagen macht einen nicht automatisch zum Egoisten. Wer schon so viel darüber nachdenkt, ob die vier Buchstaben ok sind oder nicht, läuft da wohl relativ wenig Gefahr, dass er den eigenen Energie- oder Emotionsbedarf auf Kosten Anderer stillt, aber setzt sich dem Risiko aus, sich zu wenig abzugrenzen. Von den Menschen, die vor allem an die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse, an die Umsetzung ihrer eigenen Agenda und an die Befriedigung ihres Egos denken. Und weil es davon erschreckend viele gibt, ist es so wichtig, ein gutes Verhältnis zum Nein sagen zu entwickeln. Man muss lernen, Position zu beziehen und das ganz besonders für sich selber. Wer sich dann daran stört, da sollte man dann nochmal hinschauen, wie sich das Ganze anfühlt und was der Bauch zu diesen Beziehungen sagt… Das kann schmerzhaft sein und Energie kosten, vielleicht versteht es auch nicht jeder, aber es kann auch den Weg frei machen für viel Neues, das plötzlich mehr Raum bekommt. Und es ist ein Prozess, der wohl nie aufhört, so wie man ja auch niemals ganz raus sollte aus der Reflexion, man muss nur ihr Verhältnis kennenlernen.

Und so übe ich mich im Nein sagen und Aushalten und lerne es zu schätzen und ganz nebenbei haben mich als kleine Ermahnung diverse Kilo Äpfel begleitet, die jetzt am Sonntag in fruchtige Grüße aus der Normandie verwandelt wurden. Da stammen die knackigen Prachtexemplare nämlich her und es sei zu ihrer Verteidigung gesagt, dass sie deutlich weniger künstlich daherkamen als ihre schrill grünen, makellosen Verwandten aus fernen Ecken der Welt.

Holunder-Vanille-Apfelmus und Orange-Ingwer-Apfelmus

  • Ich kann nicht mehr sagen, wie viele Kilo noch übrig waren, ich schätze so gute 10, diese habe ich zur Sicherheit geschält, wer will schon das Wachs der Schale im Magen…, die Kerne entfernt und in Stücke geschnitten.
    Dann habe ich die Apfelstücke auf zwei große Töpfe verteilt.
  • Für den Holunder-Vanille-Apfelmus-Topf habe ich die Äpfel mit dem Saft von 1,5 Zitronen, 2 Esslöffeln Bourbon-Vanille und 12 Holunderblütendolden und zwei großen Tassen Wasser aufgesetzt.
  • Das Orangen-Ingwer-Apfelmus hat den Saft und die Schale einer großen Orange sowie gute 6 Zentimeter klein geschnittenen Ingwer und zwei Tassen Wasser mit in den Topf bekommen.
  • Je nach Süßegrad der Äpfel kann man etwas nachsüßen, so habe ich bei der Holunder-Variante noch 3 Esslöffel Xylith hinzu gegeben.
  • Die Äpfel dann leise vor sich hin köcheln lassen, bis sie leicht zerfallen und dann jeweils gründlich durch ein feines Sieb drücken. Das ergibt ein samtiges Apfelmus ohne störende Stücke.
  • Das Ganze nun in Gläser füllen. Ich habe diese dann im Dampfkochtopf eingekocht, da ich versuchen werde, nicht alles auf einmal zu verarbeiten (was schwer fällt bei dem Geschmack!) und mich gerne noch später über diesen fruchtigen Gruß freuen möchte.

Und dann sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Zum Kuchen backen, Mit Eischnee als Apfelschnee, mit Kokosmilch und Gelatine in einer Panna Cotta Variation, auf Pfannkuchen, zum Fleisch oder einfach so aus dem Glas…Mmmmh Apfel und ganz viel Geschmack.

Guten Appetit!

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Ein Gedanke zu “Vom Nein-Sagen und Apfelberge aus der Normandie: Holunder-Vanille-Apfelmus und Orange-Ingwer-Apfelmus

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