Eine verschwommene Lektüre und Herbstküche: Die Geschwister des Wassers und Achard (Kohlgemüse mit Ingwer und Essig)

Achard und alte Heimat CelleEr rast, der September. Vielleicht ein wenig bedingt durch das Schauspiel, das sich jeden Tag vor der Haustür abspielt: Von der morgennebeligen Waschküchen-Atmosphäre über T-Shirt-Momente, die an den Sommer erinnern und einen Abend, der nicht nur oft noch Regen, sondern auch eine täglich früher ums Haus schleichende Dunkelheit mit sich bringt. Eine seltsam anmutende Regelmäßigkeit hat sich da im Wetter breit gemacht. Und so fahren wir morgens im Nebel im Taunus los, erleben gegen Mittag sommerliche Temperaturen in Hannover, genießen Spätsommerduft im Wendland, feuchtwarme, herbstduftige Abende in Celle und Nebelspaziergänge in Braunschweig… Und dann sind es nicht nur schöne (Wieder-) Begegnungen an zu vielen Orten in vier Tagen gewesen, sondern die Vielfalt wird verstärkt durch ein Wetter, das einfach keinen roten Faden für die vollgepackten Tage liefern wollte. Und während der Alltag sich am Schreibtisch zurechtgerückt hat, macht sich ein wenig angenehme Erschöpfung breit. Die Eindrücke des verlängerten Wochenendes bräuchten etwas Leerlauf, um sich zu festigen. Nur ein Wochenende entfernt lockt die Auszeit für den vielgereisten und nicht minder bewegten Kopf der letzten Zeit. Wandern in den Vogesen mit lieben Freunden… und so heißt es einige wenige Tage noch diszipliniert sein, weiter unterwegs sein, das Jetzt und das Hier genießen, wenn auch durch einen leichten Nebel der Erschöpfung und dann wieder Taschen packen und natürlich die Lektüre nicht vergessen.

Ein Buch, das ich einpacken würde, hätte ich es nicht gerade wie in einem Lesefieberanfall verschlungen, ist: Die Geschwister des Wassers von der Brasilianerin Andréa Del Fuego.

Die ersten Seiten war ich mir tatsächlich nicht sicher, ob der Moment für die Lektüre passt und während ich noch überlegte, ertappte ich mich dabei, wie ich mir neue Lesefenster im Tagesablauf schuf und ehe ich es mich versah, war ich auf der letzten Seite angekommen und ganz verzaubert vom Schicksal der Familie Malaquais und vor allem aber von der Sprache, die einen entrückt zurück lässt. Ein bisschen schaut man beim Lesen wie durch eine milchige Scheibe oder einen Regenschleier auf die Geschichte, die sich immer weiter spinnt: Etwas bleibt im Verborgenen, aber die Ungenauigkeit öffnet die Räume im Kopf macht den Reiz aus und zieht einen hinein in die Geschichte, bis man mit der Nase ganz platt an der trennenden Scheibe steht, um einfach noch mehr zu entdecken. Eines dieser Bücher, für deren Empfehlung ich sehr dankbar bin und das sicherlich noch an den einen oder anderen Menschen weitergeschenkt wird.

Und da es wirbelt und reist und drängt und liest, versuche ich mich im effizienten Kochen, sprich Kochen auf Vorrat.

Achard-Variation  

Mitgebracht haben wir das Rezept aus Mauritius, wo es eine typische Beilage zum Curry ist. Neben Weißkohl passen Paprika, grüne Bohnen und Möhren wunderbar in die Mischung, alles einfach immer fein in Streifen geschnitten. Ich habe genommen, was da war, das war der Kohl – ein gern gesehener Gast bei uns.

