Was die sich einbilden und der Kopf im Birnen-Chutney-Glas

Binren ChutneyEs wird Zeit, dass einen nicht mehr von jeder Laterne und jeder Kreuzung feiste Politikergesichter dumm angrinsen. Die personifizierte Saturiertheit des Hinterbänklertums steht den meisten Vertretern der großen Volksparteien ins Gesicht geschrieben.

Und an allen Ecken wird man ermahnt morgen auch bloß ja zur Wahl zu gehen. Ich bin es aber leid, wenn mir irgendwelche hochbezahlten Fußballer über das Radio erklären, dass die Wahl morgen wichtig ist und man wählen soll. Aha, ja toll, vielen Dank für die tief schöpfende Erklärung. Twitter nervt mich mit der Aufforderung zur Wahl zu gehen, Avaaz möchte sogar, dass ich meine Freunde besuche und sie persönlich zur Wahl schicke.  Und als Krönung des Ganzen kriege ich ungefragt eine Bild-Zeitung-Sonderausgabe zum Thema schöner Wählen in den Kasten gesteckt. An dieser Stelle ein Kompliment an unsere  super freundliche Postbotin, die nicht nur viel zu schwere Fleisch-Pakete bei uns abliefert, sondern auch persönlich unangenehm betroffen war, wann immer sie einem in den letzten Wochen Politiker-Werbung in die Hände drücken musste.

Die Bildzeitung lässt die Herausforderer noch schnell Menscheln und hohle Fragen von noch hohleren Prominenten beantworten. Das ist dann immer lustig zu sehen, wer noch versucht mit einer quasi Fach-Frage zu glänzen. Klassen-Streberin Veronica Ferres etwa erkundigt sich nach möglichen Koalitions-Partnern, aber die Frau mit der ätzenden Stimme habe ich gefressen, nachdem sie in einer Talkshow nach einer ihrer seicht-bewegten, zeitgeschichtlichen Schmonzetten als persönlich berührte Geschichts-Expertin auftrat. Verdammt, da hätte ich mir mein Geschichtsstudium auch sparen können, im Angesicht von so viel Gefühl und Einsicht. Und für die unentschlossenen Jung- und Erstwähler gibt es in der Bild noch eine Doppelseite mit erstwählenden Abziebildern, die ihre politische Präferenz kund tun – da kann man sich dann schnell noch da einordnen, wo man sich wohlfühlt und entsprechend das Kreuzchen setzen.

Somit habe ich heute zum ersten Mal nach ich weiß nicht wie vielen Jahren in einer Bildzeitung geblättert… Im Ergebnis wurde sie wutschnaubend zerknüllt und ins Altpapier gesteckt, der Dreck. Und hätte ich den Spiegel im Haus, was nicht der Fall ist, er fiel mir nur gestern beim Zeitungshändler ins Auge, wäre es ihm ebenso ergangen. Dort prangert der Titel an, Nichtwähler würden die Demokratie verspielen.

Nein, nein, nein – das stimmt so nicht. Es sind Medien, die eine Wahl zum Happening mit Spannungscharakter aufblasen und so tun als würde sich etwas bewegen, die die Demokratie gefährden. Es sind Unternehmer, die sich genötigt sehen, Wahlempfehlungen auszusprechen, es ist das Bombardement an Aufforderungen bloß ja morgen Kreuzchen zu machen, die gefährlich sind. Denn, welchen inhaltlichen Wert haben Stimmen von Wählern, die auf äußeren Druck hin Wählen gehen, aber im Grunde gar keine inhaltliche Wahl treffen, sondern eine mediengeformte, Umfeld-konforme, letzten Endes unüberlegte Wahl? Haribo wünscht mir eine schöne Wahl und hofft insgeheim wahrscheinlich, dass der Zucker der eigenen Produkte längst so viele Bürgersynapsen geschädigt hat, dass eine Wahl getroffen wird, die dann einfach bloß legitimiert, was sich im Grunde ja nicht wirklich ändert. Glaubt wirklich noch jemand, dass ein politischer Führungswechsel einen Ruck in eine neue Richtung bedeuten würde?  Denn auch wenn sich Mehrheiten verschieben und es tatsächlich Änderungsansätze gäbe, würden da immer noch Hunderte aufgeblähter Politiker-Egos sitzen, die sich in Abstimmungsprozessen aus niedersten Motiven gegenseitig blockieren, damit sich eben nicht viel ändert und vier Jahre später die Wahlkampfmaschine wieder angestoßen wird. Ich sage nicht, dass es nicht auch Menschen mit lauteren Motiven und vernünftigen Ansätzen gibt, die versuchen sich innerhalb der Parteienlandschaft zu engagieren und hoffen, etwas ändern zu können. Aber wieder einmal gewinnt der Stärkere und das ist nicht immer der Bessere und so findet man sie selten in den Elfenbeinturm-Ebenen der Bundespolitik, die wahren Gewissens-Politiker.  Eher sind es dann Vertreter einer besonders widerlichen Spezies, die das Weltverbesserertum vor sich her tragen und in moralischen Gewässern auf Stimmenfang gehen.

