Mode macht mich oftmals sauer und Quitten-Chutney wohlig

Paleo Quitten-ChutneySo. Es ist also wieder ein aktueller Übeltäter der Stunde gefunden. Das ZDF hat in einer dramatisch investigativ vertonten Reportage mit dem Titel „Mode zum Wegwerfen“ das Kleidungsmonster Primark unter die Lupe genommen. Und zack regen sich alle auf und haben sich vorher nie gefragt, wie man T-Shirts für drei Euro verkaufen kann? Das wäre allerdings traurig.  Wer den Billiganbieter von Mainstreet Trends noch nicht kennt, wird langfristig nicht verschont bleiben: Eine wachsende Zahl an Immobilien in städtischer Bestlage sorgt dafür, dass Horden von nicht nur Teenager-Mädchen mit abstrus vollen und vielen braunen Papiertüten durch die Innenstädte ziehen. Den beseelten Glanz eines Einkaufsmarathons in den Augen.

Das ist das Geheimnis von Primark: Noch ein bisschen weiter runter in der Qualität und dann auch noch ein bisschen weiter runter im Preis. Gleichzeitig Neuerungen im Sortiment im Wochentakt. Da werden Trends noch schneller umgesetzt als bei den bisherigen bekannten Ketten, die  quasi vom Laufsteg der vermeintlich Kreativen, Großen weg fotografieren und in Produktion gehen.

Machen wir uns doch aber nichts vor, die Produktionsstätten sind dieselben wie auch bei den anderen Textilriesen und wenn nun Abkommen unterzeichnet werden , die bessere Arbeitsbedingungen schaffen sollen, entsprechen diese immer noch nicht dem Standard, den wir kennen und so lange, ganz ehrlich, bleibt es meiner Meinung nach Ausbeutung. Erkaufen wir uns etwas auf Kosten anderer. Und man ist ja auch nicht dumm in der Textilbranche, da sitzen ja keine  designverliebten Schöngeister in den Managementetagen, sondern knallharte Geschäftsleute, für die der Stoff ihrer Träume aus schwarzen steigenden Zahlen besteht. Schlimmer ist noch, dass die Marken so mit ihrem jeweiligen Image überfrachtet werden, dass sie eher wie individuelle Charaktere wahrgenommen werden, was ihnen quasi menschliche Empfindungen und Attribute  zugeschreibt, so dass die harten Fakten dabei nur zu gerne wieder in Vergessenheit geraten.

Bis wieder etwas passiert und wieder ein Konzern in die Kritik gerät. Und wird ein Produktionsstandort zu teuer und die Auflagen zu restriktiv (nach Auffassung der Konzerne), zieht man eben weiter. Der Westen hält dank demokratischer Interventionen immer genügend strukturschwache Staaten an der kurzen Subventionierungsleine, dass dort weiter gemacht werden kann. Und ja, das hängt eben alles zusammen. Und wir tragen dazu bei mit unserem Konsumverhalten.

Und das macht mich wütend, denn die vermeintlichen Glückskäufe, die wir so früh lernen und verinnerlichen, kriegt man schwer wieder raus.

Ich gebe es mit schlechtem Gewissen zu, dass auch ich bei Primark an der Kasse stand, das war 2009 in London und so abgestoßen ich von der Größe und dem herrschenden Einkaufswahnsinn in dem Laden war, so sehr entsprachen die Preise meinem armen London-gebeuteltem Volontärinnen-Geldbeutel. Nun ertrage ich solche Geschäfte nicht mehr und lasse es einfach. Zumal der niedrige Preis zu einem völlig unbewussten Konsum verführt. Ebenso bedenkenlos wird schnell wieder aussortiert und weggeschmissen. Und wohin mit den Tonnen chemiegetränkten Textilmülls? Das ist auch was ich denke, wenn im Wandel der Jahreszeiten die Mode-Blogs überquellen mit Bildern von den kommenden Kollektionen. Finger weg von diesen besonderen Stücken, das mag die Neon-Jeans, oder die Schößchen-Bluse, oder das total untypische Muster sein – wenn es keine guten Freunde findet, die schon lange in Deinem Schrank leben, ist es ein Fehlkauf, etwas was Dir eingeflüstert wurde, dass Du es brauchst, aber es ist nicht Dein Stil. Und ein fair produzierter Pulli wiegt nicht alle Einkäufe bei großen Ketten auf. Es ist ein guter Ansatz, aber auch hier sollte man sich immer fragen, was man sich da gerade kauft und warum. Es ist verdammt schwer. Ich persönlich bin, wie schon einmal erwähnt ,momentan in einer seltsamen Konsum-Unlust-Phase. Bzw. ich will Kaufentscheidungen tätigen, ohne dabei irgendwelchen Einflüssen ausgesetzt zu sein, denn dass bin ich auch, wenn ich teure, faire Seidenhemdchen aus dem Öko-Fair-Wohlfühl-Loha-Katalog bestelle, die geben mir nur ein besseres Gefühl.

