Von der Verlockung der Zwische, dem großen Glück in kleinen Hütten und Ente mit Apfel statt à l’Orange

Strohballenbauweise und Entenbrust mit ApfelRatzfatz hat er wieder Einzug gehalten, der Alltag, und wären da nicht schöne Fotos, Leckereien und die Sonnenbräune auf den Füßen – ich müsste mich kneifen und daran erinnern, dass die Bretagne-Zeit erst zwei Wochen zurück liegt.

So inspirierend war dieses Eintauchen in eine weitere Herzenslandschaft. Und wie so oft geriet der Kopf mächtig in Bewegung zwischen dem schimmernden Band des Kanals, sonnenwarmen Strohballen und dem behaglichen Kokon der kleinen Hütte.

Dieses Ausklinken aus dem Alltag scheint bei uns immer großes Gedanken-spinnen und Projekte-ersinnen zu bewirken. Es gibt tatsächlich so etwas wie buchstäbliche Entscheidungsfelder auf dem Weg, den der besondere Mensch und ich bisher zusammen zurückgelegt haben. Jeder von uns fühlt sich irgendwie magisch angezogen von abgeernteten Feldern und pieksigen Strohballen, die erobert werden wollen. Auf einem solchen Strohballen nahm der Plan Gestalt an, Berlin zu verlassen und von der fixen Idee zur Umsetzung verwirbelte kein halbes Jahr. Und wieder war es der Blick auf Strohballen, der irgendetwas im Kopf klick machen ließ. Ein weiteres Entscheidungsfeld. Und dann sind da die Felder hier bei uns vor der Tür, die in ihrer Abfolge wie gute Bekannte am Wegesrand liegen und dem Kopf bei jedem Spaziergang etwas Neues bieten, für ein Durchatmen sorgen. Für ein Hier und Jetzt.

Vorgestern machten sie mich plötzlich ganz wehmütig und bei der Suche nach dem Grund merkte ich, dass mein Kopf sich klammheimlich in eine Zwische begeben hat. Diese Zwischen, dieses undefinierte Gefühl zwischen klar benennbaren Zuständen – es kann beängstigend sein oder befreiend und es hat auf jeden Fall die Tendenz, mich übermütig werden zu lassen. Dabei bin ich noch hier und möchte noch nicht woanders sein, es ist noch dran. Aber es ist ausgesprochen. Und gesagt ist mehr als gedacht. Worte machen aus sternschnuppenflüchtigen Ideen plötzlich fette pinke Elefanten, die mit im Raum stehen und sich nicht mehr in die Kiste des Vergessens quetschen lassen wollen. In diesem Fall war es die ausgesprochene Übereinstimmung, dass wir uns verkleinern wollen. Und kaum gesagt, hatte ich plötzlich dieses Flimmern im Bauch, wie schon bei der Entscheidung Berlin zu verlassen, als aber noch nicht klar war, was wo und wie. Für einen Moment sind alle Möglichkeitswege offen und es ist, als ob man in einer Halle umgeben von unzähligen offenen Türen steht und überwältigt ist, weil man sich diese Vielzahl von Möglichkeiten vorher nicht erträumt hätte. Aber da sollte man dann besser kurz einschreiten, sich bewusst machen und nicht vergessen, wie viele Möglichkeiten es gibt, aber das Kopfkino am Riemen reißen, damit es sich nicht zu sehr in bestimmte Vorstellungen verspinnt. Denn noch ist nichts gesetzt, aber es kommt etwas in Bewegung, in Fluss, und in den sollte man sich begeben und sich ein wenig treiben lassen und schauen, was da alles so auftaucht. Da muss ich vorschnellen Gedanken erst einmal mit aller Vernunft auf die Finger hauen. Denn diese Zwische, in die ich da beim Spaziergang geriet, die fühlte sich ganz wehmütig an, dabei bin ich doch noch hier, zwischen sanften Hügeln und unglaublichem Wolkenkino. Der Moment soll genossen werden, er ist so fix vorüber und wenn ich ihn mir nicht bewusst mache, finde ich auch im Morgen oder Übermorgen nicht das, was ich finden soll, sondern lebe Vorstellungen hinterher. Denn die wunderbar leichtfüßige Vorfreude auf etwas ist das eine, das ständige Hoffen, Sehen, Warten auf etwas unbestimmt in der Zukunft liegendes ist etwas anderes und kann die Sicht versperren.

