Die Anderen sein lassen können und Haselnuss-Espresso-Makronen knuspern

Makronen und TretminenTretminen. Regelmäßig verwandelt sich das Thema Paleo-Ernährung dann doch wieder in eine Tretmine.  Auch wenn man versucht, die entsprechenden Diskussionen in schönen geselligen Momenten auf eine Minimum zu beschränken, ist es eben oft  ein Gegenüber,  dass das Thema nicht los lassen will und dann muss man sich kurz sortieren und überlegen, wie man das Ganze auflösen kann, wenn man merkt da ist eher Herbeireden von Stolpersteinen im Spiel, als ein neugieriges Interesse. Die Frage des gestrigen Abends war eigentlich recht interessant, denn sie zielte darauf ab, wie wir es denn mit der Ernährung halten würden, hätten wir Kinder… Das ist durchaus schon implizit Thema gewesen, zumeist in Form eines versteckten Vorwurfs, wenn uns gesagt wurde, ja  klar, wir können uns ja so ernähren, wir arbeiten zuhause und haben keine Kinder…

Und tatsächlich bleibt die Frage, wie wir es mit Kindern organisieren würden, das Essen, eine hypothetische. Kinder entwickeln letztlich ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, was sie essen möchten und was eklig ist. Ich mochte früher keinen Vollkornreis und von Brötchen habe ich mir am liebsten die weiche Mitte rausgepickt und in Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei habe ich lustlos gestochert, Eier waren eh eklig, genauso wie warme Milch und der Fettrand am Fleisch. Trotzdem wurden mir nicht unbegrenzt Extras aufgetischt, sondern es gab einfach Dinge, die ich lieber mochte als andere und die eein oder andere emotionale Diskussion.  Das ist dann vielleicht das Beste, was man Kindern mitgeben kann: Freude am Essen und Neugier auf Neues.  Und ganz ehrlich, ich würde versuchen auch in der kindlichen Ernährung das Paleo-Prinzip durchzusetzen. Es gibt genug Blogs von Müttern, die da auf wenig Probleme stoßen. Beziehungsweise die Probleme fangen dann dort an, wo sich eine dritte Partei meint in die Ernährungsdebatte einmischen zu müssen. Sicher, das ist eine Herausforderung, die eigene Ernährungsweise, etwa mit der Versorgung im Kindergarten, oder der Schule, oder bei Geburtstagen unter einen Hut zu bringen – aber ein Lohn ist sicherlich, dass man mit der richtigen Ernährung dazu beitragen kann, ein Kind auf den richtigen Weg zu bringen und für gute Startbedingungen zu sorgen. Zu oft hört man ja auch die Geschichten von kleinen Kindern, die schon im zartesten Alter von Unverträglichkeiten gebeutelt werden. Spätestens in der Pubertät verliert man ja eh an Einfluss, aber man hat ein Bewusstsein geschaffen.

Aber eigentlich ist es auch müßig darüber zu spekulieren, denn für mich stellt sich die Frage nicht, bzw. bleibt  im Reich des Theoretischen. Und ganz ehrlich, ich werde mir zukünftig noch genauer überlegen, mit wem ich mich auf ein solch  tückisches Konversationsparkett begebe. Mit vielen Müttern geht es tatsächlich nicht. Wenn ich dann noch dazu sage, dass ich keine Kinder plane, oder will, dann ist für viele klar, dass ich keine Kinder mag und ich werde zur potentiellen Kinderquälerin, weil ich mir, so ganz theoretisch, anmaße zu wissen, was gut sein könnte. Dabei ist der andere Standpunkt nicht weniger anmaßend, ist er zwar erfahrungsgeprägt, aber eben auch mit subjektiven Scheuklappen versehen.
Aber es gibt so Themen, die wären interessant für erwachsene Diskussionen, sind aber schwer zu besprechen. Denn viel zu oft sind Diskussionen um solche Themen, die letztlich den eigenen Lebensentwurf betreffen, nicht sehr erwachsen. Wenn ich mit erwachsen eine Position meine, die auch mal nach rechts und links überlegt und nicht darauf versteift ist, den eigenen Standpunkt zu verteidigen.
Wähle ich einem Lebensentwurf, der etwas grundsätzlich anders macht, sei es eben über das Essen, die Kinderfrage, die Arbeitsform, die Beziehungsgestaltung, ist das eine persönliche Entscheidung, die in diesen Bereichen dann oftmals eine bewusst getroffene Entscheidung für etwas ist, nicht dagegen. Das heißt, als Transferleistung würden im Idealfall die Mitmenschen erkennen, dass ein Wunsch nach Kinderlosigkeit nicht automatisch heißt, dass man etwas gegen Kinder hat, dass eine Kritik an den Konsummustern unserer Gesellschaft nicht bedeutet, dass man jeden um sich herum verurteilt, der sich wohler fühlt mit dieser Maschinerie und das heißt auch nicht, dass man, wenn man sich dem Paleo-Prinzip gemäß ernährt, die Nase rümpft wenn sich jemand ein Brötchen schmiert, oder eine Pizza bestellt.
Auch diese Menschen gibt es, die den eigenen Lebensentwurf als Maßstab nehmen und  bewerten, wie sich das Umfeld so schlägt – das ist anmaßend. Kleinkariert und wenig produktiv.
Für mich persönlich hat sich aber tatsächlich gezeigt, dass ich bei Menschen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen etwas außerhalb dessen stehen, was man wohl allgemeinhin als Mainstream in all seinen Sinus-Milieu-Ausprägungen versteht, öfter auf ein ungetrübtes Interesse und auch auf Verständnis stoße. Und was ich ebenfalls denke ist, dass es traurig ist, dass der sich durchziehende, kommerzialisierte Individualismus in unserer Gesellschaft die Leute so gefangen nimmt und beschäftigt hält, dass dort, wo ein leise nagendes Gefühl spricht und den zarten Wunsch äußert, vielleicht etwas ändern zu wollen, dieser Wunsch oftmals betäubt wird durch die Sorgen, Ansprüche und Bedürfnisse, die einem der Lebensstil so aufzwängt. Und wenn man dann auf Menschen trifft, die etwas anders machen, kann dies eine Inspiration sein. Aber wenn die Angst vor Veränderungen zu groß, oder die Bequemlichkeit zu bequem ist, dann ist die Konfrontation mit anderen Lebensentwürfen ein Moment, indem man sich vielleicht selbst in Frage gestellt fühlt. Wobei man selber es ist, der sich dort in Frage stellt und kritisiert und dann beißt man zu, wo man vielleicht etwas hätte gewinnen können. Das ist nur allzu menschlich und nicht in diese Fallen zu tappen, erfordert eine Wachsamkeit den eigenen Gespenstern gegenüber und dem Mut, sich diese einmal ganz genau anzuschauen.