Und auch wenn bestimmte Medien einen Weg des kritischeren Konsumverhaltens propagieren, Leute sich monatelang ein Kaufverbot auferlegen (so gelesen auf diversen Blogs) und dann stolz darüber berichten (und dann weiter zu viel konsumieren) und es von Ratgebern für ein simples Leben nur so wimmelt, dann mag ich die Menschen manchmal nicht mehr ernstnehmen. Nicht, weil ich mich für besser oder weiser halte. Oh nein, ich merke ja auch, wo so ein Fallstrick verfängt. Aber, weil mir die Scheinheiligkeit manches Mal zum Halse raushängt. Klingt das zu hart? Ich nehme es oftmals so war und bin auch selbstkritisch genug, entsprechende Fehler bei mir selbst zu sehen und mit mir ins Gericht zu gehen. Aber die Reflexionsebene scheint zu verkümmern in unserer Gesellschaft, bzw. wird durch eine antrainierte oberflächliche ersetzt, die nicht dahin schaut wo es weh tut, sondern milde kritisiert und uns bequeme andere Wege aufzeigt.

So wird sich nichts ändern. Und manch fehl geleiteter Mensch denkt nach einer Reportage wie der oben genannten vielleicht, es wäre damit legitimer wieder bei anderen Ketten zu kaufen. Die  gezeigte Investigativ-Reporterin war zum großen Teil auch perfekt auf der Höhe diverser Trends gekleidet, ich hoffe die Bilder haben auch bei ihr bewirkt umzudenken.

Und ja, das ist ein Thema, das mich wütend macht, weil es jeden von uns persönlich betrifft und es erschreckend ist zu merken, an wie vielen Stellen wir unbewusst konsumieren um uns etwas glücklicher zu machen oder vermeintlich etwas brauchen (wir haben ja nichts). Das wird deutlich, wenn man sich mal etwas zurückzieht und diese Mechanismen überdenkt. Und das ist nicht nur schön und man findet schnell Ausreden, warum dann doch, denn man möchte ja nicht vor sich selber schlecht da stehen. Aber wenn man in diese Richtung geht, befreit es auch ungemein. Und es macht einen ein ganze Stück unabhängiger von Meinungen und Bildern anderer, die man aufgedrückt bekommt und bringt einen im besten Falle dahin zu sehen, was man wirklich möchte. Und das ist vielleicht gar kein Teil für den Kleiderschrank oder die Wohnung.

So. Und noch was Saures, wenn auch scharf und süß  – Chutney.

Quitten-Chutney

Ca. 4 Kilo Quitten
1 knappes Kilo Boskoop Äpfel
600 Gramm rote Zwiebeln
300 Gramm Xucker
350 ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 8 cm)
4 Lorbeerblätter
6-8 Lorbeeren
6 Nelken
5-6 Esslöffel Senfkörner
3 kleine, richtig scharfe Chilischoten
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilis.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln, Chilis und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Quitten, die Äpfel und den Essig, erst einmal 300 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel auskochen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Und das passt zu Fleisch,Wurst, Käse,  Speck, Schokoladenkuchen, Omelette oder ein Löffel in der Brühe!

Guten Appetit!

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Herbstsonntage, Buchstaben-Familien und Frittierfreuden

Paleo Familienessen am SonntagUnbedingt raus da. Also in den sonnigen Herbst da draußen, wenn die Sonne einem beim Spaziergang nochmal schön den Rücken wärmt, während der Wind von vorne knisterkalt um die Ohren weht und der Himmel unfassbar klar ist. Ein wenig Sonntags-Schwärmerei ist da mehr als angebracht. Ein bisschen freue ich mich, in dieser Woche haben wir es immerhin auf zwei längere Spaziergänge inmitten von Feldern und Herbst und unverschämt üppigen Obstbäumen am Wegesrand gebracht. Eigentlich sollten es noch viel mehr sein, aber irgendwie kommen da immer noch die Anforderungen des Lebens dazwischen. Ich arbeite daran.

Und wenn man dann die widerstrebenden ersten 200 Meter hinter sich gebracht hat und die Häuser hinter einem liegen, wird die Lust am Gehen größer und der Schritt regelmäßiger und irgendwann ist man dann im Fluss. Im Gehen und in den Gedanken.  Und auch im Sprechen und währen da diese kühle Sonne die dunkle Jahreszeit nochmal etwas nach hinten geschoben hat im Kopf, haben die Gedanken den Spielraum genutzt und haben sich irgendwie  an der Familie aufgehängt. Nicht an meiner Familie im Besonderen, sondern eher allgemein an diesem speziellen Konstrukt, in das wir verwoben sind. Wir werden in einen Zusammenschluss von Menschen geboren, die wir vielleicht niemals getroffen hätten, wenn eben nicht über die Ebene der Blutsverwandtschaft. Und wir stehen zu all diesen Menschen in ganz vielfältigen Beziehungen, als Kinder, Eltern, Enkel, Onkel, Cousinen, …. Und die Menschen unter einander ja auch wieder. Nicht nur mit uns, sondern auch, wenn wir uns ausklammern würden. Da erscheint  vor meinem inneren Auge gleich ein furchtbar kompliziertes Muster an Verflechtungen…. Zusätzlich zu den Konstrukten, in denen wir uns dann noch selbstgewählt mit Freunden, Bekannten, Partnern und Kollegen bewegen… Da möchte man stehen bleiben um nicht über Fallstricke zu stolpern.

