Ein Jahr, Auge in Auge mit dem Schweinehund und Abschied von der Avocadocreme

Avocado KritikEs ist genau ein Jahr.  Ein Jahr her, dass die netten Menschen vom seltsamen Umzugsunternehmen in Windeseile ihren Laster entluden und uns mit diversen Kistenhaufen und einer ziemlichen Ungewissheit auf dem Dorf zurückließen und selbst zurück in Richtung Berlin fuhren.

Ich gebe zu, als wir selber am gleichen Tag die große Stadt verließen, kullerten bei mir kurz ein paar Tränen, so etwas wie die plötzliche Furcht vor der eigenen Courage, aber diese unbestimmte  kleine Sorge und die Ungewissheit, die am ersten Abend mit uns im Kistenchaos saßen, wichen ganz schnell der Freude am Neuen und der Entdecker-Lust.

Ein Jahr später sind alle Kisten ausgepackt und das alte Leben in der großen Stadt steht in einem anderen, schön-spannend-durchwachsenen Kapitel.  Es fühlt sich sehr abgeschlossen und entrückt an. Was davon bleibt sind vor allem die lieben Menschen, die einen weiter begleiten und der Stolz, es gewagt und geschafft zu haben. Ja, es sieht gerade ziemlich gut aus. Und der Mittagsspaziergang durch die Sonne rund ums Dorf hat den Kopf kurz ganz sachte warm gestreichelt und einen bestärkt in der Richtigkeit der eigenen Entscheidung.

Ich  war mir dessen nicht wirklich bewusst, bevor wir uns entschieden haben etwas grundlegend zu ändern, ich habe nur zunehmend angespannt reagiert auf jede der vielen Geschichten, die einem die unterschiedlichen Medien über mutige Lebens-Richtungs-Wechsel und Neuanfänge servieren.  Ich wollte nicht die Erfolgsgeschichten anderer Leute wiederkäuen und beklatschen (auch wenn viele eine Menge Respekt verdient haben), ich wollte selber ein kleines Abenteuer erleben. Nur zu leicht kann man sich ja auch ein wenig einschüchtern lassen, wenn ein Lebensmodell da medial aufbereitet wird. Denn das klingt ja immer nach ein bisschen mehr als nur Job und Sicherheit aufgegeben und sich örtlich verändern. Nein, das sind dann meist gleich großartig klingende Projekte, die im Zusammenhang mit dem Wechsel aus der Taufe gehoben wurden. Oder kleine Unternehmen (ok, das sind wir tatsächlich auch), aber dann immer mit einem Zeitgeist-gemäßen ästhetisch-intellektuellen Aufhänger und mit einer entsprechenden Bildersprache.  Das war mir persönlich zu viel. Dort wird nur allzu oft einem Ego geschmeichelt, das sich da lang und breit in Szene setzen lässt. Und viel zu selten wird mal erwähnt, dass es auch klein und leise geht. Ohne großes Kapital, ohne  Plan B. Man kann sein Leben ändern, raus aufs Land – das muss nicht gleich das ambitionierte Hofprojekt sein. Oder an einen anderen Ort.  Das muss gar nicht zum Herzeigen sein, aber gelebt werden sollte es. So ganz und mit Überzeugung und dann wird Ungewissheit auch belohnt. Übermütig werden lässt mich das nicht. Tief drinnen habe ich uns all das zugetraut, aber man weiß vorher nie was kommt. Das weiß ich auch jetzt noch nicht. Ich weiß nur, dass wir uns bemüht haben und eine neue Bescheidenheit gelernt haben und diese Veränderung belohnt immer wieder. Vor allem mit dem Gefühl, bei mir angekommen zu sein. Und das ist eine ganz wunderbare Ausgangsbasis für neue Abenteuer… Wird es immer der Taunus sein? Was für andere Modelle des Arbeitens stehen uns noch offen? Welche schönen Dinge möchte ich noch tun, von denen ich noch gar nichts weiß? Es sind nämlich nicht immer nur die anderen, die irgendwie vom Glück geküsst, mit besseren Startbedingungen, mehr Talent, mehr Zeit, mehr Kreativität,… Nein, die Veranlagung hat zum Glück jeder. Nur wie wir sie nutzen, das ist mitunter traurig anzusehen. Und den Mut trägt auch jeder in sich, nur wird er allzu oft betäubt und vergraben oder kompensiert durch Ersatzlösungen und Kompromisse. Und die sind tatsächlich allzu oft materieller Natur.

