Die alte Herzensdame

Passau_HerzensdameVerschmizt. Das kann sie wirklich sehr gut. Sie sitzt da, hat die Augen halb geschlossen und macht einen selbstironischen Kommentar, der einen kurz innehalten und dann laut lachen lässt. Ein wenig wie ein Vögelchen wirkt sie, das haben viele alte Damen an sich, wenn der Körper irgendwie immer kleiner wird, sich in sich selbst zurückzieht und die Haut transparent über den Knochen spannt. Man möchte ganz behutsam sein und dieses fragile Menschenwesen nicht zu sehr bewegen. Aber von wegen. Stürze und Alter halten sie nicht auf, einmal den Rollator unter den Händen ist sie kaum zu bremsen und zuckelt los. Nicht behutsam, sondern in einem ordentlichen Tempo. Klein ist sie geworden, oder ich groß. Vielleicht treffen wir uns gerade in der Mitte, sie reicht mir noch bis zur Schulter. Ein wenig schütter ist das weiße Haar geworden und seidenweich, seit sie sich vor ein paar Jahren von ihrer Oma-Dauerwelle verabschiedet hat und nun die Haare kurz trägt. Flott, hier passt das wirklich. Und schick macht sie sich. Wenn sie weiß, dass Besuch kommt, überlegt sie genau, was sie anzieht. Ich mag ihre vielen Pullover und Strickjacken. Mit Mustern und oftmals auch Tigermuster. Vielleicht rührt sie daher, meine Schwäche für Wildkatzenmuster…. Ich berühre sie gerne. Streichle über ihre Hände, lege den Arm um die Schulter. Bin dankbar, dass Enkelkinder und Großeltern dieses ganz besondere Verhältnis teilen können. Wir hören die Geschichten, die unsere Eltern über ihre Eltern erzählen. Wenn wir die Augen aufmachen, sehen wir auch, wie dieses Verhältnis auf das zu unseren Eltern abstrahlt. Aber den Großeltern gegenüber haben wir den Luxus, nicht die Kämpfe ausfechten zu müssen, die zu den Eltern-Kind-Beziehungen gehören. Lange Jahre ist das Verhältnis auf die Ferne aber auch oftmals nicht so eng. Als Kind pflegt man solche Beziehungen ja nicht bewusst. Bei der alten Dame und damals auch dem alten Herrn war ich oftmals, wenn ich oder mein Bruder oder wir beide krank waren und meine Eltern sich nicht freinehmen konnten.

Schon früh hat mich Literatur in der Wahrnehmung beeinflusst. Bei Astrid Lindgren sitzen die Großmütter gerne Honigbrötchen schmierend unter dem Apfelbaum und verteilen Weisheit und Liebe. Ich erinnere mich, dass ich an der Hand laufen sollte, wo ich rumrennen wollte, an Tee mit Milch zum Abendbrot, Weingummi aus der Apotheke und den Jesus an der Schlafzimmerwand. Und die Zähne im Glas auf dem Nachttisch. Ich habe immer noch zwei uralte Handtücher mit Rosenmuster, die ich als Kind so geliebt habe, weil ich sie so Prinzessinnenhaft fand. Auch wenn das Weiß vielleicht etwas grau geworden ist, ich möchte sie nicht missen.

