Hoch die Tassen oder nicht: Von kleinen und großen Süchten

lasterhaft

selbst gedreht und eingeschenkt: von kleinen und großen Süchten

Er rast dahin der Sommer und von einem nach ihm benannten Beschäftigungstief ist leider nichts zu merken.

Darüber geschieht vieles wie nebenbei.

Und bei der schnellen Taktung ist sie schon fast vergessen, die Woche in den Vogesen mit frühmorgendlichen Wanderungen voller Abenteuer, den Lesestunden unterm Apfelbaum, den Kuchenfreuden und der genussvollen Zigarette ab und an in der Abendsonne.

Auch wenn dies auf zunehmendes Unverständnis stößt: Ich gehöre der aussterbenden Klasse der Raucher an. Dank gesellschaftlicher Einschränkungen fühle ich mich nach diesem Satz wie jemand, der sagt: „Hallo, ich bin Alkoholiker.“ Und da mir das Thema Alkoholismus nur allzu vertraut ist aus dem Familien- und Freundeskreis, muss ich sagen: „Ich rauche sehr gerne.“ Und umgebe mich lieber mit Rauchern als mit Säufern. Was ein seltenes Glas Wein für mich ja nicht ausschließt. Ich bin keine Ketten- oder Zwangsraucherin, eher so eine Gelegenheits-, Genuss- und Gesellschaftsraucherin, Manchmal rauche ich über Tage und Wochen gar nicht und dann wieder mehrere Tage am Stück. Immer selbstgedreht und ohne Zusätze. Mein Körper sagt ziemlich genau, wenn er dann erst einmal wieder genug hat. Aber das Rauchen ist zu einem Balanceakt geworden. Ich nehme natürlich Rücksicht auf Nichtraucher. Sogar im eigenen Zuhause würde ich nichtrauchende Gäste nicht einfach so vor vollendete rauchende Tatsachen stellen. Das Verständnis würde ich mir dann auch manchmal wünschen, wenn ich unter vielen Nichtrauchern unterwegs bin und mich in die jeweilige Raucherecke begebe.

Denn immer wieder kommt es vor, dass voll Unverständnis und Kritik nach der Zigarette gefragt wird und man gleichzeitig dem besonderen Menschen kopfschüttelnd begegnet, wenn er sagt, dass er keinen Alkohol trinkt.

Das ist für mich manchmal schwer nachzuvollziehen, ich sehe Alkohol und Rauchen in einem ähnlichen Spannungsfeld beheimatet. Und es führt auch zu nichts, sich gegenseitig die mehr oder weniger sinnvollen Fakten um die Ohren zu schlagen. Welches dieser Laster das Gesündere ist. Ich habe beiden in meinen Großstadtjahren ausgiebigst gefrönt und mich nicht immer wohl gefühlt dabei.

Aus den vielen Gauloises der jungen Erwachsenzeit sind Selbstgedrehte ohne Zusätze geworden. Das ist ganz pragmatisch billiger und wunderbarerweise stinkt es nicht im Rauchraum Küche. Mit den Jahren ist aus einem unüberlegten und oft überflüssigen Rauchen eine seltenere, bewusste Handlung geworden und so kann es auch gerne bleiben.

Den Alkohol bekomme ich noch seltener zu Gesicht und je länger er wegbleibt, desto weniger attraktiv erscheint er aus der Ferne. Es bleibt der Reiz der Kombination eines guten Essens mit dem passenden Glas Wein. Aber Glas, nicht Flasche. Einmal auf Verzicht gebracht, zeigt einem der Körper ziemlich deutlich, dass Alkohol ein Gift ist. Hallo Kopfschmerz… Und den oft zitierten Zustand der angenehmen Entspanntheit empfinde ich als gefährlich, wenn er als zu angenehm empfunden wird, ist er allzu häufig zu Gast und der Weg in Abhängigkeiten ist schleichend. Nur zu einfach wird aus dem kleinen Entspannungsglas am Abend ein festes Ritual, das gerne auch mehr und mehr Raum einnimmt. Ein jeder soll es mit dem Alkohol halten wie er möchte, aber es ist falsch, dass Saufen und Trinken gesellschaftlich toleriert werden und Ausrutscher und harte Fälle dann mit einem amüsanten Etikett versehen werden. War halt wieder eine harte Nacht und für alle unterhaltsam, wohingegen der Raucher so langsam immer stärker als Assi besetzt ist. Da Rauchen durch den Rauch stärker auf das direkte Umfeld wirkt, finde ich es wichtig Rücksicht zu nehmen, aber ähnlich unangenehm sind Bekanntschaften, die im Zuge der wechselnden Weingläser in der Artikulation nachlassen, spannende Themen nicht weiter verfolgen können und das so lebhaft begonnene Gespräch versickern lassen. Der Schalter legt sich um ab einem gewissen Pegel. Manch einer wird dann unterhaltsam, denkt er, denn die Hemmungen fallen, andere werden emotional, es werden Herzen ausgeschüttet, Bekenntnisse gemacht, die dann bitte wieder im Dunkel der Nacht verschwinden sollen und Konflikte brechen auf, an die man sich nüchtern nicht heran wagt. Wer Weinabende und Ähnliches kennt, weiß, was ich meine. Die kleinen Gedanken rollen wie geschmiert und verwandeln sich in vermeintliche Geistesblitze. Mit den Promille wächst die Nähe und vermeintliche Verbundenheit, wer Böses denkt, kann sich jetzt bestens über sein Gegenüber informieren, die Selbstzensur gerät ins Wanken. Und so mancher öffnet sein Herz und schüttet es aus, ohne aufzufangen und zu merken, was zu viel erzählt ist. Dieses blöde Gefühl am nächsten Morgen, der Kopf ist etwas schwer – über was hat man noch geredet? Da war doch was, irgendetwas hat man erzählt, das fühlte sich nicht richtig an, aber es wollte raus. Egal, wenn ich selber es nicht mehr weiß, weiß es (hoffentlich) auch kein anderer mehr. Die morgendliche Inventur des fantastischen Abends kann schmerzhaft und beschämend ausfallen, wenn das Geschehen vom Alkohol gelenkt wurde. Und damit man sich beim nächsten Mal nicht so gehemmt fühlt ob des kleinen schlechten Gefühls im Hinterkopf, macht man sich locker und nimmt noch ein Glas.

