Der Elefant und das Mädchen – etwas von Peta und eine Geschichte

ElefantenGanz unbedarft klickte ich heute morgen auf einen Link, den mir eine befreundeter Mensch ohne Kommentar hatte zukommen lassen. Im Kampf gegen letzte Schlafwolken im Kopf setzte schnell Ernüchterung ein und er war da der Klops im Hals. Nun bin ich kein so überzeugter Fan von Peta. Klar, sie haben einen guten Weg gefunden über prominente Gesichter eine Öffentlichkeit zu erreichen, aber Kampagnen wie etwa die Vegetarier-Motive sind mir zu flach, zu kurz gedacht. Aber das ist momentan eh mein Problem mit dem Vegetarier-Hype. Der Fleisch-Verzichter als Vorbild…. Nein, auch ich möchte ein artgerechte Tierhaltung, aber ich möchte eben auch, dass moralisch vertretbare Maßstäbe in der Landwirtschaft angesetzt werden. Und diese Diskussion wird bei diesen öffentlichkeitswirksamen Promi-Kampagnen eben nicht geführt. Und ich finde auch, dass da so manch einer mal viel zu schnell sein Gesicht in die Kamera hält, ist ja ein schöner Kontext, ohne soweit zu gehen, auch die eigene Lebensweise einmal konsequent zu durchdenken.
Aber das Vegetarier-Erlöser-Gehabe ist eine Diskussion für sich. Der Peta-Link um den es mir geht, gehört zu einer Kampagne gegen Wildtiere im Showgeschäft.  Aufhänger ist der zwanzigste Todestag eines Zirkuselefanten, der in den 90ern in Hawaii während der Vorstellung seinen Trainer angriff und aus dem Zirkus floh, um dann auf der Straße erschossen zu werden. Ein eindringliche Form der Dokumentation, die andere Zirkustiere als quasi Zeugen befragt und den Zuschauer schwer schlucken lässt.  Ich bin immer wieder erstaunt zu welchen grausamen Höchstleistungen es Menschen immer wieder bringen, sich selbst, der Umwelt und den Tieren gegenüber. Manchmal vergisst man, dass Respekt leider nicht die selbstverständliche Grundlage für menschliches Handeln ist. Wie anders würde unsere Welt aussehen. Und da ich realistisch bin, bleibt nur immer wieder sich selbst zu ermahnen, dass man es selber anders machen kann.
Aber heute ging es mir um das Video und um die Elefantin Tyke. Denn warum mich das Video so sehr berührt hat, liegt auch in meiner persönlichen Geschichte. Und ich habe das große Glück, dass mein Vater mir diese Episode als Geschichte geschenkt hat, so werde ich sie nicht vergessen. Und heute möchte ich diese Geschichte gerne erzählen und bediene mich der Worte meines Vaters.

