Lektüre satt mit Yasmina Khadra und Teemomente im wankelmütigen Winter: Kokos-Chai

Tee mit Yasmina Khadra

Vogesen-Winter: Chai mit Yasmina Khadra

Für ein paar Tage haben wir uns ausgeklinkt. Das kreative Ringen um Worte, das tägliche Feilen am Inhalt und das Jonglieren mit Projektungetümen verlangen nach einem gelegentlichen Gegenwicht. Und so war sie um so süßer, die Zeit des Nichtstun und der Schneestille. Wie zur Belohnung für die konsequente Abkehr von allen Arbeitsgedanken hat uns der Winter eingeschneit und mit Watteschnee-Wäldern und dem guten Gefühl versehen, dass es keinen Grund gibt, den Herzensort Plateau  zu verlassen. Außer um sich auf dem Markt mit den nötigen Köstlichkeiten einzudecken oder ein paar Schneeschuhe zu organisieren, wenn die Langlaufskier aufgeben. Und so zog schnell eine wunderbare Ferienroutine mit ein. Früh in Bett, wunderbar müde von frischer Luft, Bewegung und gutem Essen, das Tageslicht genutzt beim Streifen durch den Schnee und sich voller Wohlbehagen vor dem Kamin verkrochen, mit Kannen guten Tees und viel, viel Lektüre.

Nirgendwo vergrabe ich mich lieber als in einem guten Buch. Schon als Kind konnte ich es kaum erwarten, selber lesen zu können. Zu kurz erschienen mir die Vorlese- und Geschichtenerzählzeiten am Abend. Und so gehörte ich zu denen, die sobald sie buchstabieren und dann lesen konnten, nachts mit der Taschenlampe und einem Buch unter der Decke verschwanden, um heimlich noch weiter in der Welt zwischen den Buchstaben zu verweilen. Sie ist bis heute geblieben: Die große Freude und der Kitzel der Unvernunft– wenn man sich ganz vertieft lesend, viel zu tief in die Nacht bewegt. Am Morgen bei einer Tasse Tee noch hastig weiter durch die Seiten gelesen, den Moment kurz festhalten, wenn das Buch fesselt. Ich habe bereits zahlreiche Stationen in der U-Bahn verpasst, bis auf Abstellgleis habe ich es lesend geschafft, inklusive einem etwas verstörenden Auftauchen aus der Buchwelt, wenn man feststellt, dass da niemand mehr im Wagen, im gesamten Zug ist… Ich bin mit dem Buch vor der Nase gegen Menschen und Pfosten gelaufen und habe schmerzhaft festgestellt, dass es Lesepausen geben muss – zumindest im Gehen. Nach jedem familiären Frankreichurlaub bin ich mit einem unfassbar braun gesonnten Rücken heim gekehrt, weil ich auf dem Bauch liegend mit den Büchern durch Zeit und Raum gereist bin, während ich doch unter der Atlantiksonne lag. Für die Urlaubslektüre war eine Reisetasche reserviert – ich bin eine Schnellleserin, im Urlaub verschlinge ich am Tag ein Buch. Und stelle dann fest, dass es mit guten Büchern ein wenig wie mit gutem Essen ist: Zwischendurch sollte man kurz fasten oder zumindest temporär auf leicht verdauliche Kost umsteigen, damit man nicht wie berauscht von guter Sprache und Erzähltalent in einem Sättigungsgefühl verschwindet, das einen wie im Rausch immer weiter lesen lässt. Bei mir helfen dann nach Sprachgewalt und Geschichtenrausch immer mal ein guter Krimi oder sachliche Lektüre um wieder zurück auf den Boden zu kommen.

Eines der Bücher, das mich zu Weihnachten erreichte und das prompt nicht mehr aus der Hand gelegt wurde, war „Die Schuld des Tages an die Nacht“  von Yasmina Khadra. Jounes, der Protagonist, führt durch einen Bilderreigen aus bitterer Armut, jugendlicher Unbeschwertheit und versehrtem Alter. Der Leser wandelt durch die (Un-)Tiefen von Freundschaften, die erwachsen werden, verzweifelt an der Unfähigkeit Jounes, Stellung zu beziehen und überhaupt sich zu äußern. Leicht könnte es eine austauschbare Geschichte über unerfüllte Liebe und zwischenmenschliche Missverständnisse, Halbwahrheiten, Kränkungen und falschen Stolz sein, wäre da nicht… Ja, wäre da nicht der Aspekt des Politischen, die Geburtswehen des algerischen Staates, die Zerrissenheit eines Landes und seiner Menschen. Wer hat Recht? Wem steht was zu? Warum verletzen wir, was wir behüten möchten? In der Liebe und in allen Aspekten des Lebens. Und auch wenn der zeitliche Bezugsrahmen klar umrissen ist, scheint die Geschichte doch wie losgelöst von der Zeit und damit brennend aktuell. Es finden sich zu viele Parallelen, gerade auch zu aktuellen Konflikten. Und so reißen einen nicht nur die Strudel der Geschichte mit sich, sondern auch die Hoffnung, dass es eine (Auf-)Lösung gibt, im Buch und damit vielleicht auch in der Welt, jenseits des Klappentextes. Es war eine geballte Lektüre und sicherlich werde ich das Buch noch weitergeben und verschenken. Oft schon hatte ich etwas von Yasmina Khadra in der Hand, irgendwie war es wohl immer nicht der richtige Moment. Das wird sich nun wohl ändern, ich werde sicherlich noch etwas weiterlesen.

Habe ich mich in einer Geschichte verfangen, möchte ich gerne nicht gestört werden. Ich kommuniziere dann einsilbig oder in Gesten, bei denen ich nicht von den Seiten aufschauen muss. Zum Glück hat der besondere Mensch Verständnis für meine Liebe zum Geschriebenen, teilt sie und ist gerne bereit, die Teetasse zu füllen, wenn sie wortlos über das Buch gereicht wird.

Ein Lieblingstee für den späten Nachmittag: Original Chai. Extra stark ziehen lassen und mit warmer, geschäumter Kokosmilch aufgegossen – das ist Wohlbehagen zum Trinken und ein guter Begleiter für winterliche Leseexzesse. Dazu muss es nicht einmal schneien, es darf auch so novemberlich unbestimmt Grau daher kommen, wie vor dem Fenster.

Ich wünsche ein ungetrübtes Tee- und Lesevergnügen.

 

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