Von der Weite im Kopf und Maronen-Petersilienwurzel-Püree zum wohlig sein

strandweite und maronen-püree

Nordsee und Atlantik, Bretagne und Dänemark – der Teil der Landschaftseele, der nicht dem Anblick von Wäldern verfallen ist, liebt die rauhen Küsten. Kaltgraues Meer unter schwerem bleigrauen Himmel… die Kapuze festgezurrt und den Kopf gesenkt, wenn man sich gegen den Wind über den Strand bewegt…Möwenschreie und laufende Nasen… Da geht mir das Herz auf. Einfach mal stehenbleiben und über das Meer in Richtung Horizont schauen, bis sich so viele Nuancen auftun in Licht und Farbe… Dazu ein Wind mit reinigender Wirkung, der den Kopf klar macht und am Ende des Tages liegt man wohlig zufrieden und ein wenig kaputt von so viel Luft und Bewegung im Bett, und lauscht der immer gegenwärtigen Meeresbrandung, die wie ein hungriges Tier an den Dünen nagt…
Das sind so Momente in denen ich mich auf ein gesundes Maß, eine kleines Maß zurecht gestutzt fühle im Angesicht der Natur, die uns umgibt. Und es sind solche Eindrücke, die mich mein mir gegebenes Versprechen wiederholen lassen, achtsamer und verantwortungsvoller mit dem umzugeben, das meinen Lebensraum ausmacht. Denn es macht mich furchtbar traurig, wenn ich die bunten Collagen fotografiere, die sich durch die Plastikfundstücke am Strand ergeben und sich daneben schauriges Strandgut in Form toter Seehunde summiert. Wir Menschen sind schon wirklich egozentrische (Umwelt-)Schweine und die hochgelobte Begabung zur Vernunft verwenden wir nur allzu gerne für immer neue Rechtfertigungsstrategien, um uns nicht aus dem Komfort unseres Lebensmodells bewegen zu müssen. Wir machen die Augen zu oder konzentrieren uns auf Details, an denen wir uns dann gerne zur Gewissenberuhigung aufhängen statt versuchen immer mal wieder einen Blick auf das Ganze zu werfen. Natürlich soll es uns gut gehen. Ich wünschte jedem die Chance zum Glücklichsein, aber nichts fällt uns wohl schwerer und wir fixieren uns auf den Ersatz in all seinen Formen. Dabei reicht vielleicht manchmal die Einsicht, dass wir uns selbst nicht zu wichtig nehmen sollten, um den Maßstab wieder zurecht zu rücken. Sich selber ernst nehmen, unbedingt, aber sich selber zu wichtig nehmen – lieber nicht. Sonst arbeiten wir uns ab an der immer wieder kehrenden Einsicht, dass da immer noch jemand ist, der es weiter gebracht hat, in dessen Schatten wir stehen, der uns etwas vorraus hat… Und dabei schaffen wir irgendwie das Kunstück uns in unserem eigenen Schatten zu verkriechen. Immer hungrig nach mehr, ruhelos und aus der Balance. Und irgendwie kriegen wir den Finger nicht darauf gelegt, warum auch im Glück dann oft ein Beigeschmack verfängt, ein Misston mitschwingt…

Ja, das Glücklichsein, das stille gute Gefühl, dass da in und für mich ist, das war wohl das schönste Fundstück in dem Trubel dieses nun schon ziemlich alten Jahres. Und ich lasse mich wirklich gerne von dem Fließen an der Hand nehmen und bin gespannt, was da wartet nach der nächsten Flussbiegung. Ich plane es besser nicht, es wird sich finden und dann wird es richtig sein.

Und ein wenig unmittelbares Wohlgefühl lässt sich ja auch aus der Kocherei ziehen. Deshalb koche und backe ich immer gerne mal etwas Neues, etwas Ausgedachtes, wenn der Kopf dann mal vor Anstrengung knotet. Das löst die Gedanken, wie ein Spaziergang im Wald… Oder eine Brise starker Wind an einer rauen Küste.