1 Kopf Weißkohl (ca. 800 Gramm), in Streifen geschnitten
2 mittlere Zwiebeln, gewürfelt
8-10 Zentimeter Inger, gehakt
2 große Knoblauchzehen, fein gehackt
4-5 Esslöffel Senfkörner
2 scharfe Chilischoten, gehakt
3 Teelöffel Kurkuma
Salz
Kokosöl
Apfelessig

  • Zwiebeln, Ingwer, Knoblauch, Senfkörner, Kurkuma und Chilis in großzügig Kokosöl in einem großen Topf andünsten, bis die Zwiebeln glasig sind.
  • Den Kohl und nach Geschmack weiteres Gemüse dazu geben, ordentlich salzen und unter regelmäßigem Rühren weiterdünsten, bis auch der Kohl glasig und nicht mehr ganz knackig ist.
  • Den Topf vom Herd nehmen und zum Schluss noch einen großzügigen Schwung Apfelessig dazu (hier kann jeder vorsichtig anfangen, je nachdem, wie stark der Essiggeschmack sein soll).
  • Das Kohl-Ingwer-Gemüse schmeckt lauwarm, aber ich mag es ab Tag zwei immer lieber, wenn die Mischung im Kühlschrank weiter zieht und der Ingwer einem den Kopf klärt.

Dazu passt ganz traditionell ein Curry, oder auch ein Rührei/Omelett oder etwas gebratener Speck… ich esse es aber auch einfach mal gerne so als Mittagssnack.

Guten Appetit!

 

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Die hellen Tage im Grau mit Zsuzsa Bánk und die perfekte Beilage in neuer Form: Hasselback Süßkartoffel

Süßkartoffel_HasselbackTaschen packen will ich gerade erst einmal nicht. Auch wenn das Grau vor dem Fenster einen mitunter sehnsüchtig in Richtung Sonne blicken lässt, irgendwie mag ich es auch, dieses trübe Grau. Gegen winterliches Weiß und ordentliche Kälte wäre auch nichts einzuwenden, ich bin ein großer Freund unser mitunter sehr verschrobenen Jahreszeiten. Frühlingsgrün, Sommersonnengeruch, Herbstgold und Winterklar… Ich möchte sie nicht missen und all die vielen Zwischentöne, die sich da verstecken.

Und was wären Gespräche ohne endlose Wetterbetrachtungen? Und das Klima verleiht einem Ort seinen ganz spezifischen Duft. Die Atlantikküste riecht für mich nach staubig warmen Pinienwäldern, die Vogesen und auch die Bretagne riechen noch im Nebel nach Honigginster und Heu, der Taunus riecht würzig klar nach feuchter Erde und Dänemark wird für mich immer nach Ferienhaus und Holzofen riechen. Berlin hat lange nach Kohlenofen-Realismus gerochen und in London hatte es oft etwas seltsam weiches Müffeliges… Mein Kopf scheint manchmal voller kleiner Glasflakons, in denen die Erinnerungen an Orte in Form von Gerüchen lagern. Situationen erinnere ich meistens in Zusammenhang mit Essen, zusammen genommen bleiben dann recht präsente liebe (Sinnes-)Eindrücke in den Kammern des persönlichen Erinnerungsarchivs haften.

Gerüche beeinflussen mich auch maßgeblich bei Menschen und an Orten. Starkes Parfüm oder dominante Gerüche verursachen mir Kopfschmerzen. Der Geruch neuer Autos, frisch renovierter, noch nicht lange belebter Wohnungen und ein Gang in die Parfümerie – da muss sich der Kopf einschalten und den Sinneseindruck erst einmal ausschalten um sich auf die Situation einzulassen. Damit zusammen hängt auch meine Abneigung gegen die ganzen Transportkisten, mit denen wir so unterwegs sind: lange Autofahrten, im Zug oder Flugzeug… Das alles verursacht mir eine Dumpfheit im Kopf und die Sehnsucht nach frischer Luft wächst.