Oftmals sind es gar nicht die anderen, die uns enttäuschen, das sind wir nur zu oft selber, mit unseren Paketen an Erwartungen und Unsicherheiten. Das ist schade. Aber es kann einem helfen zu verstehen oder auch zu handeln, wenn man selber mit dieser Abwehr konfrontiert wird. Wir sind nicht verantwortlich für die Gedanken der anderen und dürfen dafür auch nicht bestraft werden. Kompliziert, diese Menschen. Merke ich tatsächlich immer öfter. Aber schön, dass so vieles möglich ist und man für sich immer wieder neue wundervolle menschliche Entdeckungen machen darf. Denn das ist nie schwarz und weiß, dazwischen ist ganz viel schönes unterschiedliches Grau. Gerne mit einer Note Flieder oder Blau.

Und wenn man sich manchmal mit sich oder der Welt versöhnen muss, dann ist ein Küchenabenteuer manchmal die perfekte Geste.

Haselnuss-Espresso-Makronen mit Schokocreme
Diese kleinen Dinger sind so unverschämt, dass ich sie tatsächlich eher als Dessert sehen, denn als Gebäck.

200 Gramm gemahlene, geröstete Haselnüsse
150 Gramm gehackte, geröstete Haselnüsse (einfach Haselnüsse im Ofen rösten und mit dem Pürierstab etwas zerkleinern)
3 Eiweiß
1 Tässchen starker Espresso
5-6 Esslöffel Xucker
50 Gramm möglichst bittere Schokolade (85% und mehr)
Ca. 40 Gramm Butter
Salz
Vanille

  • Denn Ofen auf 180 Grad vorheizen.
  • Die Eiweiß mit einer Prise Salz schön steif schlagen. Während des Schlagens, nach und nach den Xucker einrieseln lassen. Die Masse ist dann am Ende schön weiß glänzend und fest.
  • Nun die Haselnüsse, 5 Esslöffel Espresso und einen Teelöffel Vanille vorsichtig unterziehen bis eine luftige, gleichmäßige, kompakte Nuss-Masse entsteht, je fester sie ist, desto weniger zerläuft sie im Ofen
  • Die Masse mit Löffeln zu Häufchen auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben und auf der mittleren Schiene ca. 20 Minuten backen. Sie sollen nicht zu dunkel werden aber dürfen auch nicht zu weich sein.
  • Das Backpapier mit den Makronen vorsichtig auf einen Tisch ziehen und dort auskühlen lassen.
  • Während die Makronen backen, die Schokolade mit der Butter und drei Esslöffeln Espresso im Wasserbad schmelzen und gründlich vermengen.
  • Die Schokoladenmasse nun für ca. 40 Minuten in den Kühlschrank geben, bis sie sich gut in einen Spritzbeutel geben lässt.
  • Auf jede Makronen etwas Schokocreme geben und dann die Plätzchen ruhig noch einmal in den Kühlschrank stellen um die Creme auszuhärten.

Kaffee-Nougat lecker.

Guten Appetit!

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Mode macht mich oftmals sauer und Quitten-Chutney wohlig

Paleo Quitten-ChutneySo. Es ist also wieder ein aktueller Übeltäter der Stunde gefunden. Das ZDF hat in einer dramatisch investigativ vertonten Reportage mit dem Titel „Mode zum Wegwerfen“ das Kleidungsmonster Primark unter die Lupe genommen. Und zack regen sich alle auf und haben sich vorher nie gefragt, wie man T-Shirts für drei Euro verkaufen kann? Das wäre allerdings traurig.  Wer den Billiganbieter von Mainstreet Trends noch nicht kennt, wird langfristig nicht verschont bleiben: Eine wachsende Zahl an Immobilien in städtischer Bestlage sorgt dafür, dass Horden von nicht nur Teenager-Mädchen mit abstrus vollen und vielen braunen Papiertüten durch die Innenstädte ziehen. Den beseelten Glanz eines Einkaufsmarathons in den Augen.

Das ist das Geheimnis von Primark: Noch ein bisschen weiter runter in der Qualität und dann auch noch ein bisschen weiter runter im Preis. Gleichzeitig Neuerungen im Sortiment im Wochentakt. Da werden Trends noch schneller umgesetzt als bei den bisherigen bekannten Ketten, die  quasi vom Laufsteg der vermeintlich Kreativen, Großen weg fotografieren und in Produktion gehen.

Machen wir uns doch aber nichts vor, die Produktionsstätten sind dieselben wie auch bei den anderen Textilriesen und wenn nun Abkommen unterzeichnet werden , die bessere Arbeitsbedingungen schaffen sollen, entsprechen diese immer noch nicht dem Standard, den wir kennen und so lange, ganz ehrlich, bleibt es meiner Meinung nach Ausbeutung. Erkaufen wir uns etwas auf Kosten anderer. Und man ist ja auch nicht dumm in der Textilbranche, da sitzen ja keine  designverliebten Schöngeister in den Managementetagen, sondern knallharte Geschäftsleute, für die der Stoff ihrer Träume aus schwarzen steigenden Zahlen besteht. Schlimmer ist noch, dass die Marken so mit ihrem jeweiligen Image überfrachtet werden, dass sie eher wie individuelle Charaktere wahrgenommen werden, was ihnen quasi menschliche Empfindungen und Attribute  zugeschreibt, so dass die harten Fakten dabei nur zu gerne wieder in Vergessenheit geraten.

Bis wieder etwas passiert und wieder ein Konzern in die Kritik gerät. Und wird ein Produktionsstandort zu teuer und die Auflagen zu restriktiv (nach Auffassung der Konzerne), zieht man eben weiter. Der Westen hält dank demokratischer Interventionen immer genügend strukturschwache Staaten an der kurzen Subventionierungsleine, dass dort weiter gemacht werden kann. Und ja, das hängt eben alles zusammen. Und wir tragen dazu bei mit unserem Konsumverhalten.

Und das macht mich wütend, denn die vermeintlichen Glückskäufe, die wir so früh lernen und verinnerlichen, kriegt man schwer wieder raus.