Ich bin desillusioniert. Ich habe immer gewählt, seit ich das erste Kreuzchen machen durfte. Und als Kind war ich gepackt von der ernsten Spannung, die sich ausbreitete, wenn die Eltern am Wahlabend mit Gleichgesinnten zusammen saßen und den Ausgang der Wahl verfolgten und diskutierten.

Das hat mich geprägt und jeder politischen Diskussion in späteren Jahren haftete immer auch so eine Aufbruchsstimmung an, der emotional aufgeladene Wahlabend in seiner perfekt orchestrierten Inszenierung funktionierte, wir saßen gefesselt vor den Bildschirmen, diskutierten für und wider und glaubten an eine Änderung. Hatten politische Vorbilder und das war auch ein bisschen cool. Naja, der urbane intellektuell-politische Mainstream Anfang/ Mitte Zwanzig halt.

Ich will da nicht mehr mitmachen. Und wer mich dafür angeht, den lade ich herzlichst zu einem kleinen Austausch ein, denn allzu oft kaschiert das Unverständnis für Nichtwähler nämlich auch eine Uninformiertheit, ein Nichtverstehen und Nichtverstehenwollen des politischen Zirkusses, weil es einfacher so ist. Und einfacher ist es dann auch einfach zuzuschnappen, wenn da einer aus der Reihe tanzt. Eines bitte nicht falsch verstehen, so desillusioniert und politikzweifelnd ich auch bin, halte ich die Bundestagswahl durchaus für wichtig. Ich denke halt, dass es hier um eine Bewusstseinsentscheidung geht. Wer einfach sein Kreuzchen macht, weil man das so macht und mir aber nicht erklären kann, warum er so gewählt hat, den kann ich nicht verstehen. Denn es geht um eine Wahl, eine Entscheidung, die einen Prozess des Nachdenkens erfordert. Wer diese Chance vertut, rettet nicht die Demokratie, im Gegenteil, er arbeitet weiter daran mit, die Wählerstimmen ins ferne Land des Nichtrelevanten zu treiben. Wer also mit Überzeugung und Wissen wählt, dem wünsche ich, dass seine Erwartungen nicht enttäuscht werden (ich sage nur Rot/Grün Agenda 2010 und Afghanistan…). Und wer sich sagt, er will nicht wählen gehen, den bitte ich diese Entscheidung nicht aus reiner Faulheit zu treffen, sondern diesen Anlass zu nutzen und sich noch einmal bewusst zu machen, warum Nichtwählen auch sinnvoll sein kann und was ihn stört.
Ich störe mich an vorgekauten, gefälligen Argumenten, die uns dank umtriebiger Medien im Wahlkamps allzu schnell serviert werden, aber wenn ich dies kritisiere, bin ich auch in der Schuld, meine Wahl der Nichtwahl bewusst zu treffen.
Ich habe mich entschieden, ich bin morgen nicht dabei. Das ist meine Wahl.

Und damit ich den vielversprechenden morgigen Herbsttag sinnvoll und produktiv nutze, habe ich mich entschlossen weitere Chutney-Experimente zu starten und eine zweite Ladung Wegesrand-Birnen zu verarbeiten. Ich habe den Kopf lieber voller Wohlgerüche als hohler Phrasen.