Es lässt sich nicht immer ändern, aber ich bin bis heute kein Freund von langen Wegen für geschäftliche Treffen oder private, das bringt mich aus dem Tritt. Mal kurz nach Paris, Kopenhagen oder Düsseldorf für die Arbeit, das fand ich nie cool und wichtig, sondern immer eine Herausforderung für den Körper und eine Übung im Balance finden. Dann noch eine kurze Nacht in irgendeinem Hotel – das ist nicht meins. Ich mag einfach keine Hotels, egal wie einfach oder aufgehübscht oder durchgestylt – Hotels sind für mich kein Ort um wieder in die Balance zu kommen. Komischerweise gelingt mir das in Ferienwohnungen besser. Da packe ich alles aus, egal wie kurz ich da bin, breite mich aus und kann zumindest temporär ankommen. Und kann mich kurz dem Gedankenspiel hingeben, wie es wäre an dem Ort, an dem ich gerade bin, zu wohnen. Jeden Morgen aus der Wohnung auf diese Straße zu treten und diese Gerüche zu atmen und dieses Licht zu spüren und diese Nachbarn zu hören. Das sind immer wunderbare kleine intime Einblicke in den jeweiligen Aufenthaltsort. Die Nachbarin in Italien, die morgens um 9 Uhr das Fenster aufmacht und von da an nicht mehr den Mund hält, nur unterbrochen von der Espressokanne auf dem Herd – das wird immer einen netten kleinen Platz im Erinnerungsalbum haben…

Und dann ist da noch der praktische Aspekt – die Verpflegung. Mit dem Frühstück im Hotel kann ich nicht mehr viel anfangen und ich mag es dann die Möglichkeit zu haben, mich selber in meinem Sinne zu verpflegen. Durch fremde Supermärkte und Märkte zu streifen und improvisierte Neuigkeiten zu kochen oder ein Picknick zu machen. Wenn sich ein passendes Restaurant findet, fein, aber es ist nicht zwingend notwendig und es ist einfach schön neue Orte nicht nur durch die Konsumentenbrille zu erkunden.

Aber momentan bin ich einfach nur beschäftigt, die vielen Eindrücke dieses noch jungen Jahres zu sortieren und habe ein großes Bedürfnis einfach nur daheim zu sein.  Bitte gerade nicht unterwegs sein! Und bitte keine komischen Menschen, die einem Energie saugen. Die Zeit ist kostbar, auch hier auf dem Lande. Und ich bin froh, dass der Kopf nicht durch zu viele Sinneseindrücke betäubt wird, sondern in der momentan knappen Zeit zur Ruhe kommen kann.

Und langsamer kreist… Und sich erinnert… Etwa an ein bestimmtes Buch, das ich schon vor längerem gelesen habe und seitdem nicht müde werde zu verschenken: Die hellen Tage, von Zsuzsa Bánk.  Ein ganz seltsam schönes Buch über Freundschaft, die Liebe, Mütter und die Bänder, die alles verbinden. Seltsam deshalb, weil das Buch in der Erinnerung selbst so ein heller Tag ist. So ein Tag, an dem die Sonne so intensiv strahlt, dass man gar nicht genau hinschauen kann und alles ein bisschen undefiniert bleibt, unwirklich.  So wie der Schein, der die Dinge umgibt, wenn man im Gegenlicht die Augen zusammenkneift. Und seltsam auch, weil es sich nicht sofort erschlossen hat,  ich habe hier tatsächlich mal zwei Anläufe gebraucht. Beim ersten Mal passte der Moment wohl nicht, denn das Buch wanderte zurück auf den Bücherstapel und da lag es dann, bis ich wieder drüber stolperte und dann wollte ich es einfach nicht enden lassen. Ein so stimmungsvolles Buch, dass sich die Erinnerung daran beinahe einreiht in die eigenen, persönlichen Erinnerungen und der Gedanke daran fast wie mit Gerüchen unterlegt ist. Ein ganz besonderes Buch und ein helles, in diesen grauen Tagen.

Und für die guten Gerüche und das damit verbundene Wohlbehagen kann man zum Glück etwas tun. Etwa Kochen…

Süßkartoffel Hasselback
Ein wunderbares Rezept, das ich auf dem netten Blog „A Boy from Stoneage“ fand, der immer wieder gute Inspirationen für neue Rezepte bietet, ohne den Leser mit zu viel Chi Chi zu überfordern.

Einziger Unterschied, ich habe in diesem Falle den Knoblauch weggelassen, weil ich eine neutralere Grundlage haben wollte.