Paleo Maronen-Petersilienwurzel-PüreeMaronen-Petersilienwurzel-Püree mit Frühlingszwiebeln
(für vier Portionen)

300-400 Gramm Maronen, gekocht (ich empfehle, die Maronen selber zu kochen, es spart einiges an Geld und irgendwie macht die Schälerei auch Spaß und geht leichter als man denkt)
300-400 Gramm Petersilienwurzel geschält und in Stücke geschnitten
5 Frühlingszwiebeln, geputzt und in feine Ringe geschnitten
selbstgenmachte Brühe oder alternativ Wasser
Butter
Salz
Pfeffer

  • Maronen kochen: Die Schale auf der gewölbten Seite der Maronen kreuzweise einschneiden und die Maronen gut mit Wasser aufsetzen. Etwa 20 Minuten köcheln lassen, bis sich die Schale am Einschnitt weiter geöffnet hat und man das helle Innere sieht. Abgießen und etwas abkühlen lassen und dann pellen (dabei nicht zu viele vorab essen, auch wenn es schwerfällt).
  • Die Petersilienwurzel knapp mit Brühe oder Wasser bedecken und ca. 15-20 Minuten köcheln lassen, bis sie weich sind.
  • Die letzten fünf Minuten noch einmal die Maronen mit in den Topf geben.
  • Nun alles gründlich fein pürieren und mit einem ordentlichen Stück Butter vermengen (wirklich großzügig mit der Butter sein, es schmeckt so fein!)
  • Mit Salz und Pfeffer abschmecken und die Frühlingszwiebelringe unterheben.

Das war es…

Ganz wunderbar zu einem Gericht mit Soße…Etwa Gulasch oder Rouladen

Guten Appetit!

Bittersüße Plastik-Strandromantik und lernen aus Filmen

Plastik StrandMan schleppt etwas schwerer. Das ist der Preis, den ich gerne zahle. Denn neben dem eigentlichen Gepäck aus dem Kleiderschrank ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Unterwegsseinausrüstung die Vorratsdose geworden. Und spätestens seit ich vor einiger Zeit den Film Plastic Planet von Werner Boote gesehen habe, sind diese Dosen, wann immer möglich, aus Glas. Das nervt. Sage ich ehrlich. Ebenso wie die Glasflasche fürs Wasser. Sie sind schwer und zerbrechlich… Da sind kleine Katastrophen im Gepäck vorprogrammiert (toi, toi, toi).Und ja, wenn es sein muss, trinke ich auch aus Plastik bevor ich verdurste, alles andere wäre bescheuert, aber ich versuche tatsächlich den Berg an Plastik in unserem Haushalt wo immer möglich zu reduzieren. Dank der Ernährungsumstellung fallen tatsächlich viele der gängigen Umverpackungen weg und besonders das Ausmisten von unnützer Kosmetika und zu vielen nutzlosen, da nie gebrauchten Badezimmerprodukten hat noch einmal dazu beigetragen, dass nun weniger kunterbunte, weiche, harte, folienhafte und wie auch immer geartete Kunststoffe den Weg zu uns finden. Mitunter eine etwas komplizierte Wahl, denn wenn man anfängt einmal nach kunststofffreien Alternativen zu suchen, wird es mitunter sehr teuer oder die Suche läuft ins Leere. Plastik vermeiden ist ganz schön schwer. Wir haben uns abhängig gemacht von einem Stoff, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Wir setzen uns über das Essen, die Kleidung und alle möglichen Gebrauchsgegenstände einem gesundheitlichen Risiko aus, das wir Laien nicht beurteilen können und weil wir Menschen eben auch kleine Idioten sind, landet all zu viel von dem Zeug eben nicht in einem Recyclingkreislauf sondern in der Natur.

Und so habe ich kürzlich bei einem eigentlich schönen Spaziergang entlang eines dänischen Strandes statt schöner Muscheln (gibt es kaum noch, zumindest nicht die, an die ich mich noch aus Kinderurlauben zu erinnern meine) die besondere Ästhetik von Seetangnestern voller Plastikfetzen bestaunt und einzelne Schuhe gezählt. Und Flaschen.  Und mich geärgert. Geärgert, dass wir so dumm sind und auch geärgert darüber, warum man nicht einfach mal einen Müllbeutel dabei hat, um als kleine Wiedergutmachung für den verursachten Müll am Ende eines jeden Spaziergangs zumindest einen Teil der Hinterlassenschaften zurück in einen Müllkreislauf zu führen. Ich empfinde es eigentlich als gerechte Strafe, dass wir dann wieder Fische essen, die Plastik gefressen haben. Obwohl die Fische das natürlich nicht verdient haben und es auch so wahnsinnig kompliziert geworden ist, welchen (See-)Fisch man noch unbeschwert essen kann, da wir ja auch dabei sind munter die Meere leer zu fischen, wenn wir nicht schon Lebensräume zerstört haben.

