Von der Seele geschrieben: Kann ich helfen? Ja, bitte. Unbedingt!

machen und helfen

Kann ich helfen? Unbedingt!

Wir haben viel gelacht. Etwas verlegen anfangs, aber nach und nach offener und herzlicher. Wenn das Englische als gemeinsame Basis mal nicht weiterhalf, haben wir Hände und Füße genutzt und uns einmal durch die Anatomie und die wichtigsten Begriffe für den Arztbesuch gelernt. Die Zeit ist geflogen und mit dem Ende der Deutschstunde platzte die Blase und die Ernüchterung setzte ein. Die Oase machte zu.

Die Oase, das ist das von der Stadt Limburg organisierte und von vielen ehrenamtlichen Helfern unterstützte Begegnungscafé vor den Toren des ersten Erstaufnahmelagers hier vor Ort. Ein Erstaufnahmelager, das eigentlich jetzt abgebaut werden sollte und stattdessen nun winterfest gemacht werden muss. 650 Menschen, in Zelten, in einem Industriegebiet neben der ICE-Trasse. Viele junge Männer, Jugendliche, Frauen mit Kindern, Schwangere, wenige ältere Männer. Für 650 von ihnen sind die Zelte temporäre Station. Und das Café Oase ist ein wenig alles: Aufenthaltsraum, Kaffeemaschine, Klassenraum, Kindergarten. Hier steht die Begegnung ganz klar im Vordergrund. Lokale Bäcker spenden täglich Gebäck und viele Menschen engagieren sich mit ihrer Zeit und einfach nur mit ihrer Menschlichkeit. Denn mit dem ersten Kaffeebecher, den man entgegen nimmt und füllt, werden aus den großen Etiketten, mit denen die Medien seit diesem Sommer um sich schmeißen, Gesichter. Kleine Gesichter mit roten Schnupfennasen unter rosa Mützen, ernsthafte Gesichter unter makellosen Kopftüchern oder dezent geschminkt. Energiegeladene Jugendliche und schüchterne Erwachsene. Wir reden so viel und vergessen das Offensichtliche: Es geht um Menschen.

Wir reden und reden und im Reden haben wir das Gefühl etwas zu bewegen. Und das ist auch gut und das tun wir auch, etwa, wenn wir klar Position beziehen und tumben, menschenverachtenden Meinungen einen Riegel vorschieben. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das langfristig nicht mehr reichen wird. Das Reden. Und das Lesen. Ich denke, viele denken wie ich, dass sie eine Meinung haben und dafür einstehen. Es scheinen so Zeiten zu kommen, in denen wir uns beweisen müssen und diese Meinung verteidigen. Ich kriege das Grausen und die Wut wächst, wenn ich brennende Notunterkünfte in den Medien sehe. Wenn ich höre, wie die Ängste der Menschen vereinnahmt und ins Schlimmste verkehrt werden. Bis die offensichtlichsten Argumente nicht mehr auf Gehör stoßen und das zarte Pflänzlein des Mitgefühls, das dieser Tage wachsen und stark werden sollte, verkümmert. Es werden immer mehr, die den Mund aufreißen, die sich mit ihren hasserfüllten Parolen auf die Straße trauen. Der dreiste Mut wächst und plötzlich werden wieder Journalisten für ihre Meinung wortwörtlich angegriffen. Solange die Angriffe online über die Kommentarfunktion geschehen, kann man den Kopf schütteln und es beiseite schieben, aber wenn die Hemmschwelle überwunden ist, wohin geht die Reise dann? Ich halte mich für einen optimistischen Menschen, bei allem, was mich an Gedankenbalast beschwert und was ich kritisch sehe, will an etwas grundlegend Gutes glauben, das uns im Großen und Ganzen motiviert. Düstere Zukunftsprognosen sehe ich kritisch. Aber gerade geht es nicht um die Zukunft, sondern um das hier und jetzt. Und da ist auf einmal etwas mitten unter uns angekommen, was wir doch besiegt geglaubt hatten. Gerade wir, mit dieser komplizierten Geschichte, dieser vielen Scham und dem mehr als durchwachsenen Gefühl für die Heimat. Diese Heimat wird gekidnappt von Idioten, die etwas schützen wollen, das es nicht gibt. Die uns wieder sagen: „Wir gegen die“, weil die uns sonst was wegnehmen. Was denn? Will man schreien? Was nehmen sie menschenverachtenden Vollpfosten wie Euch weg? Menschen, die in Kauf nehmen, dass andere Menschen zu Schaden und sogar zu Tode kommen. Menschen, die sie nicht kennen und gegen die sie somit nicht einmal mächtige persönliche Gefühle anbringen können. Menschen, die mit den Ängsten und Unsicherheiten der Leute (ok, das gilt auch für große Teile der Medien und Politik) mobilisieren und ausnutzen, dass Menschen in der Masse an Intelligenz verlieren, haben diese Menschen die Vorteile des demokratischen Systems verdient, das uns so wohl genährt hat? Wir waren wohl zu satt und sind es noch immer, dass der Aufschrei nicht noch größer ist. Wie die Spitze vom Eisberg sind nur die Mutigen da draußen und krakeelen laut, schlimmer noch ist der unberechenbare große Teil, der unsichtbar unter der Wasseroberfläche sitzt, aber zunehmend zustimmend nickt. So werden aus schönen Wasserringen Wellen und wie wollen wir die stoppen? Auf jeden Fall, indem wir für uns einstehen und den Mund aufmachen, wenn wir merken, dass in Gruppen auf heuchlerisch mitleidige Art und Weise der Tenor irgendwie doch umschlägt: “Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber…“

