Moralische Dilemma statt Besinnlichkeit und Trostpflaster zum Dessert: Maronen-Kokos-Lebkuchen-Eis mit warmem Apfelmus

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Kulinarische Trostpflaster: Maronen-Kokos-Lebkucheneis

Sie fliegt dahin die Zeit und zieht mich mit in ihrem Sog. Mitunter stemme ich dann vehement die Fersen in den Boden, hangle mich langsam zurück und finde ihn wieder, den Augenblick. Das zarte Gebilde des Moments, der nicht rast und unter dem Gewicht zu vieler Pläne ächzt, sondern der sich mal ganz unverstellt geben darf. Die Stunden auf dem Pferderücken beim Ausritt durch den Wald, der ruhige, konzentrierte Ansitz im Revier, die Stunden in der Küche mit neuen Rezeptideen und einem Hörspiel, das Lachen beim Tanzkurs mit dem besonderen Menschen. Sie sind kostbare Glitzerstücke im Alltag, diese Stunden des (gemeinsamen) Erlebens. Sie inspirieren mich, tragen die Gedanken ein Stück weiter und auf wunderbare Umwege, verlangsamen mich, wenn ich zu schnell losrennen will, um alles zu schaffen. Sie sind die Würze des Alltags. Die Teestunde für das Seelchen und die Erdung, wenn alles an einem zieht. Ein Anker, den ich brauche, denn bei den Bildern und Nachrichten unserer Tage wird mir das Herz auf eine bisher unbekannte Weise schwer und das Gefühl, das sich heran schleicht, ist kein gutes.

Ich bin ein Sensibelchen. Im besten Sinne und im schwersten, wie ich momentan feststelle. Bei der Verteilung der Empathie habe ich eine große Portion abbekommen, so viel, dass es mich mitunter Kraft kostet, das Mitfühlen im Rahmen zu halten und mich nicht verwundbar zu machen. Ich verdiene mein täglich Brot mit Kommunikation, um diese sinnvoll zu gestalten muss man vor allem auch erst einmal Zuhörer sein und sich einfühlen können. Dabei aber die Distanz bewahren. In der Arbeit, da geht das gut und hilft mir sehr, doch gerade merke ich, wie schwer es mir fällt, mich abzugrenzen von Themen, die mir als Privatperson unter die Haut gehen.

Das Grübeln und das Durchdenken, das gehört zu mir, das weiß ich längst und wir haben uns einigermaßen gut arrangiert, das Hamsterrad im Kopf und ich. Wir haben einfach gemeinsam beschlossen, dass wir aus dem Hamsterrad eine Landkarte machen, die wir gedanklich erlaufen, Umwege unbedingt erwünscht.

Aber nun schleichen sich die Gedanken auf Pfade, bei denen ich mich frage, ob ich sie bewusst in eine Sackgasse laufen lassen darf. Wie weit soll ich denken und wo muss ich umdrehen oder beiseite treten, um mich zu schützen? Plötzlich stellen sich moralische Dilemma in den Weg, die für manch einen vielleicht nicht nachvollziehbar sind, als (mit-) fühlender Mensch aber wohl zum Reisegepäck gehören. Aber bevor sich dieser Gedankenstrom in Bildern verläuft, zurück auf Los.

