Sonnenschein und schwere Schatten: Menschen auf der Flucht und Pflaumenmus fürs Gleichgewicht

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Sommer für den Herbst: Pflaumenmus

Es fällt gerade schwer, das Schreiben. Ungezählte Male habe ich angefangen in Worte zu fassen, was mich beschäftigt, wenn ich durch den Nachrichten- und Informationsstrom stolpere und fassungslos an Bildern von Menschen auf der Flucht hängenbleibe oder in Wut gerate, wenn ich sehe wie dummdreist Hass und Verachtung derzeit wieder ihre hässlichen braunen Fratzen in die Kameras strecken. Wo sind wir angekommen als Gesellschaft, wenn es so viele Menschen gibt, die nicht den kleinsten Funken Mitgefühl für die empfinden, denen es schlechter geht? Aber auch, was frustriert diese Menschen so sehr, dass die Schwäche Anderer zu ihrem Ventil wird? Und warum wird nicht lauter über die Ursachen dieser unglaublichen Zahlen geredet: Bildlich, wenn auch schwer fassbar gesprochen, ist das beinahe die Gesamteinwohnerzahl von Frankreich, die sich auf der Flucht befindet. Und eines ist klar: Es wird kein vorübergehendes Phänomen dieses Sommers sein, es ist eine Entwicklung, auf die wir reagieren müssen, denn sie wird uns auch zukünftig begleiten. Bis Ende diesen Jahres rechnet man mit 800.000 Menschen, die ihren Weg nach Deutschland finden werden. 800.000, das übersteigt die Einwohnerzahl Frankfurts am Main.

Das sind aber nicht nur Zahlen, sondern Hunderttausende von Einzelschicksalen und persönlichen Geschichten und, was zu kurz kommt, jeder dieser Menschen ist auch die Chance auf Begegnungen und Beziehungen, auf Bereicherung. Das klingt sehr idealistisch, aber immerhin reden wir von Menschen. Nur erst einmal, so ist es nun einmal, wollen dieses Zahlen (und die dahinter stehenden Menschen) verwaltet werden. Heißt versorgt und untergebracht werden. Und dass ist das andere, das schöne Gesicht dieses Sommers, dass so viele Menschen sich ein Herz fassen und anpacken, mithelfen und unterstützen. Das gibt Mut und inspiriert.

So langsam reicht zu schauen und bewegt sein auch nicht mehr aus. Das erste, was ich machen kann, ist spenden. Sachspenden, Geld. Ich kann meinen Konsum auch einmal einschränken und etwas verschieben und stattdessen dort geben, wo es wirklich wichtig ist. Denn seien wir ehrlich, das meiste, was wir haben, möchten wir gerne besitzen aber eigentlich haben wir alles, was wir brauchen. Also überlegt man sich: Braucht es einen neuen Mantel für den Herbst? Was hängt da schon im Schrank und kann weiter genutzt werden? Und kann ich mich nicht auch von etwas trennen und es spenden, wenn ich es eigentlich noch sehr mag? Das zeigt doch Respekt und respektiert Würde, wenn man nicht nur die letzten Fetzen spendet, die einen selber nicht interessieren. Weitergedacht: Wir wissen doch alles wie integrierend die richtige Kleidung wirkt und wie sehr Äußerlichkeiten ausgrenzen können. Und wenn ich nichts geben kann, dann ist das nicht schlimm, aber dann kann ich vielleicht Zeit geben. Bei uns vor Ort ist das ehrenamtliche Engagement sehr hoch. Ich bin auf einer Warteliste. Und das ist auch ok. Es soll ja Sinn machen und unterstützen, das Engagement und nicht das eigene Gewissen beruhigen. Erst war ich mir sicher, dass ich keine Zeit habe, weil ich ja noch Freizeit neben der Arbeit brauche und dann habe ich meinen Gedanken mal selbst aufmerksam zugehört und mir gesagt, warum meine Zeit so kostbar sein sollte. Wir führen doch zumeist so privilegierte Leben, natürlich nie völlig sorgenfrei, aber wir sind nicht in unserer Existenz bedroht. Und ich merke, ich kann einfach nicht so weiter machen und Missstände nur zur Kenntnis nehmen, mich informiert zeigen und am Ende aus dem verbal ausgedrücktem Mitgefühl doch nichts ändern. Das geht nicht mehr.