2 mittelgroße Süßkartoffeln (ca. 400 Gramm)
2 Teelöffel gehackten Thymian
Salz
Olivenöl

  • Den Backofen auf 200 Grad vorheizen.
  • Die Süßkartoffeln gründlich waschen und in feine, gleichmäßige Scheiben (ca. 2 Millimeter) anschneiden. Das heißt: Nicht komplett durchschneiden, sondern sie sollen unten verbunden bleiben.
  • Nun den Thymian und das Salz in die Spalten streuen und alles mit Olivenöl beträufeln.
  • Dann für 45-55 Minuten in den Ofen, bis die Süßkartoffel gar ist. Auf der Hälfte der Zeit die Scheiben etwas auffächern. Sieht schöner aus und man sieht besser ob sie durch sind.
  • Eine perfekte Beilage, die auch gut zu Pastete oder Ähnlichem passt.

Guten Appetit!

Karnismus, ein Flohbiss am Hintern und Futter fürs Gehirn

KarnismusDer liebe Besuch des Wochenendes ist abgefahren. Der Kühlschrank beherbergt noch Besuchs-Bewirtungs-Leckerlis wie Erdbeertorte. Eigentlich perfekt um sich mit Tee und Kuchen ein Stündchen hinzusetzen und durch die Lieblings-Blogs und Seiten zu klicken.
Denkste –  gleich zu Anfang stieß ich auf die Verlinkung zu einem kontroversen Artikel aus dem immer wieder heiteren aber leider meinungsbildenden Medium spiegel.online.

Immer wieder muss ich den Kopf schütteln, wie einseitig und tendenziös Berichterstattung doch passiert bei uns. Unsre Zensur ist eine sanfte. Indem man manchen Dingen mehr Platz einräumt als anderen, kann man auch zensieren und die Öffentlichkeit manipulieren.
Starke Unterstützung erfahren aktuell ja Vertreter der vegetarischen Lebensweise und auch der ein oder andere sozial-verträgliche Veganer. Sie sind, scheint es, die besseren Menschen und bekommen viel medialen Spielraum eingeräumt. Ja, Vegetarier (ich fasse die Veganer der Kürze halber mit ein, ich weiß um die Feinheiten der einzelnen Ernährungsformen) haben die Totschlag-Wohlfühl-Argumente auf ihrer Seite, wenn Sie gegen die Tierschlachtung ins Felde ziehen.
Und ja, ich denke es steht außer Frage, dass die industriell betriebene Tierhaltung und die damit verbundenen Schlachtungs-Fabriken absolut pervertiert sind und verboten gehören. Und ich würde mir wünschen, es würde diesen mentalen Ruck geben, der uns unsere Nahrungsmittelproduktion im großen Stile überdenken lässt. Das ist nämlich das, wo ich manchmal leise anfange angespannt zu schnauben, wenn ich den Argumentationsketten gegen den Fleischverzehr folge – es wird dann doch etwas kurz gedacht.
Ein ethischer Umgang mit unserer Nahrung ist möglich. Und diese Nahrung schließt für mich tierische Produkte mit ein, aber sie umfasst eben auch andere Lebensmittel und bei denen sollten wir die selben moralischen Maßstäbe anlegen wie bei der Tierhaltung. Wie rechtfertigen wir die moderne Landwirtschaft und ihren rücksichtlosen Umgang mit der Ressource Boden? Wer im Sommer durch staubtrockene goldene Weizenfelder fährt, sollte nicht in Romantik schwelgen, sondern sich über die gesundheitlichen Auswirkungen vom Gluten-Verzehr Gedanken machen und sich einmal genau umschauen, was da denn noch wächst, außer Reihe um Reihe absolut symmetrisch wachsenden Korns. Was ist daran natürlich und im respektvollen Umgang mit der Natur? Wo finden die lokalen Vertreter von Flora und Fauna da noch Unterschlupf? Und dasselbe gilt für andere Getreidesorten und Mais und Soja…Und nicht nur, dass wir Raubbau vor der eigenen Haustür betreiben, unter dem Deckmantel der Hilfe zur Selbsthilfe und des humanitären Einsatzes haben wir längst die Dritte Welt erobert. Statt einen an lokalen Traditionen orientierten Landbau zu stützen, nutzen wir deren beschränkte Ressourcen um noch mehr noch mehr billiger anzubauen und schaffen es sogar noch, die dadurch entstehenden Engpässe in der lokalen Versorgungskette mit eigenen Exporten aufzufüllen.