Ich kann mein Leben, das ich als reich (im tieferen Sinne) und glücklich wahrnehme, und für das ich unendlich dankbar bin, im Moment mitunter nur schwer aushalten. Als ich mich im Sommer für die Arbeit mit geflüchteten Menschen gemeldet habe, war der Auslöser eher das Gefühl einer grundsätzlichen moralischen Verantwortung, dass man anderen Menschen helfen sollte und die Ohnmacht anhand der völlig neuen Bilder, die uns plötzlich überfluteten. Einer Verantwortung, die den Werten entspringt, mit denen ich groß geworden bin und die bisher, wenn man mal ehrlich ist, nie außerhalb ihrer Komfortzone auf den Prüfstand gestellt wurden. Mittlerweile ist es mir ein persönliches Anliegen geworden, mich nach meinen Kräften und Möglichkeiten zu engagieren. Gerne hätte ich dafür noch mehr Zeit. Aber das ist zuverlässig gerade nicht drin. Und wenn man sich engagiert, dann sollte es regelmäßig sein. Denn in der Arbeit mit Menschen sitzen am anderen Ende: Menschen. Keine Empfänger unserer Wohltätigkeit. Sondern Menschen, die dasselbe Anrecht auf Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit haben, das wir ja auch für uns einfordern. Menschen, denen man mit derselben Aufmerksamkeit begegnen sollte wie allen anderen Begegnungen auf seinem Weg auch. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, denn die Wege, die diese Menschen hinter sich haben, sind für uns in unseren bisher so behaglichen Blasen nicht nachvollziehbar. Natürlich trägt jeder von uns sein eigenes Gepäck mit sich herum und wenn ich zurück blicke, weiß ich, dass auch in meiner Geschichte einiges leichter hätte laufen können und Stolpersteine da waren. Aber diese liegen hinter mir und ich bin jetzt hier rund habe es überstanden und statt auf Persönliches zurückzugreifen, um mich zu entschuldigen, kann ich das, was ich auf meinem Weg an Erfahrungen gesammelt habe, in Energie umsetzen, die ich für etwas Positives einbringen kann.

Das versuche ich und bin auf einmal mit Geschichten konfrontiert und Menschen in Kontakt, die mir unter die Haut gehen. Verglichen mit vielen anderen Modellen, leben wir ein Leben mit bescheidenen Maßstäben, das ist gewollt und hat nie gestört, aber auf einmal sehe ich, wie unglaublich gut es uns geht. Wie viel Überfluss selbst noch in unserer vermeintlichen Bescheidenheit steckt. Welche Möglichkeiten uns (relativ) problemlos offenstehen. Auf welche Ressourcen wir zurückgreifen können, dank der vielen Menschen um uns herum.

Was, wenn so etwas alles wegbricht? Wenn die Freunde und die Familie in der Unsicherheit des Heimatlandes geblieben oder nicht mit einem angekommen sind? Wenn man all seine Energie auf das Ankommen verwendet hat und dann nicht aufgeben kann, sondern weiter machen muss, um Fuß zu fassen, eine neue Sprache und Kultur mit ihren Codes zu lernen? Von vorneherein behaftet mit dem Stempel Flüchtling?

In der letzten Deutschstunde sind wir persönlich geworden. Und ich habe gefragt, was der Mensch, der mir gegenüber sitzt, vor seiner Flucht in Afghanistan gemacht hat. Ich war so beeindruckt von seiner Wissbegier und seiner Zielstrebigkeit im Lernen. Warum hat mich das so überrascht? Habe ich ihm, beeinflusst von zu vielen Bildern, nicht zugetraut, was er leistet? Nein, ich glaube ich hatte bis zum ersten Termin im örtlichen Erstaufnahmelager nicht über die Menschen hinter den Zahlen nachgedacht, nicht über sie nachdenken können, weil ich nicht mit ihnen in Kontakt gekommen bin.

Jetzt ist er da der Kontakt und ich will nicht in der Position der Lehrenden sein. Ich will, soweit es die Situation erlaubt, einem Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen. Und manchmal reicht es auch zuzuhören und sich Dinge sagen zu lassen, die nicht nur leicht sind.