Also reiße ich mich am Riemen, auch wenn der Kopf mir immer wieder kleine Filmchen vorspielt, was man denn alles machen könnte…

Was allerdings immer mehr Substanz annimmt, ist die Erkenntnis: Es darf ruhig etwas weniger sein. Ich mag unser Zuhause. Die Sonnenflecken auf den Holzdielen, das Gefühl vom Kork unter den Füßen, den Geruch des Bollerofens, wenn es kühler wird… Aber es ist zu groß, das Heim. Und auch wenn es wunderbar ist so viel Raum für Gäste zu haben – wir brauchen ihn eigentlich nicht. Wir sind zwei recht bescheidene Menschen. Unser Kram hält sich in Grenzen, wir haben nicht das Bedürfnis, uns aus dem Weg gehen zu müssen, wir brauchen nicht so viel. Ich mag es gerne bewohnt und belebt und das geht eher mit weniger Raum, sonst wirkt es zu leblos, zu inszeniert und mir zu künstlich. Räume wollen gefüllt und gefühlt werden. So stelle ich mir das zumindest vor oder es wäre mein Wunsch, wäre ich ein Raum.

Ein Zuviel an Raum macht ebenso wenig glücklich wie ein Zuwenig. Aber bei knappen Wohnungsmärkten und wandelnden Moden und Denkschulen ist es schwierig, für sich ganz allein festzustellen, wie es denn aussieht, das individuelle Raumbedürfnis. Mir persönlich ist es wichtig, dass ich draußen sein kann. Das muss gar nicht der eigene Garten sein, aber die Möglichkeit, mich schnell raus in die Natur zu begeben. Ist dies gegeben, kann ich meinen bewohnten Raum ganz anders denken.

Urlaub ist vielleicht kein ganz realitätskompatibler Maßstab, aber wir haben diesen Urlaub sehr bewusst auf das Gefühl geachtet, wie es ist, auf kleinem Raum.

Unsere kleine Cabane wurde ursprünglich von den Vermietern gebaut, um eine Küche zu haben während der Bauphase des eigentlichen Hauses. Der Clou: sowohl Cabane als auch Haupthaus sind nach dem Strohballenbau-Prinzip gebaut. Eine Bauweise, die eigentlich keine Wünsche an gesundes und nachhaltiges Wohnen offen lässt. Wir waren schwer beeindruckt und begeistert vom Haus unserer Vermieter. Durch die natürlichen Materialien fügte es sich perfekt in die Landschaft ein und wir hätten auf den ersten Blick nie gedacht, dass es erst sieben Jahre alt ist. So wenig ich den Geruch neuer Autos mag, so schwer tue ich mich mit mitunter steriler Jungfräulichkeit von Neubauten. Mit der Entdeckung des Strohhauses ist eine ganz andere Perspektive hinzugekommen. Begeistert hat mich zudem die Unabhängigkeit, die ein entsprechend geplantes Haus ermöglicht: Regenwasser-Nutzung, Solarzellen, ein durchdachtes Zusammenspiel von Tageslichtnutzung und Materialien, ein Holzherd, der die Heizung bedient, der Beitrag vom Trockenklo zum Kompost. Ja, wir haben die Sägespäne-Eimer mit viel Freude in den Kompost überführt und dafür die leckersten Tomaten seit langem gegessen. Ein Leben im Kreislauf. Das würde mir sehr gefallen. Nicht im Abseits, aber mit mehr Selbstbestimmung, gerade, was den Einsatz von Ressourcen betrifft. Es waren inspirierende Tage, bei inspirierenden Menschen. So hat dieser Hausbau auch dazu geführt, dass aus einem Produktmanager in der Automobilbranche ein Berater und Architekt von Öko-Häusern wurde. Beeindruckend. Und Mut machend. Mit insgesamt 100 Freiwilligen wurde das Haus gebaut. Interessierte aus ganz Europa, die die Chance nutzen wollten, praktisch zu lernen, Wissen zu teilen und sich auszutauschen. Eigentlich ein spannender Gedanke, einmal über einen Arbeitseinsatz nachzudenkenden, statt sich daran aufzuhängen, welche handwerklichen Fähigkeiten man nicht hat.