Birnen Chutney

Ca. 3 Kilo Birnen
500 Gramm rote Zwiebeln
120 Gramm Xucker
150-200ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 7 cm)
4 Lorbeerblätter
6 Lorbeeren
4-5 Esslöffel Senfkörner
3 scharfe Chilischoten
3 Zimtstangen
100 ml Cidre
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilies.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln. Chilies und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Birnen, den Cidre und den Essig, erst einmal 150 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel mit kochendem Wasser spülen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Sie knacken dann beim ersten Öffnen und halten sich monatelang – aber bis dahin ist es hier leer…

Passt hervorragend zu irgendwie allem was ich mag…

Guten Appetit!

Ruhig bleiben – Tee trinken – Bulletproof, zumindest der Tee

Bullettproof TeeDa ich ja nicht wählen gehe, habe ich meine freie Zeit auch nicht darauf verwandt, mir ein Kanzlerduell im Fernsehen zu geben, das von vorneherein völlig sinnentleert  konzipiert sein muss um ein Publikum am Bildschirm zu halten – würde es hier 90 Minuten um harte Fakten und nicht um populistische Sympathie-PR gehen, würden die meisten doch wegschalten. So bleiben viele dran und sind dann wieder auf der Höhe der Zeit der Konserven-Diskussionen des Alltags.

Wie richtig die Entscheidung zur Verweigerung war, zeigte mir der morgendliche Blick in bunte Welt den Medien: Wow, die Kanzlerin trägt eine Kette, die irgendwelchen Idioten einen Twitter-Account und eine Facebook-Seite wert ist… Ganz groß, wirklich…

Da wurde der Griff um den morgendlichen Becher Bulletproof Kaffee schon verkrampfter. Dann schob mir der liebe Mensch noch einen Link zu einem Video rüber, in dem sich wirklich herzzerreißend die Frustration einer Amerikanerin angesichts des absehbaren Syrien- Kurses des Präsidenten zeigt. Ein aufrüttelnd persönlicher und ehrlicher Ausdruck von Frustration, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Ja, den Skeptikern und Politik –Verstehern und Vertrauern mag das nur wie emotional-hysterisches Geschwafel erscheinen. Ich finde es mutig und zolle der Geste Respekt – wie groß muss die Wut der Machtlosigkeit sein, wenn sie solchen Mut zur offenen Rede weckt?

Und wenn man schon beim Stöbern auf Youtube ist, empfehle ich auch die 10 Minuten zu investieren und sich Obamas Syrien-Rede im Original anzutun und genau hinzuhören.

Das ist Zynismus im politischen Friedensmantel. So schamlos, dass ich fast wegschalten möchte. Der Commander in Chief, wie er nicht umhin kommt zu betonen, ist sich auch nicht zu schade, immer wieder auf getötete Kinder in Syrien zu sprechen zu kommen. Man möchte den ernsten Herrn kurz in seinem gewohnt amerikanisch-patriotisch Verantwortungs-gefärbtem Sermon unterbrechen und ihm eine Statistik der zivilen Opfer der US-Dronen-Schläge in Pakistan vorlegen, nur mal  so als kleine Ermahnung, vielleicht weniger auf die Tränendrüse zu drücken in der Argumentation.

Tatsächlich ist die ganze Rede wunderbarer Ausdruck politischer Arroganz, denn es gibt sie, die Stimmen gegen militärische Maßnahmen in Syrien, aber die  zählen nicht, die Stimmen, solange die weltbewegenden Interessen das Sagen haben. Interessant ist auch eine Interview, dass Carla del Ponte im Mai gab und wo sie die Verbindung der syrischen Rebellen zum Westen aufzeigt und dass diese chemische Waffen gegen Zivilisten eingesetzt hätten.  Nur mal so, für das ganze Bild…

Ich bin nun wahrhaftig kein Nahost-Experte, aber die einseitige Berichterstattung der Medien und das scheinheilige Repertoire an Reden zum Thema Bedrohung aus dem Nahen Osten machen mich krank.