In Afghanistan war er Ingenieur und er sagt selbst, dass von den 100 Leuten in seinem Zelt viele dabei sind, die sich sehr schwer tun mit dem Lernen und dem Ankommen, weil sie vorher schon keine Chance hatten und auf wenig Vorbildung aufbauen können. Er schläft nur 3-4 Stunden pro Nacht. Der Lärm nimmt nie ganz ab. Musik, Telefongespräche, Streitereien, Aggression, Alkohol und einfach die ganz normalen Spannungen, wenn zu viele zu unterschiedliche Menschen auf Lange Zeit und auf zu engem Raum zusammen sind. Er sammelt Prospekte, um das Lesen zu üben und spart auf die nächste Telefonkarte für den Anruf in der Heimat. Er geht nicht oft in die Stadt, es fällt ihm schwer, wie die Menschen an ihm vorbei sehen. Nicht das indifferente Nichtwahrnehmen, das man im Alltag pflegt, sondern das bewusste Nichtsehen, weil jemand anders aussieht und direkt in die Schublade gewandert ist. Und ganz ehrlich, wer von uns läuft tatsächlich ohne diese Schubladen herum? Das fühlt sich an wie ertappt und ist nicht schön, aber es ist so wichtig zu hören. Er möchte nichts geschenkt bekommen. Also wird ihm jetzt einfach alles geliehen, was ich angemessenerweise geben kann und dann soll er es einfach weiter verleihen, vielleicht geht das. Ich rede dabei von kleinen Dingen- Wörterbüchern, Büchern.
Neben ihm sitzt ein Junge, er sollte volljährig sein, sonst säße er nicht hier bei den Anderen. Aber die Volljährigkeit mag ich ihm nicht abnehmen. Er verschwindet fast, so sehr ist er bemüht nicht aufzufallen und er spricht unglaublich leise und tut sich mit der lateinischen Schrift schwer. Aber jedes Wort ist ein kleiner Erfolg und ich wünsche ihm von Herzen, dass er irgendwann die Traurigkeit aus dem Blick verliert.

Die Rückkehr in den gewohnten Alltag fällt an diesen Tagen schwer. Ich fange an vieles in Frage zu stellen, bewege mich durch meine Wünsche und sortiere aus. Besonders zu schaffen macht mir die bevorstehende Adventszeit. Die Zeit der vielbeschworenen vorweihnachtlichen Behaglichkeit hat eben nicht nur ihre kerzenflammende Behaglichkeit, sondern trägt auch Gier in sich. Was wünsche ich mir unter dem Baum? Die Werbung treibt noch einmal alle an. Es muss eine festliche Garderobe her und noch ein Teil und hier ein Rabatt und und und…

Ich habe mich im Lauf der letzten Jahre zu einem bewussteren Konsum erzogen. Weniger aus dem Effekt, nicht nach kurzlebigen Moden und wohl überlegt, nicht schön geredet. Was übrig bleibt, das ist in seinem Ausmaß völlig ok. Aber selbst das will mir nun nicht mehr schmecken. Dabei weiß ich, dass ich aus Solidarität und Mitgefühl nicht mein Leben aufgeben kann, das wäre falsch. Ich trage ja auch eine Verantwortung für mich und meine Lieben. Aber ich kann noch ehrlicher sein. Was brauche ich wirklich, wo ich doch alles habe. Was kann nicht noch warten und kann stattdessen in ein Geben verwandelt werden. Es geht nicht darum sich zu geißeln und sich das Glück zu verbieten. Aber das Glück kann nicht der Konsum sein. Das Glück muss doch etwas Tieferes sein. Wir können nicht einfach so weitermachen, während um uns herum alles im Wandel ist und so vielen Menschen mit einem klein wenig von dem geholfen wäre, das wir für uns in Anspruch nehmen. Das alte Lied: Wenn jeder nur ein klein wenig mehr geben würde als bequem ist, würde es niemandem wehtun, aber so vielen so viel geben. Sagt der gesunde Menschenverstand, aber der genießt nicht das Ansehen, das er verdient hätte.

Ich hadere also. Oft geht es mir richtig beschissen und Berichte über wachsende Zahlen, hinter denen Menschen stecken, die so viel aufgegeben haben, treiben mir Tränen in die Augen. Die wachsende Zahl an Übergriffen entfacht derweil die Wut und Fassungslosigkeit erfasst mich bei so manch einer akademischen Metadiskussion, an denen man bei den aktuellen Themen nicht vorbei kommt.

Im ganz kleinen privaten Kreis bleibt das moralische Dilemma, wie glücklich kann ich sein, bei so viel Leid und Missstand, den ich sehe? Wo liegt für mich die Balance?

Statt Vorfreude auf Zimtgeruch gehe ich mit dem Gefühl in die kommende Adventszeit, dass etwas unwiderruflich vorbei ist.

