Selbst und ständig und ein apfeliges Herbstschwein

Schweineschulter mit Cidre und IngwerJa, wenn man zuhause arbeitet, dann geht das ja auch mit dem Kochen. So oft wie wir uns das anhören müssen, ist es mal Zeit für ein dezentes leises Kragen platzen lassen.
Nein, liebe Leute. Damit macht Ihr es Euch verdammt einfach, oder seid ein wenig naiv in der Vorstellung davon, wie wir unser Leben gestalten. Manch einer denkt vielleicht, wir hätten nix zu tun. Arbeitszeit ist Arbeitszeit. Und die erste Lektion, die man sich im Falle eines Daheim-Büros  hinter die Ohren schreiben sollte, ist die, dass hier nichts vermischt werden darf. Mal eben 20 Minuten kochen, dann eine Wäsche anmachen, eine Pressemitteilung schreiben, Fenster putzen und im Zweifel abends noch mal an den Schreibtisch… Wer so anfängt, geht unter, sobald der Stress einsetzt.

Man sollte denken, als ob man sein eigener Arbeitgeber wäre und deshalb macht man mit sich einen Arbeitsbeginn aus und der wird eingehalten. Verspätungen, weil Stau im Badezimmer war, werden nur soweit toleriert, wie auch in anderen Arbeitsstellen und sollte der Abend auf dem Dorf mal zu spät werden, heißt es morgens Zähne zusammen beißen und Haltung zeigen. Ja und warum dann die Selbständigkeit?
Ha, das ist das Schmankerl fürs Fleißigsein: Wenn ich dann konzentriert meine anstehenden Punkte abgearbeitet habe, meine Akquiseliste weiter abgegrast habe (hier zählt Qualität statt Quantität), die Verwaltungsaufgaben auf den neuesten Stand gebracht habe, einen Überblick habe, was in den nächsten Tagen und Wochen ansteht, meine Finanzen überblicke und dann um 15 Uhr feststelle, dass ich heute richtig gut durch gekommen bin, dann kann ich zu meinem Privatleben übergehen und all die anderen Dinge tun. Noch ein, zweimal die Emails gecheckt und dann sollte das Büro auch zu sein. Denn es gibt die Abende, wo die Deadline einem ihren kalten Atem ins Ohr bläst und man weitermachen muss, aber wenn das gerade nicht der Fall ist, sollte man seine Zeit tunlichst gut nutzen. Sprich, sie bewusst genießen und gestalten. Dann ist sie das Gegengewicht zum Stress.
Das ist die Freiheit, die ich in den letzten Jahren vermisst habe: Die Arbeit an den wirklich anstehenden Aufgaben auszurichten und nicht stumpf jeden Tag neun Stunden und mehr am Schreibtisch sitzen zu müssen.

Ganz ehrlich, bei diesen Kopfarbeiten sind die Ergebnisse nach sechs bis sieben konzentrierten Stunden eh nicht mehr so unverbraucht wie am Morgen. Das Konzept ist nicht auf die Arbeitsleistenden zugeschnitten. Ich wette, dass die meisten Arbeitnehmer in diesen seltsamen Kopf-Schreibtisch-Jobs viel produktiver wären, wenn sie wüssten, dass sie frei werdende Zeit anders nutzen können. Sie wären sicherlich auch zufriedener. Und so schleicht sich aber weiter der ein oder andere Kaffee mit Kollegen ein, man liest doch noch einen Online-Artikel, der irgendwie zum Thema passt, checkt das Smartphone, schaut in den Email-Eingang, trinkt noch einen Kaffee und und und.. Diese Fremdbestimmung meiner Tage, wollte ich durchbrechen. Und selber verantwortlich sein.  Das heißt, ich muss selber schauen, dass Arbeit reinkommt, kann aber auch selber den Prozess gestalten. Ich muss meinem eigenem Qualitätsanspruch gerecht werden und sollte der Kunde mal murren, bin da nur ich (und der besondere Mensch, der der zweite Kopf des Büros ist) und ich kann nicht (nicht einmal unbewusst) die Verantwortung abwälzen.

Das ist sicherlich weniger Sicherheit im Finanziellen. Auch dafür ist man selber verantwortlich und muss immer auch für Zeiten mitplanen, in denen die Auftragslage vielleicht nicht so brummt. Das lässt einen anders und tatsächlich deutlich bewusster planen, wenn es um Anschaffungen oder längerfristige Dinge geht. Auf der anderen Seite, in starken Zeiten, kann man eben auch die Welle nutzen und sich einen Puffer aufbauen bzw.  kommt  heimlichen Wunschprojekten einen Schritt näher.