Das eine Familie, die Präsidententitel de facto vererbt, nicht gerade das Sinnbild einer demokratischen Ordnung ist, steht außer Frage, aber passiert da nicht vieles einfach zu perfekt so, dass es Strippenziehern in die Hände spielt und ein Obama sich mit seriös verkrampften Kinn hinstellt und mal eben so bekannt gibt, dass für ihn keine UN-Resolution für einen militärischen  Schlag (ich weiß gerade keinen plüschigen Euphemismus) nötig ist? Er ist bereit. Ich bin sprachlos….

Und erinnere mich nur zu gut an die Friedens-und Verteidigungs-Argumentation vor dem Einmarsch in den Irak…Ob diesmal wieder blaue Luftballons mit schönen Tauben durch die Straßen wehen werden?

Und das ist ja doch wieder nur ein Steinchen, das mich drückt in der täglichen Auseinandersetzung mit der wunderbaren, modernen Welt in der wir leben und in der es uns soviel besser geht… Ach übrigens, die liebe Generation unserer Eltern, die uns so viel Freies und Kritisches ermöglicht hat, die hat 68 auch hinter sich gelassen und sitzt an den Hebeln der Politik, die da gemacht wird. Darüber sollte man sich auch nochmal unterhalten.

Aber das führt vielleicht zu weit. Genauso wie Lecks in den Wassertanks von Fukushima – falls sich noch jemand an die Angst vorm GAU in Japan erinnert, was habe ich mich gesorgt, all die aufklärerische Literatur der 80er hat ihre Spuren hinterlassen.

Aber der Hintern von Miley Cyrus füllte das Netz und auch ich kam nicht dran vorbei. Japan ist ja auch weit weg und Syrien im Grunde auch.

Aber manchmal fühlt es sich verdammt nahe an. Nur, ich lasse mir nicht meinen Optimismus nehmen. Das wäre ja noch schöner. Ich weiß ja nicht mit Sicherheit, ob ich am Ausgang noch ein solches Leben überreicht bekomme. Ich mache mir Luft und bleibe nicht still, aber ich bleibe auch realistisch und nutze das, was ich habe.

Und wenn ich Zeit habe, dann lese ich, mache die Augen auf und fresse Informationen und Bücher und koche und trinke Tee – gerne kugelsicher, wer weiß…zumindest gut für die Nerven.

Mein Rezept (für zwei Tassen) Bulletproof Chai

Schwarz Tee nach Wahl
Zimt
Vanille
Kardamom
Kokosöl
Weidebutter

  • Zwei Tassen Earl Grey mit etwas Zimt, Vanille und vier zerbrochenen Kardamomkapseln ca. 5 Minuten ziehen lassen.
  • Parallel 70 Gramm Weidebutter mit zwei Esslöffeln Kokosöl sachte erhitzen, den Tee in das Öl sieben und alles mit dem Pürierstab schön mixen.

Fertig. Nervennahrung: Fettig, warm und tröstlich.

Guten Appetit!

Ich mach kein Kreuzchen – ich ess Kuchen –Castagnaccio

KastanienkuchenIm Wald kann ich nicht unglücklich sein. Geht einfach nicht. Egal zu welcher Jahreszeit, früher oder später befällt mich die Schwärmeritis angesichts der Schönheit um mich herum und es setzt ein sehr angenehmer Zufriedenheits-Kick ein.
Und tatsächlich kann Wald so schön sein, dass ich manchmal einfach innehalten und schauen, riechen und hören muss.
Bevor es soweit kommt, muss ich im Vorfeld aber oftmals einen harten Kampf antreten, das faule Schweinehund-Tier macht sich breit und breiter und legt sich direkt vor die Tür und zählt auf, was man alles machen könnte. Mittlerweile kann ich die Tritte aber gezielter setzen und das Vieh verkriecht sich und leckt die Wunden bis zur nächsten Schlacht.
Im Wald kann man zudem die wunderbarsten Gespräche führen, wobei auch in den Feldern, oder am Strand…im Gehen. Während man langsam in seinen Gehrhythmus verfällt, fallen auch langsam die Gedanken in einen eigenen Fluss und ordnen sich neu. Dabei tauchen Themen auf, die man wieder  vergessen hatte, aber besprechen wollte und Gedanken lassen sich viel besser in Worte fassen. Und auch die Gleichzeitigkeit funktioniert – während des Gesprächs im  Hinterkopf die vielen anderen Gedanken rollen zu lassen und einfach hinzuschauen, was an die Oberfläche steigt.