Der Elefant und das Mädchen

Als sie vom Campingplatz durch den Pinienwald zum Strand gehen wollten, hörte M. Musik. Natürlich mussten alle, Vater, Mutter, Bruder, mit ihr in diese Richtung gehen. Es sollte der erste Badetag am großen Meer, am Atlantik sein. Am Abend zuvor war die Familie angekommen, nach langer Fahrt, mit dünnen Nerven und viel Gepäck. Als dann die Zelte aufgebaut waren – die Eltern hatten das größte Zelt, der Bruder ein kleines und M. ihre Hundehütte, wie die Familie dieses Zelt nannte – waren alle froh und geschafft in ihre Stühle gesunken.
Die Musik kam von gegenüber, von der anderen Seite des Strandweges. Ein altes klappriges Kinderkarussell, ein dicker Mann mit einem Affen, eine Frau mit einem Kind auf dem Arm und ein alter Lastwagen, das wars schon.
Vor dem Lastwagen lag Heu, ein Wassereimer lag umgefallen daneben und in einem Korb sah M. gammelige Äpfel und verschrumpelte Möhren. Aber erst einmal wollte sie nun einige Fahrten mit dem Karussell machen. Ihr Bruder war zwar nicht davon angetan, denn er wollte zum Strand und die Eltern eigentlich auch. Papa ließ sich erweichen, Mama stimmte zu und während M. ihre Runden drehte, schaute der Vater sich um, wo er denn wohl eine Zeitung kaufen könnte.
Endlich war die Familie so weit – endlich zum Strand! Doch plötzlich wackelte der Lastwagen! Alle blieben stehen. In dem Wagen war ein Tier. Der Mann mit dem Affen ließ eine Seitenwand herunter und da stand er, groß, mit schrumpeliger, rissiger Haut, mit großen hängenden Ohren, von denen eines verletzt war. Fliegen saßen auf der Wunde. Und an einem der großen, runden Füße hatte die Kette die Haut abgescheuert. Welch ein erbärmlicher Anblick! Was war aus dem stolzen und starken Elefanten geworden? Seine Stoßzähne waren kurze Stummel und die Augen, ja, die Augen, sie gingen M. ins Herz. Der Blick dieser Augen! „Schau, Papa, wie traurig der uns anschaut!“ Der Vater konnte gar nicht richtig antworten. Alle Familienmitglieder waren entsetzt. Am schlimmsten aber war es dem Elefanten in die Augen zu sehen. Das tat richtig weh. M. konnte auf dem Weg zum Strand nur noch an den Elefanten denken. Auch als sie an die letzte Düne kam, hinter der das große Meer zu sehen war, dachte sie an den traurigen Elefanten. Sie stellte den Eltern ständig Fragen: „Warum ist der Elefant allein? Hat er keine Freunde? Ist der Mann böse? Schlägt er den Elefanten? Können wir dem Elefanten nicht frisches Wasser und richtige, gute Äpfel bringen?“
Je näher sie alle auf dem Rückweg dem Elefantenauto kamen, umso bedrückter wurden die Eltern, M. und auch der Bruder. Aber das Mädchen hatte unterwegs eine tolle Idee gehabt. Sie erinnerte sich an den Kinderzauberer, an den ja nur die Kinder glauben können. Und nur, wenn Kinder ihn rufen, antwortet er. Und er antwortet so, dass er meistens gleich etwas tut. Er redet erst gar nicht. Aber wenn er redet, kann seine Sprache nur von Kinderohren gehört werden.
Kurz vor dem kleinen Platz mit dem Elefanten blieb M. zurück und drehte sich in die Richtung, in der sie den Kinderzauberer vermutete. Er würde sie schon hören. Als sie sich neulich über ihren Vater beschwert hatte, weil der so mit dem Bruder gemeckert hatte, da hatte sich unmittelbar danach der Vater den Inhalt der Kaffeetasse über die Hose gegossen. Nur M. wusste damals, dass da der Kinderzauberer dahinter steckte. „Bitte, lieber Kinderzauberer, hilf mir, Dass ich dem Elefanten helfen kann.“ Sie hörte genau in die Richtung und tatsächlich: Durch alle Geräusche glaubte sie seine Antwort zu hören. „M. nun komm endlich!“ rief die Mutter, „was bleibst Du denn da hinten stehen. Wir möchten zum Duschen auf den Campingplatz und dann fahren wir noch raus.“ „Ja ja, ich komme schon.“ Langsam ging sie am Gitter vorbei und tatsächlich: Der Elefant, der eben noch mit dem Rücken fast die Autoplane berührt hatte, wurde kleiner und kleiner. Niemand außer ihr schien das zu bemerken. Sie ging näher an das Gitter: Tatsächlich! Er hatte die Größe ihres Stoffelefanten. Blitzschnell griff sie durch das Gitter und nahm ihn heraus. Er war gar nicht schwer, aber es war der Elefant aus dem Wagen. Seine winzige Stelle am Ohr und die kleine Schramme am Bein konnte sie gerade noch sehen.
„Hattest Du Kasperina (so hieß ihr Stoff-Elefant zuhause) mit am Strand?“ fragte der Vater, „ich habe sie gar nicht bemerkt.“ M. antwortete nicht direkt. Sie sagte nur:“ Ich habe den Elefanten, weil ich mich um ihn kümmern muss.“ Die anderen konnten ja nicht sehen, was sie sehen konnte. Als die Eltern und der Bruder schon zum Duschen waren – M. hatte gesagt, sie könne ja auch später noch duschen – kümmerte sie sich erst einmal um den Elefanten. Vorsichtig tupfte sie das kranke Ohr mit Sonnenschutzcreme und auch die Schramme am Bein behandelte sie damit.
Die Familie wunderte sich sehr, dass M. nicht aus dem Zelt kam und statt dessen im Zelt leise murmelte und redete. Keiner konnte sie verstehen, aber es hatte den Anschein, als spiele sie dort mit ihren Puppen. Noch mehr verwundert war die Familie, dass M., statt Eis zu kaufen für ihr Taschengeld, Möhren und Äpfel kaufte und dass sie sich ständig Sonnenöl auslieh, mit dem sie ins Zelt ging, wo sie die rissige Haut des Elefanten behandelte. Allmählich wurde der Elefant gesund. Aber nun war die Frage: Was mit ihm tun? Zurück durfte er auf keinen Fall. Nicht wieder in diesen dunklen Autokäfig. Wohin dann? Wieder ging M. zum Kinderzauberer und der wusste auch wieder eine Antwort. Nur die Erwachsenen hatten davon keine Ahnung.
Die Ferien gingen zu Ende und die Familie packte die ganze Zeltausrüstung zusammen. Eng wurde es im Wagen. Dennoch fand der Elefant zwischen den Füssen von M. Platz. So konnte sie ihn während der Fahrt drücken und auch mal streicheln und ihm ab und zu etwas zu fressen geben.
Mitten im Land übernachteten alle in einem Hotel. Auf dem alten Marktplatz vor dem Hotel konnte man unter großen Platanen zu Abend essen. Es war eine wunderschöne Stimmung und sehr ruhig beim Essen. Die Zweige der Platanen leuchteten in verschiedenen Farben, weil Glühlampen-Girlanden in ihnen befestigt waren.
Auf einmal war Musik zu hören. Diese Musik kam immer näher und dann marschierten Zirkusmenschen und Tiere über den Platz. Sie kündigten an, dass die abendliche Zirkusvorstellung bald beginnen würde. M. wurde ganz unruhig. Unbemerkt von den anderen holte sie ihren kleinen Elefanten aus der Tasche, die über ihre Stuhllehne hing. Dann stand sie ruhig auf und ging auf die Zirkusmenschen und Tiere zu. Sie wartete bis die Tiere kamen, darunter auch zwei riesengroße Elefanten. Schnell setzte sie ihren kleinen Elefanten auf den Boden. Und was geschah? Er bewegte sich und wurde größer und größer. Jetzt sah er schon aus wie ein richtiges Elefantenkind im Vergleich zu den Zirkuselefanten. Und er wuchs noch weiter. M. musste schon zu ihm aufschauen. Während er größer wurde, wurde M. glücklich und traurig zugleich.
Glücklich, weil sie ihm so sehr wünschte in die Gemeinschaft der Zirkuselefanten zu kommen und dort einen Platz zu finden und traurig, weil sie sich nun von ihm verabschieden musste. Mit Freude sah sie, dass die Verletzung am Ohr ausgeheilt war und dass auch die Kettenschramme am Bein verschwunden war.
Nun war der Augenblick des Abschieds gekommen. Der Elefant wollte schon zu den beiden anderen Elefanten gehen, als er innehielt und auf M. zuging. Langsam und bedächtig, mit einem freundlichen Blick, senkte und hob er den Kopf. „Danke“ hieß das. M. blickte zurück. Sagen konnte sie nichts, aber sie wusste: Der Elefant hatte verstanden. So ist das, wenn Freunde sich verabschieden.