Aber die gesundheitlichen Folgen des Plastiks, das da über unschuldige Parteien in unsere Nahrungskette gelangt, haben wir selber zu verantworten.

Neben Spaziergängen war Dänemark auch eine Zeit guter Gespräche und der Erkenntnis, dass einen das Leben in dieser Welt mit ihren Machtstrukturen und Mechanismen mitunter echt verzweifeln lässt, wenn man sich das intensive Nachdenken erlaubt. Ich gebe zu, ich war etwas vorbelastet. Die lange Zugfahrt in den Norden habe ich für die Lektüre unabhängigerer Magazine genutzt und neben dem ein oder anderen interessantem Artikel war auch da vor allem gut gemachte PR und die alte Konsummaschine am Werke, wenn auch etwas dezenter, für den vermeintlich intelligenteren Leser, der es nicht so mit der Holzkeule mag, sondern seine eigenen kleinen (Kauf-)Entdeckungen schätzt und wenn die dann noch nachhaltig, fair und überhaupt sind, gibt es den Heiligenschein für diesen Einkauf bestimmt direkt dazu geliefert. Aber es ist ja nicht nur schlimm, das alles, mit dem Leben. Man muss nur immer auch mal bewusst einen Schritt zurück tun, nicht vergessen oder die Augen zumachen, aber sich bewusst machen, das man sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat und es einen nicht weiterbringt zu verbittern. Es ist vielleicht eine ziemlich große Aufgabe eine persönliche Balance zu bringen in die Ernüchterung, die sich immer häufiger einstellt und das Glück der Zufriedenheit, dass man für sich suchen sollte.
Also steht man irgendwo zwischen zauberhaftem Sonnenuntergang über dem Meer und knisternder Plastikfolie in den Dünen.
Ich arbeite an meinem Rezept.

Von muskelbepackten Skandinaviern auf der Buchmesse und vernachlässigten Steckrüben

steckrübeWer mag sie nicht, die Skandinavier. Sie befeuern Kinderfantasien bis ins Erwachsenenalter mit ihrer Holzhütten-Idylle und so einem Birkenwäldchen-am-Fluss-im-kühlen-Sonnenschein-Charme. Sie sorgen dafür, dass der chinesische Besuch einem erzählen kann, dass er daheim in Peking dieselbe Lampe eines skandinavischen Möbelkonzerns stehen hat.  Der urbane Jungskandinavier hat den hippsten Bart und die schönsten Tatoos, die Mädels den frischesten Teint und die längsten Beine und sind eine gemeine Messlatte, wenn man sich die Entwürfe so manches schwedischen Modehauses anschaut.  Wer hat nicht schon einmal den Urlaub gebannt hinter den Seiten eines skandinavischen Krimis verbracht? Und es gab eine Zeit, da kam coole Musik konsequent von nordwärts. Die arbeitenden Mütter in Skandinavien sind die entspanntesten in ganz Europa, die Kinder sind am besten verwahrt und irgendwie ist alles so Mittsommernachts-Blumenkranz-mäßig  schön und dank nordischer Frische nicht Kitsch, sondern clean und Design, statt einfach Form und Muster.

Man hätte viele Gründe den Staaten im Norden Europas nicht die Butter auf dem Brot zu gönnen, wenn man sich so anschaut, wie sehr die skandinavische Marke perfektioniert worden ist. Da hat ein beschaulicher und in sich ganz vielschichtiger Teil der Welt es geschafft, heimlich, still und leise eine wasserfeste Markenidentität aufzubauen, die alle regionalen Unterschiede überwindet, bzw. als einzelne Stärken einbaut und mit Frische-Luft-rote-Wangen-Charme und gefälligen Design viele Bereiche unseres Lebens beeinflusst und gutes Geld macht. Den Skandinaviern haftete etwas sympathisches an. Auch ich freue mich schon auf ein paar Tage auf einer stürmischen dänischen Insel, wo der Supermarkt nach Aufbackgebäck riecht (das ich nicht esse, auch im Urlaub) und einen zurück katapultiert in die Urlaube aus Kindertagen. Wo man mit einem „Hej!“ gegrüßt wird, das sich nicht nachahmen lässt.  Und das cleverste: Sie haben eine intelligente, aufgeklärte, kritische, Design-und Nachhaltigkeits-affine Konsumentengruppe am Wickel.