Aber das führt schon wieder zu weit. Unsere kleine Hütte war ein Glücksgriff, noch dazu einer mit wunderschöner Aussicht und Hängematten unter Bäumen. Sie war vielleicht etwas eng für eine dauerhafte Nutzung, vor allem, wenn das Zuhause auch Arbeitsort ist, aber viel mehr hätte es nicht gebraucht. Es tat gut einmal anhand eines existierenden Raumes durchzuspielen, von wie viel Raum man eigentlich redet, wenn man über Wohn- und Lebensmodelle nachdenkt. In einer turbulenten Welt hätte ich gerne einen Flecken, den ich mein nennen kann. Und den ich nach meinen Vorstellungen nutzen kann und der mir mehr ermöglicht als ein Leben, das abhängig ist von fremdbestimmten Infrastrukturen. Ich träume von mehr Unabhängigkeit. Ob zu zweit oder in der Gemeinschaft, mit einem Fuß in Deutschland und einem in Frankreich, ob in 3, 5 oder 10 Jahren… das ist alles erst einmal zweitrangig. Es wird sich auf dem Weg ergeben. Ein erster Schritt wäre aber vielleicht tatsächlich einen Weg zu finden, der es zulässt, sich von unnötigem Raum und überflüssigen Ballast zu lösen, was einfach auch auf die Planung anderer Projekte einzahlt, ohne dass dies mit falschen Kompromissen verbunden ist. Oje, es rattert und spinnt Gedanken und schon ist sie wieder da, die herrliche Unruhe.

Auch da hilft mir Kochen, um wieder im Moment anzukommen. Und so haben wir herrlich gut gegessen im Urlaub, bei all dem Gedenke, und obwohl wir uns vorgenommen hatten, nur Fisch zu essen, so nah am Atlantik, gab es einen Abend eine schnelle glückliche Ente vom Markt mit dem, was da war, in diesem Falle selbstgemachten Apfelsaft von unseren Vermietern.

Apfelige Entenbrust mit Schalotten (Für zwei Personen)

Eine große Entenbrust (hier ca. 350 Gramm)
Schalotten (hier waren es 8)
Apfelsaft
Ghee
3-4 Backpflaumen in Stücken
Apfelessig
Thymian
Salz und Pfeffer

Das Fett der Enten Brust mit einem scharfen Messer kreuzweise einschneiden, ohne dabei in das Fleisch zu schneiden. Ordentlich mit Thymian und grob gemahlenen Pfeffer einmassieren.

Nun zuerst die Fett-Seite im heißen Ghee anbraten, bis sie schön gebräunt ist, dann umdrehen und die andere Seite für 3-5 Minuten scharf anbraten.

In der Zwischenzeit Ghee in einem Schmortopf erhitzen und die geschälten Schalotten darin anbräunen, die Backpflaumen hinzugeben, alles pfeffern und mit einem Schluck Apfelessig ablöschen. Nun die Entenbrust salzen und mit der Fleisch-Seite nach unten in den Schmortopf geben und mit Apfelsaft angießen, so dass dieser einen knappen Fingerbreit im Top steht. 10 Minuten geschlossenem Deckel sanft köcheln und dann für weitere 10 Minuten ohne Deckel.

Wir haben die Ente einfach so pur gegessen, aber ein grüner Salat mit sauren Apfelstücken und etwas Stangensellerie wäre köstlich… Oder im Winter Petersilienwurzeln aus dem Ofen oder Kürbis…

Guten Appetit!

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4 Gedanken zu “Von der Verlockung der Zwische, dem großen Glück in kleinen Hütten und Ente mit Apfel statt à l’Orange

    • Liebe Silke,
      gegen den Hunger hilft mehr Ente. 😉 Ich sollte dazu sagen, dass der Tag ein ausgedehntes Picknick gesehen hatte…Das hat wohl mit in die Portionsgröße hinein gespielt. Eine Entenbrust pro Person sollte im Normalfall aber wirklich mehr als ausreichen 🙂

    • Ja. Enten sind nicht nur lustig anzuschauen sondern auch herrlich köstlich zu verarbeiten. 🙂 Nicht mehr auszudenken, dass ich jahrelang nur fades, fettarmes Hühnchen essen wollte. Zum Glück dürfen wir immer weiter lernen. Und kochen…

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