Karnismus, ein Flohbiss am Hintern und Futter fürs Gehirn

KarnismusDer liebe Besuch des Wochenendes ist abgefahren. Der Kühlschrank beherbergt noch Besuchs-Bewirtungs-Leckerlis wie Erdbeertorte. Eigentlich perfekt um sich mit Tee und Kuchen ein Stündchen hinzusetzen und durch die Lieblings-Blogs und Seiten zu klicken.
Denkste –  gleich zu Anfang stieß ich auf die Verlinkung zu einem kontroversen Artikel aus dem immer wieder heiteren aber leider meinungsbildenden Medium spiegel.online.

Immer wieder muss ich den Kopf schütteln, wie einseitig und tendenziös Berichterstattung doch passiert bei uns. Unsre Zensur ist eine sanfte. Indem man manchen Dingen mehr Platz einräumt als anderen, kann man auch zensieren und die Öffentlichkeit manipulieren.
Starke Unterstützung erfahren aktuell ja Vertreter der vegetarischen Lebensweise und auch der ein oder andere sozial-verträgliche Veganer. Sie sind, scheint es, die besseren Menschen und bekommen viel medialen Spielraum eingeräumt. Ja, Vegetarier (ich fasse die Veganer der Kürze halber mit ein, ich weiß um die Feinheiten der einzelnen Ernährungsformen) haben die Totschlag-Wohlfühl-Argumente auf ihrer Seite, wenn Sie gegen die Tierschlachtung ins Felde ziehen.
Und ja, ich denke es steht außer Frage, dass die industriell betriebene Tierhaltung und die damit verbundenen Schlachtungs-Fabriken absolut pervertiert sind und verboten gehören. Und ich würde mir wünschen, es würde diesen mentalen Ruck geben, der uns unsere Nahrungsmittelproduktion im großen Stile überdenken lässt. Das ist nämlich das, wo ich manchmal leise anfange angespannt zu schnauben, wenn ich den Argumentationsketten gegen den Fleischverzehr folge – es wird dann doch etwas kurz gedacht.
Ein ethischer Umgang mit unserer Nahrung ist möglich. Und diese Nahrung schließt für mich tierische Produkte mit ein, aber sie umfasst eben auch andere Lebensmittel und bei denen sollten wir die selben moralischen Maßstäbe anlegen wie bei der Tierhaltung. Wie rechtfertigen wir die moderne Landwirtschaft und ihren rücksichtlosen Umgang mit der Ressource Boden? Wer im Sommer durch staubtrockene goldene Weizenfelder fährt, sollte nicht in Romantik schwelgen, sondern sich über die gesundheitlichen Auswirkungen vom Gluten-Verzehr Gedanken machen und sich einmal genau umschauen, was da denn noch wächst, außer Reihe um Reihe absolut symmetrisch wachsenden Korns. Was ist daran natürlich und im respektvollen Umgang mit der Natur? Wo finden die lokalen Vertreter von Flora und Fauna da noch Unterschlupf? Und dasselbe gilt für andere Getreidesorten und Mais und Soja…Und nicht nur, dass wir Raubbau vor der eigenen Haustür betreiben, unter dem Deckmantel der Hilfe zur Selbsthilfe und des humanitären Einsatzes haben wir längst die Dritte Welt erobert. Statt einen an lokalen Traditionen orientierten Landbau zu stützen, nutzen wir deren beschränkte Ressourcen um noch mehr noch mehr billiger anzubauen und schaffen es sogar noch, die dadurch entstehenden Engpässe in der lokalen Versorgungskette mit eigenen Exporten aufzufüllen.