Ich gebe es mit schlechtem Gewissen zu, dass auch ich bei Primark an der Kasse stand, das war 2009 in London und so abgestoßen ich von der Größe und dem herrschenden Einkaufswahnsinn in dem Laden war, so sehr entsprachen die Preise meinem armen London-gebeuteltem Volontärinnen-Geldbeutel. Nun ertrage ich solche Geschäfte nicht mehr und lasse es einfach. Zumal der niedrige Preis zu einem völlig unbewussten Konsum verführt. Ebenso bedenkenlos wird schnell wieder aussortiert und weggeschmissen. Und wohin mit den Tonnen chemiegetränkten Textilmülls? Das ist auch was ich denke, wenn im Wandel der Jahreszeiten die Mode-Blogs überquellen mit Bildern von den kommenden Kollektionen. Finger weg von diesen besonderen Stücken, das mag die Neon-Jeans, oder die Schößchen-Bluse, oder das total untypische Muster sein – wenn es keine guten Freunde findet, die schon lange in Deinem Schrank leben, ist es ein Fehlkauf, etwas was Dir eingeflüstert wurde, dass Du es brauchst, aber es ist nicht Dein Stil. Und ein fair produzierter Pulli wiegt nicht alle Einkäufe bei großen Ketten auf. Es ist ein guter Ansatz, aber auch hier sollte man sich immer fragen, was man sich da gerade kauft und warum. Es ist verdammt schwer. Ich persönlich bin, wie schon einmal erwähnt ,momentan in einer seltsamen Konsum-Unlust-Phase. Bzw. ich will Kaufentscheidungen tätigen, ohne dabei irgendwelchen Einflüssen ausgesetzt zu sein, denn dass bin ich auch, wenn ich teure, faire Seidenhemdchen aus dem Öko-Fair-Wohlfühl-Loha-Katalog bestelle, die geben mir nur ein besseres Gefühl.

Und auch wenn bestimmte Medien einen Weg des kritischeren Konsumverhaltens propagieren, Leute sich monatelang ein Kaufverbot auferlegen (so gelesen auf diversen Blogs) und dann stolz darüber berichten (und dann weiter zu viel konsumieren) und es von Ratgebern für ein simples Leben nur so wimmelt, dann mag ich die Menschen manchmal nicht mehr ernstnehmen. Nicht, weil ich mich für besser oder weiser halte. Oh nein, ich merke ja auch, wo so ein Fallstrick verfängt. Aber, weil mir die Scheinheiligkeit manches Mal zum Halse raushängt. Klingt das zu hart? Ich nehme es oftmals so war und bin auch selbstkritisch genug, entsprechende Fehler bei mir selbst zu sehen und mit mir ins Gericht zu gehen. Aber die Reflexionsebene scheint zu verkümmern in unserer Gesellschaft, bzw. wird durch eine antrainierte oberflächliche ersetzt, die nicht dahin schaut wo es weh tut, sondern milde kritisiert und uns bequeme andere Wege aufzeigt.

So wird sich nichts ändern. Und manch fehl geleiteter Mensch denkt nach einer Reportage wie der oben genannten vielleicht, es wäre damit legitimer wieder bei anderen Ketten zu kaufen. Die  gezeigte Investigativ-Reporterin war zum großen Teil auch perfekt auf der Höhe diverser Trends gekleidet, ich hoffe die Bilder haben auch bei ihr bewirkt umzudenken.

Und ja, das ist ein Thema, das mich wütend macht, weil es jeden von uns persönlich betrifft und es erschreckend ist zu merken, an wie vielen Stellen wir unbewusst konsumieren um uns etwas glücklicher zu machen oder vermeintlich etwas brauchen (wir haben ja nichts). Das wird deutlich, wenn man sich mal etwas zurückzieht und diese Mechanismen überdenkt. Und das ist nicht nur schön und man findet schnell Ausreden, warum dann doch, denn man möchte ja nicht vor sich selber schlecht da stehen. Aber wenn man in diese Richtung geht, befreit es auch ungemein. Und es macht einen ein ganze Stück unabhängiger von Meinungen und Bildern anderer, die man aufgedrückt bekommt und bringt einen im besten Falle dahin zu sehen, was man wirklich möchte. Und das ist vielleicht gar kein Teil für den Kleiderschrank oder die Wohnung.

So. Und noch was Saures, wenn auch scharf und süß  – Chutney.

Quitten-Chutney

Ca. 4 Kilo Quitten
1 knappes Kilo Boskoop Äpfel
600 Gramm rote Zwiebeln
300 Gramm Xucker
350 ml Apfelessig
1 großes Stück Ingwer (ca. 8 cm)
4 Lorbeerblätter
6-8 Lorbeeren
6 Nelken
5-6 Esslöffel Senfkörner
3 kleine, richtig scharfe Chilischoten
Gläser mit Schraubdeckel

  • Die Birnen schälen und klein schneiden.
  • Zwiebeln, Ingwer schälen und fein hacken, ebenso die Chilis.
  • Den Xucker in einem Topf mit etwas Fett schmelzen, dann Zwiebeln, Chilis und Ingwer darin karamellisieren.
  • Alle anderen Gewürze dazu geben. Dann die Quitten, die Äpfel und den Essig, erst einmal 300 ml und dann noch einmal nach 10 Minuten abschmecken und entsprechend mit etwas Xucker oder Essig nachwürzen.
  • Alles 30-40 Minuten köcheln lassen, bis im Mus noch Stücke erkennbar sind.
  • Die Gläser und Deckel auskochen, abtrocknen und bis einen Fingerbreit unter dem Rand füllen. Denn  Rand mit einem Tuch säubern, die Deckel festschrauben und die Gläser auf den Kopf 10 Minuten abkühlen lassen, dann umdrehen.

Und das passt zu Fleisch,Wurst, Käse,  Speck, Schokoladenkuchen, Omelette oder ein Löffel in der Brühe!

Guten Appetit!