Ich fand das auch recht angenehm, in der großen Stadt, mit einem festen Gehalt und als Ausgleich zum Arbeitsstress oder zu besonderen Anlässen habe ich mich selbst belohnt. Allerdings oberflächlich. Die neue Hose hätte dann immer gerne noch ein paar neue Schuhe dazu bekommen, der fünfte Nagellack möchte nicht der letzte in der Sammlung sein und das zweite Glas Wein lässt einen weiter bestellen, wir schauen mal nicht so genau hin und suchen lieber noch neue schöne Gläser zum Wein. Das ist in einem gewissen Rahmen ja völlig verständlich und ok. Aber es ist vielerorts doch eine gewisse Maßlosigkeit eingezogen. Ich stehe heute vor meinem Schrank und frage mich, was ich mit 10 Paar Sneakern soll. Wann ziehe ich die an? Nun verschenke ich, was ich kann um mich herum und gebe den Rest weiter. Ich habe immer noch mehr als genug. Einiges davon bleibt auch gerne hier, ich will weniger Neues einziehen lassen. Ich halte auch die diversen Simplify-Ratgeber für Nonsens, die Dir beibringen wollen, welche 10 Dinge Dir reichen für das Leben. Am besten dann mit Weiterleitung zum Renovierungs-Ratgeber und Einkaufsberater, damit jede Oberfläche an und um einen Reduzierung schreit. So funktioniert es eher nicht. Das muss schon jeder selber für sich herausfinden, und vor allem den persönlichen Bereich identifizieren, in dem entrümpelt werden sollte. Es muss und soll auch nicht in der totalen Askese enden, sondern es geht um ein Bewusstsein für sich und das eigene Leben und die Menschen um einen herum. Auch wenn das furchtbar nach Mainstream-verseuchten Eso-Müll klingt. Da wurde ja auch gute Arbeit geleistet. Viele kluge Gedanken sind längst in die Form von Redensarten gegossen und langsam aber sicher in der Ecke der hohlen oder verspinnerten Phrasen platziert worden. So dass man seltsam klingen muss, wenn man anfangen möchte sich bewusst zu äußern.

Neulich sagte jemand, es liegt ein ganzes Stück Weg zwischen dem Fakt, dass man etwa die enorm liest und der tatsächlichen Umsetzung eines nachhaltigen Lebensmodells (im Sozialen, Materiellen und letztlich auch Spirituellen). Es ist sicher ein Anfang, sich mit bestimmten Themen intensiver auseinander zu setzen, aber nur allzu selten wird der Schritt von der intellektuell verbauten Meta-Ebene wirklich hinein ins Praktische vollzogen.

Das ist nämlich recht anstrengend. Ich bin weit davon entfernt mein Leben als abgeschlossenes Modell zu betrachten. Das soll es niemals sein. Es steckt nur so voller Überraschungen und zeigt mir gerade in den letzten Monaten immer öfter, was möglich ist, wenn man sich traut. Manchmal habe ich auch keine Lust und denke, es wäre einfacher wieder konventionell zu konsumieren und bei den Menschen nicht so genau hinzuschauen und wieder auf eine oberflächlichere Ebene einzusteigen und Spielchen mitzuspielen, weil es vermeintlich schneller geht. Aber ich weiß, dass ich mir damit keinen Gefallen tue und dass ich dieses schöne Gefühl der entspannten Zufriedenheit nicht anders hätte erreichen können. Und ein wenig stolz bin ich auch, auf das was wir in einem Jahr auf die Beine gestellt haben, auf dem Dorf, im Privaten, mit der eigenen Firma und auch hier, auf diesen persönlichen, virtuellen Seiten. Denn nicht nur ein Jahr ist es, dass wir hier sind, 100 Einträge sind es nun auch, seit ich begonnen habe den Schweinehund wegzutreten, der sich an meine große Lust am Wort geklammert hat und jeden Gedanken an das Schreiben, jenseits der Arbeit, lange verscheucht hat. Lange dachte ich auch so ein Blog, das endet immer in einer narzisstischen Nabelschau und das ist das letzte was ich will. Aber dem muss gar nicht so sein. Davon gibt es viele Beispiele, sicher. Die Bühne ist ja wunderbar bereitet. Aber es gibt so viele stille Perlen, die in den Untiefen der Blogwelt leuchten und ich freue mich immer wieder, wenn ich neue entdecke und bin ehrlich bewegt, wenn ich sehe, wie eifrig meine Gedanken gelesen werden. Das ist eine schöne Motivation den Schweinehund weiter zu treten und weiter nachzudenken und weiter zu suchen nach den vielen schönen Gedanken und Anregungen, die so viele mutige Schreiber in die Welt setzen.