Das möchte ich nicht. Und viele andere auch nicht. Einen Beitrag über den ich in diesem Zusammenhang gestolpert bin, kann ich nur zur Lektüre empfehlen. Heidi S. spricht mir aus dem Herzen.

Und es ist verständlich, dass man sich im Bewusstsein des globalen Maßstabes der Industrie-Praktiken an den Kopf fasst und lieber wieder die Augen schließen möchte, da man nicht weiß wo man als Einzelner ansetzen soll.
Die Antwort ist so simpel wie kompliziert: Jeder bei sich selber. Kritisch sein, immer. Sich selbst und den Produkten gegenüber. Wissen erwerben über das, was da wie produziert wird und vor allem wer daran verdient. Dieses Wissen ist das Stück  Selbstbestimmung, das wir uns von der Industrie in Ernährungsfragen zurückholen können. Unterstützen, nicht indem jeder gleich auf den eigenen Hof zieht und Selbstversorger wird, das liegt nicht jedem. Aber in jeder Kaufentscheidung: Indem man lokale Produzenten fördert, die in der eigenen Region auf eine tatsächlich nachhaltigere und ursprünglichere Bewirtschaftung setzen. Sich informiert, wie etwa die Tiere gehalten werden, deren Fleisch man isst und wie sie gefüttert wurden.

Die Bequemlichkeit überwindet und die Ausnahmen vermeidet. Konsequenz ist eine eigene Entscheidung. Und wer einmal anfängt sich so intensiv in die Thematik Nahrungsmittelproduktion reinzuknien, wird schnell auf andere Bereiche im Leben stoßen, wo sich etwas verändern lässt, wo man sich Entscheidungsspielraum schaffen kann. Dass ist das, was jeder ganz im Stillen tun kann. Und man kann offene Ohren nutzen um Impulse zu geben.
Aber was man vermeiden sollte, ist die Missionskeule zu schwingen oder in die halsstarrige Ego-Falle des besseren Wissens zu tappen. Wähle Deine Schlachten weise – dieses so persönliche Thema des eigenen Lebensentwurfes kann ein Schritt sein zu sagen, ich mache nicht mit bei dem, was mir aufgedrängt wird. Ein gelebtes Bewusstsein ist auch echter Respekt, sich selbst und diesem einen Planeten gegenüber. Dem wir letztlich so angenehm sind wie ein Flohbiss am Hinten und in Maßstäben der Evolution gedacht, werden wir auch genau so schnell wieder weg sein. Wäre es da nicht nett etwas Demut und Haltung zu beweisen und das humanoide Intermezzo mit Stil zu gestalten?

Eine wunderbare Lektüre zu diesem Thema ist das Buch „Ethisch essen mit Fleisch. Eine Streitschrift über ethische Ernährung mit Fleisch und Risiken einer streng vegetarischen und veganen Lebensweise“ von von Lierre Keith.

Allein ein Blick in die Kommentare zeigt, dass die Einstellung zur Ernährungsweise schnell in das Aufeinanderprallen moralischer Erlebniswelten führt.
Aber neben der Polemik drum herum ist das Buch mehr als eine Lektüre wert. Sowohl im Original als auch in der Übersetzung, die das sehr kurzweilige Sprachgefühl der Autorin einfängt und den Leser wachrüttelt bis ihm das Lachen im Halse stecken bleibt.

Lesen! Und immer mehr lesen und sich schlau machen. Diesen selbstauferlegten Bildungsauftrag sind wir uns schuldig, wenn wir nicht länger wegschauen wollen.

Und wenn sich mein Wutknoten etwas gelöst hat, kann ich vielleicht noch ein Stück Kuchen essen und vielleicht das Rezept nachvollziehen.

Einen besinnlichen Sonntag.