Herrlich unspektakulär und die vielen Rezepte der Buchmesse

Paleo lebenWandern, Lesen, Zeit haben. Herbstsonne genießen, Essen planen und durchatmen. An Menschen denken und ein Päckchen packen. Neue Träume auf ihre Realitätskompatibilität überprüfen. Versuchen, nicht so viel fotografieren zu wollen und mehr bewusst für die Erinnerung zu sehen… Eine kleine Rauszeit.
Denn am liebsten bin ich zwar daheim, aber die sonnigen Herbsttage ziehen einen noch weiter fort vom Schreibtisch mit dem Arbeitstelefon. Und das, was muss an Arbeit, kann bei dem veränderten Arbeitsmodell ja zum Glück einfach mal eingepackt und mitgenommen werden. Es geht tatsächlich und mein Kopf ist entspannt wie seit Jahren nicht. In den letzten Jahren hatte ich oft Probleme, schnell vom Alltags- in den Urlaubsmodus umzuschalten. Ein blödes Konzept, das einem da aufgedrängt wird. Rechtzeitig, also frühzeitig den Urlaub planen müssen und dann hoffen, dass alles gut wird. Zum ersten Mal ist es umgekehrt, sich Zeitfenster spontan nehmen, durchschlüpfen und sich überraschen lassen, da man gar nicht die Zeit hatte, sie mit Erwartungen zu überfrachten. Die Tendenz hatte ich durchaus. Mein Vorfreude-Konzept war oftmals ein stark ausgeprägter Wunsch nach Flucht aus dem Alltag. Ernüchternd war dann meist die Feststellung, dass die Rauszeit begrenzt und der wiedereinsetzende Alltag effektiv in der Zersetzung von Erholung war. Auch in arbeitsintensiven Zeiten versuche ich jetzt mir meine Momente zum Durchatmen zu nehmen und mir immer wieder bewusst zu machen, was ich möchte und was mir gut tut. Und manchmal heißt das nur, abends mal alle Telefone unbeachtet zu lassen, in der Mittagszeit einen kleinen Spaziergang zu machen oder eben schnell zu entschlüpfen, wenn es gerade geht. Sei es nur in den nächsten Wald oder für ein paar Tage in ein kleines Haus in einen ferner gelegenen Wald, mit anderem Licht und anderen Gerüchen und Raum für neue Gedankenimpulse.
Vor gut einem Jahr habe ich meinen Job in der großen Stadt Berlin in den Endspurt geschickt. Haben wir unsere Wohnung gekündigt, ohne genau zu wissen, ob es alles gut geht. Zwei Festanstellungen, die wir aufgegeben haben, eine grobe Vorstellung, wo wir hinwollen und eine intensive Gedankenwälzphase, wie man die eigenen Fähigkeiten in ein anderes Arbeitsmodell übertragen kann. Zugebenermaßen hatte ich oftmals unruhige Gedanken im Kopf rumpeln, ob das alles gut geht, ob ich mich nicht zu sehr an das Leben in der Stadt gewöhnt habe, ob wir genauso gut gemeinsam arbeiten wie leben können. Ob wir realistisch planen.
Ich habe Sicherheiten immer gemocht, aber das Leben beweist einem auch immer wieder, dass es wirkliche Sicherheiten nicht in der Form gibt, dass sie in Stein gemeißelt im Regal stehen und einfach bleiben, egal ob finanziell oder emotional, man muss immer auch selbst etwas dazu beitragen, dass es weiter geht, dass es gutgeht, dass sich immer ganz viel ändert und dass das gar nicht so verkehrt sein muss. Ich glaube diese Unsicherheiten auszuhalten und sich nicht an bestimmten Vorstellungen festzubeißen, ist die größte Sicherheit, die man sich selbst geben kann. Und wenn man sie sich nicht selbst gibt, sondern an bestimmten Zielen, seien sie materieller oder zwischenmenschlicher Natur, festmacht, dann wird man unweigerlich wieder in Unsicherheiten getrieben.
Das Umdenken ist anstrengend und ein andauernder Prozess, aber er befreit ungemein und macht viele Dinge plötzlich einfacher, denn man ist weniger getrieben und entwickelt eine neue Art der Bescheidenheit. Insofern bescheiden, dass man annimmt, was man erreicht hat und wertschätzt, was einem umgibt und nicht immer noch mehr oder anderes möchte, weil es einen vermeintlich eine neue Sicherheit bietet oder einen Schritt weiter in einem Plan bedeutet, der vielleicht gar nicht der eigene ist.
Das soll nicht abgehoben klingen, es ist nur eine Erkenntnis, die sich durchsetzt in meinen Kopf und in dem, wie ich mein Leben gestalte. Fixe Ideen, können zu Träumen werden, können Gestalt annehmen. Wenn man bereit ist, etwas dafür zu tun. So abgedroschen es klingen mag: Von nichts kommt nicht.
Zwei Stunden Yoga bedeuten keine wahre spirituelle Erfahrung und ein teures, schönes Kleid machen mich nicht zu einem schöneren Menschen.
Aber wir werden darauf trainiert, allen Bereichen in unserem Leben mit einem Konsumentenverhalten gegenüber zu treten. Bei dem man nimmt und einfordert und konsumiert aber nicht selber investiert und gibt.
Der besondere Mensch fragte mich an unserem ersten Tag in dem kleinen Haus, was ich dem Tag bringen möchte. Nachdem ich den Satzbau erst einmal in Gedanken hin und her gewendet habe, das klang so seltsam, machte es Klick und machte Sinn und ich fand es richtig. Was der Tag uns bringen soll… Immer sollen die Dinge und Menschen und Momente uns etwas bringen – wir sind einfach eine Spezies mit der Tendenz zu ausgeprägtem Egoismus. Und wir schaffen es ja sogar noch das Geben in eine narzisstische Handlung zu verdrehen. Da macht das Umdrehen Sinn. Was bringe ich dem Tag, der Zeit, die ich habe? Das heißt nicht, dass ich nun die Pläne für eine Revolution entwerfe, aber es kann in der persönlichen Konsequenz ganz einfach und einschneidend in der Frage enden: Habe ich meine Zeit sinnvoll genutzt? Habe ich etwas zurückgegeben? Man vergräbt solche Gedanken oftmals tief und in einer narzisstisch geprägten Gesellschaft wie der unseren werden viele für sich die Frage positiv beantworten, aber werden im Endeffekt nur ihren Egoismus befriedigt haben. Denn das lernen wir ja, konsumieren und erfüllte Konsumwünsche mit etwas Erreichtem gleichsetzen. Dabei kann es etwas kleines sein, wie sich zu überlegen, wem man vielleicht einmal besser zuhören sollte, oder wo man nicht so genervt oder fordernd sein sollte.
Würden wir in Zeiten und in einer Gesellschaft leben, die uns aus Prinzip im Nachdenken fördern und uns mehr Raum und Zeit zum reinen Denken lassen würde, wäre diese Gesellschaft sicher eine andere.
Und was dann auch überflüssig wäre, wären diese Regalmeter an Ratgebern, die einem auf der Buchmesse an allen Ecken ansprangen. Egal welches der dort ausstellenden Länder, die Tendenz war deutlich: Die Menschen wollen Antworten und Rückversicherung, weil sie tief drinnen eben doch spüren, dass etwas nicht in der Balance ist.
Aber sie wollen es schnell, sie wollen die schnelle vegetarische Küche, die 15 Minuten Yoga täglich, sie wollen in drei Dates zum finanzstarken Versorger-Traummann, mit zwanzig Tricks zum Manipulationsgenie im Meeting, in zwei Wochen zur Traumfigur, in drei Schritten zur perfekten Gastgeberin, mit simplen Kniffen schöner Wohnen, auf hundert Seiten zu perfekten Eltern und einen funktionierend Paar und in drei Bänden glücklich und zufrieden werden.
Statt all dieser Bücher, die Ausgeburt der Marketingmaschinerie einer Industrie sind, sollte man vielleicht kleine mentale Kneifzangen verteilen, die einem laut ins Hirn brüllen, bis ein Aufwachen einsetzt. Denn der leise Stupser wird nichts bringen. Aber man kann sich auch ganz gut immer mal wieder selber kneifen und Entscheidungen und Motive prüfen und sich vor allem frei machen von all dem, was und wie wir sein sollen. Und dann braucht es nicht die große Bühne oder den vor sich her getragenen Erfolg. Nein, dann lässt es sich ganz zufrieden, herrlich unspektakulär, leben.
Das ist einen Versuch wert.