Nicht auszudenken, wenn die großen Marken aus dem hohen Norden aus dem städtischen Umfeld und den Schöner-Schein-Magazinen verschwinden würden.

Da würden gesicherte Quellen des guten Geschmacks plötzlich versiegen. Ich meine, hat sich mal jemand den aktuellen Ikea-Katalog angeschaut ohne innerlich bereits eine Einkaufs-Wunschliste zu erstellen? Das Magazinformat, die Betonung des individuellen Stils, das ist wirklich eine Glanzleistung! Ehrlich. Man erkennt sich selber, oder findet persönliche Highlights und kann vergessen, welch weltumspannende Logistik hinter dem tonangebenden skandinavischen Geschmack steht.

Bei der Buchmesse haben sie mich auch wieder beeindruckt. Allerdings nicht mit Kriminalliteratur und Design-Schnickschnack-Literatur, sondern mit zwei Paleo Kochbüchern, die ein dänischer Verlag dort vorstellte. Alleine der Name für die Steinzeiternährung kullert einem  lustig im Kopf herum: „Stenalderkost“. Genau. Das klingt irgendwie lecker für den Nicht-Muttersprachler. In das eine Paleo-Buch habe ich hinein geblättert und auch wenn meine Dänischkenntnisse nur in meinem Kopf existieren, liess sich das ein oder andere erahnen und durch ähnliche regionale Produkte, kann man die meisten der solide köstlich aussehenden Gerichte hier nachkochen.

Und ansonsten kommt der Hauptakteur des Buches, der Autor und Koch Thomas Rode, muskelbepackt, wahlweise im echt coolen Vintage-Auto, mit dem Reh über der Schulter oder beim Feuermachen am See, zum Zuge. Das ist eine Bildsprache für manchen Mann und auch für Frauen, die von männlichen Muskeln und veralteten Ganzer-Kerl-See-Romantik-Szenen träumen.

Was mich dabei beeindruckt hat, ist die neue Richtung, die hier in der Gestaltung eingeschlagen wird. Kein trocken anmutendes Kochbuch mit viel Theorie, kein reiner Foodporn-Bilderreigen, den man nicht nachbilden kann und will und auch keine Angst-machende amerikanische Super-Mami. Sondern eine zielgruppengerechte Aufmachung (Männer, meist  aus dem Crossfit Bereich, die auf ihre Ernährung achten), die auch Frauen anspricht und deshalb gekauft wird. Da wirkt das Paleo-Konzept nicht abseitig, kompliziert, oder irgendwie unangenehm anders (denn anders sein wollen wir ja nicht, nur unglaublich individuell) sondern kommt herzerfrischen mainstreamig daher.

Das dumme an diesem Fundstück – es ist noch nicht erschienen in Deutschland. Aber es lohnt sich die Augen offen zu halten und zu hoffen, dass zeitnah eine Übersetzung den Weg in den deutschen Buchhandel findet.

Und um den Bogen zurück zum regionalen Essen zu schlagen: Ich habe die Steckrübe entdeckt. Ich kannte sie bisher vor allem als Steckrübeneintopf mit schlechtem Image aus Erzählungen, oder aus der Literatur. In Frankreich fiel sie mir unter dem Namen Navette in die Hände und das klang so nett, dass ich sie mitgenommen habe für ein herbstlichen Schmortopf.

Steckrüben-Schmortopf

700 Gramm Fleisch nach Wahl (Rinder oder Schweineschulter)
500 Gramm Steckrüben, in Stücken
4 mittlere Zwiebeln, geviertelt
0,5 Liter trockener, kräftiger Rotwein (hier war es Corbière)
5 Lorbeerblätter
5 Nelken
3 Esslöffel Senfkörner
ein Stück Zimtstange nach Geschmack
Salz
Pfeffer
1 kleine, scharfe, getrocknete Chilischote, gehackt
Fett/Öl zum Anbraten

  • Das Fleisch (kann am Stück verwandt werden, oder bereits  vorab in Stücke geschnitten werden) großzügig scharf in Öl anbraten, nur so kurz, dass sich die Poren schließen und ein schönes Brataroma entsteht.
  • Salzen und Pfeffern.
  • Die Zwiebeln und die Steckrübe dazugeben, kurz mit anbraten, die Gewürze dazu und alles mit dem Rotwein angießen.
  • Deckel drauf und ca. 1,5 Stunden schmoren, danach noch einmal mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Das war es schon. Wer mag, serviert schlichten Feldsalat mit Walnüssen dazu.

Guten Appetit!