Bei der heutigen Waldbegehung hat es im Hinterkopf angefangen zu nagen. Zu viele Themen der verstörenden großen, miesen Politik haben irgendwie einen Schatten geworfen auf den Gedankenfluss.  Aber da muss ich wohl noch genauer hinschauen.

Ich weiß manchmal nicht so schnell, was ich zu Dingen sagen soll, dann nehme ich mir lieber Zeit, bevor ich Plattitüden bemühe.

Aber über ein Thema war ich mir unvermittelt im Klaren, als am Ende des Gedankenstroms ein Wahlplakat am Ortseingang in mein Blickfeld rückte: Ich werde dieses Jahr nicht wählen.

Das habe ich noch nie nicht getan. Und auch wenn ich aufgrund ausufernder Freizeitgestaltung in der großen Stadt mitunter erst auf den letzten Drücker ins Wahllokal kam, habe ich doch immer brav meine Stimme abgegeben.

Aber ich will nicht mehr. Ich will meine Stimme nicht hergeben, für wen oder was auch? Ich fühle mich nicht vertreten, sondern verzweifele zunehmend an dem scheinheiligen Spiel der Politik, das doch nur die Interessen intensiver Lobby-Arbeit vertritt und nicht die ach so kostbaren Bürger.

Ich habe das zweifelhafte Vergnügen gehabt, nach meinem Studium in einem Unternehmen zu arbeiten, das sich auf politische Analysen und strategische Kommunikation spezialisiert hat.  Ähm, ja, kurz gesagt: Lobbyismus. Konservativ und bestens vernetzt in der Politik und dieser aufgeblasenen Welt drum herum, die in Berlin ihr ganz eigenes Treibhaus gefunden hat. In der Hauptstadt kann man sich ja immer noch einen kreativen Sprenkel geben und so viel Geschichte, die bemüht werden kann…Wie wir da zusammen gekommen sind, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Teilweise lag es daran, dass ich selber noch so sehr auf der Suche war und erstmal geschaut habe…Irgendwann war aber klar, dass ich etwas anderes machen muss und das tat ich dann auch. Aber darum geht es nicht.

Die Zeit, die ich in diese Arbeit gesteckt habe, war eine wertvolle Erfahrung. Eine Erfahrung darin, was für Mechanismen hinter der Politik stecken und was für Menschen unsere politische Elite bilden.  Auch eine Szene, in der sich alle viel zu ernst nehmen, das ist klar, anders kommt nicht weiter. Bedenkt man, was ein erfolgreicher Lebenslauf so alles vorweisen sollte, wird auch schnell klar, dass vor allem der Beratungszirkus rund ums politische Geschäft in vielerlei Hinsicht ein elitärer Sch…Laden ist, indem man schnell merkt, ob man den richtigen Stallgeruch hat, an den richtigen Unis war, wenn möglich länger und international renommiert  im Ausland – Washington wäre eine gute Wahl oder Paris.  Unbezahlte Praktika im Bundestag oder bei internationalen Organisationen….Ja ja, ich weiß es gibt Ausnahmen. Natürlich, die muss es auch geben, sonst wäre der Zirkus ja zu offensichtlich und solange man noch jemand nach vorne schieben kann, der mit einem individuellen Lebenslauf aufwartet, kann es ja nicht so schlimm sein. Das ist das Feigenblatt und wer mag, soll diese Rolle spielen. Für mich verdeckt es nicht, dass da Ideenpapiere aus einer Geisteshaltung entstehen, die weiter weg vom Bürger nichts ein kann.

Ein Beispiel, ein persönliches, aber ich werde es mir immer wieder vor Augen halten, damit ich kritisch bleibe. Ich habe mich die letzten Jahre meines Studiums selbst finanziert und dafür viel gearbeitet. Mit dem obligatorischen Praktikum nach Studienende war an ein Jobben nicht mehr zu denken, ich war ja de facto am Arbeiten. Ich hatte einen sehr guten Abschluss hingelegt, innerhalb von zwei Wochen nach Exmatrikulation einen Vertrag unterschrieben und hatte kein Geld. Von einem Praktikum kann man nicht leben. Die Lösung: das Horror-Amt. Abgesehen von den Kämpfen und kafkaesken Situationen, die es gekostet hat, habe ich meinem Berater bei der Agentur für Arbeit zugesetzt und durchgesetzt Hartz IV weiter zu bekommen und das Praktikum bei dem besagten Unternehmen absolvieren zu dürfen. Mit eingeschränktem Verdienst, das musste ich dann mit meinen Chefs besprechen und einen Praktikumsnachweis beim Amt abliefern.