Ich hätte es früher nicht gedacht, aber ich mag diese vermeintliche Unsicherheit. Sie zwingt mich hinzusehen, genau zu sein. Nicht pedantisch, sondern verantwortlich. Ich fühle mich unabhängiger und empfinde das Mehr an Verantwortung auch als mehr Raum für Kreativität. Und ich kann diesen Raum auch nutzen, um anders mit den Menschen umzugehen, mit denen ich arbeite, denen ich begegne. Denn man sitzt nicht in einem Hierarchie-Kästchen fest und  muss, bewusst oder unbewusst, Reviere verteidigen oder Expertise unter Beweis stellen. Ich bin mir sicher, dass jeder in seiner beruflichen Laufbahn auf Kolleginnen oder Kollegen gestoßen ist, die die Arbeit durch diese energieziehenden Spielchen erschweren. Leider ist so etwas oft schwer zu greifen. Aber das wäre ein anderes Thema.
Ich weiß um mein Können und die Qualität meiner Arbeit und deshalb möchte ich, dass man mir mit dem Respekt begegnet, den ich anderen auch entgegenbringe. Und als mein eigener Chef kann ich eben auch entscheiden, wen ich mir nicht als Energiefresser ans Bein binden möchte.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass es Blödsinn ist zu denken, unsere Ernährungsweise wäre nur dem geschuldet, dass wir so viel Zeit haben, vermeintlich. Wir haben die Umstellung begonnen, als wir noch in festen Jobs mit zum Teil unregelmäßigen und langen Arbeitsphasen sowie vielen Reisen waren. Und… Tatataaa – es hat geklappt. Denn jeder macht sich doch etwas zu Essen im Lauf eines Tages… Oder kenne ich sonst nur Menschen, die sich dem Convinience-Glück verschrieben haben? Glaub ich nicht. Eher vielleicht müssen Berührungsängste mit einem Umdenken abgebaut und eine tief sitzende Bequemlichkeit überwunden werden, denn ein Umdenken oder eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Nahrung hätte für jeden vernünftig denkenden Menschen Konsequenzen. Und würde wohl auch den ein oder anderen kulinarischen Abschied bedeuten. Ich verstehe, dass das zögern lässt und weiß aus bester Erfahrung, dass eine solch radikal Umstellung, ein solcher Ausbruch aus tradierten Ernährungslehren nicht einfach ist. Aber welchen schöneren Grund kann es geben, als ein gesundes Leben. Und zwar bevor einen vielleicht eine Krankheit zum Umdenken zwingt. Jeder muss das für sich wissen. Aber bitte, hört auf mich voll zu nölen, dass das so kompliziert und umständlich ist und wir nur, weil und bei mir ist ja alles ganz anders und überhaupt…Wer nicht will, will nicht. Punkt. Das ist das Gute an den freien Entscheidungen. Sie müssen nicht zwangsweise weise sein, aber jeder kann, wie er will. Nur habt dann auch Verständnis, dass ich irgendwann keinen Bock mehr hab, die Fixierung auf das Thema Ernährung zu bedienen und hört auf, Leute, die anders essen und sich damit gut fühlen, gesund sind und, oje, sogar abnehmen, als Projektionsfläche zu nutzen für die eigenen Unsicherheiten oder Probleme beim Thema Essen.
So. Vielen Dank. Jetzt geht es mir besser.

Dazu beigetragen hat sicher auch das Herbstschwein.

Herbstlich geschmorte Schweineschulter mit Cidre, Apfel und Ingwer

Es gibt so wunderbar warm machende Gewürze, dass ich versuche so viele wie möglich davon einzubauen, sobald es kälter wird. Außerdem liebe ich den Duft von Ingwer , Zimt und warmen Äpfeln, das ist für mich so ein Inbegriff von Wohligkeit, dass mir ganz kitschig zumute wird.