Mit der alten Herzensdame musste man immer sehr frühzeitig vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof sein. Unabwägbarkeiten schienen sie nervös zu machen. Sie war oft sehr angespannt. Das merkt man als Kind und setzt sich eher zum alten Herrn auf das Sofa, um eine Runde Mensch ärgere Dich nicht gewinnen zu dürfen. Aber ohne sie hätte ich meine erste Barbie wohl erst später bekommen. Und meine weißen Lackschuhe hätten bei meinen Eltern keine Chance gehabt. Zugegeben dauerte es keinen halben Tag, bis die ersten Kratzer da waren, aber für einen Moment war es bedient, das kleine Prinzessinnengefühl, das wir Mädchen so mitbekommen auf den Weg und das meine Eltern (zum Glück) nicht so sehr nähren wollten. Sie ist die Mutter meines Vaters und die einzige Oma, die ich je hatte. Ich habe viel gehört über die Beziehung meines Vaters zu seinen Eltern, aber komischerweise tangiert das nicht meine Beziehung zu ihr. Und es rührt mich an, wenn wir als drei Generationen zusammensitzen und sie charmant meinen Vater daran erinnert, dass sie nicht total vergesslich ist, auch wenn sie danach vielleicht mit den Namen durcheinander kommt. Sie lässt sich nichts sagen. Und tritt ein für ihren Standpunkt. Das hat sie schon einmal den Platz im Seniorenbeirat gekostet, aber gelohnt hat es sich, auf der Straße vor dem Altenheim ist jetzt ein asphaltierter Streifen, damit die alten Menschen nicht stolpern. Ich merke, dass sie diesen Streifen ein wenig als den ihren sieht und dass ihr das Kraft gibt.
Einmal ist sie ausgebüchst. Sie hatte gefragt, ob sie überall hin kann und hat dann ein Taxi bestellt, hat eine Nonne und eine Flurnachbarin eingepackt und ist nach Alt Ötting gedüst, um zu beten. Für uns, die Familie. Überhaupt, wenn man ihr zuhört erklären sich viele Begebenheiten in ihrem Leben durch einen Einfluss von engelhafter oder heiliger Gestalt. Der heilige Antonius, das ist ihr Heiliger. Und statt dies zu verurteilen und die Nase zu rümpfen, berührt mich dieser Halt, den sie dort findet. Auch hier ist sie entspannter geworden, früher klang es ängstlicher, wenn sie den Glauben bemühte. Heute ist es ganz selbstverständlich und einfach: ihr Glaube. Den muss ich nicht in allem teilen, aber ich bin ihr dankbar für den Segen und die Gebete, die sie uns allen mitgibt. Und es gibt keine katholische Kirche, in der ich nicht an sie denke und nach einem heiligen Antonius suche, um für sie eine Kerze zu stecken. Wenn es den nicht gibt, dann eine Mutter Gottes. Früher gab es immer ein Segenskreuz mit auf die Stirn, was mich lange in dem Glauben gelassen hat, dass Weihwasser nach 4711 riecht. Sie berührt mich tief, die alte Dame. Telefonieren mag sie nicht so gerne, dann hat sie Angst, es wird zu teuer für mich und bricht das Gespräch ab. Karten liest sie nur noch mit der Lupe aber wir haben den Kontakt wieder aufgenommen und die raren Besuche bei ihr im Niederbayrischen wirken lange nach. In dieser mir fremden Ecke, wo die Menschen so anders sprechen, liegt auch ein Teil Familiengeschichte. Das schöne Passau an den drei Flüssen, später dann das noch malerische Regensburg – bayrisch schön, hell im Sonnenschein und südlich anmutend. Später dann die Entwurzlung, ein Leben in Westfalen. Ich assoziiere Paderborn immer mit Grau. Was sicher nicht richtig aber eben subjektive Erinnerung ist. Weihwasser riecht nach 4711 und Paderborn schmeckt nach Eukalyptus-Weingummi. Heimisch geworden war sie dort nie, sagt mein Vater. Auch sprachlich nicht. Der bayrische Akzent hat sie nie verlassen. Deshalb fühlt es sich stimmig an, wenn sie da sitzt und von ihrem Balkon auf den Bayrischen Wald schaut. Hier sagt man Grüß Gott und Pfiati – die Kirche ist allgegenwärtig. Die Verabschiedungen fallen schwer. Sie scheucht uns schnell davon, mag die Situation nicht. Sie ist 94 Jahre alt, wir wissen nicht, wie oft wir diese Treffen werden wiederholen können. Zumal sie sagt, dass es langsam reicht. Sie hat viel erlebt und gesehen seit 1920 und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie es mit ihrer neuen Souveränität auch schaffen wird jeglicher Krankheit ein Schnippchen zu schlagen und irgendwann einmal einfach einzuschlafen. Das wünsche ich ihr.

Ganz warm ist das Herz dann nach so einem Besuch und sentimental wie ich bin, sind auch ein paar Tränen nicht weit weg. Gut, sich dann noch einmal von der herzlichen Art im Fliegerbauer auffangen zu lassen und einen zu kurzen Blick auf die Innstadt zu werfen , der Lust auf mehr macht. Dann heißt es schon wieder auf Wiedersehen Passau und ich weiß, dass ich mich der Stadt immer ein wenig verbunden fühlen werde. Der alten Herzensdame sei Dank.

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Ein Gedanke zu “Die alte Herzensdame

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