Ich habe mir Regeln aufgestellt. Ich trinke nie alleine (das kommt aus meiner Geschichte und ist für mich negativ besetzt), ich höre auf, wenn dieses entspannte Gefühl anklopft (was nach 1,5 Gläsern Wein der Fall ist), ich trinke nicht, wenn ich in angespannten sozialen Situationen bin oder mich unwohl fühle, ich trinke nicht, um etwas als Sicherheit in der Hand zu halten, ich lasse mir keine Getränke aufschwatzen und ich gehe, wenn die Leute zu betrunken werden, dass ich mich nicht mehr amüsiere. Das klappt zu allermeist und wenn eine Regel gebrochen wird, merke ich das ganz genau. Das Ergebnis ist ein seltener Weingenuss, zumeist in vertrauter Runde, wo ich weiß, dass keine Gräben aufbrechen und die Menschen am Tisch plötzlich die Masken fallen lassen oder eine scheinbare Wesensveränderung durchlaufen. Die Male wo es nicht geklappt hat, war die Scham am nächsten Morgen die beste Rechnung, die ich hätte bekommen können, garniert mit einem dicken Kopf, der einem den schönen Morgen versaut.

Wer mich kennt, mag behaupten, das wäre scheinheilig, ich habe für meinen Ruf viel getrunken, und selber gerne gewitzelt, wie sehr ich ihn mag den Exzess. Bedingt durch mein Wissen, welche Gesichter der Alkoholismus aber haben kann, war da aber eben auch immer ein Teil, der sich unwohl gefühlt hat und den ich erfolgreich betäubt und an so manchen Abend ertränkt habe. Über viele Jahre war es in meinen jüngeren (aber eben nicht jugendlichen, sondern bereits erwachsenen) Jahren so, dass der Sonntag fast durchgängig keinen Morgen hatte. Er begann am Nachmittag, die frühen Morgenstunden waren oftmals Teil des Heimwegs, aber keine Zeit, um in den Tag zu starten. Das ist ja auch der Reiz des Lebens in so mancher großen Stadt und im Besonderen Berlins, es ist wie eine Insel der Möglichkeiten, zu denen eben auch gehört bis spät in die 30er und oftmals darüber hinaus nicht mit dem bewegten Leben der jüngeren Jahre brechen zu müssen. Der Wein wird besser, die Cocktails teurer und mit dem Alter leistet man sich Upgrades, was die Lokalitäten betrifft, aber man kann wunderbar Betäubung konsumieren, ohne dass es irgendjemandem komisch vorkommt. Das hat natürlich seine Vorzüge, aber ermöglicht einem eben auch sich immer weiter von sich selbst zu entfernen und kleine Gedankenstimmen, die ja manchmal die sehr schüchternen Vorboten von Veränderungen sind, im Keim zu ersticken. So bewahrt man sich vor der Unbequemlichkeit so mancher vielleicht schwierigen Veränderung, so schöpft man aber vielleicht auch nicht voll aus, was alles möglich wäre. Wer nicht trinkt, ist erst mal die Spaßbremse (das kriegt der besondere Mensch dann oft vermittelt, der ja keinen Tropfen trinkt) und muss sich schwer beweisen im Laufe eines solchen Abends oder wandert in einen irgendwie als unangenehm oder anstrengend empfundene Schublade. Ähnlich wie bei vielen anderen Veränderungen reagieren viele Menschen bei diesem Thema besonders empfindlich, auch weil das Thema Umgang mit Alkohol vielleicht etwas triggert. Man würde sich den Spaß verbieten, das Trinken sei Weinkultur, man würde es zu weit treiben…, das sind einige der Argumente. Statt einfach hinzunehmen, wenn jemand einfach aus freien Stücken nicht mehr trinkt. Wie muss es wohl den vielen trockenen Alkoholikern gehen? Jemand, der so stark war eine Sucht zu überwinden und für sich eine klare Entscheidung getroffen hat, muss sich immer wieder erklären.

Ein emotionales Thema, die Trinkerei. Es gibt viele Menschen, die ein ganz ungetrübtes, ja nüchternes Verhältnis zum Alkohol haben. Aber es gibt eben auch viele, die ihre Schwierigkeiten mit dem Thema haben und in Abwehrmechanismen verfallen, die meist die treffen, die es anders machen. Obwohl deren Haltung ja nichts mit ihnen zu tun hat. Und dann gibt es die offiziellen Zahlen, die einen eigentlich veranlassen sollten auch mit diesem Thema sensibler umzugehen.

Und so dreht der Kopf immer mal wieder um die vielen Gesichter der Süchte unserer Zeit und das ist eine sich erneuernde Einladung, was man tut bewusst und mit Bedacht zu tun und sich in keine Abhängigkeiten zu begeben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s