Für die Glitzermomente, die es braucht, um für sich und andere mit dem Herzen dabei zu sein, kann mit Kleinigkeiten nachgeholfen werden.

 Maronen-Kokos-Lebkuchen-Eis mit warmem Apfelmus

1 Dose möglichst cremige Kokosmilch (90%)
3-4 Esslöffel Maronenmehl
2- 3 Esslöffel Xylith
Prise Salz
1-2 Teelöffel Lebkuchengewürz (nach gewünschter Intensität)
großzügige Prise Vanille

Apfel in der Schale in Stücke geschnitten (meine waren Fallobst aus dem Dorf, wunderbar rot und süß und zu mehlig zum Essen)
geriebene Orangenschale
Zimt
etwas Wasser

Eis

  • Alle Zutaten für das Eis schön gründlich miteinander verquirlen und einen Moment stehenlassen und schauen, ob man noch mehr Xylith hinzu geben möchte. Ich bin eher zurückhaltend, da das Maronenmehl schon süßlich ist und die feine Kastaniennote nicht überdeckt werden soll.
  • Nun für gute 3 Stunden (oder bis es den gewünschten Gefriergrad erreich hat) in die Tiefkühltruhe geben und regelmäßig umrühren. Ich mag es gerne, wenn es noch etwas cremig ist.

Apfelmus (für eine einmalige Portion reichen zwei große Äpfel)

  • Die Apfelstücke mit zwei Fingerbreit Wasser, dem Zimt und der Orangenschale aufsetzen und auf kleiner Hitze gemächlich einkochen, dabei regelmäßig umrühren. Wer es stückig mag, lässt es stückig. Genauso gut kann man es aber auch fix pürieren.
  • Ich habe mehrere Kilo Äpfel eingekocht und die Gläser mit dem Apfelmus im Dampfkochtopf eingekocht, damit sie mich im Winter weiter erfreuen.
  • Nun das warme Apfelmus auf das Eisgeben und die wunderbar tröstliche Kombination von apfelsauerer Süße und herbstlich weicher Kastanie genießen.

Guten Appetit und Kopf hoch!

Von der Seele geschrieben: Kann ich helfen? Ja, bitte. Unbedingt!

machen und helfen

Kann ich helfen? Unbedingt!

Wir haben viel gelacht. Etwas verlegen anfangs, aber nach und nach offener und herzlicher. Wenn das Englische als gemeinsame Basis mal nicht weiterhalf, haben wir Hände und Füße genutzt und uns einmal durch die Anatomie und die wichtigsten Begriffe für den Arztbesuch gelernt. Die Zeit ist geflogen und mit dem Ende der Deutschstunde platzte die Blase und die Ernüchterung setzte ein. Die Oase machte zu.

Die Oase, das ist das von der Stadt Limburg organisierte und von vielen ehrenamtlichen Helfern unterstützte Begegnungscafé vor den Toren des ersten Erstaufnahmelagers hier vor Ort. Ein Erstaufnahmelager, das eigentlich jetzt abgebaut werden sollte und stattdessen nun winterfest gemacht werden muss. 650 Menschen, in Zelten, in einem Industriegebiet neben der ICE-Trasse. Viele junge Männer, Jugendliche, Frauen mit Kindern, Schwangere, wenige ältere Männer. Für 650 von ihnen sind die Zelte temporäre Station. Und das Café Oase ist ein wenig alles: Aufenthaltsraum, Kaffeemaschine, Klassenraum, Kindergarten. Hier steht die Begegnung ganz klar im Vordergrund. Lokale Bäcker spenden täglich Gebäck und viele Menschen engagieren sich mit ihrer Zeit und einfach nur mit ihrer Menschlichkeit. Denn mit dem ersten Kaffeebecher, den man entgegen nimmt und füllt, werden aus den großen Etiketten, mit denen die Medien seit diesem Sommer um sich schmeißen, Gesichter. Kleine Gesichter mit roten Schnupfennasen unter rosa Mützen, ernsthafte Gesichter unter makellosen Kopftüchern oder dezent geschminkt. Energiegeladene Jugendliche und schüchterne Erwachsene. Wir reden so viel und vergessen das Offensichtliche: Es geht um Menschen.