Und kleine Meilensteine kriegen dann doch manchmal eine Belohnung. Das war gerne mal eine Koriander-Avocadocreme. Wobei ich echt keine Avocados mehr kaufen kann seit ich jetzt für diesen Eintrag recherchiert habe. Avocadobäume brauchen täglich 50 Liter Grundwasser und werden für den Export zumeist in Regionen angebaut, die nicht eben bekannt sind für Wasserreichtum, etwa Peru, Israel. Und auch die Bio-Variante löst das Wasserproblem nicht. Also ist dies ein Abschiedsgesang auf einen köstlichen Vertreter der Beeren-Familie. Ein Superfood, das einen Preis hat.

Tschüss, Avocado.

Mode macht mich oftmals sauer und Quitten-Chutney wohlig

Paleo Quitten-ChutneySo. Es ist also wieder ein aktueller Übeltäter der Stunde gefunden. Das ZDF hat in einer dramatisch investigativ vertonten Reportage mit dem Titel „Mode zum Wegwerfen“ das Kleidungsmonster Primark unter die Lupe genommen. Und zack regen sich alle auf und haben sich vorher nie gefragt, wie man T-Shirts für drei Euro verkaufen kann? Das wäre allerdings traurig.  Wer den Billiganbieter von Mainstreet Trends noch nicht kennt, wird langfristig nicht verschont bleiben: Eine wachsende Zahl an Immobilien in städtischer Bestlage sorgt dafür, dass Horden von nicht nur Teenager-Mädchen mit abstrus vollen und vielen braunen Papiertüten durch die Innenstädte ziehen. Den beseelten Glanz eines Einkaufsmarathons in den Augen.

Das ist das Geheimnis von Primark: Noch ein bisschen weiter runter in der Qualität und dann auch noch ein bisschen weiter runter im Preis. Gleichzeitig Neuerungen im Sortiment im Wochentakt. Da werden Trends noch schneller umgesetzt als bei den bisherigen bekannten Ketten, die  quasi vom Laufsteg der vermeintlich Kreativen, Großen weg fotografieren und in Produktion gehen.

Machen wir uns doch aber nichts vor, die Produktionsstätten sind dieselben wie auch bei den anderen Textilriesen und wenn nun Abkommen unterzeichnet werden , die bessere Arbeitsbedingungen schaffen sollen, entsprechen diese immer noch nicht dem Standard, den wir kennen und so lange, ganz ehrlich, bleibt es meiner Meinung nach Ausbeutung. Erkaufen wir uns etwas auf Kosten anderer. Und man ist ja auch nicht dumm in der Textilbranche, da sitzen ja keine  designverliebten Schöngeister in den Managementetagen, sondern knallharte Geschäftsleute, für die der Stoff ihrer Träume aus schwarzen steigenden Zahlen besteht. Schlimmer ist noch, dass die Marken so mit ihrem jeweiligen Image überfrachtet werden, dass sie eher wie individuelle Charaktere wahrgenommen werden, was ihnen quasi menschliche Empfindungen und Attribute  zugeschreibt, so dass die harten Fakten dabei nur zu gerne wieder in Vergessenheit geraten.

Bis wieder etwas passiert und wieder ein Konzern in die Kritik gerät. Und wird ein Produktionsstandort zu teuer und die Auflagen zu restriktiv (nach Auffassung der Konzerne), zieht man eben weiter. Der Westen hält dank demokratischer Interventionen immer genügend strukturschwache Staaten an der kurzen Subventionierungsleine, dass dort weiter gemacht werden kann. Und ja, das hängt eben alles zusammen. Und wir tragen dazu bei mit unserem Konsumverhalten.

Und das macht mich wütend, denn die vermeintlichen Glückskäufe, die wir so früh lernen und verinnerlichen, kriegt man schwer wieder raus.