1 kg Schweineschulter (hier  vom Hällischen Landschwein)
1 kleine Steckrübe
3 kleine Zwiebeln
2 kleine (Boskoop) Äpfel, oder andere säuerliche Exemplare
1 kleine Petersilienwurzel
1 Stück Ingwer (ca. 5 cm)
0,4 l herben Cidre
Die Samen aus drei Kardamom-Kapseln (oder gemahlenen Kardamom)
Eine halbe Zimtstange
Eine kleine scharfe Chilischote, gehackt
4 Lorbeerblätter
Pfeffer
Salz
Öl

  • Das Schulterstück abspülen, trockentupfen, salzen und pfeffern und von allen Seiten kurz scharf im Öl anbraten. So dass es ein schönes Brataroma gibt.
  • Die Zwiebeln vierteln, den Ingwer schälen und fein hacken und zusammen mit der Zwiebel, den Kardamomsamen und der Chilischote zum Fleisch geben.
  • Die Petersilienwurzel schälen und in feine Würfel schneiden. Die Steckrübe schälen und grob würfeln. Den Apfel waschen, entkernen und grob würfeln. Alles zu dem Fleisch hinzugeben.
  • Mit dem Cidre aufgießen, die Lorbeerblätter und die Zimtstange dazu und noch etwas salzen und würfeln. Deckel drauf und für 1,5- 2 Stunden schmoren.

Es riecht fantastisch und wärmt schön, ohne zu übersättigen.

Guten Appetit!

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Herbstbücher und Essen nach Farben – Kürbis

Kürbis und LektüreNeulich hatte ich Bücher in der Post, die mir ein aufmerksamer Mensch als Lektüretipps einfach direkt geschickt hat, statt nur den Autor zu empfehlen. Da die dann folgenden grauen Tage auch wirklich keinen Grund boten, um mehr als die Nase aus der Tür zu stecken, habe ich mir die Zeit neben der Arbeit zwischen Rezepten und Büchern aufgeteilt. Bücherempfehlungen sind wie alles im Leben nie ein Garant dafür, dass man die Begeisterung teilt. Die Vorstellung vom Leseglück ist sehr persönlich und Geschmäcker sind verschieden.

Aber im besten Falle gewinnt neue Freunde und wenn man sie ausgelesen hat, möchte man diesen Büchern auch ein Zuhause geben, damit man sie wieder und wieder in die Hand nehmen kann. Es gibt ja so Filme, die manche Menschen wieder und wieder schauen, weil sie sie so mögen. So geht es mir mit manchen Büchern.  Es gibt Bücher, die hinterlassen ein so gutes Gefühl und stupsen irgend etwas in einem an, dass man sie gerne  wieder und wieder in die Hand nimmt und jedes Mal entdeckt man neue Facetten. Mitunter erlebt man dann auch einen gewissen Trennungsschmerz, wenn man merkt, die frühere Lieblingslektüre passt nicht mehr zu der veränderten Lebenssituation, aber genauso oft kann man sich auch über unbekannte neue Seiten freuen, die man vorher so nicht wahrgenommen hat.

Eines der Bücher, die sich da in der Post befanden, wird ganz sicher einen Platz in meinem Bücherregal finden. Es ist Der Duft des Regens von Frances Greenslade. Wieder ein Buch, bei dem ich kurz über den deutschen Titel stolperte. Hoffentlich ist es kein Kitsch, bitte keine falschen Sentimentalitäten. Nein, nicht Falsches und Gekünsteltes, dafür immer mal wieder einen echten Klops im Hals und ein paar Tränen. Ja, ich bin viel zu emotional beeinflussbar, was Filme und Bücher betrifft. Es kann der schlimmste Hollywood-Müll sein, wenn die dramatische Musik beginnt, kann ich schwer schlucken und wenn dann noch kleine Tiere sterben… Na ja, zum Glück sehe ich mir zunehmend so gut wie keinen Müll mehr an (inklusive Tatort, meine immer wiederkehrende Enttäuschung) und mittlerweile stehe ich zu dieser Sentimentalität. Blöd war sie nur bei intellektuell anspruchsvollen Kino-Verabredungen, wo ich dann im Dunkeln versuchen musste lautlos zu schniefen und hoffte, dass die Mascara nicht verwischt. Bloß keine Blöße geben.  Lieber schon mal die Argumente zu Inhalt und Ästhetik des Gesehenen zurecht legen. Die Zeiten sind vorbei und wenn ich jetzt schniefen muss, ist es mir egal, wer sich daran stört. Im Zweifel schaut nur die Katze seltsam konsterniert. Der besondere Mensch weiß Bescheid.