Das möchte ich nicht. Und viele andere auch nicht. Einen Beitrag über den ich in diesem Zusammenhang gestolpert bin, kann ich nur zur Lektüre empfehlen. Heidi S. spricht mir aus dem Herzen.

Und es ist verständlich, dass man sich im Bewusstsein des globalen Maßstabes der Industrie-Praktiken an den Kopf fasst und lieber wieder die Augen schließen möchte, da man nicht weiß wo man als Einzelner ansetzen soll.
Die Antwort ist so simpel wie kompliziert: Jeder bei sich selber. Kritisch sein, immer. Sich selbst und den Produkten gegenüber. Wissen erwerben über das, was da wie produziert wird und vor allem wer daran verdient. Dieses Wissen ist das Stück  Selbstbestimmung, das wir uns von der Industrie in Ernährungsfragen zurückholen können. Unterstützen, nicht indem jeder gleich auf den eigenen Hof zieht und Selbstversorger wird, das liegt nicht jedem. Aber in jeder Kaufentscheidung: Indem man lokale Produzenten fördert, die in der eigenen Region auf eine tatsächlich nachhaltigere und ursprünglichere Bewirtschaftung setzen. Sich informiert, wie etwa die Tiere gehalten werden, deren Fleisch man isst und wie sie gefüttert wurden.

Die Bequemlichkeit überwindet und die Ausnahmen vermeidet. Konsequenz ist eine eigene Entscheidung. Und wer einmal anfängt sich so intensiv in die Thematik Nahrungsmittelproduktion reinzuknien, wird schnell auf andere Bereiche im Leben stoßen, wo sich etwas verändern lässt, wo man sich Entscheidungsspielraum schaffen kann. Dass ist das, was jeder ganz im Stillen tun kann. Und man kann offene Ohren nutzen um Impulse zu geben.
Aber was man vermeiden sollte, ist die Missionskeule zu schwingen oder in die halsstarrige Ego-Falle des besseren Wissens zu tappen. Wähle Deine Schlachten weise – dieses so persönliche Thema des eigenen Lebensentwurfes kann ein Schritt sein zu sagen, ich mache nicht mit bei dem, was mir aufgedrängt wird. Ein gelebtes Bewusstsein ist auch echter Respekt, sich selbst und diesem einen Planeten gegenüber. Dem wir letztlich so angenehm sind wie ein Flohbiss am Hinten und in Maßstäben der Evolution gedacht, werden wir auch genau so schnell wieder weg sein. Wäre es da nicht nett etwas Demut und Haltung zu beweisen und das humanoide Intermezzo mit Stil zu gestalten?

Eine wunderbare Lektüre zu diesem Thema ist das Buch „Ethisch essen mit Fleisch. Eine Streitschrift über ethische Ernährung mit Fleisch und Risiken einer streng vegetarischen und veganen Lebensweise“ von von Lierre Keith.

Allein ein Blick in die Kommentare zeigt, dass die Einstellung zur Ernährungsweise schnell in das Aufeinanderprallen moralischer Erlebniswelten führt.
Aber neben der Polemik drum herum ist das Buch mehr als eine Lektüre wert. Sowohl im Original als auch in der Übersetzung, die das sehr kurzweilige Sprachgefühl der Autorin einfängt und den Leser wachrüttelt bis ihm das Lachen im Halse stecken bleibt.

Lesen! Und immer mehr lesen und sich schlau machen. Diesen selbstauferlegten Bildungsauftrag sind wir uns schuldig, wenn wir nicht länger wegschauen wollen.