Die Katzen Ladies und die zu vielen anderen

Bevölkerungswachstum

Ich muss einmal unumwunden zugeben: Ich bin Mitte 30 und gehöre einer Randgruppe an. Also, so ein wenig. Denn wenn ich mich so umschaue, sehe ich, dass zunehmend mehr Frauen meiner Altersgruppe und meines Umfelds sich fleißig um ihren Nachwuchs kümmern. Und während ich mit Interesse beobachte, wie viele bezaubernde Wunderkinder sich da in ein Leben wachsen, muss ich für mich sagen: Ich weiß nicht ob ich das will.

Als wir im letzten Jahr ganz überraschend und ganz heimlich geheirate haben, dachten viele, der Anlass wäre eine Schwangerschaft. Dabei bin ich mit dem verheiratet sein tatsächlich auch in einer Minderheit (ich kann es nur empfehlen und ich kann auch nur empfehlen, diesen besonderen Tag so zu gestalten, wie man selbst das möchte ohne Rücksicht auf Wunschbilder von Verwandtschaft und Gesellschaft!). Als wir dann die Stadt verlassen haben um aufs Dorf zu ziehen, bekam die Gerüchteküche neues Futter. Denn klar, was gibt es Schöneres als sein Kind auf dem Land, jenseits zu vieler fragwürdiger Einflüsse und mitten in echter Natur großzuziehen. Dem stimme ich absolut zu. Würde ich Kinder wollen, würde ich sie nicht in der großen Stadt aufwachsen lassen wollen. Sicher ist dort die Infrastruktur in vielerlei Hinsicht äußert hilfreich, aber ich würde ihnen die Jahre in überschaubarerer Umgebung wünschen.

Aber für den Moment will ich gar nicht.

Da tickt nichts. Und ich führe ein Leben, das mich völlig erfüllt und empfinde keine Leerstelle – falls jemand dies als Argument geltend machen will.  Die Medien vermitteln das Bild einer gespaltenen Gesellschaft, die einerseits Möglichkeiten und Räume für Kinder schaffen will und in der diese Kinder aber oftmals bitte unsichtbar und unheimlich leise sein sollen um niemanden zu stören. Ja, ich kann verstehen, dass es viele Eltern erzürnt wenn sie  mit einem Kleinkind in der Trotzphase blöden Bemerkungen ausgesetzt sind. Das nervt und ist anmaßend.

Genauso anmaßend ist es aber auch jede Frau ab Mitte Ende Zwanzig immer wieder auf die Nachwuchsplanung zu stoßen. Arbeitgeber haben Angst, die tickende Zeitbombe Kinderwunsch könnte plötzlich für einen Ausfall sorgen oder sehen sich nicht in der Lage flexibler auf arbeitende, hoch motivierte Mütter zu reagieren. Nicht nur, ich weiß, aber Realität ist und bleibt es.  Das ist auf jeden Fall ein deutlicher Nachteil, den die Herren der Schöpfung sich in diesem Abschnitt nicht ausgesetzt sehen.

Und da hört es ja nicht auf, ohne Kinder gehörst Du nicht zum Club der Mütter. Und obwohl es durchaus auch befreundete Mütter gibt, die da keinen Unterscheid machen und den eigenen, eher kinderfreien Lebensentwurf einfach ganz natürlich als gegeben hinnehmen und auch schon mal sagen, dass ihnen manchmal die Zeit für sich selbst fehlt, gibt es die anderen, die durchaus mit leichtem Unverständnis reagieren und einen immer wieder darauf hinweisen wie reich das Leben mit Kindern ist. Das freut mich, wirklich. Denn jeder sollte ein Leben führen, das einen dazu bringt abends ins Bettchen zu steigen und zufrieden zu grinsen, weil einem wieder einfällt, wie reich beschenkt man ist. Aber nochmal – ich habe das. So wie alles ist.  Und ich muss ehrlich sagen, dass ich bei manch einem Kinderwunsch die Motivation in Frage stelle. Wer eine Leerstelle in seinem Leben füllen möchte, sollte dazu nicht ein kleines Menschlein zwangsverpflichten. Kinder sollten kein Lebenszweck sein.  Und ihnen die Verantwortung für die eigene Selbstverwirklichung aufzubürden ist unfair und  ein narzisstischer Beweggrund.

Und auch wenn ich Kinder sehr mag – tatsächlich ja. Vor allem ab dem Alter wo sie Argumenten zugänglich sind und man ihnen vorlesen kann – ich gerate nicht in Verzückung angesichts von Säuglingen.

Es geht sogar noch einen Schritt weiter, so sehr ich mein Leben schätze, so viele Zweifel habe ich aber auch an den globalen, ökologischen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die am Zuge sind. Besser wird das nicht. Seid fruchtbar und mehret Euch – das war lange bevor 7 Milliarden vermeintlich vernunftgesteuerte menschliche Individuen diesen Planeten bevölkerten. Nur mal so als Denkanstoß: Um 1800 war es noch eine kleine Milliarde…Es wird langsam etwas eng  hier nicht wahr? Und gleichzeitig tun wir alles dafür, unsere begrenzten Ressourcen  weiter zu schröpfen, unseren Lebensraum zu zerstören, unsere Mitbewohner in Flora und Fauna zu dezimieren.