Wir reden und reden und im Reden haben wir das Gefühl etwas zu bewegen. Und das ist auch gut und das tun wir auch, etwa, wenn wir klar Position beziehen und tumben, menschenverachtenden Meinungen einen Riegel vorschieben. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das langfristig nicht mehr reichen wird. Das Reden. Und das Lesen. Ich denke, viele denken wie ich, dass sie eine Meinung haben und dafür einstehen. Es scheinen so Zeiten zu kommen, in denen wir uns beweisen müssen und diese Meinung verteidigen. Ich kriege das Grausen und die Wut wächst, wenn ich brennende Notunterkünfte in den Medien sehe. Wenn ich höre, wie die Ängste der Menschen vereinnahmt und ins Schlimmste verkehrt werden. Bis die offensichtlichsten Argumente nicht mehr auf Gehör stoßen und das zarte Pflänzlein des Mitgefühls, das dieser Tage wachsen und stark werden sollte, verkümmert. Es werden immer mehr, die den Mund aufreißen, die sich mit ihren hasserfüllten Parolen auf die Straße trauen. Der dreiste Mut wächst und plötzlich werden wieder Journalisten für ihre Meinung wortwörtlich angegriffen. Solange die Angriffe online über die Kommentarfunktion geschehen, kann man den Kopf schütteln und es beiseite schieben, aber wenn die Hemmschwelle überwunden ist, wohin geht die Reise dann? Ich halte mich für einen optimistischen Menschen, bei allem, was mich an Gedankenbalast beschwert und was ich kritisch sehe, will an etwas grundlegend Gutes glauben, das uns im Großen und Ganzen motiviert. Düstere Zukunftsprognosen sehe ich kritisch. Aber gerade geht es nicht um die Zukunft, sondern um das hier und jetzt. Und da ist auf einmal etwas mitten unter uns angekommen, was wir doch besiegt geglaubt hatten. Gerade wir, mit dieser komplizierten Geschichte, dieser vielen Scham und dem mehr als durchwachsenen Gefühl für die Heimat. Diese Heimat wird gekidnappt von Idioten, die etwas schützen wollen, das es nicht gibt. Die uns wieder sagen: „Wir gegen die“, weil die uns sonst was wegnehmen. Was denn? Will man schreien? Was nehmen sie menschenverachtenden Vollpfosten wie Euch weg? Menschen, die in Kauf nehmen, dass andere Menschen zu Schaden und sogar zu Tode kommen. Menschen, die sie nicht kennen und gegen die sie somit nicht einmal mächtige persönliche Gefühle anbringen können. Menschen, die mit den Ängsten und Unsicherheiten der Leute (ok, das gilt auch für große Teile der Medien und Politik) mobilisieren und ausnutzen, dass Menschen in der Masse an Intelligenz verlieren, haben diese Menschen die Vorteile des demokratischen Systems verdient, das uns so wohl genährt hat? Wir waren wohl zu satt und sind es noch immer, dass der Aufschrei nicht noch größer ist. Wie die Spitze vom Eisberg sind nur die Mutigen da draußen und krakeelen laut, schlimmer noch ist der unberechenbare große Teil, der unsichtbar unter der Wasseroberfläche sitzt, aber zunehmend zustimmend nickt. So werden aus schönen Wasserringen Wellen und wie wollen wir die stoppen? Auf jeden Fall, indem wir für uns einstehen und den Mund aufmachen, wenn wir merken, dass in Gruppen auf heuchlerisch mitleidige Art und Weise der Tenor irgendwie doch umschlägt: “Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber…“

Ja schön, wir sollten auch alle nichts gegen, sondern für Flüchtlinge haben. Noch mehr vernünftige und gut erhaltende Kleidung für die warmen Tage. Noch mehr Spielzeug und Bücher und Malstifte und und und… und Zeit. Ich hatte mich im Sommer schon gemeldet, bis jetzt hat es gedauert, aber das heißt nichts. Aktiv werden und fragen, wo es konkret an Hilfe fehlt. Das hätte ich viel früher machen sollen, statt zu warten bis jemand auf der Namensliste bei K ankommt. Passen tut es nie, nicht wahr? Und sicher gibt es Umstände, wo es nicht machbar ist, aber wer zwei Stunden erübrigen kann, um bei der Kleiderausgabe oder beim Unterricht zu helfen… bitte macht es. Es ist nicht umsonst.