Aber wer sich nicht scheut, berührt zu werden, der sollte der Protagonistin unbedingt in ihr ganz besonderes Leben in die kanadischen Wälder und Kleinstädte der 70-er Jahre folgen.  Ein Leben, das sich so schmerzhaft, spannungsgeladen, intensiv und wunderschön vor dem Leser ausbreitet, dass es fast nicht möglich ist eine Lesepause einzulegen. Und neben der Rührung bleibt, zumindest bei mir, ein Gefühl der Sehnsucht, auch einmal einzutauchen in diese Landschaft mit ihrer Schönheit und ihren wunderlichen Menschen, die so haften bleiben. Und vielleicht ist der Titel gar nicht so verkehrt. Der Duft des Regens, den kennt jeder wie wohl den Duft des Herbstes, auch wenn man sich das vielleicht nicht immer bewusst macht. Und so wie man tief in der Erinnerung immer wieder durch diese Düfte angerührt wird, hallt das Buch noch lange nach, mit seiner schönen eindringlichen und wunderbar unsentimentalen Stimme.
Da möchte ich gerne noch einmal hinein gezogen werde.

Dafür mag ich den Herbst. Für ausgedehnte Lesemomente. Und für Kürbis.

Kürbis vom Blech mit Bratwurst

1 Kilo Butternut-Kürbis
3 drei kleine scharfe Chilischoten, gehackt
1 Stück Ingwer (3 Zentimeter), gehackt
1 große Knoblauchzehe, gehackt
grobes Salz
Olivenöl
Grobe Bratwürste vom Weiderind

  • Den Offen auf 200 Grad vorheizen.
  • Den Kürbis schälen, die Kerne entfernen und das Kürbisfleisch in Spalten schneiden.
  • Die Spalten mit den Gewürzen, bis auf das Salz und dem Öl in einer Schüssel gut durchmischen und dann auf ein Backblech mit Backpapier geben.
  • Für 15-20 Minuten in den Ofen.
  • In der Zwischenzeit die Rinderwürste braten oder wahlweise mit auf das Backblech legen.
  • Zum Ende hin testen, ob der Kürbis schön weich und nicht zu dunkel ist.

Den Kürbis mit groben Salz bestreuen und fertig…Dazu passt neben Senf auch wunderbar etwas Pflaumen-Chutney.

Guten Appetit!

Herbstsonntage, Buchstaben-Familien und Frittierfreuden

Paleo Familienessen am SonntagUnbedingt raus da. Also in den sonnigen Herbst da draußen, wenn die Sonne einem beim Spaziergang nochmal schön den Rücken wärmt, während der Wind von vorne knisterkalt um die Ohren weht und der Himmel unfassbar klar ist. Ein wenig Sonntags-Schwärmerei ist da mehr als angebracht. Ein bisschen freue ich mich, in dieser Woche haben wir es immerhin auf zwei längere Spaziergänge inmitten von Feldern und Herbst und unverschämt üppigen Obstbäumen am Wegesrand gebracht. Eigentlich sollten es noch viel mehr sein, aber irgendwie kommen da immer noch die Anforderungen des Lebens dazwischen. Ich arbeite daran.

Und wenn man dann die widerstrebenden ersten 200 Meter hinter sich gebracht hat und die Häuser hinter einem liegen, wird die Lust am Gehen größer und der Schritt regelmäßiger und irgendwann ist man dann im Fluss. Im Gehen und in den Gedanken.  Und auch im Sprechen und währen da diese kühle Sonne die dunkle Jahreszeit nochmal etwas nach hinten geschoben hat im Kopf, haben die Gedanken den Spielraum genutzt und haben sich irgendwie  an der Familie aufgehängt. Nicht an meiner Familie im Besonderen, sondern eher allgemein an diesem speziellen Konstrukt, in das wir verwoben sind. Wir werden in einen Zusammenschluss von Menschen geboren, die wir vielleicht niemals getroffen hätten, wenn eben nicht über die Ebene der Blutsverwandtschaft. Und wir stehen zu all diesen Menschen in ganz vielfältigen Beziehungen, als Kinder, Eltern, Enkel, Onkel, Cousinen, …. Und die Menschen unter einander ja auch wieder. Nicht nur mit uns, sondern auch, wenn wir uns ausklammern würden. Da erscheint  vor meinem inneren Auge gleich ein furchtbar kompliziertes Muster an Verflechtungen…. Zusätzlich zu den Konstrukten, in denen wir uns dann noch selbstgewählt mit Freunden, Bekannten, Partnern und Kollegen bewegen… Da möchte man stehen bleiben um nicht über Fallstricke zu stolpern.