Und nicht nur diese familiär verzweigten Verbindungen machen dieses Geflecht so delikat, es sind vor allem die vielen Geschichten und Gefühle, die da mit hinein spielen: Das Verhältnis unserer Eltern zu ihren Eltern, unsere Geschichte mit unseren Eltern, unsere Geschwister mit den Großeltern und uns und und und..schwindelig…Es schwirrt, nicht nur der Kopf, wenn ich mir Familie als abstrahiertes Modell vorstelle, sondern auch dieses Modell, vor Dynamiken und Energien. Und alle stecken wir drin. Und das macht es so kompliziert, innerhalb dieses Systems etwas zu ändern. Innerhalb der vielen Rollen, die man innehat, möchte man ja niemanden weh tun, wobei, es gibt leider auch die Menschen, die sich innerhalb dieses Geflechts gekonnt bewegen und sicherstellen, dass ihre Bedürfnisse gestillt werden, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf andere.

Es ist also nicht ganz einfach.  Aber es ist eine heilige Kuh und diese tumben Viecher werden nicht angerührt. Sollte man aber und vielleicht die ein oder andere auch einmal schlachten. Wir mögen innerhalb von Familien nur ungern kritisch gegenüber anderen Familienmitgliedern sein, also den ganz engen, die zweite Reihe Onkels und Tanten ist dann immer wieder gut für Geschichten und kleine verbindende Hetzkampagnen – wir Menschen sind streng genommen schon ein illoyales Pack. Und von außen sollte sich eh niemand anmaßen sich genötigt zu fühlen einen, vielleicht durchaus hilfreichen, Kommentar zuzusteuern. Das Rudel wird verteidigt und Kritik weggebissen. Situationen kennt jeder, jeder ist ja in irgendein spezielles Familiengeflecht verwoben. Und auch wenn man die Maschen ganz locker hält, kann es sein, dass einen das ein oder andere Thema oder Moment im Familienkontext plötzlich zusetzten. Aber wo setzt man mit dem Entwirren. Einfach wäre die Heckenschere, aber das bringt nichts, wer etwas ändern will, will sich ja nicht abschneiden. Wie bei den Freundschaften auch darf man aber Maschen fallen lassen oder Fäden ins Leere laufen lassen, man kann sie wieder aufgreifen, wenn man möchte, aber man muss nicht. Das sagt einem aber keiner. Familie ist irgendwie gesetzt und wir plötzlich geplagt von blinden Flecken.

Ich finde Familienkonstrukte auf jeden Fall hochspannend. Nicht in dem Sinne, dass ich alle Menschen meines Umfelds ausfrage, Onkel Erwin und Tante Friede sind mir ehrlich recht egal, wenn ich sie nicht kenne, aber der Stoff Familie gibt so viel her. Und deshalb liebe ich Bücher, die Familien zum Thema haben. Im allerbesten Falle geben sie einem etwas mit auf dem Weg: Verständnis , einen veränderten Blickwinkel oder Freude. Im beklemmenden Fall lassen sie einen seltsam verwirrt und bedrückt zurück und man sollte dann das Warnlicht nutzen zu schauen, was einen da so aufgewühlt hat. Und ganz nebenbei kann man sich als unsichtbarer Voyeur in die (Un-)Tiefen anderer Leute Verstrickungen begeben, ohne selbst handeln zu müssen.

Eine ganz fantastische Familiengeschichte hat Jonathan Franzen geschrieben. Diese eine heißt Freiheit. Wobei Freiheit nicht das ist, was dem Leser während der Lektüre durch den Kopf geht. Es ist ein eher beklemmendes Familienportrait. Nicht geschmückt mit attraktiven Protagonisten, sondern verzweifelt bemühten Mittelklasse Charakteren, das Kopfschütteln ist vorprogrammiert. Aber es ist auch eine spannende Lektüre, herrlich nüchtern und schnörkellos – ein Portrait einer amerikanischen Familie und ihrer komplizierten Verflechtungen und emotionalen Verbindungen. Ganz ohne Weichzeichner und eher mal mit einer Falte und Augenringen behaftet. Das macht es neben der Spannung phasenweise echt bedrückend und deshalb liest man weiter und weiter, denn der  unerbittliche Blick macht die Geschichte so real.

Eine Familie, die man an den langen Herbstabenden gut einmal besuchen kann.

Und wenn man dann auch einmal ganz real mit der eigenen Familie zusammen sitzt und nicht das Porzellan zerschlägt, oder in redundante Diskussionen über die immer gleichen Themen verfällt und die immer selben  Handlungsmuster abspult, wenn man also ganz bescheiden das Beisammensein genießt, sollte man diesen Moment mit etwas Leckerem versehen und Genuss teilen.

Rouladen mit Rotkohl und  frittierter Süßkartoffel

4 Rouladen
12 Scheiben Speck (nicht zu dünn)
Chutney, Cornichons oder eingelegtes Obst nach Wahl
1 kleiner Kopf Rotkohl
5 mittlere Zwiebeln
4 Süßkartoffeln
2 Eier
Schmalz
Pfeilwurzelstärke
Salz
Pfeffer
Senf (Dijon ist mein Favorit aber scharf und körnig ist auch eine gute Wahl)
Rotwein
4 Lorbeerblätter