Ja schön, wir sollten auch alle nichts gegen, sondern für Flüchtlinge haben. Noch mehr vernünftige und gut erhaltende Kleidung für die warmen Tage. Noch mehr Spielzeug und Bücher und Malstifte und und und… und Zeit. Ich hatte mich im Sommer schon gemeldet, bis jetzt hat es gedauert, aber das heißt nichts. Aktiv werden und fragen, wo es konkret an Hilfe fehlt. Das hätte ich viel früher machen sollen, statt zu warten bis jemand auf der Namensliste bei K ankommt. Passen tut es nie, nicht wahr? Und sicher gibt es Umstände, wo es nicht machbar ist, aber wer zwei Stunden erübrigen kann, um bei der Kleiderausgabe oder beim Unterricht zu helfen… bitte macht es. Es ist nicht umsonst.

Ich war furchtbar nervös, als es klar war, dass aus der schönen Idee des ehrenamtlichen Engagements eine Verabredung mit der Realität werden sollte. Immer wieder habe ich über mich selbst den Kopf geschüttelt und mich gefragt, was daran mich so nervös machte? Ich wollte das richtige Signal aussenden. Kein Mitleid, sondern Wertschätzung. Das sollte ja kein Engagement für mich sein, sondern etwas bringen. Der besondere Mensch hat mir den Rücken gestärkt und zu recht erinnert: „Es sind Menschen. Du hast ein Gespür für Menschen, warum solltest Du das nicht nutzen, wie sonst auch?“ Recht hatte er.

Nachdem ich innerlich etwas schüchtern an der Kaffeetheke begonnen hatte, setzte ich mich irgendwann an einem Tisch zu einer kleinen Lerngruppe. Ein älterer Herr, wie ich Freiberufler, gab Deutschunterricht. Mir gegenüber saßen zwei junge Männer, sie waren zu weit weg, um bei der anderen Gruppe richtig mitmachen zu können, aber sie hörten so intensiv zu, dass ich ohne darüber nachzudenken fragte, was sie heute machen wollen würden. Man muss keine Angst vor der Verantwortung des Lehrens haben, darum geht es hier nicht. Sondern um eine kleine Starthilfe, bevor der eigentliche Deutschkurs beginnt. Oft geht es um ganz konkrete Fragen zu bestimmten Vokabeln für den Alltag. Ansonsten wird anhand von Materialien ein Einstieg geschaffen. Man kann dabei nichts falsch machen, aber ganz viel geben. Sprache, Kommunikation ohne Missverständnisse, sind der einzige Weg, wie wir alle („wir“ und „die“) es schaffen können, uns zu sortieren und Spannungen abzubauen. Und wenn man einmal dabei ist, merkt man, wie viele Menschen genauso denken und sich, mitunter bereits seit Monaten, mit ihrer Zeit und noch viel mehr engagieren. Das macht Mut, wenn in den Medien die Flammen wüten und einem ein Kloos der Wut den Hals abschnürt.

Und ganz persönlich denke ich, dass etwas zu Ende gegangen ist, eine im Großen und Ganzen für die meisten von uns recht sorgenfrei Zeit. Es hat sich etwas in Bewegung gesetzt und die ersten Veränderungen begegnen uns in Form von Gesichtern. Gesichtern vieler Menschen. Wie bei allen Menschen muss man nicht jeden mögen und kann sich aus dem Weg gehen, aber gegenseitiger Respekt sollte doch der Maßstab im Umgang miteinander sein.

Ich für meinen Teil bin tief berührt von dem Elan, mit dem die Menschen, denen ich begegnet bin, bereit und gewillt sind, die Sprache zu lernen, anzukommen. Sie haben Ruhe verdient. Ein Blick in so manches viel zu alt wirkende Kindergesicht sagt, dass hier unglaublicher Ballast mitgeschleppt wird und doch der Antrieb bleibt. So viel Stärke und die Kraft, Leid ertragen zu haben, das muss doch gewürdigt werden. Und satt und in der Tendenz gerne etwas unzufrieden, wie wir in Deutschland ja gerne sind, können ein kleiner Perspektivwechsel und neue zwischenmenschliche Begegnungen doch vielleicht auch einen gesunden Ruck statt einen rechten Ruck zur Folge haben. Zumindest für uns jeden persönlich haben wir es endlich mal in der Hand.