Ich gebe es mit schlechtem Gewissen zu, dass auch ich bei Primark an der Kasse stand, das war 2009 in London und so abgestoßen ich von der Größe und dem herrschenden Einkaufswahnsinn in dem Laden war, so sehr entsprachen die Preise meinem armen London-gebeuteltem Volontärinnen-Geldbeutel. Nun ertrage ich solche Geschäfte nicht mehr und lasse es einfach. Zumal der niedrige Preis zu einem völlig unbewussten Konsum verführt. Ebenso bedenkenlos wird schnell wieder aussortiert und weggeschmissen. Und wohin mit den Tonnen chemiegetränkten Textilmülls? Das ist auch was ich denke, wenn im Wandel der Jahreszeiten die Mode-Blogs überquellen mit Bildern von den kommenden Kollektionen. Finger weg von diesen besonderen Stücken, das mag die Neon-Jeans, oder die Schößchen-Bluse, oder das total untypische Muster sein – wenn es keine guten Freunde findet, die schon lange in Deinem Schrank leben, ist es ein Fehlkauf, etwas was Dir eingeflüstert wurde, dass Du es brauchst, aber es ist nicht Dein Stil. Und ein fair produzierter Pulli wiegt nicht alle Einkäufe bei großen Ketten auf. Es ist ein guter Ansatz, aber auch hier sollte man sich immer fragen, was man sich da gerade kauft und warum. Es ist verdammt schwer. Ich persönlich bin, wie schon einmal erwähnt ,momentan in einer seltsamen Konsum-Unlust-Phase. Bzw. ich will Kaufentscheidungen tätigen, ohne dabei irgendwelchen Einflüssen ausgesetzt zu sein, denn dass bin ich auch, wenn ich teure, faire Seidenhemdchen aus dem Öko-Fair-Wohlfühl-Loha-Katalog bestelle, die geben mir nur ein besseres Gefühl.

Und auch wenn bestimmte Medien einen Weg des kritischeren Konsumverhaltens propagieren, Leute sich monatelang ein Kaufverbot auferlegen (so gelesen auf diversen Blogs) und dann stolz darüber berichten (und dann weiter zu viel konsumieren) und es von Ratgebern für ein simples Leben nur so wimmelt, dann mag ich die Menschen manchmal nicht mehr ernstnehmen. Nicht, weil ich mich für besser oder weiser halte. Oh nein, ich merke ja auch, wo so ein Fallstrick verfängt. Aber, weil mir die Scheinheiligkeit manches Mal zum Halse raushängt. Klingt das zu hart? Ich nehme es oftmals so war und bin auch selbstkritisch genug, entsprechende Fehler bei mir selbst zu sehen und mit mir ins Gericht zu gehen. Aber die Reflexionsebene scheint zu verkümmern in unserer Gesellschaft, bzw. wird durch eine antrainierte oberflächliche ersetzt, die nicht dahin schaut wo es weh tut, sondern milde kritisiert und uns bequeme andere Wege aufzeigt.

So wird sich nichts ändern. Und manch fehl geleiteter Mensch denkt nach einer Reportage wie der oben genannten vielleicht, es wäre damit legitimer wieder bei anderen Ketten zu kaufen. Die  gezeigte Investigativ-Reporterin war zum großen Teil auch perfekt auf der Höhe diverser Trends gekleidet, ich hoffe die Bilder haben auch bei ihr bewirkt umzudenken.

Und ja, das ist ein Thema, das mich wütend macht, weil es jeden von uns persönlich betrifft und es erschreckend ist zu merken, an wie vielen Stellen wir unbewusst konsumieren um uns etwas glücklicher zu machen oder vermeintlich etwas brauchen (wir haben ja nichts). Das wird deutlich, wenn man sich mal etwas zurückzieht und diese Mechanismen überdenkt. Und das ist nicht nur schön und man findet schnell Ausreden, warum dann doch, denn man möchte ja nicht vor sich selber schlecht da stehen. Aber wenn man in diese Richtung geht, befreit es auch ungemein. Und es macht einen ein ganze Stück unabhängiger von Meinungen und Bildern anderer, die man aufgedrückt bekommt und bringt einen im besten Falle dahin zu sehen, was man wirklich möchte. Und das ist vielleicht gar kein Teil für den Kleiderschrank oder die Wohnung.

So. Und noch was Saures, wenn auch scharf und süß  – Chutney.

Quitten-Chutney

Ca. 4 Kilo Quitten
1 knappes Kilo Boskoop Äpfel
600 Gramm rote Zwiebeln
300 Gramm Xucker
350 ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 8 cm)
4 Lorbeerblätter
6-8 Lorbeeren
6 Nelken
5-6 Esslöffel Senfkörner
3 kleine, richtig scharfe Chilischoten
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilis.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln, Chilis und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Quitten, die Äpfel und den Essig, erst einmal 300 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel auskochen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Und das passt zu Fleisch,Wurst, Käse,  Speck, Schokoladenkuchen, Omelette oder ein Löffel in der Brühe!

Guten Appetit!