Wer mir nun eine unbequeme negative Haltung unterstellen mag – bitte, dann sein es so. Ich sehe mich durchaus als positiv eingestellten Menschen und kann dem Leben auf dieser Erde einiges abgewinnen. Aber ich bin eben auch realistisch und mache die Augen auf – ich weiß nicht ob ich es verantworten könnte, ein kleines Leben der Bürde der Herausforderungen auszusetzen, die auf zukünftige Generationen zukommen. Und es wird schon unsere Kinder betreffen. Das Problem ist, kaum äußere ich unachtsam diesen Gedanken, eingelullt in die Behaglichkeit einer Gesprächsrunde, fühlen sich viele Mütter angegriffen. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich maße mir nicht an jemanden für seinen Lebensentwurf zu kritisieren aber darf ich dann nicht bitte auch eben dieses Verständnis für meine Entscheidungen erwarten? Nur ist es halt leider so, wenn es um eine vermeintliche Kritik an den persönlichen Entscheidungen geht, verlieren die Menschen gerne die Fähigkeit zum klaren Denken und der zur Verfügung stehende Betrachtunsghorizont schränkt sich bedenklich ein.

Aber mal was anderes: Statt Kind wuselt seit wenigen Tagen eine kleine Katze durch unser Haus und stellt alles auf den Kopf. Das ist ein Maß an Verantwortung, das ich tragen kann. Und ich empfinde die Schnurrmaschine auf vier Beinen in ihrer Unabhängigkeit als echte Bereicherung. Und ja, wer weiß, wenn die anderen eines Tages im Altersheim sitzen und auf den seltenen Besuch der Kinder warten, bin ich vielleicht eine alte Katzen Lady mit drei Stubentigern.

Und dann ist das auch ok.

 

 

 

Idyllen, rote Beeren, bunte Seiten und schöner scheinen

Lektüre und Genuss Für ein paar Tage haben wir die dörfliche Idylle im Taunus mit der noch abgeschiedeneren Idylle eines kleinen Dorfes in den Vogesen getauscht. Eine Handvoll Häuser auf einem Hoch-Plateau, Vogel-Gezwitscher-Stille, Sonnenschein über Heugeruch und ein Garten voller Johannisbeeren.

Tage zwischen Faulenzen am See, Wanderungen durch die Berge und Abende am Grill mit Blick über die Felder. Es gibt so Orte und Stimmungen, die möchte festhalten und hineinschlüpfen wie in einen kuscheligen Lieblings-Pulli, damit das Wohlbehagen weiter anhält.  Und gleichzeitig ist da die innere Stimme, die einem sagt, dass das so einfach nicht ist.

Diese ganz idyllischen Momente und Orte werden ja so besonders dadurch, nicht Teil des Alltags zu sein, sondern Abstand von eben diesen. Deshalb sollte man diese Momente für das genießen, was sie sind und sich nicht zu sehr darauf versteifen, sie festhalten zu wollen. Ich glaube dieses Ausblenden der Alltags-Realität lässt auch so manchen modernen Easy-Jet-Auswanderer scheitern, der plötzlich feststellt, dass das Leben im Lieblings-Urlaubs-Domizil im Alltag ein anderes ist.

Aber egal. Auswandern will ich nicht. Nicht im Moment und obwohl Frankreich einfach mein erklärtes Lieblingsland ist. Ich stehe einfach noch unter eine watteweichen Idylle-Schock weil alles so wunderschön war, dass es einem fast unangenehm ist.

Und in dieser Idylle habe ich die Chance genutzt ein wenig zu blättern – in ein paar der einschlägigen Einrichtungs-Magazinen, die dort lagen und da war er wieder der leichte Wut-Knoten angesichts der Dreistigkeit, mit der uns Marketing-Abteilungen und Redaktionen zu fortwährendem Konsum anhalten wollen.  Aber das sind doch so schöne Inspirationen…Ja, das bestreite ich auch gar nicht und ertappe mich selbst dabei, wie die Überlegungen kreiseln ob man das ein oder andere Regal vielleicht nachbauen kann. Aber da ist nicht nur der Faktor Inspiration, da ist einfach auch das Bild, das einem sagt, wie ein schönes Zuhause auszusehen hat und was es dafür braucht und ich denke nur zu oft, hängt dann das Glück an der Anschaffung des nächsten Teppichs, Beistelltischchens, Sessels….und ja, so eine Einrichtung wird dann schnell ein Konsum-Kreislauf, passt doch der alte Tisch dann nicht mehr so recht zu den Stühlen, braucht es hier noch weitere Anschaffungen oder dort.

Ich verstehe das. Auch ich mag es schön. Heißt: Ich will mich in meinem Zuhause wohlfühlen, nicht erschlagen werden von Möblierung sondern mit der Einrichtung unterstützen, was ich in den Räumen tue. Ich lebe in diesen Räumen.  Aber ich finde es gibt Grenzen. Ich finde es immer am schönsten, wenn Dinge nach und nach ihren Weg und ihren Platz finden und was ich dabei vermeide, ist in die Preis-Falle zu tappen. Denn seien wir ehrlich, so manch einer kauft sich mit dem Designer-Sofa die offizielle Bestätigung seines guten Geschmacks.  Denn, wer weiß, was ich da Namhaftes im Wohnzimmer stehen habe, ordnet mich dann automatisch/unbewusst ein in die Kategorie der Connaisseure und Design-Liebhaber. Und ja, Design-Handwerk wird mit einem Preis beziffert und ist eine kreative Leistung, aber ich finde es mitunter überzogen und ich glaube nicht, dass man dann noch so ganz ungezwungen diese Möbel bewohnt.

Nur mal als Gedankenspiel: Wenn ich auf die hypothetische einsame Insel gehe und nur drei Gegenstände mitnehmen darf, dann wird wohl kaum  ein Möbelstück dabei sein oder besser: Es sollte nicht. Denn was gibt es mir langfristig?