Ein tolles Gefühl, wenn man eigentlich gerade bemüht ist den Studentenstempel abzulegen und sich das Selbstbewusstsein des ersten potentiellen Jobs erarbeiten will und dann zum Objekt der Neugier der Führungsetage und dort zum ersten Kontakt der politischen Denker mit Hartz IV wird. Man kann sich vorstellen, dass andere Bewerber über andere Netzwerke kamen und anders gesponsert worden.  Ich fand es nur erschreckend, wie weit weg der Elfenbeinturm der politischen Kommunikation doch ist von den Menschen, für die Politik doch angeblich gemacht wird.

Aber dieser gedankliche Exkurs ist nicht der Grund für mich nicht zu wählen. Aber er sit mit ei Faktor für meine Desillusionierung. Tausend andere Kleinigkeiten und Skandale sind es, die mir das Gefühl geben, nicht teilhaben zu wollen. Wenn ich im September zur Wahl gehen würde, würde ich dadurch signalisieren, dass ich diese Farce unterstütze – tue ich aber nicht. Und wenn mir das von anders Denkenden angekreidet wird: Dann ist es so. Wer weiterhin glauben möchte, Wechsel an der politischen Spitze würden etwas grundlegend ändern, der soll sich diese Naivität erhalten. Und ich gehen noch einen Schritt weiter: Ich würde mir wünschen, es gäbe eine katastrophal niedrige Wahlbeteiligung, damit der Deckmantel „Im Interesse des Wählers“ riesige Mottenlöcher bekommt.  Ja ja, und dann immer die Frage, was denn die Lösung ist, das sei ja eine so destruktive Haltung – hmmm, immerhin ist es eine Haltung. Und die Lösung? Vielleicht den Maßstab erste einmal kleiner setzen: Ich werde nicht plötzlich auf das Parkett der Politik schlittern und alles umschmeißen können, aber ich kann mein Leben an Werten orientieren und anderen so begegnen, wie ich es mir selber wünsche.

Wäre das nicht vielleicht ein kleiner Anfang? Und wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Änderungen vornehmen würden…Die kleinen Änderungen im Persönlichen – das ist der Spielraum, der uns nämlich oft verschwiegen wird. Die Messlatte wird hochgehängt. Und wir ducken uns drunter weg.

An diesem speziellen Sonntag werde ich daheim bleiben, vielleicht durch den Wald laufen, einen herbstlichen Kastanienkuchen essen…

Castagnaccio-Rezept

300 Gramm Kastanienmehl
1-2 Tassen Wasser
4 und 2 Esslöffel Olivenöl
1 großzügige Handvoll gehackter Walnüsse
1 großzügige Handvoll getrockneter Aprikosen, erst in Wasser eingeweicht und dann klein gehackt
1 Handvoll Pinienkerne
1 Zweig Rosmarin
2-3 Esslöffel Xucker nach Geschmack

  • Das Mehl und den Xucker in eine Schüssel geben und nach und nach das Wasser nachgießen bis der Teig  flüssig aber nicht wässrig ist. Er lässt sich gut gießen. Den Teig schön glatt rühren, bis alle Klümpchen raus sind.
  • Dann  4 Esslöffel Olivenöl, die Walnüsse und die meisten Aprikosen unterrühren und den Teig in eine geölte Form gießen.
  • Die Rosmarin Blätter, die restlichen Aprikosen und die Pinienkerne über den Teig verteilen und mit dem übrigen Olivenöl besprenkeln.
  • Bei 180 Grad ca. 30 Minuten in den Ofen, zum Ende hin prüfen: Wenn die Kruste aufbricht und trocken ist, ist der Kuchen fertig.

Der Geschmack mutet beim ersten Bissen fremd an aber danach…zu Tee, zu Wein…..

Guten Appetit!