  • Die Rouladen abspülen und trocken tupfen.
  • Nun ausrollen und salzen, pfeffern und mit Senf bestreichen.
  • Jede Roulade mit drei Scheiben Speck belegen.
  • Für die Füllung, nach Geschmack , an einem Ende einen Klacks Chutney oder eine Cornichon auf den Speck legen, die Roulade nun um diese Füllung herum aufrollen und am Ende entweder einem Faden wickeln oder mit Zahnstochern feststecken.
  • Die Rouladen im Bräter von allen Seiten scharf anbraten.
  • Die Zwiebeln schälen und vierteln und zu den Rouladen geben.
  • Den Rotkohl vom Strunk befreien, vierteln und in breite Streifen schneiden und ebenfalls in den Bräter geben. Nun das Ganze mit einem großzügigen halben Liter Rotwein angießen, salzen, pfeffern und die Lorbeerblätter dazu geben. Deckel drauf und gut zwei Stunden köcheln lassen. Am besten schmecken sie, wenn man die Rouladen schon am Vortag vorbereitet und dann das Ganze noch einmal aufwärmt.
  • Die Süßkartoffeln schälen und wie klassische Pommes in schlanke Streifen schneiden.
  • Die beiden Eier gründlich verquirlen und Pfeilwurzelstärke (etwa 4-5 Esslöffel) unterrühren bis sich ein flüssiger Teig ohne Klümpchen gebildet hat. Diesen großzügig salzen und pfeffern.
  • In Ermangelung einer Fritteuse nun ein gutes Töpfchen Schmalz in einem kleineren Topf erhitzen und die Süßkartoffeln portionsweise im Teig wenden, abtropfen und im Schmalz frittieren bis sie gut goldbraun sind, dabei in Bewegung halten, damit sich nicht zusammenkleben.
  • Kurz auf Küchenkrepp abtropfen, damit sie nicht zu labbrig sind und mit etwas groben Salz mischen.

Eine Neuinterpretation von Fleisch mit Rotkohl und Pommes – super.

Guten Appetit!

 

Kindergarten-Leber-Alpträume aufarbeiten

Lecker Leber Super FoodSo, es kehrt wieder Ruhe ein und auch die lieben Menschen aus dem Umfeld, die einen in einem temporären Anfall besessen-moralischer Bürgerpflichtsverkörperung in den letzten zwei Tagen noch den Untergang der Demokratie in die Schuhe geschoben haben, dürften sich mittlerweile wieder etwas stabilisieren und den gerechten Empörungspuls herunterfahren.
Und ich freue mich auf spannende vier Jahre Politikbetrachtung und hoffe, ich zeige genug Größe, den einen oder die andere nicht etwas zu piesacken, wenn nach dem Brennen für die Wahl das Interesse am politischen Tagesgeschehen wieder einschläft. Ich bin auch nur ein Mensch und arbeite an den kleinen Fehlern. Nein, ich bin, glaube ich, nicht nicht so der Ätsch-Typ. Eher beredtes Blicken und leichtes Schnauben, wenn es denn schon sein muss.

Aber egal. Kreuzchen, ähm, Häkchen hinter dieses Thema. Vorerst.
Stattdessen eine kleine Exkursion in Kindertage, in denen ich in regelmäßigen Abständen gezwungen war im Kindergarten zu Mittag zu essen. Wenn ich es richtig erinnere, bekamen wir das Essen geliefert, das sonst als Essen auf Rädern an arme wehrlose Senioren verteilt wurde, die nichts getan haben um kulinarisch so abgestraft zu werden!
Und der ganz besondere Alptraum, neben dem zwangsverordneten Mittagsschläfchen, war der Tag, an dem es immer Leber gab. Ich kann mir den Geruch bis heute in Erinnerung rufen. Fast weißer Instant-Kartoffelbrei (es gab eine Zeit, da habe ich Kartoffelbrei aus der Tüte geliebt und in knappen Studentenzeiten schien das Preis-Leistungs-Verhältnis ok, noch etwas Butter und Muskatnuss…habe ich erwähnt, dass ich dann irgendwann zu kämpfen hatte?) mit einer graubraunen Soße in der kleine Stückchen schwammen. Leber und irgendein Gemüse…. Es würgt… Ich war sicher nicht das einzige Kind, dass es zu einer gewissen Kunstfertigkeit darin gebracht hat, sich Soße ohne Stückchen auf den Kartoffelbrei zu giessen. Und dann Daumen gedrückt, dass keiner was merkt. Sonst gab es nämlich extra viele Leberstückchen. Weil die so gesund sind.

Das stimmt im Grunde ja auch. Leber ist eines dieser Super Foods.  Mit einem beeindruckenden Gehalt an Vitaminen und Mineralien wie Zink, Magnesium, Vitamin A, D…. Wenn, ja auch hier wieder ein Wenn, die Tiere aus einer artgerechten Haltung mit entsprechender Fütterung stammen. Und das glaube ich beim Essen auf Rädern nicht. Das ist schade. So wird das althergebrachte Wissen, dass Leber gesund ist und gegessen werden sollte, ins Gegenteil verkehrt und man serviert eine Portion Schadstoffe, wenn es sich um Leber aus konventioneller Massentierhaltung handelt.