Wir sind tendenziell zu verhaftet im Materiellen. Wir schreiben uns zwar oftmals eine Bescheidenheit auf die Fahnen und kaufen regional und ökologisch und teilen Autos und engagieren uns, aber ich finde gerade in den Bereichen Einrichtung und Mode, schlägt es dann manchmal durch: Diese falsche kleine Stimme, die uns sagt, wie gut es uns ansteht ein Paar Schuhe für 500 Euro oder einen Tisch für 3000 Euro zu besitzen. Dass wir das wert sind.  Und da sind wir wieder bei den von mir so geschätzten Outfit-Posts, ich glaube Einrichtungen rangieren kurz danach.  Wir sollten es einfach nicht nötig haben. Unser guter Geschmack ist nicht mehr wert, wenn wir ihn in teuren Zahlen materialisieren, wir machen ihn nur scheinbar unangreifbar und merken nicht wie wir uns in einer Konsum-Schleife verstricken. Denn es werden immer neue Moden und Impulse kommen und uns wieder am Geldbeutel kitzeln. Und ich denke dann an die vielen Wohnzimmer in denen die oft belächelte Vitrine oder Pressholz-Schrankwand steht… Das ist das Gegenstück zum Convinience-Essen für mich. Wir müssen das nicht schön finden oder gut heißen, aber wir dürfen uns nicht anmaßen den Geschmack anderer Leute abzuwerten. Denn andersrum verstehen diese es vielleicht auch nicht, was sich manch einer da mühsam auf dem Flohmarkt erjagt hat.  Und auch hier klafft die Gesellschaft auseinander zwischen denen, die sich etwas leisten können und wollen und denen die es oftmals nicht können. Und so wird das Bild der Einrichtung eines Menschen blitzschnell in die Verortung des Person mit einbezogen, die wir immer wieder und ständig betreiben. Und dann sind wir manchmal positiv überrascht und registrieren das volle Bücherregal oder machen innerlich Abstriche weil wir den Teppich eine unverständliche Wahl finden.

Und um zurück an den Aufgangspunkt zu kommen: Mich stören die Bilder, die diese Deko- und Wohn-Magazine vermitteln. Sie generalisieren und schaffen eine Art gemeinhin anerkannten guten Geschmack und dieses Verständnis sickert uns Konsumenten durch und durch und ehe wir uns versehen, machen wir uns wieder einmal abhängig.  Abhängig von durch-inszenierten Räumen und Vorstellungen. Denn neben den reinen Produktvorstellungen sind da ja oft noch die Blicke hinter private Gardinen und da sieht man dann die stolzen Designer des Privaten, die den Magazinen ihre zwanglos kreativ-chaotisch inszenierte Wohnung/Haus/… zeigen und wir kriegen dann gleich noch die nächste unterschwellige Botschaft mit dem Samtkissen reingehämmert, denn huch, die haben ja alle auch so schöne Berufe und Kinder und einen Mann und lieben es Gäste zu bewirten und das Haus zu gestalten und und und…Tja, eigentlich sollte uns das also auch alles möglich sein also schnell her mit dem Einrichtungs-Hobby auch wenn wir vier linke Daumen und Zehen haben.  Und wenn wir keine Kinder haben, dann müssen wir zumindest sehr sehr erfolgreich sein oder in verantwortungsvoller Position arbeiten, gerne mit kreativer Komponente.  Mit den bekannten Einrichtungsmagazinen großer Verlage aber auch mit den kleinen, unabhängigeren, kriegen sie die intelligente,  stilbewusste Frau, die ihnen als Zielgruppe bei den Frauenmagazinen durch die Lappen gegangen ist.  Und ja, man selber sagt sich, man suche nur eine Inspiration.

Nein, ich denke es ist wichtig, wenn man auch in seinen Kaufentscheidungen unabhängig bleiben will, öfter einen Schritt zurückzutreten.  Sich einmal kritisch zu fragen warum und für wen solche Zeitschriften geschrieben werden. Nein, tatsächlich sitzen da nicht nur farbverliebte Menschenfreunde in den Verlagen und sind total unabhängig von der Marketing-Abteilung. Leider sind die Botschaften oft so subtil, dass sie selbst gut gemeinte Vorsätze aushöhlen. Also lieber  eine  nüchterne Bescheidenheit als Grundlage meiner Kaufentscheidungen – das schließt die Schönheit des Zuhauses nicht aus. Und bei größeren Anschaffungen vielleicht auch einmal die schwierige selbstkritische Frage, was ich mir da eigentlich gerade kaufe: Design, Qualität oder um die einschlägigen Argumente  mal zu provozieren, vielleicht doch ein Stück Status oder Sicherheit? Dann, ist das keine gute Kaufentscheidung und jeder Kauf wird nur die Brücke zum nächsten sein.

Nun, wir brauchen zwar tatsächlich dringend Stühle in der Küche aber diese vermeintlich leichte Lektüre bunter Magazine hat mich so aufgewühlt, dass das eine sehr nüchterne Entscheidung werden wird.

Aber statt in Konsum-Kritik möchte ich lieber noch in Erinnerungen an Garten-Stunden und rote Beeren schwelgen.

Deshalb hier ein schnelles Rezept für Zauberwasser

1 große Handvoll Johannisbeeren
1 gestrichener Esslöffel Xucker
1 Liter kaltes Wasser (je nach Karaffe)
2 Stängel Minzblätter

  • Die Johannisbeeren kalt abwaschen und durch ein ganz feines Sieb in eine Karaffe pressen. Nun durch das Sieb mit dem Beerenmus, den Liter Wasser in Karaffe gießen, so dass auch der letzte Saft ausgespült wird und nur die festen Teile zurückbleiben.
  • Denn Xucker in das Beerenwasser rühren, die Minzblätter zugeben, etwa 5-10 Minuten kaltstellen und durchziehen lassen.
  • Vor dem Trinken noch einmal aufrühren und kalt genießen.

Das Sauer macht auf jeden Fall fröhlich!

Die Sau der Stunde – die Unabhängigkeit und die Modeblogs

SommerschuheIch habe ja ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Blogs – etwas schwierig, wenn man selber schreibt, ich weiß. Muss man als Blogger solidarisch sein mit allen anderen, die das Netz mit ihren Blogs fluten? Einerseits bin ich ja dankbar, dass ich all meine Informationen von zuhause und auch unterwegs über das Internet  bekomme und es ist die einzige Quelle, die noch bleibt, wenn man Informationen jenseits der Mainstream-Medien mit den letztlich immer gleichen Meinungen sucht, aber andererseits ist es auch zu einem Tummelplatz fragwürdiger Selbstdarstellungs-Modelle geworden.