Zumal wir, damit meine ich unser Land mit seiner Politik, ja mit dafür verantwortlich sind, was andernorts geschieht. Unsere noch recht komfortable Blase hat ihren Preis und die Rechnung dafür haben bisher Andere bezahlt. Das macht uns verantwortlich. Und das kann einen fertig machen. Als zusammenhängendes System ist sie nicht zu begreifen, die Welt. Aber wir hängen mitten drin und haben zu (fast) allem eine Meinung, zehren von Informationsstückwerk und Interessensinseln. Dadurch, dass alles so vermeintlich nah rückt, wird es so abstrakt und fern. Und plötzlich sind sie aber da, die Tausenden von Menschen, mit den traurigen Augen, die Kinder mit dem fragenden Blick und es wird dringend Zeit aufzuwachen und zu schauen, was kann jeder anders machen. Nicht verzweifeln, weil man sich angesichts der Probleme so klein fühlt, mit den Schultern zuckt und sagt, ich kann eh nichts ändern. Ich kann im Kleinen anfangen. Ich kann anfangen bewusst darauf zu achten, wie ich diesen fremden Menschen begegne, was ich denke und was ich für ein Bild von ihnen habe. Und ich kann in Gesprächen dagegen halten und unbequem werden, wenn sich Verachtung und Ablehnung hinter scheinbarer Besorgnis verbergen.

Denn das wird immer wichtiger werden: Position zu beziehen. Nicht nur, dass etwas global aus der Balance geraten ist, wie die Medien und Statistiken und Berechnungen uns täglich zeigen. Noch näher und schlimmer zeigt sich dabei auch, dass wir bei weitem nicht so weit sind, wie wir dachten. Hetze gegen das Fremde, gegen Menschen, ist wieder viel zu weit in unserer Mitte angekommen. Und wer weiß, wie viele sich noch nicht trauen sich öffentlich so zu äußern, aber innerlich schon längst bedächtig nicken, wenn hier wieder die Angst geschürt wird, uns würde etwas weggenommen.

Nein, im Gegenteil, wir müssen schleunigst anfangen etwas zurückzugeben.
Und so wirft dieser Traumsommer auch viele lange Schatten und oft bin ich wütend, sprachlos, traurig. Aber ich nehme es als Antrieb nicht wegzusehen und nicht untätig zu bleiben. Mir geht es so gut, ich bin so zufrieden, das macht mich verantwortlich.

Und während also die bescheidenen Mittel auf den Weg gebracht werden, treibt es mich zur Beruhigung natürlich in die Küche. Seelennahrung für den sich ankündigenden Herbst fabrizieren:

Pflaumen/Zwetschegnmus
(6-7 kleine Gläser)
Die meisten Marmeladen sind einfach solche Zuckerschleudern, dass sie ausscheiden. Das Pflaumenmus war eine schöne Entdeckung, die sich gerade breit macht in der Vorratskammer.

3-3,5 Kilo Pflaumen, waschen und vierteln
2 Esslöffel Xylith
2 Esslöffel Kokoszucker
3 Zimtstangen
3 Sternanis
ca. 15 Nelken
Nach Geschmack: ein Esslöffel Rum oder Grappa

  • Die Pflaumenstücke über Nacht mit dem „Zucker“ und den Gewürzen ziehen lassen. Ich habe Grappa dazugegeben und mitziehen lassen. So setzt sich schon einmal gut Flüssigkeit ab.
  • Am nächsten Tag die Flüssigkeit abgiessen,  Pflaumen portionsweise leicht pürieren, so dass noch Stücke bleiben,  in einen großen ofenfesten Topf geben, ich habe einen Glasbräter genommen.
  • Bei 180 Grad für 4-6 Stunden in den Ofen geben.
  • Während der ersten Stunde einen Holzlöffel in die Ofentür geben, damit Feuchtigkeit entweichen kann. Danach einmal die Stunde umrühren. Je länger es im Ofen bleibt, desto fester und dunkler wird das Mus. Ich mag es am liebsten nach ca. fünf Stunden, wenn es schön dunkelrot ist und noch etwas flüssig.
  • Das Pflaumenmus in saubere Gläser geben, den Rand gründlich säubern und die Gläser im Dampfkochtopf einkochen. Alternativ wie Marmelade ganz heiß in die ausgekochten Gläser geben und diese auf den Kopf stellen.

Ich mag Pflaumenmus zu Braten und Rouladen, auf Crêpes, im Kastanienkuchen, als Süßungsmittel, in Saucen und Vinaigrette, im Sauer- oder Rotkraut….

Guten Appetit.

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