Das Argument, dass Leber so belastet ist, hat mich jahrelang vor dem Verzehr ebendieser gerettet. Aber mit dem Wissen, wie gesund Innereien sind und mit der richtigen Fleischquelle, habe ich mich überreden lassen…Und habe überlebt. Nun sind wir noch keine dicken Freunde, die Leber und ich, aber ich beginne zu erkennen, was sie so beliebt macht. Noch esse ich mit spitzen Zähnchen und habe lieber noch schnell ein paar Birnen zur Sicherheit als Beilage eingelegt, um im Zweifel die Leber durch den Birnengeschmack überdecken zu können (noch so eine Taktik von früher), aber es ging. Tatsächlich. Es war gar nicht übel und wir werden unser Verhältnis vertiefen.

Aber im Zuge dieser Kopfarbeit im Vorfeld des Leber-Verzehrs musste ich noch einmal an die zum großen Teil miese Lage in Sachen Essen in öffentlichen Einrichtungen nachdenken.
Natürlich, es ist eine Frage des Budgets, aber vielleicht sind grundsätzlich Prioritäten falsch gesetzt? Ich bin noch um die Ganztagsschule herum gekommen und muss zum Glück nicht die entsprechenden Themen mit Lehrern und Erziehern diskutieren, denen entweder die Hände gebunden werden, oder die fest an das Evangelium der industriegeprägten Ernährungspyramide glauben. Wer an diese Front kämpft, der verdient den größten Respekt, denn gerade auch auf den Tellern werden Weichen gestellt. Den einzigen kleinen Ausschnitt, den ich als Einblick habe, verdanke ich meiner Mutter, die seit langen Jahren mit Herzblut Erzieherin ist (ich würde mir manchmal wünschen, sie würde niederschreiben, was sie aus bald 40 Jahren in diesem Beruf zu erzählen hat…). Nun isst meine Mutter nicht Paleo-konform. Sieht aber ein warum wir das tun und interessiert sich für das Thema Ernährung. Ihr Kindergarten hatte immer schon eine Hauswirtschafterin und Köchin, die lange Jahre selber das Mittagessen gekocht hat. Dann wuchs der Kindergarten und nun wird regelmäßig Convenience-Mist angeliefert, der dann nur fertig gegart werden muss und ansonsten unterscheiden sich die Tage in solche mit brauner oder weißer Soße und Fisch und Fleisch-Klein-Klein in Panade zu lustigen Dingen geformt…Ein Graus. Da wird aus Kostengründen die Gelegenheit verspielt, Kinder an Essen heranzuführen. Denn Fakt ist nun einmal, dass dies nicht mehr in allen Familien geleistet werden kann. Und man die Schuld daran nicht den Eltern, sondern zuerst der Politik in die Schuhe schieben sollte.

Nein, keine Politik heute. Irgendwie schon, aber nicht explizit. Wie geht man damit um als Eltern, wenn man sein Kind vor diesem Essen schützen möchte? Man möchte seine Kinder ja sicherlich nicht ausgrenzen und Untersuchungen haben gezeigt, dass Erzieherinnen genauso beeinflussbar sind wie alle anderen Bevölkerungsgruppen. Wenn Kinder also gut gepflegt, hübsch angezogen und mir einem soliden Grundwortschatz in den Kindergarten kommen, werden sie automatisch anders wahrgenommen als jene Kinder, die weniger privilegiert aufwachsen. Und dasselbe gilt wohl auch für die Wahrnehmung der Eltern und ich würde mal frech behaupten, dass man es mitunter den lieben Kleinen nicht einfacher macht, wenn man seine Überzeugungen jenseits des Mainstreams vertritt. Wir Menschen tun uns einfach schwer im rationalen Abwägen von Argumenten und der objektiven Beurteilung anderer. Ich schließe mich da ein.

Aber ich merke immer mehr, dass ich mich  daran störe, wie sehr Essen auch ausgrenzen und schlimmstenfalls Chancen verschlechtern kann. Ich glaube schon, dass wir noch ein winziges Stück besser sind als etwa unser westlicher Partner USA.  Dort sind die Schulkantinen längst unter den großen Softdrink-Anbietern aufgeteilt und was dort serviert wird, kann nicht förderlich sein. Als neulich eine Fotoserie online ging, die  Bilder der trostlosen Essensituation zeigte, bekam ich Kopfschmerzen vom anschauen. Wie sollen Kinder mit diesem Essen aufmerksam sein und lernen?  Und wer sich nun beklagt, das wären erste Welt Probleme und irgendwo anders gäbe es gar nichts zu essen, der sei noch einmal darauf hingewiesen, dass viel von dem Dreck, der den Kindern  in westlichen Nationen serviert wird, in Ländern angebaut wird, denen dank dieser West-Exporte die Ressourcen wie Wasser und Ackerfläche für die lokalen Anbaumethoden entzogen werden. Ein Teufelskreis.

Essen ist ein Thema, das die Gemüter bewegt und zu wahren Glaubenskriegen am Essenstisch führen kann und deshalb sollte man ganz genau hinschauen und wenn man kleine Lichtblicke oder vernünftige Projekte findet, kann man etwas tun! Spenden oder sich engagieren!
So ist der Convenience-Fraß aus meinem Leben verschwunden und die Leber schleicht sich wieder. Das ist ok. Darf sie.