Arbeitsbedingt habe ich in den letzten Jahren einige Zeit auf Mode-Blogs verbracht. Und ja, darunter gibt es auch anspruchsvollere, die ich durchaus interessant finde, aber dann ist da diese Kategorie Bloggerinnen, bei der ich mir nur an den Kopf fassen kann: Outfit-Posts. Was bringt einen dazu jeden Tag sein Outfit zu fotografieren und online zu stellen? Denn ja, das ist etwas anderes als jede Mahlzeit zu fotografieren. Irgendwie scheint es mir, dass der Austausch über Rezepte und Paleo-Themen einen Mehrwert bietet. Wohingegen der tägliche Abgleich von Outfit-Posts mir ein Unbehagen verpasst. Ich finde es beängstigend, wie markenfixiert große Teile dieser Blog-Puppen sind. Es ist beeindruckend, wie viele Handtaschen und Sonnenbrillen so manche 20-Jährige auffahren kann. Ich finde es muss nicht sein und den Eltern darf herzlich gratuliert werden, dass sie ihren Sprössling mit vollem Erfolg  auf Konsum getrimmt haben. Mitunter frage ich mich auch wie so ein Lebensstil sich weiterentwickelt – einen ernsthaften Job, wo es weniger um Äußerlichkeiten als um Kompetenzen und Persönlichkeit geht, sehe ich da nicht.  Tut mir leid, das mag man überzogen finden, aber die erfolgreichen intelligenten Frauen, die ich kenne, sind auf eine substantiellere Art attraktiv. Und ja, Attraktivität liegt im Auge des Betrachters. Aber ich finde es traurig und irgendwie befremdlich wenn sich da ein  Frauen/Mädchen-Typ beharrlich reproduziert, der irgendwie nicht viel vorzuweisen hat außer oberflächlicher Attraktivität. So mancher nennt sie Pferdeschwanz-Mädchen oder Perl-Hühner, sie selber sehen sich als trendbewusst und eingebettet in ein internationales Mode-Blog-Konglomerat von selbsternannten Fashionistas und „Wasauchimmer“-Girls. Von stilbewusst mag ich nicht reden – Stil ist etwas Eigenes, Gewachsenes und nichts was sich einfach so durch den Erwerb aktueller Kollektionen erzielen lässt. Und dennoch scharen diese Blogs zahlreiche Fans um sich. Leser, die sich überschlagen mit Komplimenten und als „Lovelies“ die Rückversicherung bilden für den Narzissmus oder auch die im wahrsten Sinne des Wortes verkleidete Unsicherheit der Bloggerin.

Was den Leserinnen geboten wird, ist wenig Inhalt, nur Schein. Oftmals sind es die Freunde der Bloggerinnen, die dann mittelfristig zu Fotografen avancieren und ihre Freundinnen in den immer wieder gleichen, austauschbaren Posen und Gesichtern für die Leserschaft festhalten. Welche Männer diesen Typus Frau an ihrer Seite wünschen – ich will es mir gar nicht vorstellen.

Ich bin keine geifernde Feministin, aber bei dem Blick auf diese Blogs (ja, es ist eine Unverständnis-Faszination, die einen immer mal wieder schauen lässt und dann reicht die Dosis wieder für Wochen) frage ich mich schon, wie man das Konzept des Selbstverständnisses und der Emanzipierung so ignorieren kann.

Pose und Outfit bedienen zumeist älteste Frauchen-Klischees, hilflos in High Heels und Flatterkleid oder gewollt sexy angehaucht, dass einen das Fremdschämen befällt.

Ganz besonders schmerzt es mich, wenn diese Bloggerinnen noch so jung sind, dass sie sich nicht mal ein Bier kaufen dürften und dann aber betont abgebrüht in Heerscharen das Zelt der Mercedes Benz Fashion Week bevölkern.  So junge Gesichter sollten nicht so geübt sein in einem dermaßen zur Schau gestellten Ausdruck der Langeweile.  Kleine Mädchen mit zu viel Kajal auf zu hohen Schuhen und in zu kurzen Kleidern – das geht über das Experimentieren dieses Alters hinaus. Das ist die Kommerzialisierung einer Phase der Unsicherheit, in der ein wenig Naivität erlaubt sein sollte. Aber die Unternehmen haben es längst erkannt – Bloggerinnen werden gezielt durch Produkt-Seeding als Marketing-Instrument eingesetzt. Für die Mädchen ist es eine kostenlose Aufstockung der Requisite, für die Leserinnen eine Kaufempfehlung. Und nicht nur Produkte, auch Events werden genutzt um diesen Kanal der scheinbar unkommerzielleren Produkt-Kommunikation zu bespielen. Und dann sieht man auf vielen Blog die immer gleichen Bilder der immer gleichen giggelnden Mädchen mit ihrem Foto-Flunsch, in Pose geworfen, neben wahlweise zuckerbunten Cupcakes oder Smoothie-Flaschen. Langweilig!!! Und doch geht es immer noch weiter. Obwohl die sich wiederholenden Inhalte doch längst zeigen, dass hier massiv gepusht wird von Unternehmensseite.

Ein Beispiel: Birkenstock (trage ich selber gern, Modell Madrid wer es wissen möchte). Seit ein paar Jahren schleicht sich der Schuh den Weg zurück auf die Straßen und dann plötzlich schreiben die coolen Säue unter den Blogs darüber. Die sind nochmal etwas anderes als die Blogger-Puppen, hier will man nicht gefällig sein und hier findet sich mitunter sogar Inhalt mit Substanz, auch wenn es traurig macht wie die Autorinnen zerrissen sind zwischen Konsum und Konsum-Kritik, aber das führt zu weit.

Birkenstock: So ganz von alleine tritt sich so ein Trend nicht los und wenn zeitnah so viele Blogs die Schuhe hochjubeln (und sie sind auch wirklich toll!), dann hat die Birkenstock PR-Abteilung Gas gegeben und es sind mindestens Schuhe geflossen.

Und so verliert sich die Demokratisierung der Mode, die den Blogs vor nicht allzu langer Zeit noch jubelnd auf die Fahnen geschrieben wurde.  Hier löst sich die vermeintliche Durchlässigkeit auf, die dem Internet in Bezug auf die exklusive Mode-Industrie anfangs attestiert wurde. Der Markt ist gesättigt, die alten Hasen der ersten Blogstunden sind  zum Teil gut im Geschäft und den meisten, die nachkommen, fällt es schwer einen eigenen unabhängigen Weg zu gehen. Die Fußfallen und –fesseln, welche die Industrie auslegt, sind zu perfide.

Für mich ist die Zahl der Blogs im Bereich Mode, die vielleicht wirklich noch eine Bereicherung darstellen indem sie mit Kreativität und Meinung punkten, extrem zusammengeschrumpft. Stattdessen wächst ein narzisstisches, zerrissenes Panoptikum heran, das mich ängstigt.  Die totale Kommerzialisierung. Dann bleibt wachsam zu beobachten, welche Bereiche den nächsten Hype erleben. Auch bei den Koch-Blogs gibt es Produktplatzierungen und nicht nur sinnvolle.

Wie viel zu oft verkehrt sich der Genuss, die unschuldige Freude an etwas, plötzlich in eine kritische Haltung. Aufmerksam sein, hinschauen und hinterfragen, was einem so serviert wird. Denn die Augen wieder zu schließen, wenn sie einmal geöffnet wurden, wäre ein Akt der Selbstverleumdung.

Kritisch sein!