Und nicht nur diese familiär verzweigten Verbindungen machen dieses Geflecht so delikat, es sind vor allem die vielen Geschichten und Gefühle, die da mit hinein spielen: Das Verhältnis unserer Eltern zu ihren Eltern, unsere Geschichte mit unseren Eltern, unsere Geschwister mit den Großeltern und uns und und und..schwindelig…Es schwirrt, nicht nur der Kopf, wenn ich mir Familie als abstrahiertes Modell vorstelle, sondern auch dieses Modell, vor Dynamiken und Energien. Und alle stecken wir drin. Und das macht es so kompliziert, innerhalb dieses Systems etwas zu ändern. Innerhalb der vielen Rollen, die man innehat, möchte man ja niemanden weh tun, wobei, es gibt leider auch die Menschen, die sich innerhalb dieses Geflechts gekonnt bewegen und sicherstellen, dass ihre Bedürfnisse gestillt werden, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf andere.

Es ist also nicht ganz einfach.  Aber es ist eine heilige Kuh und diese tumben Viecher werden nicht angerührt. Sollte man aber und vielleicht die ein oder andere auch einmal schlachten. Wir mögen innerhalb von Familien nur ungern kritisch gegenüber anderen Familienmitgliedern sein, also den ganz engen, die zweite Reihe Onkels und Tanten ist dann immer wieder gut für Geschichten und kleine verbindende Hetzkampagnen – wir Menschen sind streng genommen schon ein illoyales Pack. Und von außen sollte sich eh niemand anmaßen sich genötigt zu fühlen einen, vielleicht durchaus hilfreichen, Kommentar zuzusteuern. Das Rudel wird verteidigt und Kritik weggebissen. Situationen kennt jeder, jeder ist ja in irgendein spezielles Familiengeflecht verwoben. Und auch wenn man die Maschen ganz locker hält, kann es sein, dass einen das ein oder andere Thema oder Moment im Familienkontext plötzlich zusetzten. Aber wo setzt man mit dem Entwirren. Einfach wäre die Heckenschere, aber das bringt nichts, wer etwas ändern will, will sich ja nicht abschneiden. Wie bei den Freundschaften auch darf man aber Maschen fallen lassen oder Fäden ins Leere laufen lassen, man kann sie wieder aufgreifen, wenn man möchte, aber man muss nicht. Das sagt einem aber keiner. Familie ist irgendwie gesetzt und wir plötzlich geplagt von blinden Flecken.

Ich finde Familienkonstrukte auf jeden Fall hochspannend. Nicht in dem Sinne, dass ich alle Menschen meines Umfelds ausfrage, Onkel Erwin und Tante Friede sind mir ehrlich recht egal, wenn ich sie nicht kenne, aber der Stoff Familie gibt so viel her. Und deshalb liebe ich Bücher, die Familien zum Thema haben. Im allerbesten Falle geben sie einem etwas mit auf dem Weg: Verständnis , einen veränderten Blickwinkel oder Freude. Im beklemmenden Fall lassen sie einen seltsam verwirrt und bedrückt zurück und man sollte dann das Warnlicht nutzen zu schauen, was einen da so aufgewühlt hat. Und ganz nebenbei kann man sich als unsichtbarer Voyeur in die (Un-)Tiefen anderer Leute Verstrickungen begeben, ohne selbst handeln zu müssen.

Eine ganz fantastische Familiengeschichte hat Jonathan Franzen geschrieben. Diese eine heißt Freiheit. Wobei Freiheit nicht das ist, was dem Leser während der Lektüre durch den Kopf geht. Es ist ein eher beklemmendes Familienportrait. Nicht geschmückt mit attraktiven Protagonisten, sondern verzweifelt bemühten Mittelklasse Charakteren, das Kopfschütteln ist vorprogrammiert. Aber es ist auch eine spannende Lektüre, herrlich nüchtern und schnörkellos – ein Portrait einer amerikanischen Familie und ihrer komplizierten Verflechtungen und emotionalen Verbindungen. Ganz ohne Weichzeichner und eher mal mit einer Falte und Augenringen behaftet. Das macht es neben der Spannung phasenweise echt bedrückend und deshalb liest man weiter und weiter, denn der  unerbittliche Blick macht die Geschichte so real.