Rinder Leber mit Apfel und Zwiebel

500 Gramm Leber
2 säuerliche Äpfel
2 mittlere Zwiebeln
Rotwein
Pfeffer
Salz

  1. Die Leber abwaschen, von der Haut befreien und in zarte Streifen schneiden. Diese ca. eine Stunde in einem Rotwein nach Wahl ziehen lassen.
  2. Zwiebeln schälen und in Ringe schneiden, Apfel schälen und in Spalten schneiden. Beides in ordentlich Butter mit etwas Salz anbraten, bis die Zwiebeln golden werden. Dann zur Seite stellen und warm halten.
  3. Die Leber abgießen und gut abtropfen lassen. In Butter kurz scharf anbraten und ordentlich pfeffern. Danach noch weiter köcheln lassen. Bis alles noch zart, aber durch ist. Erst zum Schluss salzen!

Dazu passt auch gut Chutney oder eingelegtes Obst oder ein Rotkohlsalat!

Guten Appetit!

Was die sich einbilden und der Kopf im Birnen-Chutney-Glas

Binren ChutneyEs wird Zeit, dass einen nicht mehr von jeder Laterne und jeder Kreuzung feiste Politikergesichter dumm angrinsen. Die personifizierte Saturiertheit des Hinterbänklertums steht den meisten Vertretern der großen Volksparteien ins Gesicht geschrieben.

Und an allen Ecken wird man ermahnt morgen auch bloß ja zur Wahl zu gehen. Ich bin es aber leid, wenn mir irgendwelche hochbezahlten Fußballer über das Radio erklären, dass die Wahl morgen wichtig ist und man wählen soll. Aha, ja toll, vielen Dank für die tief schöpfende Erklärung. Twitter nervt mich mit der Aufforderung zur Wahl zu gehen, Avaaz möchte sogar, dass ich meine Freunde besuche und sie persönlich zur Wahl schicke.  Und als Krönung des Ganzen kriege ich ungefragt eine Bild-Zeitung-Sonderausgabe zum Thema schöner Wählen in den Kasten gesteckt. An dieser Stelle ein Kompliment an unsere  super freundliche Postbotin, die nicht nur viel zu schwere Fleisch-Pakete bei uns abliefert, sondern auch persönlich unangenehm betroffen war, wann immer sie einem in den letzten Wochen Politiker-Werbung in die Hände drücken musste.

Die Bildzeitung lässt die Herausforderer noch schnell Menscheln und hohle Fragen von noch hohleren Prominenten beantworten. Das ist dann immer lustig zu sehen, wer noch versucht mit einer quasi Fach-Frage zu glänzen. Klassen-Streberin Veronica Ferres etwa erkundigt sich nach möglichen Koalitions-Partnern, aber die Frau mit der ätzenden Stimme habe ich gefressen, nachdem sie in einer Talkshow nach einer ihrer seicht-bewegten, zeitgeschichtlichen Schmonzetten als persönlich berührte Geschichts-Expertin auftrat. Verdammt, da hätte ich mir mein Geschichtsstudium auch sparen können, im Angesicht von so viel Gefühl und Einsicht. Und für die unentschlossenen Jung- und Erstwähler gibt es in der Bild noch eine Doppelseite mit erstwählenden Abziebildern, die ihre politische Präferenz kund tun – da kann man sich dann schnell noch da einordnen, wo man sich wohlfühlt und entsprechend das Kreuzchen setzen.

Somit habe ich heute zum ersten Mal nach ich weiß nicht wie vielen Jahren in einer Bildzeitung geblättert… Im Ergebnis wurde sie wutschnaubend zerknüllt und ins Altpapier gesteckt, der Dreck. Und hätte ich den Spiegel im Haus, was nicht der Fall ist, er fiel mir nur gestern beim Zeitungshändler ins Auge, wäre es ihm ebenso ergangen. Dort prangert der Titel an, Nichtwähler würden die Demokratie verspielen.

Nein, nein, nein – das stimmt so nicht. Es sind Medien, die eine Wahl zum Happening mit Spannungscharakter aufblasen und so tun als würde sich etwas bewegen, die die Demokratie gefährden. Es sind Unternehmer, die sich genötigt sehen, Wahlempfehlungen auszusprechen, es ist das Bombardement an Aufforderungen bloß ja morgen Kreuzchen zu machen, die gefährlich sind. Denn, welchen inhaltlichen Wert haben Stimmen von Wählern, die auf äußeren Druck hin Wählen gehen, aber im Grunde gar keine inhaltliche Wahl treffen, sondern eine mediengeformte, Umfeld-konforme, letzten Endes unüberlegte Wahl? Haribo wünscht mir eine schöne Wahl und hofft insgeheim wahrscheinlich, dass der Zucker der eigenen Produkte längst so viele Bürgersynapsen geschädigt hat, dass eine Wahl getroffen wird, die dann einfach bloß legitimiert, was sich im Grunde ja nicht wirklich ändert. Glaubt wirklich noch jemand, dass ein politischer Führungswechsel einen Ruck in eine neue Richtung bedeuten würde?  Denn auch wenn sich Mehrheiten verschieben und es tatsächlich Änderungsansätze gäbe, würden da immer noch Hunderte aufgeblähter Politiker-Egos sitzen, die sich in Abstimmungsprozessen aus niedersten Motiven gegenseitig blockieren, damit sich eben nicht viel ändert und vier Jahre später die Wahlkampfmaschine wieder angestoßen wird. Ich sage nicht, dass es nicht auch Menschen mit lauteren Motiven und vernünftigen Ansätzen gibt, die versuchen sich innerhalb der Parteienlandschaft zu engagieren und hoffen, etwas ändern zu können. Aber wieder einmal gewinnt der Stärkere und das ist nicht immer der Bessere und so findet man sie selten in den Elfenbeinturm-Ebenen der Bundespolitik, die wahren Gewissens-Politiker.  Eher sind es dann Vertreter einer besonders widerlichen Spezies, die das Weltverbesserertum vor sich her tragen und in moralischen Gewässern auf Stimmenfang gehen.