Und wenn sich mein Wutknoten etwas gelöst hat, kann ich vielleicht noch ein Stück Kuchen essen und vielleicht das Rezept nachvollziehen.

Einen besinnlichen Sonntag.

The War of Art- Ich gegen mich

warofart_bookAuf einmal schaut man ihm direkt ins Gesicht – dem ganz eigenen inneren Schweinehund. Und er grinst recht selbstfrieden. Zurecht, hat er einen doch immer wieder erfolgreich abgelenkt bei den (kreativen) Projekten, die man schon so lange in sich trägt und denen immer etwas im Wege stand: „Fang nicht heute an zu schreiben, warte bis nächsten Monat…nächstes Jahr…bis das Projekt zu Ende ist…bis weniger Stress ist“, „Du hast den Kopf nicht frei“, „Deine Freunde wollen dich sehen“, „Du musst dich erholen“, „Du musst…“…

Du musst dich verdammt noch mal zusammenreißen und anfangen!
Diese so simple und doch schwierige Einsicht bleibt (unter anderem) wie der sprichwörtliche Elefant im Raum stehen, wenn man nach kurzweiliger Lektüre „The War of Art: Break Through the Blocks and Win Your Inner Creative Battles“   von Steven Pressfield, aus der Hand legt.

Pressfield weiß, wovon er spricht, mit amüsanten persönlichen Geschichten führt er dem Leser immer wieder schonungslos vor Augen, wie offensichtlich und höchst effektiv wir uns in unseren kreativen Prozessen selbst blockieren. „Resistance“ – so heißt das schweinehundgestaltige Monster der Prokrastination  bei ihm. Und schonungslos demaskiert er es in allen seinen Facetten und lässt den Leser ertappt und etwas beschämt zurück – den Schweinehund in gedruckter Form vor Augen geführt, lassen sich selbst die gewieftesten, scheinbar unbewussten Ausweich-Manöver nur schwer verbergen.

Ein tiefsinniger Lese-Spaß, der Empfehlungs- und heilsame Pflichtlektüre sein sollte für jeden, der die Erfahrung kennt, wie schwer es ist die leere Seite zu füllen, den ersten Strich zu ziehen oder sich überhaupt erst an den Schreibtisch zu setzen und mit der Arbeit zu beginnen. Denn nicht der kreative Part ist das Problem, sondern das Beginnen. Die simple Umsetzung des Gedankens in die Tat.

Das ist die erste Lektion, die der Leser bei Pressfield lernt. Wenn Dein Herz dafür brennt – dann werde „Pro(fi)“. Nimm ernst was Du machen willst und überwinde die Angst vor dem Scheitern. Nimm jedes Zögern, jeden inneren Widerstand als Ansporn, dass Du auf dem richtigen Weg bist und bleib dran. Wer auf den richtigen Moment für die kreative Offenbarungs-Stunde wartet, wird diese nicht erleben. Aus leeren Blättern wir kein Meisterwerk, aber aus hundert erkämpften Seiten kann eine Geschichte entstehen.

Und eine weitere feine Empfehlung gibt er seinen Rat suchenden Lesern mit auf den Weg – überprüfe Deine Motivation. Was Du wahrhaftig, sprich authentisch und mit ernsthafter Arbeit und Inspiration schaffst, wird Dir immer Lohn an sich sein. Wer aus Geltungsbedürfnis und Selbstdarstellung heraus handelt, schafft auch, aber das Werk bleibt substanzlos und wird nie für eine innere Erfüllung sorgen, um dieses geschundene Wort zu gebrauchen.

Ich stehe Ratgebern skeptisch gegenüber, aber im Falle von Steven Pressfield spricht ein „Pro“ aus tiefer Erfahrung. Zu keinem Zeitpunkt blickt er vom Standpunkt besseren Wissens auf seine Leser herab, sondern zerrt Fallstricke ans Licht, die viel zu oft längst zu automatischen Verhaltensmustern geworden sind und uns in vielfältigsten Bereichen des Lebens hindern, unser Potenzial zu entfalten.

Eine Lektüre, die gibt.

Werdet „Pro“!