Ich war furchtbar nervös, als es klar war, dass aus der schönen Idee des ehrenamtlichen Engagements eine Verabredung mit der Realität werden sollte. Immer wieder habe ich über mich selbst den Kopf geschüttelt und mich gefragt, was daran mich so nervös machte? Ich wollte das richtige Signal aussenden. Kein Mitleid, sondern Wertschätzung. Das sollte ja kein Engagement für mich sein, sondern etwas bringen. Der besondere Mensch hat mir den Rücken gestärkt und zu recht erinnert: „Es sind Menschen. Du hast ein Gespür für Menschen, warum solltest Du das nicht nutzen, wie sonst auch?“ Recht hatte er.

Nachdem ich innerlich etwas schüchtern an der Kaffeetheke begonnen hatte, setzte ich mich irgendwann an einem Tisch zu einer kleinen Lerngruppe. Ein älterer Herr, wie ich Freiberufler, gab Deutschunterricht. Mir gegenüber saßen zwei junge Männer, sie waren zu weit weg, um bei der anderen Gruppe richtig mitmachen zu können, aber sie hörten so intensiv zu, dass ich ohne darüber nachzudenken fragte, was sie heute machen wollen würden. Man muss keine Angst vor der Verantwortung des Lehrens haben, darum geht es hier nicht. Sondern um eine kleine Starthilfe, bevor der eigentliche Deutschkurs beginnt. Oft geht es um ganz konkrete Fragen zu bestimmten Vokabeln für den Alltag. Ansonsten wird anhand von Materialien ein Einstieg geschaffen. Man kann dabei nichts falsch machen, aber ganz viel geben. Sprache, Kommunikation ohne Missverständnisse, sind der einzige Weg, wie wir alle („wir“ und „die“) es schaffen können, uns zu sortieren und Spannungen abzubauen. Und wenn man einmal dabei ist, merkt man, wie viele Menschen genauso denken und sich, mitunter bereits seit Monaten, mit ihrer Zeit und noch viel mehr engagieren. Das macht Mut, wenn in den Medien die Flammen wüten und einem ein Kloos der Wut den Hals abschnürt.

Und ganz persönlich denke ich, dass etwas zu Ende gegangen ist, eine im Großen und Ganzen für die meisten von uns recht sorgenfrei Zeit. Es hat sich etwas in Bewegung gesetzt und die ersten Veränderungen begegnen uns in Form von Gesichtern. Gesichtern vieler Menschen. Wie bei allen Menschen muss man nicht jeden mögen und kann sich aus dem Weg gehen, aber gegenseitiger Respekt sollte doch der Maßstab im Umgang miteinander sein.

Ich für meinen Teil bin tief berührt von dem Elan, mit dem die Menschen, denen ich begegnet bin, bereit und gewillt sind, die Sprache zu lernen, anzukommen. Sie haben Ruhe verdient. Ein Blick in so manches viel zu alt wirkende Kindergesicht sagt, dass hier unglaublicher Ballast mitgeschleppt wird und doch der Antrieb bleibt. So viel Stärke und die Kraft, Leid ertragen zu haben, das muss doch gewürdigt werden. Und satt und in der Tendenz gerne etwas unzufrieden, wie wir in Deutschland ja gerne sind, können ein kleiner Perspektivwechsel und neue zwischenmenschliche Begegnungen doch vielleicht auch einen gesunden Ruck statt einen rechten Ruck zur Folge haben. Zumindest für uns jeden persönlich haben wir es endlich mal in der Hand.