Ich bin desillusioniert. Ich habe immer gewählt, seit ich das erste Kreuzchen machen durfte. Und als Kind war ich gepackt von der ernsten Spannung, die sich ausbreitete, wenn die Eltern am Wahlabend mit Gleichgesinnten zusammen saßen und den Ausgang der Wahl verfolgten und diskutierten.

Das hat mich geprägt und jeder politischen Diskussion in späteren Jahren haftete immer auch so eine Aufbruchsstimmung an, der emotional aufgeladene Wahlabend in seiner perfekt orchestrierten Inszenierung funktionierte, wir saßen gefesselt vor den Bildschirmen, diskutierten für und wider und glaubten an eine Änderung. Hatten politische Vorbilder und das war auch ein bisschen cool. Naja, der urbane intellektuell-politische Mainstream Anfang/ Mitte Zwanzig halt.

Ich will da nicht mehr mitmachen. Und wer mich dafür angeht, den lade ich herzlichst zu einem kleinen Austausch ein, denn allzu oft kaschiert das Unverständnis für Nichtwähler nämlich auch eine Uninformiertheit, ein Nichtverstehen und Nichtverstehenwollen des politischen Zirkusses, weil es einfacher so ist. Und einfacher ist es dann auch einfach zuzuschnappen, wenn da einer aus der Reihe tanzt. Eines bitte nicht falsch verstehen, so desillusioniert und politikzweifelnd ich auch bin, halte ich die Bundestagswahl durchaus für wichtig. Ich denke halt, dass es hier um eine Bewusstseinsentscheidung geht. Wer einfach sein Kreuzchen macht, weil man das so macht und mir aber nicht erklären kann, warum er so gewählt hat, den kann ich nicht verstehen. Denn es geht um eine Wahl, eine Entscheidung, die einen Prozess des Nachdenkens erfordert. Wer diese Chance vertut, rettet nicht die Demokratie, im Gegenteil, er arbeitet weiter daran mit, die Wählerstimmen ins ferne Land des Nichtrelevanten zu treiben. Wer also mit Überzeugung und Wissen wählt, dem wünsche ich, dass seine Erwartungen nicht enttäuscht werden (ich sage nur Rot/Grün Agenda 2010 und Afghanistan…). Und wer sich sagt, er will nicht wählen gehen, den bitte ich diese Entscheidung nicht aus reiner Faulheit zu treffen, sondern diesen Anlass zu nutzen und sich noch einmal bewusst zu machen, warum Nichtwählen auch sinnvoll sein kann und was ihn stört.
Ich störe mich an vorgekauten, gefälligen Argumenten, die uns dank umtriebiger Medien im Wahlkamps allzu schnell serviert werden, aber wenn ich dies kritisiere, bin ich auch in der Schuld, meine Wahl der Nichtwahl bewusst zu treffen.
Ich habe mich entschieden, ich bin morgen nicht dabei. Das ist meine Wahl.

Und damit ich den vielversprechenden morgigen Herbsttag sinnvoll und produktiv nutze, habe ich mich entschlossen weitere Chutney-Experimente zu starten und eine zweite Ladung Wegesrand-Birnen zu verarbeiten. Ich habe den Kopf lieber voller Wohlgerüche als hohler Phrasen.

Birnen Chutney

Ca. 3 Kilo Birnen
500 Gramm rote Zwiebeln
120 Gramm Xucker
150-200ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 7 cm)
4 Lorbeerblätter
6 Lorbeeren
4-5 Esslöffel Senfkörner
3 scharfe Chilischoten
3 Zimtstangen
100 ml Cidre
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilies.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln. Chilies und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Birnen, den Cidre und den Essig, erst einmal 150 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel mit kochendem Wasser spülen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Sie knacken dann beim ersten Öffnen und halten sich monatelang – aber bis dahin ist es hier leer…

Passt hervorragend zu irgendwie allem was ich mag…

Guten Appetit!

Sonntägliches Wohlbehagen, Lesestunden und Herbststimmung in Gläsern: Pflaumen-Chutney

Pflaumen ChutneyNein, ich muss da nicht raus. Ich darf auch mal einfach ganz faul drinnen bleiben und den grauen Himmel grau sein lassen. Der Schweinehund schnurrt und lässt sich den Bauch kraulen. Ein Tag nach seinem Geschmack. Keine Tritte von meinem Motivations-Motor, sondern zelebriertes Faulsein und die Früchte der gestrigen Küchen-Wirbelei genießen.

Denn jetzt ist endlich die Zeit angebrochen meine Pläne der großangelegten Bevorraterei für die dunklen Monate in die Tat umzusetzen. Die Bäume am Wegesrand hängen voller Pflaumen, Birnen und Äpfel, die Kürbisse wachsen und auch auf Quitten darf man hoffen – nein, kein Neid: nicht im eigenen Garten, ich habe einen ins Schwarze tendierenden Daumen, aber einfach mal geschaut, wer selbst zu Faul ist, sein Obst zu verarbeiten und ansonsten regional gekauft.