Eine Familie, die man an den langen Herbstabenden gut einmal besuchen kann.

Und wenn man dann auch einmal ganz real mit der eigenen Familie zusammen sitzt und nicht das Porzellan zerschlägt, oder in redundante Diskussionen über die immer gleichen Themen verfällt und die immer selben  Handlungsmuster abspult, wenn man also ganz bescheiden das Beisammensein genießt, sollte man diesen Moment mit etwas Leckerem versehen und Genuss teilen.

Rouladen mit Rotkohl und  frittierter Süßkartoffel

4 Rouladen
12 Scheiben Speck (nicht zu dünn)
Chutney, Cornichons oder eingelegtes Obst nach Wahl
1 kleiner Kopf Rotkohl
5 mittlere Zwiebeln
4 Süßkartoffeln
2 Eier
Schmalz
Pfeilwurzelstärke
Salz
Pfeffer
Senf (Dijon ist mein Favorit aber scharf und körnig ist auch eine gute Wahl)
Rotwein
4 Lorbeerblätter

  • Die Rouladen abspülen und trocken tupfen.
  • Nun ausrollen und salzen, pfeffern und mit Senf bestreichen.
  • Jede Roulade mit drei Scheiben Speck belegen.
  • Für die Füllung, nach Geschmack , an einem Ende einen Klacks Chutney oder eine Cornichon auf den Speck legen, die Roulade nun um diese Füllung herum aufrollen und am Ende entweder einem Faden wickeln oder mit Zahnstochern feststecken.
  • Die Rouladen im Bräter von allen Seiten scharf anbraten.
  • Die Zwiebeln schälen und vierteln und zu den Rouladen geben.
  • Den Rotkohl vom Strunk befreien, vierteln und in breite Streifen schneiden und ebenfalls in den Bräter geben. Nun das Ganze mit einem großzügigen halben Liter Rotwein angießen, salzen, pfeffern und die Lorbeerblätter dazu geben. Deckel drauf und gut zwei Stunden köcheln lassen. Am besten schmecken sie, wenn man die Rouladen schon am Vortag vorbereitet und dann das Ganze noch einmal aufwärmt.
  • Die Süßkartoffeln schälen und wie klassische Pommes in schlanke Streifen schneiden.
  • Die beiden Eier gründlich verquirlen und Pfeilwurzelstärke (etwa 4-5 Esslöffel) unterrühren bis sich ein flüssiger Teig ohne Klümpchen gebildet hat. Diesen großzügig salzen und pfeffern.
  • In Ermangelung einer Fritteuse nun ein gutes Töpfchen Schmalz in einem kleineren Topf erhitzen und die Süßkartoffeln portionsweise im Teig wenden, abtropfen und im Schmalz frittieren bis sie gut goldbraun sind, dabei in Bewegung halten, damit sich nicht zusammenkleben.
  • Kurz auf Küchenkrepp abtropfen, damit sie nicht zu labbrig sind und mit etwas groben Salz mischen.

Eine Neuinterpretation von Fleisch mit Rotkohl und Pommes – super.

Guten Appetit!

 

Ich mach kein Kreuzchen – ich ess Kuchen –Castagnaccio

KastanienkuchenIm Wald kann ich nicht unglücklich sein. Geht einfach nicht. Egal zu welcher Jahreszeit, früher oder später befällt mich die Schwärmeritis angesichts der Schönheit um mich herum und es setzt ein sehr angenehmer Zufriedenheits-Kick ein.
Und tatsächlich kann Wald so schön sein, dass ich manchmal einfach innehalten und schauen, riechen und hören muss.
Bevor es soweit kommt, muss ich im Vorfeld aber oftmals einen harten Kampf antreten, das faule Schweinehund-Tier macht sich breit und breiter und legt sich direkt vor die Tür und zählt auf, was man alles machen könnte. Mittlerweile kann ich die Tritte aber gezielter setzen und das Vieh verkriecht sich und leckt die Wunden bis zur nächsten Schlacht.
Im Wald kann man zudem die wunderbarsten Gespräche führen, wobei auch in den Feldern, oder am Strand…im Gehen. Während man langsam in seinen Gehrhythmus verfällt, fallen auch langsam die Gedanken in einen eigenen Fluss und ordnen sich neu. Dabei tauchen Themen auf, die man wieder  vergessen hatte, aber besprechen wollte und Gedanken lassen sich viel besser in Worte fassen. Und auch die Gleichzeitigkeit funktioniert – während des Gesprächs im  Hinterkopf die vielen anderen Gedanken rollen zu lassen und einfach hinzuschauen, was an die Oberfläche steigt.