Und dann sollen in der Küche in den nächsten Wochen regalbretterweise Chutneys, Kompott und eingelegter Kürbis entstehen. Das ist der Plan. Schauen wir mal. Auf jeden Fall mag ich es, Selbstgekochtes zu verschenken und bin selber großer Freund von Gläsern, die einem schnell das einfachste Essen noch spannender machen. Also muss wohl einiges produziert werden, damit alle Pläne auch in die Tat umgesetzt werden können.

Ganz nebenbei befriedigen diese ganze Einkocherei und Hantiererei mit Gewürzen ja auch so tief vergrabene Landhaus-Idyllen-Phantasien, die ich sonst abstreite. Aber eine Auswahl an Gläsern mit krakelig geschriebenen Etiketten (denn ich werde nicht noch dem Zeitgeist verfallen, gefällige Etiketten mit putzigen Namen zu produzieren) muten immer so Klischee-Geschichten-Haarknoten-Großmutter-Blumenschürzen-mäßig an. Meine Oma habe ich nie einkochen sehen, aber ich wurde mit genug Kinderliteratur und medialen Stereotypen geimpft um empfänglich zu sein für diese Wohlfühl-Klischees. Muss auch mal sein. Ich bin mir dessen bewusst.

Und da die erste Fuhre Pflaumen gestern schon einmal probeweise in den Topf wanderte und das Haus heute noch so lecker nach Gewürzen riecht, hat der Schweinehund Glück gehabt. Er sollte es sich nur nicht zu bequem machen.

Also gute Voraussetzungen für so einen Tag mit viel Tee und dem völligen Abtauchen in geschriebene Welten.

Meine eigentliche Lektüre im Moment ist  eher verstörend endzeitlicher Natur und so fantastisch geschrieben, dass ich sie nur widerstrebend aus der Hand lege, aber ich habe heute das unbestimmte Verlangen etwas auf etwas Berührendes. Oder zumindest etwas, das einen kurz verschnaufen lässt, angesichts der gnadenlos mahlenden Mühlen des Weltgeschehens. Eine Art bewusster, zeitlich begrenzter Eskapismus ohne fiese Verdrängungsmechanismen.  Das sollte man sich durchaus regelmäßig gönnen.

Und da passt eine andere Lektüre viel besser. Ein Buch, an das ich seit der Lektüre immer mal wieder denken muss: Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss.

Zuerst tat ich mich schwer mit dem Titel und ja, auch mit der Umschlaggestaltung. Ich glaube am liebsten sind mir Bucheinbände neutralerer Natur, aber ich weiß auch, dass das kein Bewertungskriterium sein sollte.

Auf jeden Fall sollte es einen nicht davon abhalten dieses zarte Buch zu lesen! Ich habe es im Gehen zu Bahn, in der U-Bahn und einfach überall gelesen. Habe beim Frisör gesessen und fast geweint vor Rührung, habe Seiten zurück geblättert und Sätze wieder und wieder gelesen um ihre Schönheit festzuhalten.  Habe mein Lesetempo verflucht um so lange wie möglich dabei sein zu können und habe wieder und wieder geblättert und immer wieder dem besonderen Menschen Passagen vorgelesen um zu Teilen, was dieses Buch an Zauber schafft. Ganz sachte wachsen einem die Protagonisten ans Herz und die schicksalshaften Verknüpfen, die alles zusammenfügen, nehmen einen auf Schönste gefangen.

Ja, ich bin total anfällig für emotionale Inszenierungen und habe schnell mal einen Klops im Hals. Aber hier war es anders. Die Geschichte der Liebe ist eines der seltenen Bücher, für die man noch lange Zeit unendlich dankbar ist.  Dankbar dafür, dass man aufrichtig emotional erschüttert wurde und dankbar, dass dort draußen Menschen ihre Schweinehunde bekämpfen und mit ihrer Sprache Geschichtenkonstrukte erschaffen, die ein Gefühl von Ehrfurcht auslösen. So oft trifft man diese Bücher nicht.
Und wer sich nicht vor einem heimlichen Tränchen scheut, dem kann ich Die Geschichte der Liebe nur an Herz legen. Und zwar genau dorthin.

Und weil man neben dem Lesen auch essen muss:

Pflaumen Chutney

Ca. 2,5 Kilo reife Pflaumen
400 Gramm rote Zwiebeln
5-6 mittlere Knoblauchzehen
120 Gramm Xucker
150-200ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 7 cm)
4 Lorbeerblätter
6 Lorbeeren
8 Nelken
3 Esslöffel Senfkörner
3- 4 mittelscharfe Chilischoten

Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Pflaumen waschen und vierteln.
  • Zwiebeln, Ingwer und Knoblauch schälen und fein hacken.
  • Denn Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln. Knoblauch und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Pflaumen und den Essig, erst einmal 150 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel mit kochendem Wasser spülen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand befüllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf gestellt abkühlen lassen. Sie knacken dann beim ersten Öffnen und halten sich monatelang – aber bis dahin ist es hier leer…

Passt hervorragend zu Braten, Lamm-Koteletts, Schinken, Omelette mit Speck……..

Guten Appetit!