Bei der heutigen Waldbegehung hat es im Hinterkopf angefangen zu nagen. Zu viele Themen der verstörenden großen, miesen Politik haben irgendwie einen Schatten geworfen auf den Gedankenfluss.  Aber da muss ich wohl noch genauer hinschauen.

Ich weiß manchmal nicht so schnell, was ich zu Dingen sagen soll, dann nehme ich mir lieber Zeit, bevor ich Plattitüden bemühe.

Aber über ein Thema war ich mir unvermittelt im Klaren, als am Ende des Gedankenstroms ein Wahlplakat am Ortseingang in mein Blickfeld rückte: Ich werde dieses Jahr nicht wählen.

Das habe ich noch nie nicht getan. Und auch wenn ich aufgrund ausufernder Freizeitgestaltung in der großen Stadt mitunter erst auf den letzten Drücker ins Wahllokal kam, habe ich doch immer brav meine Stimme abgegeben.

Aber ich will nicht mehr. Ich will meine Stimme nicht hergeben, für wen oder was auch? Ich fühle mich nicht vertreten, sondern verzweifele zunehmend an dem scheinheiligen Spiel der Politik, das doch nur die Interessen intensiver Lobby-Arbeit vertritt und nicht die ach so kostbaren Bürger.

Ich habe das zweifelhafte Vergnügen gehabt, nach meinem Studium in einem Unternehmen zu arbeiten, das sich auf politische Analysen und strategische Kommunikation spezialisiert hat.  Ähm, ja, kurz gesagt: Lobbyismus. Konservativ und bestens vernetzt in der Politik und dieser aufgeblasenen Welt drum herum, die in Berlin ihr ganz eigenes Treibhaus gefunden hat. In der Hauptstadt kann man sich ja immer noch einen kreativen Sprenkel geben und so viel Geschichte, die bemüht werden kann…Wie wir da zusammen gekommen sind, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Teilweise lag es daran, dass ich selber noch so sehr auf der Suche war und erstmal geschaut habe…Irgendwann war aber klar, dass ich etwas anderes machen muss und das tat ich dann auch. Aber darum geht es nicht.

Die Zeit, die ich in diese Arbeit gesteckt habe, war eine wertvolle Erfahrung. Eine Erfahrung darin, was für Mechanismen hinter der Politik stecken und was für Menschen unsere politische Elite bilden.  Auch eine Szene, in der sich alle viel zu ernst nehmen, das ist klar, anders kommt nicht weiter. Bedenkt man, was ein erfolgreicher Lebenslauf so alles vorweisen sollte, wird auch schnell klar, dass vor allem der Beratungszirkus rund ums politische Geschäft in vielerlei Hinsicht ein elitärer Sch…Laden ist, indem man schnell merkt, ob man den richtigen Stallgeruch hat, an den richtigen Unis war, wenn möglich länger und international renommiert  im Ausland – Washington wäre eine gute Wahl oder Paris.  Unbezahlte Praktika im Bundestag oder bei internationalen Organisationen….Ja ja, ich weiß es gibt Ausnahmen. Natürlich, die muss es auch geben, sonst wäre der Zirkus ja zu offensichtlich und solange man noch jemand nach vorne schieben kann, der mit einem individuellen Lebenslauf aufwartet, kann es ja nicht so schlimm sein. Das ist das Feigenblatt und wer mag, soll diese Rolle spielen. Für mich verdeckt es nicht, dass da Ideenpapiere aus einer Geisteshaltung entstehen, die weiter weg vom Bürger nichts ein kann.

Ein Beispiel, ein persönliches, aber ich werde es mir immer wieder vor Augen halten, damit ich kritisch bleibe. Ich habe mich die letzten Jahre meines Studiums selbst finanziert und dafür viel gearbeitet. Mit dem obligatorischen Praktikum nach Studienende war an ein Jobben nicht mehr zu denken, ich war ja de facto am Arbeiten. Ich hatte einen sehr guten Abschluss hingelegt, innerhalb von zwei Wochen nach Exmatrikulation einen Vertrag unterschrieben und hatte kein Geld. Von einem Praktikum kann man nicht leben. Die Lösung: das Horror-Amt. Abgesehen von den Kämpfen und kafkaesken Situationen, die es gekostet hat, habe ich meinem Berater bei der Agentur für Arbeit zugesetzt und durchgesetzt Hartz IV weiter zu bekommen und das Praktikum bei dem besagten Unternehmen absolvieren zu dürfen. Mit eingeschränktem Verdienst, das musste ich dann mit meinen Chefs besprechen und einen Praktikumsnachweis beim Amt abliefern.

Ein tolles Gefühl, wenn man eigentlich gerade bemüht ist den Studentenstempel abzulegen und sich das Selbstbewusstsein des ersten potentiellen Jobs erarbeiten will und dann zum Objekt der Neugier der Führungsetage und dort zum ersten Kontakt der politischen Denker mit Hartz IV wird. Man kann sich vorstellen, dass andere Bewerber über andere Netzwerke kamen und anders gesponsert worden.  Ich fand es nur erschreckend, wie weit weg der Elfenbeinturm der politischen Kommunikation doch ist von den Menschen, für die Politik doch angeblich gemacht wird.

Aber dieser gedankliche Exkurs ist nicht der Grund für mich nicht zu wählen. Aber er sit mit ei Faktor für meine Desillusionierung. Tausend andere Kleinigkeiten und Skandale sind es, die mir das Gefühl geben, nicht teilhaben zu wollen. Wenn ich im September zur Wahl gehen würde, würde ich dadurch signalisieren, dass ich diese Farce unterstütze – tue ich aber nicht. Und wenn mir das von anders Denkenden angekreidet wird: Dann ist es so. Wer weiterhin glauben möchte, Wechsel an der politischen Spitze würden etwas grundlegend ändern, der soll sich diese Naivität erhalten. Und ich gehen noch einen Schritt weiter: Ich würde mir wünschen, es gäbe eine katastrophal niedrige Wahlbeteiligung, damit der Deckmantel „Im Interesse des Wählers“ riesige Mottenlöcher bekommt.  Ja ja, und dann immer die Frage, was denn die Lösung ist, das sei ja eine so destruktive Haltung – hmmm, immerhin ist es eine Haltung. Und die Lösung? Vielleicht den Maßstab erste einmal kleiner setzen: Ich werde nicht plötzlich auf das Parkett der Politik schlittern und alles umschmeißen können, aber ich kann mein Leben an Werten orientieren und anderen so begegnen, wie ich es mir selber wünsche.

Wäre das nicht vielleicht ein kleiner Anfang? Und wenn ganz viele Menschen ganz viele kleine Änderungen vornehmen würden…Die kleinen Änderungen im Persönlichen – das ist der Spielraum, der uns nämlich oft verschwiegen wird. Die Messlatte wird hochgehängt. Und wir ducken uns drunter weg.

An diesem speziellen Sonntag werde ich daheim bleiben, vielleicht durch den Wald laufen, einen herbstlichen Kastanienkuchen essen…

Castagnaccio-Rezept

300 Gramm Kastanienmehl
1-2 Tassen Wasser
4 und 2 Esslöffel Olivenöl
1 großzügige Handvoll gehackter Walnüsse
1 großzügige Handvoll getrockneter Aprikosen, erst in Wasser eingeweicht und dann klein gehackt
1 Handvoll Pinienkerne
1 Zweig Rosmarin
2-3 Esslöffel Xucker nach Geschmack

  • Das Mehl und den Xucker in eine Schüssel geben und nach und nach das Wasser nachgießen bis der Teig  flüssig aber nicht wässrig ist. Er lässt sich gut gießen. Den Teig schön glatt rühren, bis alle Klümpchen raus sind.
  • Dann  4 Esslöffel Olivenöl, die Walnüsse und die meisten Aprikosen unterrühren und den Teig in eine geölte Form gießen.
  • Die Rosmarin Blätter, die restlichen Aprikosen und die Pinienkerne über den Teig verteilen und mit dem übrigen Olivenöl besprenkeln.
  • Bei 180 Grad ca. 30 Minuten in den Ofen, zum Ende hin prüfen: Wenn die Kruste aufbricht und trocken ist, ist der Kuchen fertig.

Der Geschmack mutet beim ersten Bissen fremd an aber danach…zu Tee, zu Wein…..

Guten Appetit!